Posts mit dem Label Miriam werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Miriam werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Das Menschen-Raster-Analyse-Ding

Miriam | 21.08.17 | | Kommentieren
Bahnfahren ist eine faszinierende Angelegenheit. Nach dem Schritt durch die Zugtür befindet man sich plötzlich auf engsten Raum mit Menschen, denen man wahrscheinlich nie außerhalb dieses Raums begegnet wäre. Man sitzt (oder steht) plötzlich Menschen gegenüber, von denen man absolut nichts weiß. Alter, Beruf, Familienstand, Leidenschaften, Ängste, Träume. Das alles ist unbekannt.
Das ist dann meistens der Moment, in dem in meinem Kopf mein Menschen-Raster-Analyse-Ding anfängt zu rattern und eben genau das zu tun, was der „Name“ schon sagt: Menschen in Raster sortieren und analysieren.

Der Typ der mir heute gegenübersaß zum Beispiel: Dunkelblauer Anzug, dazu passende gestreifte Krawatte, ein paar wenige graue Strähnen in seinen sonst dunkelbraunen Haaren, am Handgelenk eine silberne Armbanduhr, am Ringfinger der rechten Hand ein schlichter goldener Ring, auf dem Schoß eine laptopgroße Tasche, in der wahrscheinlich auch einer drin steckte.
Analyseprozess: Irgendein Manager- oder Banker-Typ der mittleren Gehaltsklasse, verheiratet und wahrscheinlich auch schon mindestens ein Kind, denn seine grauen Haare lassen darauf schließen, dass er irgendwo zwischen Anfang und Ende 30 steckt (jap, im Alter schätzen bin ich ausgesprochen schlecht) und der Ehering zeigt, dass er verheiratet ist. Wahrscheinlich kommt er gerade von der Arbeit und fährt zu seiner netten kleinen Familie, in sein Einfamilienhaus in einer ruhigen Vorstadtgegend, nicht zu weit von der Innenstadt entfernt aber doch in erreichbarer Distanz zu Bio-Bauernhöfen und Selbstpflück-Blumenwiesen. Analyse abgeschlossen.

Ihr seht schon - dieses „Spiel“ kann man ganz schön auf die Spitze treiben. Dieses „Spiel“ ist aber nichts anderes als simples Schubladendenken. Es ist nichts anderes als Vorurteile und Stereotype. Und am Ende steht meistens das Analyseergebnis: „Mit diesem Menschen habe ich nichts gemeinsam.“

Anfang des Jahres, da waberte ein Video quer durch das Internet. Grob gesagt zeigt es, dass man oft mehr gemeinsam hat, als man denkt. Aber seht es euch doch einmal selbst an:



Neben all den äußerlichen Unterschieden lassen sich doch auch (fast) immer Gemeinsamkeiten finden. Übertragen auf meine Bahn-Analyse bedeutet das folgendes:. Ich denke, dass ich mit dem Anzug-Typen nichts gemeinsam habe. Aber vielleicht mag er wie ich kein scharfes Essen, vielleicht hört er wie ich gerne „die Ärzte“ und vielleicht zweifelt er auch manchmal an sich selbst, so wie ich.

Vielleicht. Vielleicht aber auch nicht. Ich will der Aussage dieses Video nicht wiedersprechen. Gemeinsamkeiten sind wichtig. Sie sind die Grundlage dafür, dass man seine Vorurteile abbaut und sie können die Grundlage dafür sein, auf jemanden zuzugehen. Aber wisst ihr was - Unterschiede sind genauso wichtig. Wir Menschen müssen uns ergänzen. Nur dann sind wir dazu fähig etwas Großes zu erschaffen (für kleine Dinge gilt das übrigens genauso). Fortschritt funktioniert nicht, wenn alle gleich sind. Aufs Bahn-Beispiel bezogen heißt das - es ist gut, wenn der Typ und ich beide Liebhaber von Rock-Musik sind. Aber es ist genauso gut, dass er einen grünen Daumen hat und weiß, wie man Obst und Gemüse anbaut, während ich vielleicht ganz passabel kochen kann. Das ist jetzt echt ein sehr rudimentäres Beispiel. Aber um es zu Ende zu führen: Er baut das Gemüse an, ich koche daraus ein leckeres Mittagessen. Könnten wir beide Gemüse anbauen, aber niemand wüsste, wo der Herd angeht dann würden wir wahrscheinlich auf Dauer verhungern. Aber so können wir uns ergänzen und am Ende gemeinsam eine leckere Mahlzeiten essen, während im Hintergrund ein geiler Song von den Ärzten läuft zu dessen Takt wir beide einträchtig mit dem Kopf nicken.

Und ich freue mich schon auf meine nächste Bahnfahrt, in der mir ein fremder Mensch gegenübersitzt und in meinem Kopf mein Menschen-Raster-Analyse-Ding losrattert. Analyseergebnis: „Mit diesem Menschen habe ich nichts gemeinsam. Und das ist gut so.“

Prosa-Häppchen: Wir müssten echt mal miteinander reden

Wir stehen uns gegenüber. In der linken Hand die Bierflasche, in der rechten Hand die Zigarette. Es ist gut sich an etwas festhalten zu können, denn zwischen uns ist alles so wabrig wie der Rauch, der zwischen uns hängt. Die Luft ist angefüllt mit unausgesprochenen Worten. Und abgefüllt mit Stille. Ohrenbetäubender Stille.

Wir waren mal laut zusammen. Übertönten alles um uns herum. Hatten uns soviel zu sagen, dass kaum Zeit zum Atmen blieb. Geschweige denn zum Rauchen oder Trinken. Unsere Münder waren offen, genau wie unsere Herzen. Und unsere Herzen lagen uns auf der Zunge, sprechend und laut.
Wir müssten echt mal miteinander reden.

Ich habe Sätze im Kopf und Worte auf der Zunge, aber öffne den Mund nur, um an meiner Zigarette zu ziehen. Doch durch das bisschen Luft, das meinen Lungen dabei füllt, fühlt sich mein Herz auch nicht leichter an.
Wir müssten echt mal miteinander reden.

Du siehst mich an und deine Augen sprechen. Doch ich verstehe ihre Sprache nicht. Und dein Mund öffnet sich nur für den nächsten Schluck Bier. Doch davon verschwindet der Kloß im Hals auch nicht.
Wir müssten echt mal miteinander reden.

Uns trennen 30 Zentimeter Luft. Angefüllt mit unausgesprochenen Worten. Abgefüllt mit Schweigen. Wir waren mal laut zusammen. Übertönten alles um uns herum. Doch uns hörten wir zu. Hingen uns an den Lippen, lauschten auf jeden Schlag unserer redseligen Herzen.

Wir stehen uns gegenüber. In der linken Hand die Bierflasche, in der rechten Hand die Zigarette. Unsere Kippen werden zu Stummeln, in unseren Bierflaschen ist nur noch der letzte Schluck. Alles was bleibt ist die Stille.
Wir müssten echt mal miteinander reden.


Ob unterwegs auf dem Weg zur Arbeit, in der Raucherpause oder auf dem Klo. Unsere Häppchen sind kurze Texte für den kleinen Lese-Hunger zwischendurch - quasi das fast food unter unseren Blogtexten.