Irgendwie besser: Nachdenken

Fatima Talalini | 03.08.17 | / | 1 Kommentar
Foto: Jay Nightwind
Eine meiner besten Freundinnen ist eines meiner größten Vorbilder. Sie ist freundlich, geduldig und klug. Gerade die ersten beiden Eigenschaften bewundere ich sehr, weil sie mir am schwersten fallen. Aber wofür ich sie am meisten bewundere, ist die Tatsache, dass sie jeden Tag versucht, ein guter Mensch zu sein. Sie macht das nicht, um anderen zu gefallen, sondern für sich und für die Welt, in der wir leben. Sie isst kein Fleisch, kauft keine Kleidung aus unfairer Produktion, fährt kein Auto.

Vielleicht ist es eine Illusion, zu glauben, dass der Verzicht auf diese drei Dinge, die Welt retten. Vielleicht auch nicht. Ich möchte es wenigstens versucht haben.

Ich habe mich in meinem Leben schon oft vegetarisch ernährt. Diese Phasen hielten mal einige Wochen an, mal einige Monate. Zwischen diesen Phasen habe ich mal sehr viel, mal sehr wenig Fleisch gegessen. Ich bin ein Jahr lang sehr viel Auto gefahren, danach gar nicht mehr. Ich habe Kleidung aus fairem Handel, aus Second-Hand-Geschäften und von großen Modeketten. Ich kaufe Lebensmittel im Discounter (häufig), im Supermarkt (regelmäßig) und im Bioladen (selten). Auf dem Markt kaufe ich so gut wie nie ein (abgesehen von Waffeln und Orangesaft, denn beides ist dort wirklich gut). Ich habe irgendwann mal einen Demeterhof besucht und irgendwann mal eine Doku über Massentierhaltung gesehen.

Foto: Fischer Verlag
Als ich meine Freundin fragte, warum sie konsequent gar kein Fleisch isst, erzählte sie mir von dem Buch, das wirklich viele Menschen in der letzten Zeit bewegt hat: "Tiere Essen" vom amerikanischen Autor Jonathan Safran Foer. Im Grunde ist dieses Buch das Rechercheergebnis eines mündigen Konsumenten, der herausfinden will, was er da eigentlich isst. Seine Ergebnisse über amerikanische Massentierhaltung lassen sich zwar nicht eins zu eins auf die in Deutschland übertragen, weisen aber viele Parallelen auf. Als ich anfing dieses Buch zu lesen, bekam ich schwarz auf weiß die Fakten präsentiert, von denen ich zwar wusste, dass sie existieren, mit denen ich mich aber nie ernsthaft auseinander gesetzt habe. Irgendwie wusste ich, dass Fleischkonsum schlecht für die Umwelt ist. Irgendwie wusste ich, dass Tiere dort leiden. Irgendwie wusste ich, dass Biofleisch gesünder für mich, besser für die Umwelt und besser für die Tiere ist. Dieses schwammige Halbwissen wurde auf einmal mit Fakten festiert und vertieft. Und ich nahm mir vor: Ab jetzt gucke ich nicht mehr weg. Ab jetzt beschäftige ich mich aktiv mit meinem Handeln und seinen Folgen. Wie kann ich anders von mir behaupten, ein mündiger, ein denkender Mensch zu sein? Es gab ein paralleles Ereignis, welches meinen Beschluss bekräftigte. Im Studium beschäftigten wir uns mit den Philosoph*innen. Wir besprachen Platon und Aristoteles, Immanuel Kant, Arthur Schopenhauer, Peter Singer, Mahatma Ghandi, Albert Schweitzer, Hannah Arendt und Hans Jonas. All diese Menschen, deren Gedankengänge wir im Seminar versuchten nachzuvollziehen, all diese Ansätze über die Welt zu denken, beruhen auf einem Grundsatz: dem Denken. Wenn es wirklich das Denken ist, was mich von anderen Lebewesen unterscheidet, wenn ich wirklich behaupte, mein Handeln durch das Denken zu steuern, dann sollte ich schleunigst damit beginnen.

Mein Ziel ist einfach: ich will besser werden. Nicht besser als andere Menschen, sondern besser, als meine vorherige Version. In der idealistischen Hoffnung, dass wenn viele viele Menschen bei sich anfangen ein besserer Mensch zu sein, unsere Welt irgendwann der Ort ist, an dem ich wirklich leben will.

Und damit fange ich jetzt an.

Der erste Kontakt

Jay Nightwind | 02.08.17 | / | 4 Kommentare
Als mich Journalisten angerufen haben, um mich zu interviewen, empfand ich das als seltsam. Es war schief. Ich bin selbst Journalist. Wir schreiben und beschreiben was in der realen Welt passiert, aber wir machen uns selbst nicht zum Gegenstand der Berichterstattung. So meine Theorie, aber unsere Welt ist so stark medial geprägt, dass die Medien inzwischen nicht mehr nur abbilden sondern auch aktiv handeln. "Es ist keine Nachricht, wenn ein Hund einen Mann beißt, aber sehr wohl, wenn ein Mann einen Hund beißt." Inzwischen waren wir wohl selbst auch Hunde geworden.

Damals habe ich mich nicht gefreut. Als ich die Lotterie gewonnen hatte und feststand, dass ich einer der Journalisten sein durfte, der beim ersten Kontakt mit den Außerirdischen dabei sein darf, hatte ich sofort große Angst. Die fremden Wesen haben mir dabei gar keine Sorgen bereitet. Mein Leben hat schon zuvor versucht mich umzubringen, ganz ohne fremde Bedrohung. Aber die große Verantwortung dem Ereignis gerecht zu berichten, die kann mein schmales paar Schultern vielleicht gar nicht erfüllen. Normalerweise arbeite ich Pressemeldungen im juristischen Bereich auf, aber wie alle anderen Redaktionen auch, hatte unsere wirtschaftliche Leitung alle, wirklich alle journalistischen Mitarbeiter für die Lotterie gemeldet. Meine Kollegin Josie, die sonst die Kinderseite macht, hat mich erst ausgelacht, dann Mitleid gehabt und beim Feierabendbier hat sie mich wieder ausgelacht. Ich werfe es ihr nicht vor, vielleicht hätte ich es auch so gemacht, hätte es jemand anderen erwischt. 

Wie es abgelaufen ist als auf den Radaren oder Langstreckenscannern - oder wie es außerhalb der Science-Fiction wohl heißen mag - ein Objekt mit Zielrichtung Erde aufgetaucht ist, haben wir nie erfahren. Nie wirklich. Die Veröffentlichung dieser riesigen Information wirkte aber ziemlich dilettantisch, wenn man im Sinne der Behörden denkt. Entgegen des kulturellen Vorurteils waren es nicht die Amerikaner, welche die Entdeckung machten. Chinesische Nachrichtenseiten waren schlagartig voll von scheinbar ungesicherten Informationen über Sichtungen eines Flugobjektes. Die amerikanischen und unsere europäischen Medien strahlten mit klarer Arroganz aus, dass es sich nur um eine Fälschung handeln konnte. Aber es dauerte nicht lange, bis durch die Bewegung und das Verhalten von Staatschefs klar wurde, dass wir nicht alleine waren.

Es steuerte etwas auf die Erde zu, ein unbekanntes Flugobjekt. U.F.O.s. Was hatten wir immer Spaß auf Kosten derjenigen, die an so etwas glaubten. Was haben wir gelacht. Plötzlich war jede alte Meldung, jeder Spinner mit verschwommenen Fotos ein Superstar. Die Archive wurden hundertfach umgewälzt. Wo in historischen Dokumenten wurden schon unbekannte Flugobjekte erwähnt? War Erich van Däniken gar kein Pseudo-Wissenschaftler? Können wir bald doch die verbleibenden Mysterien der Welt aufklären? Die Fragestellungen die heute legitim waren, sahen plötzlich denen so ähnlich, die wir ewig nicht ernstnahmen. Entschuldigt haben wir uns natürlich nicht. Wir berichten Fakten. Damals waren die Fakten halt anders. Wenn die Geschichte sich verändert, verändert sich auch ihre Bewertung.

Die politische Lage entwickelte sich rasant. Die großen Nationen waren sich entgegen der Erwartung der Bevölkerung einig: Wenn dort ein Volk durch das Weltall reisen konnte, sollte nicht ausgetestet werden, wozu diese Wesen militärisch fähig waren. Die Völkergemeinschaft, angeführt von den wohlhabenden Nationen, zog sich enger zusammen. Vielleicht auch, weil ja eine Gefahr bestand, dass die Außerirdischen gar nicht friedlich waren. Ein historischer Reflex: Eine gemeinsame empfundene Gefahr konnte schon oft Menschen verbinden.

Allerdings sahen die, welche wir schon lange als die Bösen markiert hatten ihre Chance. Es wurde damit gedroht, die Landungsstelle der Außerirdischen zu beschießen, jeden geplanten Frieden zu bedrohen, wenn nicht die Forderungen erfüllt wurden. Die Weltspitze reagierte amerikanisch: Mit Terroristen wurde nicht verhandelt. Der Frieden des Weltall wurde jetzt in Pjöngjang verteidigt.

Der berechnete Bereich der Landung, lag ironischereeise in der Wüste von Nevada. Auch die Area51-Verschwörungstheoretiker kamen also voll auf ihre Kosten. Ich war jetzt schon seit Wochen in den U.S.A. und bekam erstaunlich viel Einblick in das, was sonst hinter den Kulissen passiert. Wir, die Journalisten und Journalistinnen aus der ganzen Welt, welche bei der Lotterie einen der Plätze für Berichterstatter gewonnen hatten, wurden in alle Phasen und Pläne genau eingeweiht.

Es gab ein großes Basiscamp in der Wüste, ausgestattet mit reihenweise Experten. Linguist*Innen, Mediziner*Innen, Biolog*Innen, Politiker*Innen, Journalist*Innen und Militärs. Die Stimmung im Basiscamp war oberflächlich sehr gut. Auch wenn einige Vorbereitungen zu treffen waren, brachten gerade die jüngeren Leute etwas Lockerheit mit rein. An einem Tag fand ein Fußballturnier statt, angeleitet von einem dieser Youtuber, welche auch berechtigt waren in der Lotterie sich um Journalistenplätze zu bewerben. So bald die Gruppengrößen sich aber verkleinerten, wurden die Gespräche über Sorgen wieder lauter. Manchen ging es um das historische Gewicht des Ereignisses, aber einige fürchteten einfach um ihr Leben. "Selbst wenn die Aliens nicht feindselig sind, kann es sein, dass ihr Gefährt aufprallt und Schaden anrichtet.", sagte mir eine Physikerin aus Japan. Sie verwies auf die Einschläge von Meteoriten in der Vergangenheit. Nächste Woche sollten wir mehr wissen, denn so lang dauerte es noch, bis zum berechneten Landungstag.

Die Woche verging schnell, da plötzlich eine Art Skandal aufkeimte. Ein seltsamer Popsänger forderte ein, ebenfalls beim Erstkontakt dabei sein zu dürfen, als Vertreter der Kultur der Erde. Während einige Trolle und Fans von Internetmemes ihn unterstützten, stellten die Regierungen der Welt die übergeordneten strategischen Überlegungen entgegen. Im Lager waren wir uns einfach nur sicher, dass er kein gutes Gesicht für die Kultur der Erde war. Neben der Mensa hing eine Liste die wir jeden Tag diskutierten: "Celebrities fit for first Contact" Am Tag der Ankunft, stand Beyoncé auf Platz Eins unserer Charts.

Ein langer roter Streifen stand fest am Himmel. Die Techniker entnahmen den Beobachtungen der Teleskope und anderer Sichtmittel, dass das Gefährt der ersten Besucher einen Gegenschub generierte, um den Sturz auf unseren Erdball zu bremsen. Die rote Farbe ergab sich wohl aus dem Mittel, welches die Außerirdischen zum Bremsen verwendeten. Meine japanischer Physikerfreundin konnte Entwarnung geben, bei diesem Tempo drohten wir nicht uns in einen Krater zu verwandeln und den Gang der Dinosaurier zu gehen. Man hatte sich entschlossen, zu versuchen Hilfeleistungen zu geben für die Landung. So wurde eine Landungszone sehr weiträumig markiert - auf der Fläche einer Großstadt wie Paris - mit Leuchtmitteln und diesem bunten Rauch, der in Filmen immer so verdammt cool aussieht.

Wir wurden in große Truppenhelikopter verlegt. Nicht nur, um schnell zum genauen Landungspunkt zu kommen, sondern auch, damit wir im Basislager den Militärs nicht im Weg standen. Sollte es zu Kampfhandlungen kommen, waren wir in der Luft leichter zu evakuieren, als am Boden. Mir wurde es ums Herz aber immer leichter, je mehr Fakten wir gewinnen konnten. So vieles war ungewiss, aber wir gewannen an Klarheit dazu. Und jeder Fakt, egal wie seltsam er war, erleichterte mich.

Als ich zum ersten Mal das Gefährt der Außerirdischen sah, war das eine Erleichterung. Ich hatte nicht mal eine Erwartung. Weder Untertasse, noch Raumschiff Enterprise, noch Rakete, kein Todesstern und auch keinen Sonnensegler. Ich hatte keine Vorstellung. Aber als ich eine Form gesehen hatte, auf den Screenshots aus dem Teleskop, da gefiel mir der kosmische Papierflieger sehr gut. Ich mochte den Anblick. Es war angenehmer, wenn das Unvorstellbare vorstellbar wurde. Wir Menschen waren ja noch nie lange Strecken durchs All geflogen, wie sollten wir es wissen? "Jede hinreichend fortschrittliche Technologie ist von Magie nicht zu unterscheiden." Das dritte Clarksche Gesetz. Wir waren - rein historisch betrachtet - nicht gut mit Magie. Wenn wir es nicht als Illusion abtun konnten, haben wir  Menschen mit "magischen" Kenntnissen verbannt oder verbrannt. Mein innerer Pazifist freute sich, dass wir uns jetzt einige Dinge erklären konnten.

Zum Vibrieren der Hubschrauber kam ein weiteres Vibrieren hinzu. Aus der weiten Distanz sahen wir, dass die Landung bald bevorstand. Tatsächlich bemühten die Außerirdischen die vorgesehene Landezone. In einem spektakulären Finale, schossen Fallschirme aus dem Gehäuse des Gefährts, die größere Fallschirme auslösten, die ein weiteres mal noch größere Fallschirme auslösten. Über einen Monitor im Helikopter, der Bilder von Flugdronen bezog, sahen wir dass der ganze Bereich sich für einen Moment verdunkelte. Ein riesiger Schatten lag über der Wüste. Als das Gefährt, aus unserer Sicht doch recht unsanft, aufsetzte, begannen die goldenen Schirme sich in der Luft zu zersetzen. Es war sicher nicht so von den Außerirdischen geplant, aber es war wunderschön. Unzählige metallischschimmernde Fetzen glühten in der Sonne Nevadas und ging als Goldregen auf die Landungstelle herab.

Dieses Spektakel beschäftige uns ausreichend lang, dass als wir wieder zum Punkt der Landung schauten, sich der aufgewirbelte Sand und Staub der angefahrenen Fahrzeuge sich wieder gelegt hatte. In einem Kreis standen militärische Kampfeinheiten bereit, aber auch ein Löschzug und ein Rettungswagen standen bereit. Die Außerirdischen würden es nicht verstehen, sie konnten unsere Uniformen und Strukturen ja nicht kennen, aber wir Menschen wollten auf jeden Fall vorbereitet sein. Auch auf den, dass Hilfe notwendig wurde.

Einige Zeit passierte nichts. Nachdem wir gelandet waren, wurde uns auf einem militärischen Fahrzeug eine Plattform bereitet, von der wir beobachten, aber nicht eingreifen konnten. Eine Zusammenstellung aus Politikern stand bereit, die Außerirdischen in Empfang zu nehmen. Es war auch aus der weiten Distanz zu erkennen, dass die Staatschefs und Präsidentinnen nur noch aus Angstschweiß bestanden. Historische Momente beschworen sie alle häufig in ihren großen Reden, aber so historisch wie dieser Moment war es zuvor noch nie. Und so offen wie dieses Mal war der Ausgang auch noch nie. Dann öffnete sich etwas an dem Schiff.

Mit entschlossenem Schritt, mit einem "Bringen wir es hinter uns"-Gesicht, dass wir Menschen machen, wenn wir etwas müssen, aber nicht wollen, ging die amerikanische Präsidentin los. Es war ihr Land, sie hatte es sich mühsam in der letzen Wahl aus den Händen eines rassistischen Spinners erkämpft, jetzt lag es an ihr, zu zeigen, dass Amerika tolerant, offen und neugierig auf fremde Kulturen war. Als Politiker ist jedes Handeln politisch. Die restliche Delegation folgte.

Aus der Öffnung im Schiff kam nichts. Nicht mal etwas mysteriöser Nebel und Hinterbeleuchtung, die das Raumschiff noch geheimnisvoller aussehen hätten lassen können. Entgegen dem Klischee unserer Popkultur war es auch Tag. Niemals nie wurden Außerirdische und UFOs mit dem Tag in Verbindung gebracht.

In einem angemessenen Abstand vor dem Schiff stoppte die politische Delegation und sah prompt wieder genau so ratlos aus, wie gerade noch kurz zuvor. Der militärische Funk eskalierte vollständig. Es wurde geprüft, ob aus dem Schiff eventuell ein Gas entweicht, die Tür ins Visier genommen, Speizialkameras filterten Informationen aus. Am Rande schnappte ich auf, dass da "Movement in the U.F.O." ist, weil es die Wärmesignaturen in der Hitzebildkamera so anzeigten. Wir waren nicht darauf vorbereitet, was da passieren würde. Niemand von uns. All die Fantasie, aber ich war mir sicher, dass niemand zu diesem Ergebnis gekommen war.

Mehrere Körper kamen aus dem Flugobjekt, gekleidet in etwas, was unseren Raumanzügen sehr ähnlich sah. Helme, Schläuche, Apparaturen. Die Außerirdischen hatten Arme, Beine und Hände, welche sie beim Aussteigen aus dem Gefährt vor sich offen hielten und zeigten. Wenn die Außerirdischen mehr Zeit hatten sich auf diese Landung vorzubereiten, hatten sie sich auch überlegt, ja vielleicht sogar durch das All in Erfahrung bringen können, wie es bei uns aussieht, wenn jemand zeigen möchte, dass er nicht bewaffnet ist.

Die Außerirdischen blieben in der direkten Nähe ihres Schiffes. Als einer von Ihnen seinen Helm absetzte, stoppte mein Herzschlag. Ich hatte mit allem gerechnet: Tentakel, geleeartige Körper, Hörner, Hautschuppen, Insektoide Gesichtsmerkmale. Aber eines hatte niemand von uns vorhergesehen: Die Außerirdischen sahen aus wie Menschen. Augen, Nase, Mund. Aus der Distanz war kein Unterschied zwischen mir, meinem Nebenmann und dem Außerirdischen zu erkennen. Nachdem der Helm abgelegt war und der Außerirdische scheinbar tief einatmete, warteten alle einen Moment. Auch unsere Politiker*Innen atmeten tief ein. Sie waren sichtlich geschockt.

Die Live-Berichterstatter begannen alle gleichzeitig, als sie ihre Worte wiedergefunden hatten, um Außerirdische Anführungszeichen zu schreiben und zu sprechen. "Außerirdische". Das die Rechenzentren in den Köpfen rotierten und rauchten, war nicht mehr zu verstecken. Eine ganze neue Generation Verschwörungstheoretiker entstand in diesem Augenblick und wir alle konnten es spüren.

Die "Außerirdischen" bekamen von dem Helmlosen Zeichen, dass die Luft im wahrsten Sinne der Wendung "rein" war. Darauf hin fingen sie an ihre Helme abzunehmen, ihre Anzüge gegenseitig zu öffnen und sich davon zu trennen. Jetzt, wo wir dachten, wir würden alles verstehen, weil wir es ja waren, die gerade aus dem Schiff geklettert waren, wurden wir erneut überrascht. Die Außerirdischen entkleideten sich komplett und stellten sich in einer Reihe vor unseren Staatschefs auf. Sie machten eine offene Handgeste, die aber erst niemand von uns sah, weil wir alle schauten, wie der nackte Außerirdische aussah. Fast schon enttäuschend: Hier erinnerte alles ebenfalls an den Menschen.

Über ein sehr präzises Richtmikrofon konnten wir hören, was die Präsidentin der vereinigten Staaten von ihren Kolleg*Innen verlangte. "Ziehen sie sich aus. Es ist der einzige Weg, wie sie uns erkennen können." Was in jeder anderen Situation unsinnig wirkte, war ein Gedanke, den ich für den klügsten möglichen hielt. Wenn wir nun Frieden und Diplomatie bemühen wollten, mussten wir die gleiche Sprache sprechen. Und wenn die Außerirdischen sich anatomisch zu erkennen gaben, mussten wir auf gleicher Frequenz antworten. Die Präsidentin sollte recht behalten.

Die Boulevardpresse beschäftigte sich die nächsten Tage damit, wer nicht nur sein Land, sondern die Bettfantasien der Bevölkerung anführen sollte. Diejenigen von uns, die einen ernsthafteren Ansatz verfolgten, fragten uns das auch still und heimlich, berichteten aber darüber, wie nach dieser ersten Geste das Kennenlernen weiterverlief. Die "Reisenden", wie es sich schnell als Begriff festigte, waren sich scheinbar dessen bewusst, dass wir viele Fragen haben würden und Informationen brauchten. In einigen Kisten hatten sie Datenträger, Materialien und Aufzeichnungen dabei. Diese stellten sie sofort bereit, so dass unsere Forscher sich daran ausprobieren könnten.

Unser Basislager wurde verlegt, so dass wir auf einem militärischen Kasernengelände in Nevada untergebracht wurden. Vielleicht auch, um die alten Verschwörungstheoretiker nochmal ein wenig zu provozieren. An den ersten Tagen haben wir die Reisenden nicht mehr zu Gesicht bekommen. Beim Mittagessen im Camp habe ich einen der Linguisten sprechen können und er sagte, dass er mit seinen Kolleg*Innen schon große Fortschritte machen konnte. Mit großem Stolz erzählte er von Unterschieden und Gemeinsamkeiten in der Grammatik. Zwischenzeitlich lies er immer wieder einfließen, dass seine Wissenschaft zu letzt ja immer belächelt wurde, jetzt aber zu einem wichtigen Werkzeug wurde. Ich war stolz auf ihn. Er war hier sicher nützlicher, als ich es war.

Es kam schnell eine Art Normalität auf. Wir mussten uns für die einzelnen Konferenzen akkreditieren lassen, darin kamen nie die Reisenden selbst ins Pressezentrum. Alles wurde behutsam angegangen, alles sollte in Ruhe passieren. Wir waren verwundert. Die Welt wartete und hatte viele Fragen. Mein Handy und mein Emailpostfach kollabierten alleine mit Fragen von meinen Freund*Innen und Kolleg*Innen. Trotzdem gab es nur vertröstende Meldungen der Pressesprecher der Behörden. Der Hype war irgendwie schwer aufrecht zu halten, weil die Reisenden genau so schnell verschwunden waren, wie sie aufgetaucht waren.

Uns wurde freigestellt, das Basislager zu verlassen. Als ich gekommen war, da hatte ich keine Fragen. Keine eigenen. Ich war hier, weil ich Journalist war. Wäre ich zuhause geblieben, hätte ich es wie jeder und jede andere am Fernseher verfolgt, wie die Außerirdischen landeten. Ich hätte im Kreise der Familie gesessen, mit Angst, Sorge und Hoffnung. Hier war ich Teil der Geschichte, ich war kein Journalist mehr, sondern Zeuge. Uns wurde versichert, dass wir als Erstes mit den Reisenden sprechen dürften, so bald eine gemeinsame Sprache gefunden ist. Einigen anderen Berichterstattern fehlte der Atem. Viele professionelle Journalist*Innen fuhren heim, ausgerechnet die Youtuber blieben. Einer sagt mir: "Zuhause mache ich wieder irgendwelche Challenges und Promo-Clips für Unternehmen die das buchen. Hier bin ich bei etwas besonderem dabei. Vielleicht stelle ich sogar eine wichtige Frage. Vielleicht erzähle ich etwas über die Menschheit.", da wusste ich, dass ich noch bleiben musste.

"Außerirdische sind auch nur Menschen", schmierte ich auf meine Liste schrecklicher Schlagzeilen. In meinem Notizblock hatte ich sie gesammelt, die Wortspielhölle. Ich war nicht stolz drauf, aber leider blieb sie hängen. Ich mag es, wenn wir Dinge verstehen können. "Jede hinreichend fortschrittliche Technologie ist von Magie nicht zu unterscheiden." Ich war froh, dass die Außerirdischen für uns plausibel wirkten. Ich war froh, dass wir mit ihnen reden konnten. Auch, wenn das jetzt noch etwas dauern würde. Und auch wenn ich das Gefühl hatte, vieles verstehen zu können, weil sie so menschlich waren, war ich auch neugierig. Welche Probleme hatten sie auf ihrer Welt? Wie haben sie diese gelöst? Warum reisen sie durch das Weltall? Welche Probleme haben sie nicht gelöst?  Ich war mir sicher, dass wir bald darüber reden könnten.

Was steckt hinter einer Zugfahrt?

Der Hartmann | 01.08.17 | / / | 1 Kommentar
Wir alle sind schon mal mit der Bahn gefahren oder nutzen sie regelmäßig. Doch was steckt hinter einer Zugfahrt? Was muss im Vorfeld gemacht werden, was passiert während der Fahrt? 

Ich versuche das Wesentliche kurz anzureißen und euch näher zu bringen, denn da steckt eine ganze Menge hinter:
Fangen wir vor der Fahrt an.

Es beginnt mit einem Unternehmen, das eine Fahrt durchführen will. Nehmen wir mal als Beispiel DB Cargo, die einen Güterzug von Seelze bei Hannover nach Gremberg in Köln fahren möchte.

Das Eisenbahnverkehrsunternehmen beantragt nun bei der DB Netz AG diese Fahrt. Die DB Netz AG hat den Großteil des deutschen Schienennetzes in ihrer Verantwortung und kümmert sich um Nutzung und Instandhaltung der Gleise.

Nun schaut ein Mitarbeiter nach einer freien Trasse, die dieser Zug belegen kann und es wird ein Fahrplan ausgestellt.

Das ist wichtig, denn ohne Fahrplan darf kein Zug fahren.
Mit diesem Fahrplan bekommt der Zug eine Zugnummer, die Uhrzeiten und den Laufweg zugeteilt.

In der Zwischenzeit wird im Rangierbahnhof Seelze der Zug zusammengestellt und ein Triebfahrzeug (also eine Lok) davorgehängt.
Der Lokführer oder ein Mitarbeiter des Rangierbahnhofes sind nun damit beauftragt den Zug für die Fahrt vorzubereiten.

Jeder Wagen wird bei einer Wagenprüfung auf Mängel inspiziert und die Bremse im Zugverband wird bei einer sogenannten "Bremsprobe" getestet.
Wenn dann soweit alles in Ordnung ist und der Zug einen Fahrplan hat, ist der Zug abfahrbereit.

Der Lokführer meldet das dem Fahrdienstleiter, der dem Zug dann eine Fahrstraße aus dem Bahnhof auf die freie Strecke einstellt.
Eine Fahrstraße ist ein gesicherter Fahrweg, auf dem der Zug sich bewegt und den Zug dahin fahren lässt, wo er hin soll.

Was macht der Lokführer eigentlich während der Fahrt?
Das Gerücht, er würde nur einen Knopf drücken und er kann die Füße hochlegen, hält sich hartnäckig.

Doch dem ist nicht so, denn der Kollege im Führerstand muss die Signale am Fahrweg beobachten, wissen, was sie bedeuten und deren Bedeutung umsetzen. Und bei Signalen ist es nicht mit einem grünen und einem roten Licht getan.
Nein, es gibt für jeden Pief ein Signal, das eine ganz bestimmte Verhaltensweise des Lokführers fordert.

Außerdem muss der Lokführer in gewissem Maße seinen Fahrweg beobachten und Unregelmäßigkeiten dem Fahrdienstleiter melden. Im Notfall muss er die richtigen Maßnahmen treffen und seinen Zug sicher zum Halten bringen.
Außerdem muss er seine Zugsicherungssysteme bedienen, damit die Fahrt sicher und reibungslos ablaufen kann.

Eine weitere Personengruppe, ohne die sich kein Rad drehen würde, sind die Kollegen im Stellwerk, die sogenannten Fahrdienstleiter.

Sie haben in ihrem Stellwerk einen festgelegten Bereich, für den sie zuständig sind.
Sie sorgen dafür, dass die Züge in diesem Stellbereich dahin fahren, wo sie hinsollen, geben den Kollegen im Führerstand die Zustimmung zur Fahrt durch Stellen von Signalen oder Ersatzmaßnahmen bei Unregelmäßigkeiten, ergreifen im Notfall Maßnahmen (wie etwa Notrufe an die Lokführer abgeben), und disponieren in gewissem Maße.
Außerdem kümmern sie sich um die Beseitigung von Störungen, sofern dies möglich ist. Wenn nicht, wird ein Disponent der Entstörungsstelle informiert, der wiederum die Techniker koordiniert.

Das ist jetzt alles nur sehr grob, die Aufgaben von Lokführern und Fahrdienstleitern sind wesentlich komplexer und umfangreicher, als hier beschrieben. Das würde hier allerdings den Rahmen sprengen.

Kommen wir zu einem sehr leidigen Thema: Die Verspätung.
Jeder kennt sie, keiner mag sie. Doch wo kommen sie her?
Die Gründe für Verspätungen sind sehr vielfältig. Eine sehr häufige Verspätungsquelle ist tatsächlich der Fahrgast, denn beim Halt im Bahnhof läuft oft nicht alles nach Plan.
Fahrgäste berserkern in den Zug, bevor alle, die aussteigen wollen, den Zug verlassen haben, sie blockieren Türen, weil sie noch auf jemanden warten, 50 Leute nutzen eine Tür, statt sich auf mehrere Türen aufzuteilen und, und, und.
Das kostet leider alles recht viel Zeit und ist unter anderem mit dieser "Verzögerung im Betriebsablauf" gemeint.

Was in letzter Zeit stark vermehrt auftritt und die Fahrzeiten der Züge über den Haufen schmeißen, sind Personen oder Kinder am, bzw. Im Gleis.
Das bedeutet, dass Züge nur sehr langsam oder gar nicht fahren, damit niemand zu Schaden kommt.

Das sorgt natürlich dafür, dass die vorgegebenen Zeiten nicht eingehalten werden können und ist für alle Beteiligten sehr ärgerlich.
Ebenfalls eine Verspätungsquelle ist der Mischverkehr.
Hier in Deutschland teilen sich Fernverkehrszüge das Netz bis auf einige Ausnahmen mit dem Nah- und Güterverkehr.

Im besten Falle ist alles pünktlich und es passt. Die Fahrpläne sind so ausgelegt, dass
sich die Züge nicht behindern. Allerdings klappt das nicht immer. Nehmen wir als Beispiel den Essener Hbf. Das Ruhgebiet ist ein Ballungsraum, wo viele Züge in einem relativ geringen zeitlichen Abstand fahren.

Wenn der RE1 von Hamm nach Aachen den Essener Hbf statt wie geplant zur Minute 09 abfährt, sondern erst um 12 oder 13, ist der ICE, der um 15 abfährt blockiert und fährt unmittelbar hinter dem RE1, der noch einen Halt mehr hat, als der ICE.
Folge davon ist, dass der ICE Duisburg Hbf mit ein paar Minuten Verspätung erreicht. Auch das ist ärgerlich, ist aber kaum zu ändern, denn die Zugdichte im Ruhrgebiet ist immens.
Auch die Witterung ist ein Grund, warum es manchmal nicht so richtig rund läuft.

Beispielsweise im Herbst gibt es oft das Problem, dass sich bedingt durch Laub und hoher Luftfeuchtigkeit ein Schmierfilm auf den Schienenköpfen bildet. Das sorgt dafür, dass die Räder beim Anfahren sehr schnell durchdrehen (bei der Bahn "Schleudern" genannt) und beim Bremsen sehr schnell blockieren (bei der Bahn "Gleiten" genannt). Deswegen muss dann früher und weniger kräftig gebremst und behutsamer angefahren werden. Das sorgt natürlich dafür, dass der Fahrplan schnell mal nicht eingehalten werden kann. Man kann den Fahrplan allerdings nicht anpassen, weil Wetter nun mal sehr wechselhaft ist.
Und dann gibt es noch Störungen oder externe Einflüsse, die den Betrieb aufhalten.

Streckensperrungen und Umleitungen nach Personenunfällen, defekte Fahrzeuge, defekte Weichen oder Signale, polizeiliche Anweisung und, und, und... Die Liste ist sehr lang und sorgt dafür, dass oft nicht alles nach Plan läuft.
 
Niemand freut sich über Verspätungen. Lokführer und Zugbegleiter kommen nicht pünktlich in den wohl verdienten Feierabend, Fahrgäste nicht pünktlich ans Ziel und Disponenten telefonieren sich die Ohrmuschel heiß.

Verspätungen lassen sich allerdings nicht verhindern. Deswegen sollten wir versuchen, es mit Humor zu nehmen und uns nicht unentwegt darüber aufregen.
Es sei versichert, dass wir Eisenbahner uns jeden Tag den Allerwertesten aufreißen, damit ihr möglichst zügig und vor allem SICHER ans Ziel kommt.

Ich hoffe, dass dieser ganz kleine Einblick vielleicht die ein oder andere Frage geklärt hat.
Bis dahin

Vlog #009 - Bei der WXW

Der Nachtwind | 31.07.17 | / / / | 1 Kommentar

Seelenkater

Ich glaube, graue regnerische Tage sind hier im Pott beschissener als an allen anderen Orten. Wenn der Himmel grau ist, die Häuserwände grau sind, die Atmosphäre irgendwie grau ist. Meine Stimmung war an diesem Tag auch irgendwie grau. Ich war weder glücklich noch richtig traurig. Es war keine Melancholie, kein tief depressives Loch. Es war einfach grau. Wie dieses dreckige Grau am regnerischen Himmel, wenn die Wolken so dick sind, dass die Sonne kaum durchkommt.
Es war einer dieser Tage, wo der Pott genauso aussieht wie man ihn sich vorstellt. Grau, hässlich und voll. Und mitten drin ich, anonym apathisch laufend durch Menschenmassen. In U-Bahnen steigend von A nach B kommen. Von B nach C. Von C nach D. Weshalb ist bedeutungslos. Wie Alles an solchen Tagen, irgendwie.

Die Bahn riecht nach Pisse und nasser Hund. Sie ist voll und die Fenster beschlagen. Die Luft ist schwer und nass. Der Boden klebt. Ein besoffener Typ schreit irgendwas in sein Handy. Ich stecke mir Kopfhörer ins Ohr und stelle mich neben ihn. Auch er riecht nach Ruhrpott, nach Arbeit. Suff und kalter Rauch.
An der Rottmanstraße steige ich aus. Ich muss heute zum deprimierendsten Ort, den diese Großstadt zu bieten hat. Der graue SB-Waschsalon, der zwischen Nachkriegsbauten und lieblos hin geklatschten Blumenbeeten mit seinem leicht dämmrigen LED-Licht 24-Stunden Service verspricht.
Schon durch das Schaufenster kann ich einen Obdachlosen erkennen, der an seinem Tetrapackwein nuckelt und eine Zigarette dreht. Im Waschsalon riecht es steril. Irgendwie weiß. Der Raum wurde möglichst effizient dazu genutzt, möglichst viele türkisblaue 80-er Jahre Waschmaschinen darin zu verstauen, während der Boden mit weißen Fließen bedeckt ist.
Als ich die Tür zum Waschsalon öffne empfängt mich die kalte, weiße Stille. 
Gesprochen wird hier, wenn überhaupt, nur im Flüsterton. Gelegentlich hört man das Rascheln einer Zeitung oder das Umschlagen einer Buchseite. Nur der Obdachlose flucht manchmal leise, wenn sein Tabak beim Drehen auf den Boden fällt. Dann sammelt er ihn hektisch wieder auf und fängt von vorne an.
Vor jeder Reihe mit türkisen alten Waschmaschinen sind Bänke aufgestellt, damit man seiner Wäsche beim Waschen zugucken kann, als würde man einen sehr langweiligen Film schauen. 
Ich stopfe meine Wäsche in die Maschine 13, schmeiße drei Euro in den Schlitz und setze mich auf die Bank davor. Ich zücke mein Buch. Beat Generation. Die Ästhetik von Drogen und Reisen. Vom Chaos und von Leuten, die verrückt leben und dafür brennen, während man lethargisch gefangen in einem Waschsalon im Ruhrpott sitzt.
Ich wühle in meiner Jackentasche und finde nur Tabakkrümel. Kleine verklebte Krümel, die bestimmt seit Wochen in meiner Jacke leben.
Ich krame 50 Cent aus meinem Portemonnaie und gehe zum Obdachlosen. Ich frage ihn, ob ich mir eine Zigarette drehen kann und setze mich neben ihn, während ich drehe.

 Er hält mir seine Zigarette demonstrativ vors Gesicht und will etwa sagen, als er anfängt zu husten.
 Sein Husten klingt irgendwie unproduktiv und resigniert. Als wäre jeder Husten vor langer Zeit mal ein Kampf gewesen, den er nicht mehr gewinnen kann. Oder will.
Draußen hat es wieder angefangen zu regnen und ein kalter Wind zieht mir durchs Gesicht, ich kneife die Augen zusammen.
Ich beobachte wie Autos durch den Regen rasen und die Scheibenwischer hektisch im Akkord arbeiten.

Zuhause stehe ich am Fenster, trinke Bier und rauche wieder.
"Ich muss diesen verfluchten Seelenkater endlich loswerden."
Ich schreibe eine SMS und will ficken. Vielleicht auch reden. Keine Ahnung.
Der Alkohol lässt nach, das grau bleibt. Ich werfe den Sargnagel aus dem Fenster auf die Straße und will schlafen gehen.
"Auch zwischen großen Industriegebäuden und grauen Nachkriegsbauten, zwischen vollen Autobahnen und Kneipen mit verbrauchter Luft, gibt es Farbe."

Jemand torkelt biertrinkend durch die Nacht. Ein paar halbstarke Jugendliche treten gegen einen Mülleimer. Der Besoffene schreit den Jugendlichen etwas hinterher.
Farbe. Ein klebriger, gelber Fleck getrockneter O-Saft auf dem weißen Tisch von letzter Nacht. Zigarettenstümmel mit siffig gelben Filtern und lippenstiftroten Flecken.


How to Slam - Wie melde ich mich als Teilnehmer*In an?

Jay Nightwind | 26.07.17 | / / | 2 Kommentare

Poetry Slams gibt es überall, aber wie komme ich eigentlich selbst auf die Bühne?

Im Laufe der Jahre haben sich Slam und die Community verändert. Während die Zahl der Slams sich erhöht hat, bedeutet dass noch nicht, dass sich auch die Zahl der Bühnen auf denen du als Einsteiger*In anfangen kannst, auch erhöht hat. Es gibt verschiedene Arten wie Slams ihre Künstler*Innen finden.

Es gibt Slams, die mensch als "Invitationals" bezeichnen könnte. Die Künstler*Innen werden gezielt eingeladen und für den Abend ausgesucht. Da hilft es für gewöhnlich auch nicht nett nachzufragen, ob mensch mitmachen darf. Außer mensch hat sich schon ein wenig einen Namen in der Szene gemacht.

Andere Slams fahren gemischte Formate. Die Organisation des Slams lädt ein paar Leute ein, aber auch Initiativmeldungen werden berücksichtigt. Dabei gilt häufig das Recht derer, welche am schnellsten gewesen sind. Sehr viele Slams arbeiten so, was daran liegt, dass so ein bunte Mischung aus Erfahrenden, Anfängern und lokalen Künstler*Innen entsteht.

Ein drittes Format ist die "Offene Liste". Die Poet*Innen werden an dem Abend vorstellig und daraus ergibt sich dann das Line-Up, die Zusammenstellung der Auftretenden. Dieses Format wird zum Beispiel bei Veranstaltungen wie "Kunst gegen Bares" genutzt, häufig auch in gemischten Abenden, die nicht nur Poetry Slams anbieten.

Wie komme ich jetzt an einen Startplatz?
Da gibt es verschiedene Möglichkeiten.

Mal "Hallo" sagen!
Mit Blick auf die Deutschlandkarte ist es sehr schwierig Stellen zu finden, die nicht einen Poetry Slam in der Nachbarschaft haben. Ein guter Weg in Kontakt mit dem Format und Organisator*Innen zu kommen ist, selbst zum Zuschauen zu einem Slam zu gehen. In der Pause oder zum Ende des Slams sucht mensch den Kopf des Abends auf. Häufig ist das die Moderation. Mit einer kurzen Vorstellung und der Bekundung, dass mensch auch gerne mal mitmachen würde, geht dann für gewöhnlich alles seinen Weg. Wenn ihr ein bißchen nervös seid, schreibt euch ruhig die wichtigen Eckdaten auf. Zum Beispiel bei wem mensch sich melden muss, was mensch mitbringen muss, Namen von Veranstaltern und bevorzugte Kontaktwege.
Manchmal kann es sich auch lohnen zu Beginn des Slams vorstellig zu werden. Wegen des folgenden Punktes:

Immer Texte dabei haben
Du gehst schon gerne auf Slams und wartest auf deine große Stunde? Gelegentlich kommt es dazu, dass in einem Line-Up nicht alle Startzplätze vergeben sind zu Beginn des Abends. Künstler*Innen werden krank oder es passt einfach noch, dass jemand teilnimmt. Spricht mensch die Moderation schon vor dem Beginn des Abends an, kann es schnell mal passieren, dass mensch plötzlich Teil des Abends ist.

Internetrecherche
Gib den Namen deiner Stadt oder der nächstgelegenden Stadt in die Suchmaschine deines Vertrauens ein, gepaart mit dem Begriff Poetry Slam. Wenn dich das nicht schon automatisch bei einer Internet- oder Facebookseite eines Slams in deiner Gegend rausschmeißt, besteht die Chance, dass du Zeitungsartikel findest. In denen wiederum kannst du dann den Namen einer Moderation oder Organisation finden. Wenn du diese in einem weiteren Schritt im Netz suchst, findest du eine Kontaktmöglichkeit. Was jetzt recht aufwändig klingt, ist in wenigen Sekunden erledigt.


Jetzt musst du nur noch eine nette Nachricht schreiben, in der du dem Veranstalter die wichtigsten Dinge mitteilst. Wichtig für einen Veranstalter ist häufig folgendes:

- Wie heißt du und wie heißt du auf der Bühne?  Klar, das ist Höflichkeit, aber auch wichtig, wenn die Veranstaltung beworben werden soll. Auch später für deine Anmoderation wichtig.

- Von wo aus würdest du zu dem Slam kommen? Deine Fahrtkosten werden dir erstattet. Damit der/die Veranstalter*In also berechnen kann, wieviel der Abend kosten wird, ist das eine wichtige Information.

- Wie alt bist du? Besonders wenn Slams in Kneipen stattfinden oder Medien im Anschluss veröffentlichen, ist es wichtig zu wissen, wie alt du bist. Eventuell braucht es eine Einverständniserklärung deiner Erziehungsberechtigten. Das ist aus verschiedenen bürokratischen Gründen wichtig, die wir hier jetzt mal nicht vertiefen.

Alles weitere wird dir dann die Orga des Slams in einer netten Antwort zurück geben. Solltest du nicht zu dem Slam passen, ist es häufig üblich, dass dir weitere Kontakte genannt werden, bei denen du auf die Bühne könntest.

Warst du dann auf ein paar Slams, wirst du schnell feststellen, dass es leichter wird an weitere Auftritte zu kommen. Andere Slammer*Innen kennen oft die Slams in der Region, häufig sind im Line-Up auch weitere Veranstalter*Innen dabei, die euch einladen werden oder die ihr ansprechen könnt.

Ihr kennt weitere Wege um an Auftritte zu kommen? Ihr habt noch weitere Fragen zur Anmeldung bei Slams? Dann schreibt uns gerne Kommentare, wir hören gerne von euch!

Vlog #008 - Gedenkstätte in Essen Frohnhausen/Altendorf

Jay Nightwind | 24.07.17 | / | Kommentieren