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Slam in NRW #010 - Braucht Poetry Slam eigene Berichterstattung?

Es gibt Anglerzeitschriften, Motorsport-TV-Sendungen, Outdoor-Magazine (für Männer. Danke dafür Geo...), Radiosendungen in denen es außschließlich um Gaming geht und Youtube-Kanäle bei denen sich alles ums Thema Film dreht. Die meisten Szenen, Subkulturen und Interessengruppen haben eine eigene Berichterstattung. Das gilt jedoch nicht für die Slam-Szene. Aber brauchen wir überhaupt eigene journalistische Erzeugnisse? Und wenn ja, in welcher Form und mit welchen Inhalten? Genau um diese Fragen geht es in unserer ersten Studioausgabe von Slam in NRW. Interviewgäste sind Jay Nightwind und Marius Hanke alias Zwergriese.


Wenn ihr auch die Gesichter sehen wollt, dann könnt ihr euch das Interview aber auch ungeschnitten auf Youtube ansehen:




Ankündigung:
Auch ihr habt die Möglichkeit, euch an unserem Podcast zu beteiligen. Interviewt Zuschauer*Innen, Slammer*Innen, Veranstalter*Innen. Nehmt eure Ergebnisse als Audiodateien auf (MP3!), schickt sie uns an Nachtwindteam at gmail punkt com und wir bauen, wenn es passt, eure Inhalte ein. Natürlich unter Nennung eurer Namen und den ganzen üblichen Ehrerbietungen.

Bericht: "Wie süß sind die denn?"

Jay Nightwind | 15.12.17 | / / / | Kommentieren
Jays Sicht:
Als ich mich in die letzte Reihe setze, blinkt wieder die Chronik zu diesem Showabend auf, den ich mir dann gleich angucken würde: Im April 2012 spricht mich auf meiner – noch kleinen niedlichen – Slamveranstaltung in der Weststadthalle eine Studentin an, welche Garderobendienst hatte. Sie würde auch Texte schreiben, hauptsächlich Kolumnen für eine Studentenzeitschrift und das mit dem Poetry Slam, was wir da machen, das würde sie gerne mal ausprobieren. Im nächsten Monat steht sie dann bei unserer Weststadtstory auf der Bühne.

Schwupp! Es vergehen ein paar Jahre, es klingelt in meinem Postfach. Sandra Da Vina war in den Jahren fleißig. So hat sie zwei Bücher geschrieben, tourt inzwischen mit einem Soloprogramm durch Deutschland, taucht in Rundfunk und Fernsehen auf und erntet damit die Früchte ihres Fleißes. Mit dem sie, meiner Einschätzung nach, nie selbst so hausieren gehen würde. Sandra schreibt mir, dass sie mit zwei Bühnenfreunden gerne eine einmalige Lesebühne in Essen machen wollen würde, für einen guten Zweck. Und dafür würde sie eigentlich am liebsten in "mein" Haus, die Weststadthalle.

Ein paar Wochen später ist also einer dieser seltenen Fälle, wo ich als Zuschauer in die Weststadthalle komme. Nach inzwischen Sieben Jahren in der Poetry-Slam- und Bühnenliteratur-Szene habe ich schon vieles gesehen und manchmal, ganz ganz manchmal, sind die Abende zwar sehr schön, können aber nicht mehr aus der Masse der konsumierten Inhalte rausstechen.

Als Handwerker der selben Zunft guckt mensch auch nochmal anders auf so einen Abend. Das Analyse-Tool bleibt dann meist an, es wird nicht nur genossen, sondern auch gemessen.

Jetzt sitze ich also an meinem Rechner und habe das Bedürfnis, von dem Abend zu erzählen. Weil es ein richtig guter Abend war. Einer, von dem Leute halt unbedingt wissen sollten, damit sie neugierig werden, wenn sich so etwas nochmal ankündigt. Damit sie nichts verpassen. Ich bin sehr dankbar, dass ich diesen Abend erleben durfte, nicht nur, weil er handwerklich gut war.

Mein persönlicher Bezug zu Sandra stellt sie natürlich bei mir in einen Fokus, aber ihre beiden Begleiter möchte ich natürlich nicht aussparen: Florian "Flori" Wintels ist ein dekorierter Poetry-Slam-Profi, technisch aus Niedersachsen, schicksalshafterweise aber aus Paderborn. Piet Weber ist natürlich auch Poetry-Slam-Profi mit Meisterschaftserfahrung, kommt aus Berlin und bringt auch den zuvorerwähnten guten Zweck mit.

In einem Satz: Eine Strukturschwache Region im Norden Ghanas wird gestärkt und Bildungsarbeit für Kinder und Jugendliche ermöglicht. Die Hintergründe zu dem unterstützten Projekt findet ihr hier: http://www.africa-action.de/wulugu.html.

Auslöser für die Lesebühne ist dabei auch der Entschluss von Piet Weber, alle seine Gagen aus dem Dezember direkt in das Projekt zu investieren. Er suchte dafür Bühnen und Spielorte, die bereit waren einen Auftritt von ihm quasi gegen eine Spende zu tauschen.
Nachdem also etabliert ist, dass es an diesem Abend nur Gewinner geben könnte, mussten die Drei das aber auch ausfüllen. Zuschauer*Innen wollen trotzdem unterhalten werden, guter Zweck hin oder her.

Unterhaltung heißt halt nicht nur, dass ich den ganzen Abend mir die Locken aus der Frisur schüttel vor Lachen, sondern sogar noch viel eher, dass ich mich wohl fühle. Schon ab dem ersten Moment auf der Bühne, bis zur letzten abschließenden Moderation, gab es nur positive Stimmung zu spüren. Piet, Sandra und Flori standen da nicht als die Profis, die sie sind, sondern lassen mich vermuten, dass da dichte Freundschaften bestehen. Auch wenn viele Segmente dazu eingeladen hätten, hier und da eine Spitze auf jemanden abzufeuern, wurde sich auf der Bühne unterstützt und gefeiert. Wenn Sandra spontan laut gelacht hat, Flori den Piet in einem Spiel als den süßesten Menschen vorstellt, dann hat auch mein Analysetool mir gesagt, dass wir nicht mehr in der Weststadthalle, sondern im Wohnzimmer der Drei sind.

Deshalb wurde an dem Abend zusammen mit dem Publikum gespielt und gesponnen. Mit Lückentexten, Auktionen und Süßig-keits-wettbewerben mit PowerPointStütze. Ich befürchte fast, nicht genau beschreiben zu können, wie sie es gemacht haben, weil dann irgendwann, wenn es schön ist, auch der Handwerker mit Analyseblick sich frei macht und zurücklehnt. Vielleicht hilft der für mich schönste Moment des abends, um zu verstehen:

Als Flori Wintels die Auktion durchführt und moderiert, läuft er richtig heiß. Mit dem Auktionshammer eskaliert er auf dem Tisch auf der Bühne herum, bekommt einen schelmischen Glanz in den Augen und schlägt dann einfach auf das herumliegende Glockenspiel. Er spielt. Also nicht Musik, sondern er lebt sich einfach aus. Das hat Spaß gemacht beim Zuschauen. Und Lust darauf gemacht, auch ein bißchen mit sehr kleinen Hämmern willkürlich auf Dingelchen herum zu hauen. Sandra und Piet sitzen dabei auf dem Sofa, folgen der Auktion, lächeln und lassen Flori einfach seinen Platz. Niemand versucht sich rhetorisch vorzudrängeln, alle sind gleichwertig, ohne das alle gleich sind. Das fand ich super schön.

Und das liest sich vielleicht auch für so einen Nachbericht übermässig pathetisch, vielleicht ist es sogar unverhältnismäßig, aber wenn eine einmalige Lesebühne halt so einen schönen Abend geschaffen hat, dass mir schon in der Pause klar ist, dass ich darüber schreiben möchte, dass ich Leuten davon erzählen möchte, dann hat das eine Bedeutung. Wenn so ein Abend eine bereitsvorhandene Begeisterung für Texte, Bühne und Unterhaltung noch weiter anschieben kann, dann ist das diese ganz große Qualität, die so viele erreichen wollen.

Vielleicht bin ich aber auch massiv voreingenommen, weil ich an dem Abend ein T-Shirt mit Flori Wintels drauf ersteigert habe.


Miriams Sicht:
Dieses Shirt... Nicht gerade mein Highlight des Abends. Aber von vorne: Montagabend ploppt auf meinem Handy eine Nachricht auf: "Kommst du mit?", schreibt mir ein Freund. Mitgeschickt der Link einer Facebook-Veranstaltung. Das Titelbild: Drei lächelnde Menschen, von denen ich genau eine mit Sicherheit identifizieren kann. Sandra Da Vina. Flüchtig bekannt und von mir bewunderte Slammerin aus meiner Heimatstadt Essen. Die anderen Beiden kenne ich höchstens vom Hören-Sagen: Flori Wintels und Piet Weber. Der Titel der Veranstaltung: "Wie süß sind die denn?" Ein kurioser Titel für eine Bühnenshow, denke ich. Ein Format-Titel wie "Lesebühne" oder "Poetry Slam" wäre sicher eindeutiger gewesen, hätte mich aber auch weniger neugierig gemacht

Tatsächlich haben Sandra, Flori und Piet mit so einem schwammigen Titel auch alles richtig gemacht. Denn in klassische Formate lässt sich dieser Abend eben nicht so richtig einordnen. Mit einer guten Mischung aus Texten ohne Wettbewerb, Wettbewerb ohne Texten dafür mit Bildern, Musik und lockeren Publikumsinteraktionen, haben die drei etwas für mich Neues auf die Bühne gebracht.

Etwas Neues in dem vorallem ganz viel Herz steckt. Das schien den gesamten Abend immer wieder durch. Das fängt schon damit an, dass zwei von drei Menschen eine Anreise von über 100 und über 500 Kilometern hatten. Auch, dass die Künstler für den guten Zweck auftraten und selbst keinen finanziellen Vorteil aus dem Abend gezogen haben macht das deutlich. Dazu kommen noch Dinge wie eine eine gute Vorbereitung, die mensch zum Beispiel dadurch bemerkt hat, dass ein Konzept hinter dem Ganzen steht, oder dass sich Gedanken über immer wieder auftauchende Elemente gemacht wurde, wie zum Beispiel einen Voice-Opener.

Dass viel Herz in diesem Abend steckte, zeigte sich aber am deutlichsten durch den Umgang der Künstler untereinander. So konnte mensch spüren, dass die drei den Abend wirklich als gemeinsames Projekt realisiert haben. Anstelle von Einzel-Charakteren, die, jeder für sich, ihre Slots füllen, traten die Drei als Team auf, dem mensch auch abnimmt, dass es tatsächlich eins ist. Obwohl jeder Künstler Zeiträume hatte, in denen er sich individuell präsentieren konnte, herrschte den gesamten Abend eine starke Dynamik zwischen Sandra, Piet und Flori. Als Zuschauer war das echt schön anzusehen. Darüberhinaus schafften es die Künstler den Abend ihren Bock und ihre Energie an das Publikum weitergeleitet. Das gelang nicht nur in den interaktiven Teilen des Abends sondern auch dann, wenn mensch einfach "nur" zuschauen musste.

Einziges Manko dieses Abends: Das T-Shirt mit Flori Wintels drauf, das Jan ersteigert hat. Das ist halt leider mal so überhaupt nicht süß.

Podcast: Interview zur Bundeswehr mit Jay Nightwind

Miriam | 06.12.17 | / / / | 2 Kommentare
Bundeswehr. Lange kannte ich diese Institution nur aus amüsanten Anekdoten meines Vaters oder durch das Gegenteil der Wehrpflichtleistenden, nämlich meine Zivildienst-leistenden Brüder. Soldaten begegnete ich maximal am Bahnhof, wenn diese in ihren Uniformen unterwegs von A nach B waren. Doch seit einiger Zeit kann mensch dem Thema Bundeswehr gar nicht mehr ausweichen. Als Banner am Bahnhof, als Postkarte in der Kneipe oder als Spot vor dem nächsten Youtubevideo - die Werbung dieser Institution begegnet uns inzwischen überall in unserem Alltag. Und in der direkten Konfrontation stelle ich für mich fest: Ich weiß gar nicht wirklich viel über diese sogenannten Streitkräfte, die uns im Ernstfall verteidigen und schützen sollen.

Deshalb habe ich mich mit Jay Nightwind zusammengesetzt, der rund zwei Jahre bei der Bundeswehr gedient hat. Mit ihm habe ich über seine Zeit dort gesprochen. Über Vorurteile, die ihm und seinen Kameraden begegnet sind. Und über seine Zukunftsversion einer Welt, in der die Bundeswehr so wie sie heute besteht, vielleicht gar nicht mehr nötig ist.




Die im Podcast angesprochenen Texte von Jay Nightwind zu den Werbekampangen der Bundeswehr findet ihr hier:
Mach was wirklich zählt 
Bundeswehr aus Youtube abziehen

Nur 1 Euro

Miriam | 16.11.17 | / | 4 Kommentare
"Haben Sie vielleicht ein bisschen Kleingeld für mich?", fragt mich ein Mensch am
Hauptbahnhof. Ich krame mein Portemonnaie heraus und drücke ihm ein paar Centmünzen in die Hand. Er bedankt sich. Ich lächel. Er zieht weiter. "Haben Sie vielleicht ein bisschen Kleingeld für mich?" Viele sagen nein. Einige schütteln nur den Kopf. Andere nehmen nicht mal die Kopfhörer aus den Ohren.

Szenenwechsel. Ich werfe Nudeln in meinen Einkaufskorb. Es folgen Milch, Joghurt, Frischkäse. Meine Freudin fragt "Wie viel Geld steht dir im Monat für Essen zur Verfügung?" Ohne darüber nachzudenken antworte ich "Da setze ich mir keine Grenzen." 

Ich lebe im Wohlstand. Ich habe eine eigene Wohnung, in der sich ein völlig funktionstüchtiges Bad befindet. Und eine Heizung. Ich habe ein eigenes Zimmer mit einem eigenem Bett und einem Schrank voller Klamotten. Ich gehe einkaufen und achte kaum auf die Endsumme. Ich sortiere Centstücke aus meinem Portemonnaie aus, weil sie mir lästig sind. Ich esse täglich durchschnittlich drei Mahlzeiten, eine davon in der Regel warm. Ich lebe im Wohlstand. Ich weiß nicht, wie es sich anfühlt zu hungern oder keinen festen Schlafplatz zu haben. Ich weiß nicht, wie es sich anfühlt nicht zu wissen wie man sich das nächste Brötchen finanzieren soll. Oder wann. Ich lebe im Wohlstand. Und jeder, der mich fragt "Haben sie ein bisschen Kleingeld?", der tut das nicht. Deshalb kann ich ihm etwas von meinem Wohlstand abgeben. Ein Euro ist nicht viel Geld. Nicht für mich. Einen Euro abzugeben macht mich nicht deutlich ärmer. Er macht mein Gegenüber auch nicht deutlich reicher. Ein Euro ist nicht viel Geld. Aber mit einem Euro kann sich mein Gegenüber vielleicht schon ein Brötchen kaufen. Oder einen Kaffee.

Nach dem Armutsbericht gilt in Deutschland als arm, wer unter der Einkommensarmutsgrenze lebt. Das bedeutet, dass das Einkommen unter 60 Prozent des mittleren Einkommens liegt. Das mittlere Einkommen wiederrum ist ein Durchschnittswert aller Haushaltseinkommen unseres Landes: Alle Haushalte werden nach ihrem Einkommen der Reihe nach geordnet. Das in der Mitte liegende Einkommen bildet dann das mittlere Einkommen. 2015 gab es in Deutschland rund 12,9 Millionen Menschen, die unter der Einkommensarmutsgrenze lebten. Es ist klar, jedem kann ich nicht helfen. Oder?

Eine Redakteurin von jetzt.de, Charlotte Haunhorst, hat genau das einmal in einem "Experiment" ausprobiert. Ein Jahr lang gab sie jedem scheinbar Bedürftigen, dem sie begegnet ist, Geld. Dabei hat sie sich an einige selbst auferlegte Kriterien gehalten: Jede Person, die sie direkt passierte oder die sie ansprach, bekam mindestens 50 Cent. Obdachlos oder "nur bedürftig" war der Journalistin dabei unwichtig. Ob das Geld am Ende für einen Kaffee oder ein Bier ausgegeben wurde, spielte beim Spenden ebenfalls keine Rolle. 

Meine Entscheidung, wer Geld bekommt, hängt vor allen vom Inhalt meines Portemonnaies ab. Und vom Bauchgefühl. Klar ein bisschen Verstand ist auch dabei. Wenn mensch sagt "Ich brauche das Geld für die Notschlafstelle", dann ist das eine Lüge. Denn Notschlafstellen sind in der Regel kostenlos. Nur Zusatzdienstleistungen, wie zum Beispiel Zahnbürste, Spind oder Dusche kosten etwas. In Essen gibt es zum Beispiel eine Übernachtungsmöglichkeit in der Lichtstraße. Jugendliche bis 21 Jahren können außerdem in der Notschlafstelle Raum58 unterkommen. In Dortmund gibt es die Männernotschlafstelle in der Adlerstraße und die Frauennotschlafstelle der Diakonie in der Prinz-Friedrich-Karl-Straße. Auch in dieser Stadt gibt es für Jugendliche eine eigene Schlafstelle, das Sleep-In in Dortmund Körne. 

Ich stehe mit einer Freundin am Dortmunder Hauptbahnhof. Ein Mensch spricht uns an "Entschuldigung, habt ihr vielleicht etwas Geld für einen Kaffee?" Ich verneine: "Ich habe leider kein Kleingeld im Portemonnaie." Es fühlt sich nicht gut an, diesen Menschen wegzuschicken. Denn während ich nur 50 Meter weiter zum Bankautomaten gehen müsste, um eine  beliebige Summe abzuheben, von der ich entweder einen Kaffee oder ein Drei-Gänge-Menü kaufen könnte, muss dieser Mensch x-Mal völlig Fremde um Hilfe bitten, um am Ende einen Euro für einen Kaffee zusammen zu haben. Und wird dabei wahrscheinlich mehr Neins als Centmünzen kassieren. "Ist doch nur ein Euro", wird er sicher nicht denken, wenn er das Geld dann irgendwann zusammen hat. 

Prosa-Häppchen: Regen

Miriam | 07.10.17 | / | Kommentieren
Es regnet, gießt, strömt, pladdert, schüttet, schifft...
Regentropfen klopfen ans Fenster, als ob sie hinein gelassen werden möchten. Ich stehe im Dunklen und beobachte wie sie die Scheibe runterinnen. Tropfen um Tropfen um Tropfen folge ich mit den Augen. Sonst bewegt sich nichts an mir. Meine Gedanken dafür umso mehr. Sie fluten durch meinen Kopf. Werden vom Rinnsal, zum Bach, zum Fluss, zum Meer. Unberechenbar, dunkel und tief. Überschwemmen meinen Kopf. Und ich spüre wie die Deiche brechen. Tränen laufen meine Wangen hinab wie die Tropfen das Fenster. Fallen auf den Fußboden vor mir und bilden dort eine winzige Pfütze. Und alles was ich denke ist: "Wann hört dieser Regen endlich auf?" 

Podcast: Slam in NRW #009

Miriam | 12.09.17 | / / / / | Kommentieren
Das ist er wieder – unser (un)regelmäßiger Podcast Slam in NRW. Dieses Mal sogar mit thematischem Schwerpunkt, nämlich dem U20iger Bereich. Wir* waren unterwegs irgendwo am Bahnhof in Dinslaken und in Essen auf der Premiere des neuen U20 Slams „Zwanni“. Rede und Antwort gestanden haben uns dieses Mal Zwergriese, Hanna, Malte Küppers, Manuel Busse, Miedya Mahmod und ein paar Zuschauer.



*Dieses Mal wirklich wir, nämlich meine Wenigkeit, Miriam und der Urheber dieser Podcast-Reihe, Jay Nightwind. Und wir, dass könntest auch du sein! Wenn du auf Slams in NRW unterwegs bist und Lust hast Teil unseres Podcasts zu werden, dann interview Zuschauer*Innen, Slammer*Innen, Veranstalter*Innen. Schick uns deine Aufnahmen als Audiodatei (Mp3!) an Nachtwindteam at gmail punkt com. Wir bauen, wenn es passt, deine Beiträge dann mit ein. Natürlich unter Nennung deines Namens und den ganzen üblichen Ehrerbietungen.

Prosa-Häppchen: Puzzleteil

Miriam | 03.09.17 | / | 5 Kommentare
Ich puzzle. Ich mache mir ein Bild von dir. Ich hab mir den Randteilen angefangen. Name, Alter, Hobbies, Studiengang, Fachsemester, Beziehungsstatus.... Ich puzzle. Aber habe keine Ahnung aus wie vielen Teile du bestehst. Und weiß deshalb auch nicht, was noch fehlt. Ich suche. Nicht zielgerichtet. Aber hartnäckig. Krame in deiner Erinnerung und deinen Träumen wie in einem Puzzlekarton. Manchmal finde ich einige Puzzleteile, die zusammen passen. Doch ich weiß nicht, wo sie im Gesamtbild hingehören. Sie bleiben Fragmente, die ich im und um den Rahmen herum verteile. Ich puzzle.

Da drückst du mir ein schwarzes Puzzlestück in die Hand. Die Ecken sind abgestoßen, ein Zacken fehlt. Es schluckt alles Licht. "Das muss dahin", sagst du und zeigst auf die Mitte des Puzzles. "Da wo mein Herz ist." Ich nehme dir das Puzzleteil aus der Hand. Es liegt tonnenschwer in meiner Hand. Und dennoch ist es dünn und wirkt zerbrechlich. Ich streiche vorsichtig mit dem Finger darüber. Es fühlt sich rau an und doch weich. Beides zugleich. Ich drehe dein Puzzlestück um. Da leuchten mir unzählige Farben entgegen: Zimtbraun, Nachtblau, Rauchgrau, Rasengrün, Ocer, Taschentuchweiß, Bergrau, Sonnenuntergangsrotorangerosé, Kaffebraun, Waldgrün, Blutrot....
"Ja. Das ist dein Herz", sage ich.
 

Ob unterwegs auf dem Weg zur Arbeit, in der Raucherpause oder auf dem Klo. Unsere Häppchen sind kurze Texte für den kleinen Lese-Hunger zwischendurch - quasi das fast food unter unseren Blogtexten.

Gesprächsstoff #004 - Wir sind Sünder

"Welche der sieben Todsünden begehst du am häufigsten?"

Zur Erinnerung, im Angebot sind:
Hochmut, Habgier, Wolllust, Wut, Völlerei, Neid und Faulheit (Quelle: Wikipedia.org)


Malte sagt:

Mittlerweile ist meine größte Todsünde wohl die Trägheit. Ich kann ohne Probleme mehrere Stunden nichts tun, habe keinerlei Probleme damit, Sachen aufzuschieben, bis es wirklich nicht mehr weiter geht. Unterstützt wird das Ganze natürlich dadurch, dass ich einer von vielen bin, der das so handhabt. Würde mein Umfeld mehr darauf achten und mir Druck machen, dass ich Sachen zeitnah und weit vor Ablauf einer Deadline beende, wäre meine Trägheit wohl nicht so ausgeprägt. Die Frage ist nur, ob ich das möchte. Ich fühle mich mit einem Faultier als Patronus schließlich auch ganz wohl und habe im Gegensatz zu Menschen, die vielleicht mehr in kürzerer Zeit schaffen, deutlich weniger Stress. Damit einhergehend lebe ich wahrscheinlich auch länger, damit gleicht sich dann alles wieder aus. Die Zeit, die ich jetzt einspare, wird einfach hinten angehängt, so dass ich dann mit 120 tiefenentspannt meinen Doktor mache.

Die Füchse unter euch haben bemerkt, dass ich meinen Beitrag mit dem Wörtchen "mittlerweile" eingeleitet habe. Das bedeutet natürlich, dass mal eine andere Sünde den dominanten Part inne hatte. Als Kind war ich nämlich ein ziemlich jähzorniger Drecksack. Wenn mir etwas nicht gepasst hat, dann habe ich gerne mal so lange gebrüllt, geschrien und um mich getreten, bis ich keine Luft mehr dafür übrig hatte. Meine Schwester erzählt heute noch gerne, wie ich damals als zehnjähriger Junge in der fünften Klasse völlig ausgeflippt bin, weil meine Mutter mir sagte, dass ich in der Grundschule noch keine Geometrie gemacht habe. Das habe ich etwas anders gesehen. Also habe ich mit Geodreieck und Lineal um mich geworfen, meine Schulsachen vom Tisch gefegt und den Raum schreiend verlassen. Ich war ein richtig sympathischer Bursche, wie mir scheint.
Natürlich kann ich mich wohl von keiner der Todsünden gänzlich freisprechen, dunkle Momente hat jeder von uns, aber die Schwerpunkte waren immer klar gesetzt. Und mittlerweile finde ich das auch völlig okay so.


Jay sagt:
Die Frage hat mich ein wenig irritiert. Ich bin kein besonders christlicher Mensch und ganz ehrlich gesagt habe ich eine Gegenfrage: Sind das heute noch die Todsünden? Das Buch aus dem der Kram stammt ist verflucht alt, heute haben wir doch neue fatale Fehlverhalten, denen wir Menschen anheim fallen.

Zum anderen klingt es in der Frage so, als würde mensch dieser Todsünde unentwegt nachgehen. Hätte ich also "Wolllust" genommen, würden doch alle denken, dass ich nur Hosen besitze, falls ich an der Tür mal ein Paket annehmen muss. Aber so drastisch ist es ja gar nicht. Am häufigsten beinhaltet ja gar nicht, dass mensch ständig "sündigt". Soweit meine vorbereiteten Ausreden.

Meine Antwort ist "Völlerei". In einem gar nicht mal so ironischen Scherz sage ich immer, dass ich viel Sport mache, damit ich jeden Lebensmittel-Schrott in mich reinwerfen kann. Ich bin einmal am Tag bei Rewe, wenn es die Zeit erlaubt. Nicht weil ich was brauche, sondern weil mich irgendwelche Heißhüngerchen piksen. Selten schaffe ich es, länger als drei Tage auf etwas zu verzichten. Von "Guilty Pleasure" bin ich dann immer schon lange weg, es bleibt nur noch "Guilty". Schon seit Jahren stehe ich in dem Ruf, dass ich ein "schwarzes Loch" wäre. Einige Freunde haben bei gemeinsamen Essen nicht von "Resten" gesprochen, sondern gefragt, ob ich das noch essen möchte.

Ich mochte. So ziemlich jedes Mal. Wenn ich es mal geschafft habe "Nein" zu sagen, waren das ziemlich Triumphe. Von kürzester Dauer. Aktuell versuche ich ja deutlich weniger Zucker in mich zu schütten. Schade, dass die Energy Drinks um den Zucker herum so gut schmecken.


Tobi sagt:
Foto: PAN Heftig Deftig
Nachdem ich nachgelesen habe, was die Kirche so alles als Todsünde ansieht, steht bei mir an Platz 1 ganz klar die Völlerei. Nicht ohne Grund trage ich diese Mischung aus Bierbauch und Schnitzelfriedhof vor mir her.
Wenn es schmeckt, esse ich gerne. Und dann auch gerne etwas mehr davon. Das habe ich wohl meiner Großmutter zu verdanken. Ich war damals nach der Schule häufig bei ihr zum Mittagessen.

Und wir kenne ja die lieben Omas, die einen fragen, ob man noch eine Portion möchte, während sie das fragen den Teller allerdings vollpacken und dann sagen: "Was auf dem Teller ist, wird aufgegessen, sonst gibt es morgen kein gutes Wetter". Und man will ja nicht, dass es regnet. Natürlich bin ich mir bewusst, dass man auch "nein" hätte sagen können aber bei guter Hausmannskost "vonne Omma", da ist das wahnsinnig schwierig.

Meinen Pizzalieferanten freut es vermutlich, dass ich so herrlich inkosequent bin und er mir jedes Mal wieder ein Lächeln ins Gesicht zaubert, wenn er mit einer Cheese- Crust- Pizza und Pizzabrötchen vor meiner Haustür steht.

Außerdem bin ich passionierter Biertrinker und probiere viel aus. Auch das sorgt dafür, dass bei mir zu Hause die Nadel der Waage heftigst eskaliert, wenn ich mich auf die Messapparatur stelle.

Hanna glaubt:
Hanna glaubt auf jeden Fall nicht so richtig an die Kirchenstorys... Todsünden also. Ich bin nicht so gut in katholisch und hab auch nur die Hälfte der Ahnung, die ich vielleicht haben müsste, um über dieses Thema urteilen zu können.

Aber das jeder von uns schonmal faul, geizig, gierig, geil, wütend, hochmütig oder gefräßig war, ist jetzt nicht die größte Neuigkeit. Teufel noch eins! Mensch müsste echt die Konsequenz des Todes besitzen, um niemals eine dieser Sünden zu begehen.

Ich empfinde das alles nicht mal als Sünde...

So bei Morden und Stehlen und Verletzen- da bin ich schon eher der Meinung, dass das  eher suboptimal ist und vermieden werden sollte. Diese Sünden haben es ja auch ins bürgerliche Gesetzbuch geschafft, scheinen also für die Allgemeinheit eher ungut zu sein.

Gier, Geiz und Hochmut ist tatsächlich nichts, womit man sich unbedingt Karmapunkte holt. Aber Wut ist eine Emotion, die durchaus menschlich ist, mensch sollte sich ja nicht alles gefallen lassen. Gefräßig ist glaube ich einfach die Steigerung eines Bedürfnisses: Hunger. Und den hat ja wohl jeder.

Und Sex (solange er freiwillig stattfindet) ist einfach nice.

Zumal ich den Gedanken der Kirche da ja auch irgendwie verstehen kann, man soll als guter Mensch durchs Leben gehen. Nur meiner Meinung nach heißt "gut" ja nicht gleich fehlerfrei oder: "Ich muss mich verdammt verstellen, damit ich jetzt nicht gleich sündige."

Und dann sind das auch noch Todsünden...Uiuiu, ich schätze dann hab ich echt verloren. Ich habe keine Strichliste geführt, es gibt auch keine Hanna-Statistik,daher kann ich nicht sagen, welche der 7 Sünden, ich jetzt am meisten begangen habe. Ich hab auch etwas die Übersicht des Ganzen zwischen Hunger- und Wutattacken verloren...

Großer Respekt, an die Menschen, die es tatsächlich schaffen, nach diesem Lebensentwurf umherzuwandeln. Aber ich gehöre nicht dazu. Ich war schon gierig, gefräßig, hochmütig, geil, faul und wütend. Teilweise gleichzeitig und ich kann auch alles zusammen. Aber ich bin ganz cool mit dem Bild des "nicht so ganz perfekten"- Menschens. Weil das macht ihn ja dann auch menschlich (und nicht göttlich?).

Mir ist auch irgendwie klar, dass die Sieben Sünden, von mir sehr runtergebrochen dargestellt werden, denn eigentlich ist das, was sich die Kirche da ausgedacht hat, sehr komplex.
Zusammengefasst: Lebt und glaubt alle, wie und was ihr wollt. Ich lebe nach meinem Muster und ich scheine anhand dieses Themas ganz schön doll sündig zu sein.

Aber das macht nicht so viel, weil es mir zeigt dass ich und alle anderen nicht so perfekt sind und Fehler machen und daraus lernen und "brabrabra"- den Text kennt man ja schon von mir- aber es ist auch einfach so.

Von daher noch ein Hanna-Klischee: Überraschung: Ein Zitat (Oh Wunder! Es passt.)
"Don't bless me father for what I have sinned."
The Pretty Reckless


Miriam sagt: 

Zu Beginn: Sünde war noch nie ein Begriff mit dem ich mich wirklich anfreunden konnte. Zumindest im religiösen Sinne. Betrachtet man Sünde als "schlechte" Handlung, stößt man direkt aufs nächste Problem. Kategorien wie gut oder schelcht sind mit Konnotationen aufgeladene, von Menschen gemachte Begriffe, deren Verständnis mitunter von Gesellschaft zu Gesellschaft, wenn nicht gar von Mensch zu Mensch variiert. 

Wenn es jetzt aber wirklich nur darum geht einen der oben genannten Begriffe in die Kategorie "häufigste" einzuordnen, dann passt wohl bei mir am ehesten die Wut. Ich kann ziemlich aufbrausend sein. Seit Jahren arbeite ich an meiner Wut, aber ab und an bricht sie dann doch hervor. Das meistens sehr laut nach Außen hin oder sehr vernichtend nach Innen. Deshalb ist sie auch eine dieser Charaktereigenschaften, die mir am meisten Angst machen. Meistens verletzt man erst andere damit und dann sich, weil man in der Reflexion erkennt, was man da eigentlich angerichtet hat. Manchmal auch andersherum oder nur sich. Und wenn man dann so richtig schön wütend auf sich selbst ist, dann ist man auch so richtig schön unzufrieden mit sich. Und das wiederrum macht einen unsicher. Und diese Unsicherheit versucht man dann ganz schnell loszuwerden, indem man andere andere anmeckert, agressiv mit ihnen kommuniziert und klein macht... Ein Teufelskreis also, dieses Ding mit der Wut. 

Aber Wut ist auch eine dieser Eigenschaften mit zwei Seiten. Sie kann uns auch dazu bewegen aufzustehen, für etwas einzustehen, für etwas zu kämpfen, gegen empfundene Ungerechtigkeiten vorzugehen. Wenn mich  steine-schmeißende Menschen zum Beispiel so richtig wütend machen, dann kann ich meine Wut nehmen und gegen sie einsetzen. Ich sollte dann nur nicht selbst zum nächstbesten Pflasterstein greifen, sondern meine Wut klug in Energie umwandeln. Also: Immer dann, wenn Wut kontrollierbar ist, dann kann sie Motor sein. Und dann komme ich sehr gut damit zurecht, wenn ich wütend bin. Egal wie häufig.

 
Jule sagt:
Sünden üben einen gewissen auf mich Reiz aus. Schon immer. Sie sind die kleine Verlockung des Verbotenen, die den eigenen Egoismus kitzeln. Und wenn ich so über die Frage nachdenke, hätte ich mir gerne eine Todsünde zugeordnet, die mir etwas Verwegenes verleiht, so wie Hochmut oder Wolllust. Wenn ich aber mal ganz aufrichtig in mich hinein höre, sitzt da aber etwas anderes.
Unabhängig ihres christlichen Ursprungs, definiere ich Todsünde als etwas Unheilbringendes und Unkontrollierbares. Mit meinem Stolz und Zuckerdurst kann ich umgehen. Genauso, wie ich es genieße, manchmal einfach faul im Bett rumzulümmeln und eine Serie zu bindge watchen (furchtbare Anglizismen sind zum Glück keine Todsünde...).

Was ich nicht kontrollieren kann und mein Verhalten immer wieder gerne beeinflusst, ist aber mein Jähzorn. Ich war schon als Kind unheimlich temperamentvoll mit einem Hang zum Überdramatisieren. Und wenn mir heutzutage manchmal etwas nicht so gelingt, wie ich es mir ausgemalt hatte, treibt mich das bis heute gerne mal zur Weißglut. Und dann das volle Programm. Wüstes Rumgefluche und Wuttränen. Diese Art der Sünde hat nichts Verlockendes. Nur ein Mädel, der die roten Haare zu Berge stehen und schimpfend durch ihre Wohnung wütet, weil sie mal wieder irgendwas sucht. Ein Klassiker. 
 
Lass der mal eben ihre 5 Minuten. Die beruhigt sich schon wieder und dann entschuldigt sie sich wahrscheinlich gleich.“ gehört mittlerweile zum Standartvokabular meiner engsten Freunde, die das zum Glück meistens mit Humor nehmen, auch wenn es mir selbst oft kurz danach die Schamröte ins Gesicht treibt. Meistens richtet sich diese Wut auch eher gegen mich selbst als gegen meine Nächsten, denn die sind mir heilig. Oder eben Gegenstände. Scheiß Autoschlüssel.
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"Gesprächsstoff" ist eigentlich eine so genannte Talkbox. Mit Fragen, die zum Gespräch anregen, weil sie nicht so aufgebraucht sind wie andere. Wir nutzen ein paar der Fragen des Basis-Sets, um unsere Gespräche hier im Blog anzuregen. Denn als Blogteam sind wir eigentlich in einer Kennenlernphase, wo es natürlich darum geht, herauszufinden, wer die anderen so sind. Aber wir wollen natürlich auch gerne mit euch sprechen und diskutieren, die Anreize nutzen und von euch neue Impulse bekommen. Also geht die Eingangsfrage natürlich auch an euch und wir freuen uns auf eure Kommentare.