Posts mit dem Label Rezension werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Rezension werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Getestet: Bouldern

Jay Nightwind | 11.08.17 | / / | 2 Kommentare
Bildquelle:Wikicommons
Andere werden euch antworten, dass Bouldern freies Klettern ohne Sicherung ist, an niedrigen künstlichen Kletterwänden. Häufig mit Schaumstoffmatten gesichert, kann mensch sich aus jeder Höhe fallen lassen.
Wieder andere werden euch sagen, dass es die Lieblingssportart von Surfer-Boy-Optik-Studenten ist, die Sport und Globetrotter auf Lehramt studieren. Das mag Beides richtig sein.

Ich behaupte, dass es beim Bouldern darum geht eine Wand voller Rätsel zu lösen, wie sie auch in einem Professor Layton-Spiel oder auch einer Folge Sherlock vorkommen könnten. Nur mit dem Unterschied, dass es keine finalen Lösungen gibt. Die Rätsel beim Bouldern sind die Routen, die vom Startpunkt bis zum Ziel geklettert werden müssen. Dabei geht es nicht nur darum, zu verstehen, was da jemand anderes in die Wand geschraubt hat.

Worum es beim Bouldern geht, habe ich erahnen können, als ich in einer (kontrollierten) Extremsituation war. Wir waren in der Boulderbar von Neoliet in Wattenscheid. Da gibt es an einer Wand einen Überhang, der mich im Griff hatte, weil ich keinen Griff hatte -Haha, Kletterwortwitz. Ich kam gut voran, aber plötzlich sperrte mein Kopf. Mir fehlte das Wissen, wie ich den nächsten Griff schaffen soll. Ich hatte das Gefühl mich aber auch nicht mehr fallenlassen zu können und ganz ehrlich: Ich wollte auch nicht. Mir fehlten zwei Griffe bis zur Spitze der Route, die mit beiden Händen berührt werden muss, damit es zählt. Das kontrolliert niemand, außer einem selbst, aber das reicht auch schon als Druck. Ich wollte das schaffen, merkte aber auch, dass ich nicht mehr zurück konnte. Ich machte eine schnelle Bewegung mit dem Arm zum nächsten Griff, verlor aber den Halt und prallte kurz gegen die Wand. Während ich stolz war, dass ich noch oben an der Wand hing, sagte mein Kopf mir, dass das so ganz schöner Mist war. Ich brach ab und freute mich über einen leicht aufgeschlagenden Ellbogen.

Was geschrieben deutlich spektakulärer klingt, als es aussah, war an der Wand ein Thriller. Und geil. Nervenkitzel in einem kontrollierten Umfeld. Unterhalb der Wände sind weiche Matten, sich fallenlassen macht teilweise sogar Spaß. Ich hatte diese Route nicht durchgespielt. Ich schaute mir an, wie meine Boulderbegleitung die Route löste. Schon bei den ersten Griffen sah ich den Unterschied, aber auch, dass mir das gar nichts nutzt. Ihr Körper war ganz anders als meiner, ihre Bewegungen anders angelegt. Trotzdem sah ich Techniken, die mir helfen konnten. Ich lernte mit meinem Rätsel weiter zu kommen. Beim Bouldern geht es ums Lernen.

Worum es auch geht: Solidarität. Alle sind zum Rätseln und Puzzlen da. Als ich eine andere Route konzentriert anschaute, sprach mich ein netter Mensch an, worüber ich grübelte. Ich sagte ihm, dass ich nicht genau wusste, was die Route von mir wollte, weil ich an einer Stelle sicher war, zu klein zu sein. Er gab mir einen entscheidenen Tipp, der mir bei der Lösung half. Nicht nur für diese Route, sondern auch für meine vorherige Nahtoderfahrung. Es dauerte nicht lange, bis ich bei Fremden beobachtete, mitfieberte und überlegte, wie sie mit ihren Vorraussetzungen die Rätsel lösen konnten. Denn jeder musste für seinen Körper und seine Denkweise eine eigene Lösung finden, konnte mit seinen/ihren Erkenntnissen aber wieder anderen helfen. Vielleicht lag es auch an mir, dass Bouldern so spirituelle kognitive Momente hatte. Schnell unterhält mensch sich mit Fremden beim Bouldern, um ihnen zu helfen, um Informationen zu gewinnen. Irgendwie geht es auch darum, kennenzulernen. Sich, die Wand, Leute, Körper.

Was für mich eine fast schon esotherisch-romantische Aktivität ist, ist aber auch einfach eine wirklich gute sportliche Herausforderung. Bouldern geht in die Arme, die Beine und fordert Geschicklichtkeit. Durch die verschiedenen Schwierigkeitsgrade und Elemente ist es aber für jeden sehr einfach möglich, seinen Einstieg zu finden. In Abhängigkeit davon, wo der Körperschwerpunkt liegt, werden andere Körperregionen trainiert.

Ich empfehle dringend Bouldern erstmal zu testen, denn längerfristige Mitgliedschaften bei den Einrichtungen sind durchaus kostspielig (im Raum Essen), allerdings gemessen an den Leistungen nicht unberechtigt. Immerhin werden in den Einrichtungen hier regelmäßig die Routen verändert, so dass immer wieder neue Rätsel entstehen.

Getestet habe ich die Boulderbar in Bochum, welche sehr groß ist. Sie liegt direkt an der A40 und auch in der Nähe des Bf Wattenscheid. Dort ist es nachmittags recht betriebsam gewesen, aber nie so, dass es mir zu voll vorgekommen wäre. Außerdem bieten verschiedene Flächen auch Ausweichmöglichkeiten. Krafttrainingsgeräte stehen dort auch zur Verfügung.
City Monkey in Essen-Haarzopf kam deutlich persönlicher daher, da die Halle auch deutlich kleiner ist. Die Halle ist per 145er Busverbindung gut zu erreichen und erschien sehr ruhig. In der Qualität der Routen war für mich kein Unterschied zu erkennen, aber ich bin auch Anfänger.

Freund*Innen, wenn ihr aus dem Pott seit, könnt ihr euch gerne mal bei mir melden, ich werde noch häufiger bouldern gehen. Es passt perfekt zu meiner Sportbegeisterung und ist eine gelungene Abwechslung. Und ich mag Rätsel.


Ein MashUp der Extraklasse: Runbow

Malte | 25.11.16 | / / | Kommentieren

Wenn sich Teams unterstützen!


Ich liebe es, den Geist einer Community zu spüren. Menschen, die ähnliche Interessen haben, unterstützen sich, helfen einander und schaffen es so gemeinsam, ihr Hobby, ihr Medium zu etwas besserem zu machen. In den letzten Jahren, in denen Videospiele immer kommerzieller, immer größer und damit auch popkulturell immer relevanter wurden, entwickelte sich auch die gesamte Gaming-Szene. Es wurde versucht, ein Bewusstsein für die kulturelle Relevanz von Videospielen zu schaffen und damit auch, Themen und Muster in eben jenen zu behandeln und zu kritisieren. Was für Filme, Bücher und Musik schon seit langem fester Bestandteil der öffentlichen Auseinandersetzung ist, fand nun auch einen Platz in der Gaming-Kultur.

Wie so oft fühlten sich einige Menschen durch diese neuen Elemente auf den Schlips getreten und es kam zu großen Anfeindungen, dass es doch nur Spiele seien und bitte keine großartigen Analysen dieser Spiele nötig wären, seien es beispielsweise Debatten über den Gewaltgrad oder Gender-Darstellung. Diese Aufregung über die Auseinandersetzung mit dem Medium Videospiel führte zu einer großen Kluft und heftigen Anfeindungen gegenüber allen, die in Videospielen mehr sehen wollten als einfach nur „ein Spiel“.

Doch was genau hat diese Einleitung jetzt mit dem Spiel RunBow für die WiiU und den PC zu tun? Hat dieses Spiel eine große Kontroverse ausgelöst? Liefert es Denkanstöße oder bleibt es auf veralteten Motiven sitzen? Ist es ein gutes Beispiel für stereotype Darstellung von Figuren in Videospielen?

Nein, darum geht es mir nicht! Es ist einfach ein schöner Lichtblick in den Shitstorm aus Anfeindungen. Ein Titel, der tatsächlich das Prädikat „nur ein Spiel, das Spaß machen soll“ verdient hat, aber vor allem ein Spiel, das zeigt, dass vor allem die Indie-Szene der Videospielentwickler eine Community ist, die gemeinsam die Entwicklung der kulturellen Relevanz annimmt und dabei zeigt: Wir halten zusammen, unser Medium ist uns wichtig und gemeinsam wollen wir einfach nur etwas Gutes schaffen! Gerade im Indie-Bereich finden wir nämlich vermehrt Spiele, die sich der altbackenen Klischees bewusst sind und diese durchbrechen wollen. Und RunBow zeigt, dass hier an einem Strang gezogen wird.

RunBow ist nämlich ein Multiplayer-Spiel, in welchem ihr nach und nach immer mehr Charaktere unterschiedlichster Indie-Spiele freischaltet, so dass ihr eine riesige Community in einem Spiel vereint seht, um dort mit einer simplen Mechanik gegeneinander anzutreten. Teslagrad, Steam World Dig, Guacamelee, Shovel Knight, Hyper Light Drifter und noch viel mehr wurden in diesem Spiel zusammen gepackt! Bis zu 9 Spieler können gleichzeitig an einer Konsole ihre Lieblings-Figur auswählen und mit ihr auf einer Vielzahl von Kursen ein Wettrennen bestreiten. Ihr könnt dabei nur rennen, einen Doppelsprung oder einen Dash ausführen, um so den Parcour zu bestehen, während der Hintergrund dauernd seine Farben zum Takt der Musik wechselt und damit farbige Plattformen verschwinden lässt, sobald sie die selbe Farbe wie der Hintergrund tragen oder eben wieder auftauchen lässt, sobald die Farbe wechselt. So simpel und so genial macht das Spiel mit euch auf der Couch das, was die Entwickler ebenfalls geschafft haben: Das Verdeutlichen einer Gemeinschaft durch den gemeinsamen Spaß trotz eines vordergründigen Wettbewerbs. Eine Community, wie sie aus so vielen anderen Bereichen auch bekannt ist, perfekt formatiert auf den Gaming-Sektor.

Ihr könnt aus einer großen Vielzahl an Spielmodi auswählen, in denen ihr einfach alle gegeneinander mit unterschiedlichen Regeln rennt oder ein Spieler mit dem Gamepad der WiiU gegen alle Rennenden spielt und immer wieder neue Hindernisse und Farbkleckse auf die Strecke setzt. Schaut, wer am längsten überleben kann oder wer zuerst den Pokal erreicht, wer lange genug an einer bestimmten Stelle stehen kann, ohne verdrängt zu werden oder wer in einem Kampf mit verrückten Items als letztes auf der Strecke steht. Die Möglichkeiten sind vielfältig und die Charakterauswahl herrlich abwechslungsreich. Einen Online-Modus gibt es nicht, wenn ihr also niemanden in der Nähe habt, der mit euch WiiU spielen möchte, macht RunBow nicht wirklich Sinn für euch. Ansonsten kann ich aber wirklich nur empfehlen, euch Menschen einzuladen, alle WiiMotes und Nunchuks in Griffweite zu nutzen und ein Spektakel auf dem Monitor abzubrennen. Dann schafft das Spiel nämlich das, was in letzter Zeit sehr oft zu kurz kommt: Ihr fühlt euch wie eine tolle Gemeinschaft, die froh ist, einander zu haben!

Reigns - The Game

Malte | 14.10.16 | / | Kommentieren
oder: Ich tinder mir mein Königreich!



Ich kann mit Mobile Games echt nix anfangen! Oftmals fehlt mir die Komplexität, die Spielprinzipien sagen mir meist nicht zu, es gibt zu viel Ramsch auf den Marktplätzen und vor allem zieht es mir zu schnell den Akku leer.

In der Regel mache ich also einen großen Bogen um die endlosen Endless Runner, Candy Crush Klone, Free2Play-Games oder andere Highscore-Jagden.


Doch dann bin ich auf Reigns gestoßen. Ein kleines Spielchen, in dem ich als König mein eigenes Königreich im Mittelalter regiere, indem ich Entscheidungen einfach durch einen Wisch nach links oder rechts treffe.

Achten müsst ich dabei auf vier Parameter: Die Laune der Kirche, der Bevölkerung, meiner Streitkräfte und meine Finanzen. Jede Entscheidung beeinflusst dabei einen dieser Parameter. Ein kleines Beispiel: Ein benachbartes Königreich steht an meiner Grenze. Ich kann nun entweder meine Armee zur Verteidigung schicken oder es ignorieren. Erste Variante senkt die Laune meiner Armee, zweitere die Laune der Bevölkerung.

Oder der Pastor bittet mich, eine neue Kirche zu bauen. Stimme ich dem zu, verliere ich Geld, aber die Kirche mag mich, lehne ich ab, steigt mein Kontostand, doch mein Ansehen bei den Gottesanhängern schwindet.

So wird jede Entscheidung des Spiels getroffen, bis einer der Parameter entweder bei Null landet oder die Obergrenze erreicht. Je nachdem werde ich dann hingerichtet, setze mich ins Exil ab, ersticke an meinem Reichtum oder habe eine Demokratie errichtet, die meine Dienste als König nicht mehr benötigt. Je nachdem, welche Entscheidungen ich treffe, wie lange ich lebe, was in Zeiten meiner Regentschaft passiert, werden Errungenschaften freigeschaltet und damit neue Karten und Szenarien, die wieder neue Entscheidungen und Geschehnisse ermöglichen, neue Charaktere in mein Königreich holen oder Gefahren entstehen lassen. Mein Sohn will mich hintergehen, der Teufel einen Pakt mit mir schließen, ein unterirdisches Labyrinth voller Skelette und Fallen will erforscht werden... die simple Spielmechanik bietet also eine Unmenge an Möglichkeiten wie ein enorm dickes „Choose your own Adventure“-Buch.


Und das hat mich süchtig gemacht. Ich wollte immer wieder eine neue Regentschaft antreten, meine Entscheidungen entweder wohl überlegen oder einfach mal munter drauf loswischen, um zu schauen, was so passiert. Das zeigt mir zwar einerseits, dass ich mit Sicherheit kein besonders guter König gewesen wäre, aber wen stört das schon? Es ist kurzweilig, es macht Spaß, es ist für die Dauer, ich ich ins Spiel gesteckt habe, mit etwas mehr als 3€ echt günstig und ich kann mich nur schwer davon lösen. Klar, manche Errungenschaften sind sehr kryptisch und ohne einen Guide nicht zu lösen, doch trotzdem kann ich nur eine große Empfehlung aussprechen.



Die größte Faszination lag aber doch woanders.

Das Prinzip, an sich komplexe politische Prozesse auf ein simples Ja oder Nein zu reduzieren und sofort eine Konsequenz zu sehen, zeigt eine wunderbare Parallele zur aktuellen politischen Situation auf. Auch heute versuchen populistische Parteien und Politiker, komplexe Probleme mit einfachen Antworten zu verkaufen. Sollen wir die Grenzen schließen, um die Kriminalität zu senken? Ja? Nein? Wisch links, wisch rechts! Müssen wir Kopftücher verbieten, um Terror einzugrenzen? Wisch nach rechts, ja verdammt! Wollen wir in den Sklavenhandel investieren, um langfristig in Geld zu schwimmen? Wisch rechts, aber sowas von!

Mit einem kleinen Update auf aktuelle Situationen wäre Reigns also der perfekte AfD- oder Trump-Simulator. Und schon wird diese simple Spielerei ziemlich erschreckend. Denn wenn ich einmal darauf fixiert bin, nur noch meine Parameter einzupendeln, war es das mit meinen moralischen Instanzen. Dann geht es nur noch um den eigenen Erfolg, die eigene Position im Königreich. Und es wird erschreckend deutlich, wie Populismus heutzutage funktioniert. Simple Antworten auf politische Prozesse, die der normalen Bevölkerung so nicht klar sind. Und zieht man sich den Unmut der einen Seite zu, wird später an anderer Stelle zurückgerudert, um die Wogen zu glätten, die Parameter also wieder in Balance gebracht.

Entscheidungen und Aussagen fußen nicht nur auf der eigenen Überzeugung, sondern vor allem auf dem Kalkül, die eigene Position sicher zu halten. Und das ist tatsächlich ein Vorwurf, den sich nicht nur die Populisten in der heutigen Zeit gefallen lassen müssen. Relativierung in politischen Prozessen stehen an der Tagesordnung, kalkulierte Aussagen, um am rechten Rand Wähler zu fischen, tauchen mittlerweile in jeder der großen Parteien auf. Das Ganze ist natürlich vereinfacht dargestellt und auch die geäußerte Kritik an heutigen Prozessen ist bei weitem nicht tiefgehend genug, sondern selbst zu einem gewissen Grad polemisch. Aber das darf es auch mal sein! Und Reigns ist dafür eine wundervolle, spielerische Parabel. Schön ist übrigens zu sehen, dass egal, wie kalkuliert man vorgeht, immer ein Ende und damit ein Neuanfang steht. Ob so ein „Happy End“ auch bei uns ansteht... wisch rechts für Ja, wisch links für nein...

Rezension: Who the Fuck Is Kafka

Fatima Talalini | 11.07.16 | / | Kommentieren
In Rom treffen sie sich das erste Mal. Lizzie Doron, israelische Schrifstellerin aus Tel Aviv, und Nadim Abu Heni, Journalist und Fotograf aus Ost-Jerusalem. Eine Friedenskonferenz fernab der Heimat soll für Dialog sorgen, vielleicht sogar für Frieden. "Eine Vereinigung von Träumern", nennt Lizzie Doron sie insgeheim und wagt kaum zu hoffen. Schließlich ist es nicht ihre erste Friedenskonferenz. Sie kennt die Abläufe, es wird erzählt, es wird gegessen, man diskutiert und schließlich fahren alle wieder nach Hause - wo der Krieg weitergeht.

Nadim ist den Repressalien der israelischen Soldaten ausgesetzt, wird ständig kontrolliert, muss sich an öffentlichen Orten bis auf die Unterwäsche ausziehen. Er hat einen israelischen Pass. Aber er ist Araber.

Ich traf Nadim am Eingang zu Muallems Café. Er stand neben seinem Wagen, räumte die Sitze leer und nahm die Hand der Fatima ab, die am Spiegel hing.
Ich lachte. "Bist du unter die Autowäscher gegangten?"
"Nein, ich beseitige Spuren, die mich verraten könnten", antwortete er und erzählte, dass man ihm beim letzten Mal, als er eine arabische Zeitung auf der Rückbank seines Wagen liegen ließ, die Scheiben zerschlagen hatte. "Wenigstens haben sie nichts gestohlen", sagte er, wie üblich optimistisch. (Lizzie Doron: Who the Fuck Is Kafka, S. 235)
Lizzie Doron is Schriftstellerin. Sie hat Freunde bei Anschlägen der Hamas verloren, der Terror ist allgegenwärtig. Zwischen den beiden entwickelt sich eine Freundschaft - trotz aller Vorurteile. Schonungslos werfen sich die beiden alle angestauten Fragen und Vorwürfe entgegen. Warum besetzt ihr mein Land? Warum bringt ihr Unschuldige um? Warum beschneidet ihr meine Rechte? Warum unterdrückt ihr eure Frauen? 

Schon wieder ein Roman über Krieg und Frieden? Ein Roman über Konflikte und Vorurteile, über die Sehnsucht nach Verständigung und die Unfähigkeit, die eigenen Feindbilder beiseite zu legen.
Lizzie Dorons "Who the Fuck is Kafka" ist eine Mischung aus Dokumentation und Fiktion über den Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern, der dem Leser keine leichte Stellung liefert. Es gibt keinen Helden, kein gut, kein böse.  Man hat gerade das Gefühl zu wissen, wer der Böse ist - dann wendet sich das Blatt.

Lizzie trägt den Holocaust im Gepäck, Nadim den 48er-Krieg. Welches Trauma wiegt schwerer?
Ein Roman mit bitterbösen Dialogen, schwarzem Humor und einem letzten Rest Hoffnung auf Frieden. Ein Plädoyer für den Dialog und ein absoluter Lesegenuss.


Gastbeitrag - Rezension "Kaum Jemand – Zwischen den Ampelphasen "

Der Nachtwind | 05.07.16 | / | Kommentieren
Beitrag von Dierk Seidel

Am Freitag, den 18.03.2016 veröffentlichte der Künstler „Kaum Jemand“ sein zweites Album mit dem Titel „Zwischen den Ampelphasen“. Hinter „Kaum Jemand“ verbirgt sich Michael Holz, ein Künstler, der sich vielfältig in der Münsteraner Künstlerszene herumtreibt und dabei nie Fehl am Platz ist. Ob Theater, Rezitationen, oder mit seiner Liedermacherkombo „Kaum ein Vogel“. Michael Holz bringt seine teils verträumten, teils kritischen Gedanken vielfach ein. Die Vielfältigkeit zeigt er nun auch wieder auf seinem Soloalbum, welches er in Eigenregie produziert hat.
Bevor ich das Album hörte, wusste ich, dass es gut sein würde, obgleich ich nicht im Voraus wusste, welche Lieder darauf sein würden. Und das sage ich nicht nur, weil ich Michael gut kenne und mit ihm schon mehrfach gemeinsam auf der Bühne stand, sondern weil ich von der Qualität der Lieder und der Konzeption des Albums überzeugt bin.

Das Album wird eingerahmt von zwei Instrumentalstücken („Zwischen Weitkampweg und Waldeyerstraße“ und „Zwischen Küchenbusch und Küste“), hierbei wird Michael von Johanna Espeter an der Geige begleitet und gerade der Anfang weckt den Eindruck, dass das Album sehr getragen und ruhig sein wird. Dem widerspricht aber schon das zweite Lied, in dem er fragt: „bin ich befugt oder unbefugt/habe ich ne anzeige am hals/bin ich bettler oder musikant/bin ich als straftäter bekannt?“ und die Widersprüche zwischen Arm und Reich und den Irrsinn von absurden Verboten in Frage stellt. Begleitet wird er hier wie auch schon live immer regelmäßiger von Anja Kreysing am Akkordeon. Da stimmt alles.

Thematisch setzen sich viele Lieder mit Absurditäten des Alltags (Galaxienkollision), Konsumkritik (Ikea) und dem unbedingten Drang nach Freiheit (Ein Uhu im Birkenhain) auseinander. Gerade die kritischen Töne sind es, die genau wissen, wo sie ansetzen müssen, um satirisch zu treffen:

„ein neuer Michael Jackson im kinderzimmer/gleich kommt er in die kita/chinesisch lernt er dort/im hort“ (Chemie am Strauch).
Und dennoch sind vielleicht die stärksten Stücke die Verträumten und Romantischen wie „Du fehlst mir“ und „Kutterverleih“.
Bilder einer vergangenen Liebe, die man kennt, die wehtun, aber man den Schmerz der Einsamkeit manchmal ertragen muss, um abschließen zu können, bringt Michael Holz in „Du fehlst mir“ zum Ausdruck.
In „Kutterverleih“ kommen die fürs das Album titelgebende Ampelphasen zum Ausdruck und Michael Holz zeigt seine Stärke mit der Sprache zu spielen:
„ein mädchen beißt verträumt in eine nussecke“ und „ein mädchen träumt verbissen von einer nussecke“ . Das Träumen steht in diesem Stück im Vordergrund und lässt einen das Unmögliche wirklich werden. Der Refrain hat Mitsing- und Ohrwurmpotenzial. Soll hier aber nicht zitiert werden. Selber anhören ist angesagt.

Wenn Michael Holz neben dem Klavier zur Posaune greift, werden die manchmal ruhigen Stimmungen seiner Lieder aufgebrochen und lassen die Verspieltheit der Gedanken noch mehr zum Vorschein kommen. Die dezente Vielfalt der Instrumentenauswahl ist passend. Klavier und Stimme stehen immer Vordergrund, Posaune, Geige und Akkordeon fügen sich gut ein ohne sich aufzudrängen.

Den Abschluss des Albums macht das schon angesprochene weitestgehende Instrumentalstück „Zwischen Küchenbusch und Küste“. Es lässt einen über den Titel „Zwischen den Ampelphasen“ nachdenken. Michael Holz beschreibt in seinen Liedern die kleinen Gedanken, die einem eben zwischen Ampelphasen kommen können. Das, was er dann in den Liedern daraus macht ist mehr als nur ein Ampelphasengedanke. Die Stimmungen und Texte begleiten einen noch ein ganzes Stück.

Das Album „Zwischen den Ampelphasen“ ist nur direkt bei Michael Holz bestellbar oder auf seinen Konzerten zu kaufen. Klare Kaufempfehlung.

Kaumjemand.de 
https://soundcloud.com/kaumjemand



Beobachtungen von Leben gespickt mit einem Fünkchen Absurdität und Gesellschaftskritik und Überschriften die nicht zum Text passen, so könnte man die Texte von Dierk Seidel beschreiben – muss man aber nicht. Denn das würde bedeuten, sich auf etwas festzulegen, und das passt dann auch nicht so richtig zu ihm und seinen Texten.

Aufgewachsen in Leer (Ostfriesland), sammelte er seine ersten Slam- und Bühnenerfahrungen 2009 an seinem Studienort Flensburg. Seitdem präsentiert er seine Geschichten und Gedichte regelmäßig auf Poetry Slams und Lesebühnen zwischen Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen – dabei unter anderem bei den Schleswig-Holstein-Meisterschaften 2010 und 2011 und beim ersten Poetry Slam auf dem Deichbrand- Festival 2012. Seit Oktober 2014 findet man ausgewählte Texte auf dem Kreativblog www.kulturkater.de. Er hat Deutsch und Politik in Flensburg studiert und ist Gesamtschullehrer in Nordrhein-Westfalen.

NeeZension: Batman V Superman

Jay Nightwind | 27.04.16 | / | Kommentieren
"Und? Was sagst du zu Batman V. Superman? Ich muss dich fragen, weil ich auf deine Meinung gespannt bin.", ploppt die Nachricht in meinem Postfach bei Facebook auf. Einen Moment lang fühle ich mich geehrt, da meine Meinung relevant scheint, dann ärgere ich mich, weil ich einem Freund keine faire Antwort geben kann, denn ich habe den Film nicht geguckt. Schade, weil ich mich gerne mit Menschen über Sachen austausche und unterhalte. Aber ich habe einfach nicht vor den Film zu gucken. Nee. Muss ich mich jetzt rechtfertigen, erklären? Nein!
Aber ich will. Zeit für eine Nee-Zension: Die Betrachtung, warum mich ein Inhalt nicht interessiert.

Vor einiger Zeit hat Stephan "Redhead" gut zusammen gefasst, dass der Oberjesus der DC-Comichelden einfach nervt. Mag sein, dass als er in seine Zeit hinein geboren wurde, es für die Menschen wichtig war, eine größere Macht zu sehen, eine Person, die omnipotent und auf Seiten der Menschheit ist, aber ich bin in den 90igern aufgewachsen. Wenn du in einer Welt lebst, in der die Vengaboys, Captain Jack und Mr. President die Charts beherrschen können, spürst du auch als junger Mensch, dass es kein besonderes Talent oder große Kräfte braucht, um etwas in der Welt zu bewegen. Eine allmächtige Obrigkeit ist mir heute ja noch ausreichend suspekt, mit Superman kann ich daher einfach nichts anfangen.

Glück gehabt, der neue Film ist ja schon so konstruiert, dass mensch sich für eine Seite entscheiden kann, ja der Trailer deutet ja schon an, dass genau meine Kritik auch Teil der Story ist: Wie ist mit dem Super-Wachtmeister umzugehen? Wer stopt ihn, falls ihm das Haargel in die Hirnwindungen sickert? Antwort ebenfalls in Trailern angezeigt: Batman.

Der andere Protagonist hat es mit mir auch nicht leicht. Mein Erstkontakt mit Batman waren tatsächlich die Detective Stories Serie mit Adam West, der für immer mein Batman bleiben wird. Das lief samstag morgens auf Sat.1 - damals, als der Samstag Morgen noch Zeichentrick und Superhelden gehörte. Bessere Zeiten.
Er war dieser positive Klugscheißertyp, der eben nicht hauptsächlich mit Wumms im Arm, sondern halt auch mit ordentlich Schmalz IM - statt auf - dem Kopf kämpfte. Ein Detektiv halt. Indizien sammeln, recherchieren, zwischen durch dem Azubi was beibringen, Fälle lösen. Das ging für mich nicht nur klar, sondern war Vorbild. Meine Eltern identifizierten mich als Fan, aber als ich dann die Filme gesehen habe, hat mich Batman wieder verloren. Auch ein grandioser Jack Nicholson Joker konnte mich als Kind nicht an die Filme fesseln.
Ich musste erst zurückgeholt werden, mit "The Dark Knight". Ironie an der Sache: Ins Kino gelockt hat mich der Joker, die Darstellung des Wahnsinnigen und der heimliche leichte Man-Crush auf Heath Ledger, der mich seit "Ritter aus Leidenschaft" fest in seiner Hand hatte. Tja, es sind oft die kleinen Gründe, warum wir etwas mögen oder nicht mögen.
Christian Bale hat sich erst mit seinem dritten Batman-Film als mein Batman beworben, auch wenn die Geschichte der Figur in allen drei Teilen sehr intensiv erzählt wurde. An alle Fans der Trilogie-Theorie: Hier habt ihr mal eine, wo der mittlere Film der Stärkste und nicht der Schwächste ist.

Eigentlich für mich das perfekte Setup: Superman in der Kritik, Batman to the rescue. Ich konnte eine Seite wählen und hätte mir jetzt anschauen können, wie sich die Beiden mit ungleichen Fertigkeiten in einen gleichmäßigen Kampf begeben. Und dann auch noch Jesse Eisenberg als Lex Luthor! Super gut. Auch ein Schauspieler, den ich sehr mag, weil er immer dieser sympathische Loser ist, der es doch immer irgenwie schafft (Social Network, Zombieland, American Ultra). "Was is mit dir? Alles ist doch perfekt!", sagt der virtuelle Schnitt meines Freundeskreises im Kopf.

Nichts ist perfekt. Der Film heißt "Batman V Superman", keine Ahnung welcher Depp glaubt, das "S" von VS wäre noch einzusparen, damit der Titel kürzer ist. Beim ersten Lesen dachte ich kurz, der Film hieße "Batman Fünf – Superman".
Versus ist ein mächtiges, wichtiges Wort. Es ist die engste Konfliktbindung die in meinem Kosmos möglich ist. Jedes Kampfspiel, jedes Epic Rap Battle, jeder Boxkampf, alle verwenden das Versus. Weil es episch ist, weil es reduziert. Die Klammer ist um die Kombatanten gesetzt und geschlossen, nichts, aber auch gar nichts kommt mehr mit rein. Die purste Form des Konfliktes.

Und dann halten sie sich nicht dran. Dann kommt Lex Luthor noch als Rechenoperation außerhalb der Klammer dazu und Darkseid auch noch oben drauf und eh mensch sich versieht, ist der Trailer am Ende, die Bromance zwischen Batsi und Superjesus im vollen Gange, als sie in lupenreinstem sexsistischem Kackscheiß diskutieren, wem von den Beiden denn jetzt die Frau gehört, die gerade gelandet ist. Sie gehört sich selbst, ihr blöden Steinzeitmenschen, SICH SELBST! Wissend, dass die Zusammenstellungen der Casts solcher Filme inzwischen schon den Transfermarktgerüchten der Bundesliga gleichen, ist meist schon weit vor der ersten gesehenden Filmsekunde klar, dass noch andere Helden auftauchen. Cyborg, Aquaman und werweissichnichtnoch. Versus beschreibt den heiligen Zweikampf, die purste Konfrontation und für diesen blöden Film nehmen sie es auseinander.

Und das hätten sie nicht mal gemusst. "Justice League Begins" wäre eine fairer Titel gewesen. Nicht einfallsreich, nicht spektakulär, aber aufrichtig gegenüber den Zuschauern, denn da wollt ihr doch hin! Marvel hat zusammen mit Disney eine Perpetuum Mobile geschaffen, welches Geld in Filmen verbrennt, um Geld für neue Filme zu produzieren. Stephen Strange bekommt seinen eigenen Film! Sie mussten Cumberbatch nehmen, damit den Film überhaupt jemand sehen will. Zurück zu DC.

"Justice League VS. Darkseid" Hätte ich nach dem zweiten Trailer sofort abgekauft. Aber das Duell der Beiden alten Herren von DC, das habt ihr beworben, aber von Anfang an nicht verkauft. Etwa so überraschend, wie Wrestling. Da ist auch kein VS. wirklich echt und es kommen ständig zig andere Leute reingelatscht und stören.

Aber, aber, aber, Jan! Die Geschichte! Die muss doch den Film verkaufen! Hm. Joa. Nö. Der Trailer muss mir den Film verkaufen und wenn dann der größte angekündigte Konflikt schon abgenommen wird, dann funktioniert das nicht. Dann können sie ja gleich den größten Spoiler zum Titel machen! "Star Wars VIII - Han stirbt", würde doch auch keiner mehr gucken wollen! Lernt bei Marvel, da heißt der neue Film "Civil War", was auch Quatsch ist, weil da nun wirklich keine Zivilisten oder Bürger miteinander in Konflikt geraten, sondern ziemlich markant die Helden. Aber "War", den gibt es, den ganzen Trailer entlang, zwischen durch wird zum Nachladen mal kurz gesprochen. Die halten was sie versprechen und den Film, den werde ich mir angucken gehen!

Motörhead Starterkit

Madse | 09.02.16 | / | 2 Kommentare
22 Studio-, dutzende Livealben, Singles, Compilations und 40 Jahre Bandgeschichte sind eine ganze Menge, das kann den interessierten Hörer schonmal abschrecken. Aber das muss nicht sein. Ich werde versuchen, einen Einstieg in die musikalische Welt von Motörhead zu geben, ohne Anspruch auf Vollständigkeit und ziemlich subjektiv.
Wie so oft, wenn man nicht weiß, von wo man ein Problem angehen soll, bietet sie auch in diesem Fall der Anfang an. Nicht ganz der absolute Anfang (das wäre On Parole von 1975/79, aber dazu gibt es eine ganz eigene Geschichte), aber eins der bekanntesten Lieder von einem der erfolgreichsten Alben: Ace of Spades vom gleichnamigen Langspieler von 1980.


Als nächstes nehmen wir uns Orgasmatron vor, auch hier wieder vom gleichnamigen 1986er Album ( kein Muster, sondern völliger Zufall! ). Der Schubregler steht nicht ganz am vordersten Anschlag, dafür sind Bass und Gitarre tiefer als sonst.
 

Whorehouse Blues von Inferno (2004) klingt vielleicht unerwartet, ergibt aber spätestens dann Sinn, wenn man bedenkt, dass Lemmy sehr viele Bluesmusiker als Inspiration genannt hat.
 

Zu Letzt wollte ich noch einen typischen Song: kurz, laut, schnell, energiegeladen. Mit 2:08 Minuten kommt mir da Rock Out von Motörizer (2008) sehr gelegen!
 

Ich erhebe hier keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern möchte eine Tür aufstoßen und in den Raum zeigen. Wo und wie ihr dann weitermacht, ist euch überlassen, ich bin jedoch nur einen Kommentar weit entfernt.

... und warum die Band so unverkennbar klingt, erfahrt ihr auf Abteilung14

Rezension: WWE 2k16

Jay Nightwind | 24.01.16 | / | 2 Kommentare
Videospieljournalismus ist ein Journalismus wie jeder andere. Es gelten für ihn die gleichen Gesetze. Und daher gibt es Geschichten für die viele Ressourcen investiert werden, weil es ein Thema ist, das viele Menschen betrifft und interessieren könnte und dann gibt es die anderen. Da wird die Pressemitteilung genommen, ctrl+c, ctrl+v und ein paar Wörter geändert. Und schnell muss es auch sein, denn es rücken ja laufend neue Inhalte nach, die Arbeit wird nicht weniger. Darunter leidet oft die Recherche, die Untersuchung von Qualitäten, die sich eben nicht im ersten Moment offenbaren, die Faktensammlung ist dann noch gar nicht vollständig. Wer für diesen schnellen Journalismus Beispiele braucht, kann sich ja noch mal das Ping Pong innerhalb der Zeitungen z.B. Zur Kölner Silvesternacht anschauen.

Als Kind und junger Jugendlicher habe ich mir ein monatliches Magazin gekauft, die "Total!, um meine Kaufentscheidungen treffen zu können. Die Tests waren ausführlich und vorallem eines: Zu spät. Obwohl das Magazin die Spiele vor ihrer Veröffentlichung zu gesandt bekam, erschienen die meisten Bewertungen ein bis zwei Monate nach Erscheinen des Spiels. Und ich glaube, diese Zeit für den Reifeprozess der Artikel war gut. Tatsächlich waren meine Fehlkäufe damals die Titel, wo ich mich von dem Text auf der Verpackung habe verlocken lassen. (Preisstabilität ist in der Branche übrigens enorm. König der Löwen gab es damals für 120DM, also heute etwa 60€.)


Ich mag Wrestling. Ich weiß dass es Show ist, aber es ist eine verdammt gute. Die Spiele, obwohl sie nicht von EA sind, folgen inzwischen dem Fifa-NHL-NBA-JedesJahrEinNeuerTeil-Schema. Und auch wenn ich in der langen Vergangenheit – Einstiegsdroge WWF No Mercy auf dem N64 – immer wieder Wrestlingspiele gekauft hatte, haben sie mich auf der Xbox360 irgendwann mit Ladezeiten verloren, die das Spiel einfach unspielbar machten.

Aber irgendwie hatte ich wieder Lust. Die überzogende Show, die unrealistischen uneffektiven Manöver, das alberne Gehabe, ein regelmäßiger Blick in den Youtubekanal der WWE hat mir wieder Appetit gemacht.

Bei IGN habe ich mir eine Video-Review des Spiels angeschaut, um ein Gefühl für das Spiel zu bekommen, es in Bewegung zu sehen und zu hören, was gerade Phase ist. Und auch die Positivliste zu dem Spiel überzeugte mich.
- Das Ladezeiten-Problem ist endlich gelöst!
- Ein gewohnt guter Figureneditor, der alles erlaubt, sogar neuerdings präzisere Gesichtmerkmale wie eine schiefe Nase.
- Ein Ressourcensystem verhindert unbegrenzte Konterreihen, welche die Matches in die Länge ziehen. 
 
Das als die wichtigsten Punkte, die bei mir hängen geblieben sind. Und natürlich leite ich nur so unglaublich langwierig ein, weil ich da begründete Zweifel anmelden möchte. Zweifel, die meiner Meinung nach mit einer längeren Testphase auch bei IGN aufgekommen wären.

Aber fangen wir vorne an: WWE 2k16 ist ein modernes Spiel, die Grafik ist gut bis hin zu sehr gut, der Soundtrack beschränkt sich auf Wrestlingeinmarschmusiken und Menümusik, da dort Billy Idol und Run DMC dabei sind, ist das Teil ein absoulter Hit. Die Steuerung ist in Ordnung. Es gibt DLC, einen Seasonpass, es ist alles so, wie es heutzutage halt so ist bei den Spielen. Im Kern ist alles gut genug, dass es schon mal kein schlechtes Spiel ist.


Das Ladezeiten-Problem ist endlich gelöst! Ist eine sehr positive Formulierung um zu sagen, dass zwar die Ladezeiten vor den Kämpfen kürzer sind als in früheren Spielen, aber das eigentliche Problem ist nicht wirklich gelöst. Ich bin wirklich nicht so penibel was so Wartezeiten angeht, aber zwei bis drei Minuten sind dann doch ganz schön krass, nur um ein schnelles Match mit zwei Spielern zu spielen. Es geht jetzt wirklich schneller vor einem Match, dafür haben sich die Wartezeiten an allen anderen Stellen verlängert. Sich nur im Hauptmenü einmal für den falschen Menüpunkt zu entscheiden, kann schon mal eine volle Minute kosten.
Wenn ich also vielleicht sehr streng messen würde, würde ich vielleicht sogar herausfinden, dass sich zusammengerechnet die Wartezeiten verlängert haben. Und das, ist ziemlich unerträglich und nagt heftig am Spielspaß. Einige von den Problemen mit den Ladezeiten sind vorallem in den letzten Jahren schon längst in anderen Titeln überholt worden. Gerade der Figureneditor ist einer der sieben Höllenkreise, sollte Mensch ungeduldig sein.

Und genau da wird es sehr schade, denn der Figureneditor ist eigentlich das Paradies dieser Spiele. Roman Reigns, Kalisto, Rusev, wirklich kennen tun nur WWE-Fans den aktuellen Kader und wirklich mögen tut mensch sie dann auch nicht immer. Aber das Spiel gewinnt schlagartig an Qualität, wenn aus der Online-Community oder aber auch aus eigener Hand eigene Figuren in die Schlacht ziehen. Meine "Roster" sehen dann oft deutlich prominenter, aber auch wilder aus: Zangief, Scorpion, Captain America, Deadpool, der rote Power Ranger, Jack Sparrow, Cyclops und Spider-Gwen. Dazu kommen aber auch schon eine handvoll Menschen aus meinem Freundes- bzw. Dem Autoren-Kreis dieses Blogs: Hermann, David, Sven, der Hartmann, Thomas und Gabriel von der Weststadtstory.


Es macht einfach mehr Spaß um Titel zu streiten – wie die von mir selbst geschöpfte Full Action Internet Hardcore Fighting Championship inkl. Eigenem Gürtel – wenn plötzlich Leute im Ring stehen, mit denen Mensch sonst das Sofa teilt. Und wenn diese dann martialische Gesten machen, Rumprollen oder von der Ringecke herunter segeln, dann ist die bloße Vorstellung Motor sehr lustiger Momente.

Der Figureneditor ist, was die Modellierung der Figuren angeht wirklich sehr ausführlich, es gibt kaum etwas, was nicht geht. Allerdings bei Merkmalen und Kleidung wird es etwas steif und konservativ. Überaschend, waren frühere Ausgaben da doch sehr liberal. So gibt es nur eine sehr beschränkte Auswahl an Kleidung, die auf den Outfits aktueller und ehemaliger Wrestler basieren. Die meisten guten Online-Kreationen retten sich dadurch, dass eigene Embleme hochgeladen werden können.


Trotzdem war früher mehr Lametta. Männer in Röcken, Frauen mit Bärten, Frauen mit Kapuzenpullovern, Frisuren die nicht nach Geschlecht, sondern Haarlänge getrennt waren, sowas war damals alles möglich. Jetzt sind doch schnell die Grenzen des möglichen erreicht. Auch, weil sehr viel Kleidung nur beim Einlaufen in den Ring getragen werden kann, um Grafikfehler im Ring zu verhindern. Mehr Mut zur Lücke wäre besser gewesen. Es ist ein Kampfspiel, wir haben uns doch seit Jahren an die Grafiküberschneidungen gewöhnt.
Und es ist ja nicht so, als wäre dieses System sonst von glatter geschmeidiger Animation und flüssiger Action geprägt.

Wrestling ist zwar Show, aber da in den Videospielen die Kämpfe eben kein Drehbuch haben – Und damit eigentlich echter als im Original sind – hätten weniger Fülleranimationen und offensichtliche Hilfsgriffe dem Spiel sehr gut getan. Denn auch das "tolle" neue Ressourcensystem hat seine Schwächen.
Konter kosten jetzt eine Ressource. Reguläre Angriffe kosten Ausdauer. Bestimmte Haltegriffe können die Ausdauer wieder auffüllen, sollte der Spieler das Minispiel gewinnen. Die Konterressource füllt sich zwar automatisch wieder auf, aber sollte der Spieler gerade mal raus aus den Kontern sein, ist er den Angriffen schutzlos ausgeliefert. Was dann schon bei leichten Gegnern ein dramatisches Problem sein kann. Die verschiedenen Minispiel, welche gewonnen werden müssen um aus Griffen und Aufgabegriffen zu entkommen, sind nämlich nicht besonders intuitiv und teilweise katastrophal zu steuern. So verliere ich regelmäßig gegen die K.I. Wenn sie nur am Anfang der Partie einen (!) Aufgabegriff platziert bekommt, weil ich das Minispiel nicht beherrsche . Da sind auch die Werte der Wrestler oft zweitrangig.

Wo scheinbar vorher unendliche Konterschlachten geführt wurden, geht es jetzt nur noch darum, sein gegenüber in die Dürre zu treiben. Keine gute Entscheidung. Natürlich ist Wrestling nicht mit traditionellen Beat'em'Ups zu vergleichen, aber egal ob Streetfighter, Tekken, Smash Bros oder Dead or Alive, nirgends wird Kontern begrenzt. Es reicht für gewöhnlich als Hindernis, es meistern zu müssen und das Timing der gegnerischen Manöver drauf zu bekommen. Und das kann motivierend sein. Vor vielen Jahren auf der Dreamcast in Dead or Alive 2, waren die Konterschlachten und das Vorhersehen der nächsten Bewegung des Gegenüber das Beste am ganzen Spiel. Wer online also Konterschlachten beenden will, sollte eher überlegen den Matches ein Zeitlimit zu verpassen. Funktioniert bei allen anderen Spielen auch hervoragend.


Leider sind diese Punkte im Grundsystem schadhaft genug, die restliche Spielerfahrung zu trüben. Die bietet viele tolle Ideen, wie einen Karriere-Story-Modus, in dem der eigene Wrestler den Aufstieg vom Niemand zum größten Superstar vollziehen darf. Oder auch den Universe-Mode, in dem der Spieler komplette Shows und Rivalitäten erstellen darf, ganze Kader basteln und Pay-Per-View-Events erfinden kann. Oder auch das Showcase, in dem die großen Kämpfe der Legende Steve Austin nachgespielt werden können, garniert mit direkten Videoeinspielern, original Sprachmaterial und spektakulärer Präsentation, aber wenn dann die Kämpfe frustrieren, nutz das beste Material nichts.

WWE 2k16 ist kein schlechtes Spiel, aber es reicht nicht zum wirklich guten Titel. Es reicht nicht zum Kultgefühl, wie es einstmals WWF No Mercy geschaffen hat. Es sieht am Anfang echt klasse aus, aber in einer längerfristigen Beobachtung zeigt es seine Schwächen. Aber vielleicht ist genau das Strategie. Denn wer jedes Jahr einen neuen Teil veröffentlicht, der fühlt sich möglicherweise gedrängt immer Innovation zu bieten oder vorhandene Features auszuschneiden, damit sie sich bei der Wiedereinführung gleich als tolle Sensation verkaufen lassen. Vergleichenden zwischen den Editionen sieht dann gut aus, was aber gemessen am Markt trotzdem nicht überzeugt.