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Content machen ist schwer, oder? Warum eigentlich?

Jay Nightwind | 12.02.18 | / | 5 Kommentare

Als ich in unseren Blog schaue, merke auch ich, dass hier aktuell gar nicht mal so viel los ist. Klar, Daniels coole Kochrreihe läuft, aber daneben ist es still. Wir sind ein großes - ehrenamtliches - Team, einerseits kommt einem da ganz gerne das Leben in die Quere, andererseits sollte es aber doch auch möglich sein, was zu veröffentlichen. Was zu erzählen gibt es doch bestimmt, oder? Immerhin ist Leben live und wenn was live ist, wird schon irgendwas passieren. So sagen es meine Lieblingskanadier von LoadingReadyRun.

Wir leben in den vielleicht am besten dokumentierten Zeiten, nunja, aller Zeiten. Während wir heute unsere Vergangenheit rekonstruieren müssen, in dem wir uns durch die Erde buddeln und Speerspitzen suchen, um einer Vorgeschichte auf die Spur zu kommen, wird in sehr naher Zukunftdiese Arbeit eine Armee von Algorithmen machen, die sich durch das Internet buddeln und Content durchsuchen, um herauszufinden, was relevant ist. Ich finde nur ältere Zahlen dazu, aber sich anzuschauen, wieviel Inhalte in einer Stunde ins Netz geblasen werden, ist nicht nur erstaunlich, sondern wirkt fast schon wie ein Tumor.

So war es zum Beispiel Stand 2013, dass in einer Echtzeitstunde Videomaterial mit einer Gesamtspielzeit von drei Tagen bei Youtube hochgeladen wird. Innerhalb eines Tages in unserer analogen Welt, laden wir also 72 Tage digitale Videowelt ins Netz. Die Absurdität steigt mit jeder weiteren Umrechnungsstufe.
Dabei gleichzeitig nicht ganz uninteressant: Das Internet ist nicht auf der Welt gleich verteilt. Im Juni 2017 sagen die Zahlen, dass erst 51% der Weltbevölkerung das Internet verwenden. Mein Verständnis der Welt sagt mir: Die Dokumentation ändert sich, die Geschichte wird immer noch von den Gewinnern geschrieben. Den wirtschaftlichen Gewinnern. Das sind wir, die weißen Priviligierten in den Industrienationen. Wieviel von der Geschichte der Jetztzeit leider noch gar nicht dokumentiert wird, wissen wir ironischerweise nicht, weil es nicht dokumentiert wird.

Wenn jetzt also die Welt sich fleißig selbst hochlädt den ganzen Tag, weshalb zögern wir dann eigentlich? Eine gute Frage. Vielleicht genau deshalb. Wenn ich mit meinem Eimer Wasser am Fluss stehe, wundere ich mich natürlich auch, warum ich jetzt den Liter auch noch in den schon reißenden Strom schütten sollte? Am Ende ist es ja doch auch nur ein Liter von vielen. Er vermischt sich mit dem Gesamten und verschwindet. So fühlt sich der eigene Content manchmal an. Warum gegen die Tausenden Tweets, Postings, Clips und Texte antreten? Die Chance auf Innovation ist verschwindend gering.

Eigentlich ist das frustrierend. Da verstehe ich dann auch, dass wir uns gar nicht so recht bewegen und nicht unsere Pflichtabgabe pro Stunde ins Netz leisten. Frustration bremst. Wie soll ich mir denn meine Selbstwirksamkeit beweisen, wenn ich gar nicht weiß, ob mein Inhalt jemanden erreicht oder etwas tut. Das ist nämlich die andere Seite dieses Dokumentationsstroms: Wer soll das denn alles konsumieren? Es wird ganz einfach klar: Wenn wir 72 Stunden Material hochladen in einer Stunde, dauert es trotzdem 72 Stunden alles zu gucken.

In meiner Subjektiven Wahrnehmung hat sich die Aufnahme von Medien verändert. Früher waren es mehr Empfänger als Beiträge, heute gibt es mehr Content als Adressaten. Wie also reagieren? Medizinisch betrachtet, haben wir mediale Tumore geschaffen. Gewebe, welches über die vorhandenen Körper hinaus wuchert. Einige Medienprofis reagieren passend. Markus Freise, Medienmacher in Bielefeld, reagiert chirurgisch und schneidet Facebook und Twitter aus seinem Gewebe.

Ein Beitrag geteilt von Markus Freise (@markus.freise) am

Inhalte veröffentlicht er selbst übrigens täglich. In unterschiedlicher Frequenz, in unterschiedlicher Qualität. Er schüttet also selbst fleißig Wasser in den Strom. Ich würde nur sagen, er hat sich eine ganz konkrete Stelle am Fluss gesucht. Die, die zu ihm selbst passt. Ich würde nun aus der Distanz behaupten, dass er auch nur noch soviel Content zu sich nimmt, wie er auch aufnehmen kann und will. Er wird nicht "überflutet". Ganz im Gegenteil, er wirkt meiner Beobachtung nach die meiste Zeit recht inspiriert.

Vielleicht ist das Teil des Problems. Wenn unsere sinnlichen Eingänge so verstopft werden mit all diesen Impulsen, für die wir gar nicht mehr ausreichend Zeit haben sie zu verarbeiten, wie sollen wir dann noch etwas ausarbeiten und ausspeichern? Wieviel Content konsumiert ein Content Creator? Damals sind die Maler*Innen, Musiker*Innen und Poet*Innen spazieren gegangen, waren auf Reisen, sind in Gespräche gestürzt. Heute machen wir das alles auch, nehmen aber auch die gesamte rasante Kommunikation der Welt mit oben drauf.

Das wir diese Kommunikation haben, ist fantastisch. Wir schaffen den Rahmen, um uns allen näher zu sein. Technologisch nähern wir uns an, die Hürden in der Kommunikation werden von mal zu mal geringer. Vermutlich müssen wir nun auch mit der Technologie mitwachsen und lernen diese neue Masse an Impulsen zu verarbeiten. Und wenn wir Dinge verarbeiten wollen, werden wir oft kreativ produktiv. Ironisch: Die Flut der neuen Eindrücke könnte also aus einer Flut der neuen Eindrücke entstanden sein.

Vielleicht wünsche ich mir deshalb auch, dass wir selbst aktiver werden. Ich möchte wissen, wie meine Menschen damit zu recht kommen. Ich kann ja nicht alleine sein mit diesem Problem, also wie zum Teufel packen die anderen das? Scheitern sie auch manchmal am Angebot? Wie gehen sie mit der Lähmung um, selbst nichts mehr produzieren zu können? Wie sollen sie mir das beantworten, ohne selbst etwas erschaffen zu müssen?

Vielleicht ist die Antwort, wie so oft: "Machen." Vielleicht ist die moderne Antwort: "Nachhaltigkeit." Wie kann die in den Medien aussehen? Wie schaffen wir es genau so viel zu produzieren, dass es auch verbraucht werden kann? Und wenn mich all diese Fragen plagen, weshalb ist es mir dann doch so leicht gefallen, diesen Beitrag zu schreiben?

Weil ich ein Ventil öffnen wollte. Weil ich die Gedanken aus meinem Kopf abgeben wollte. Und das sollten wir uns dringend wieder trauen. Statt Sorge zu haben, dass wir gar nicht im Strom auffallen, sollten wir unseren Anteil einfach abgeben, gewähren lassen und abwarten, ob er eine Rolle spielt oder nicht. Eines leistet er in jedem Fall: Wir sind Teil einer der ausführlichsten Dokumentationen der Welt, die jemals bemüht wurde.


Immerath, der Preis für billigen Strom


Etwa 20 Minuten braucht man mit dem Auto von Mönchengladbach nach Immerath.
Immerath ist ein Stadtteil von Erkelenz im Rheinland. Besser gesagt, war ein Stadtteil von Erkelenz, denn seit 2006 hat sich hier einiges verändert. Kurz hinter Immerath befindet sich der Tagebau von Garzweiler II, einem riesigen Abbaugebiet von Braunkohle, das vor keinem Hindernis Halt macht.

15 Ortschaften wurden bereits von Bewohnern geräumt und weitestgehend dem Erdboden gleichgemacht, zwei sind aktuell kurz davor. Immerath gehört dazu. Noch leben hier vereinzelt Menschen, ein kleines Unternehmen findet sich noch vor Ort, ein Schafhirte ebenfalls.

Allerdings läuft man, wenn man dort ist, an unzähligen verbarrikadierten und verlassenen Häusern vorbei. Es ist ruhig in dieser Ortschaft. Man hört die Fahrzeuge auf der nahe gelegenen Autobahn A61 dröhnen, die Baumaschinen auf dem Dorfplatz und ab und zu fahren noch Autos durch den Ort.

Auf dem Friedhof von Immerath stehen noch ein paar Grabmäler aber der Großteil ist leer. Es ist zwar nur eine kleine Anlage aber man schaut in einige verwaiste Grabreihen, bei denen man erkennen kann, dass es schon länger her ist, dass jemand dort seine vermeintlich letzte Ruhe gefunden hatte.

Die Bewohner Immeraths wurden in andere Ortschaften umgesiedelt, es entstand auch ein neuer Stadtteil in Erkelenz. Immerath (neu) heißt das neue Gebiet, wo Menschen aus verschiedenen Dörfern nach der Umsiedelung eine neue Bleibe gefunden haben.


Ich war zwei Mal dort. Das erste Mal war Mitte 2017, das zweite Mal war Ende 2017. In dieser doch eigentlich recht kurzen Zeit hat sich so einiges getan. Mehrere Häuserreihen wurden abgerissen, weitere Straßen wurden abgesperrt und die Atmosphäre war noch bedrückender.

Und jetzt, Anfang 2018 geht es mit dem Abriss des Ortes weiter.

RWE hat nun, am 08.01.2018 trotz Protesten von Greenpeace und ehemaligen Anwohnern angefangen, den "Immerather Dom" abzureißen. Der vermeintliche Dom war die St. Lambertus- Kirche und verdankte diesen Spitznamen seiner enormen Größe.

Es war ein wirklich schönes Bauwerk mit zwei Türmen und einer großen Basilika. Bei der Einfahrt nach Immerath konnte man im linken Turm allerdings schon sehen, dass an den oberen Fenstern mehrere Steine fehlten.

Seit 2013 ist der "Dom" entwidmet und wurde an RWE übergeben, die diesem Bauwerk nun ein Ende setzt.

Lange wird es wohl nicht mehr dauern, bis der Rest von Immerath folgt und komplett verschwindet, bevor die Schaufelradbagger kommen.

Alles für die Braunkohle.


Kirche St. Lambertus ("Immerather Dom")
Brankohletagebau "Garzweiler II"



Nur 1 Euro

Miriam | 16.11.17 | / | 4 Kommentare
"Haben Sie vielleicht ein bisschen Kleingeld für mich?", fragt mich ein Mensch am
Hauptbahnhof. Ich krame mein Portemonnaie heraus und drücke ihm ein paar Centmünzen in die Hand. Er bedankt sich. Ich lächel. Er zieht weiter. "Haben Sie vielleicht ein bisschen Kleingeld für mich?" Viele sagen nein. Einige schütteln nur den Kopf. Andere nehmen nicht mal die Kopfhörer aus den Ohren.

Szenenwechsel. Ich werfe Nudeln in meinen Einkaufskorb. Es folgen Milch, Joghurt, Frischkäse. Meine Freudin fragt "Wie viel Geld steht dir im Monat für Essen zur Verfügung?" Ohne darüber nachzudenken antworte ich "Da setze ich mir keine Grenzen." 

Ich lebe im Wohlstand. Ich habe eine eigene Wohnung, in der sich ein völlig funktionstüchtiges Bad befindet. Und eine Heizung. Ich habe ein eigenes Zimmer mit einem eigenem Bett und einem Schrank voller Klamotten. Ich gehe einkaufen und achte kaum auf die Endsumme. Ich sortiere Centstücke aus meinem Portemonnaie aus, weil sie mir lästig sind. Ich esse täglich durchschnittlich drei Mahlzeiten, eine davon in der Regel warm. Ich lebe im Wohlstand. Ich weiß nicht, wie es sich anfühlt zu hungern oder keinen festen Schlafplatz zu haben. Ich weiß nicht, wie es sich anfühlt nicht zu wissen wie man sich das nächste Brötchen finanzieren soll. Oder wann. Ich lebe im Wohlstand. Und jeder, der mich fragt "Haben sie ein bisschen Kleingeld?", der tut das nicht. Deshalb kann ich ihm etwas von meinem Wohlstand abgeben. Ein Euro ist nicht viel Geld. Nicht für mich. Einen Euro abzugeben macht mich nicht deutlich ärmer. Er macht mein Gegenüber auch nicht deutlich reicher. Ein Euro ist nicht viel Geld. Aber mit einem Euro kann sich mein Gegenüber vielleicht schon ein Brötchen kaufen. Oder einen Kaffee.

Nach dem Armutsbericht gilt in Deutschland als arm, wer unter der Einkommensarmutsgrenze lebt. Das bedeutet, dass das Einkommen unter 60 Prozent des mittleren Einkommens liegt. Das mittlere Einkommen wiederrum ist ein Durchschnittswert aller Haushaltseinkommen unseres Landes: Alle Haushalte werden nach ihrem Einkommen der Reihe nach geordnet. Das in der Mitte liegende Einkommen bildet dann das mittlere Einkommen. 2015 gab es in Deutschland rund 12,9 Millionen Menschen, die unter der Einkommensarmutsgrenze lebten. Es ist klar, jedem kann ich nicht helfen. Oder?

Eine Redakteurin von jetzt.de, Charlotte Haunhorst, hat genau das einmal in einem "Experiment" ausprobiert. Ein Jahr lang gab sie jedem scheinbar Bedürftigen, dem sie begegnet ist, Geld. Dabei hat sie sich an einige selbst auferlegte Kriterien gehalten: Jede Person, die sie direkt passierte oder die sie ansprach, bekam mindestens 50 Cent. Obdachlos oder "nur bedürftig" war der Journalistin dabei unwichtig. Ob das Geld am Ende für einen Kaffee oder ein Bier ausgegeben wurde, spielte beim Spenden ebenfalls keine Rolle. 

Meine Entscheidung, wer Geld bekommt, hängt vor allen vom Inhalt meines Portemonnaies ab. Und vom Bauchgefühl. Klar ein bisschen Verstand ist auch dabei. Wenn mensch sagt "Ich brauche das Geld für die Notschlafstelle", dann ist das eine Lüge. Denn Notschlafstellen sind in der Regel kostenlos. Nur Zusatzdienstleistungen, wie zum Beispiel Zahnbürste, Spind oder Dusche kosten etwas. In Essen gibt es zum Beispiel eine Übernachtungsmöglichkeit in der Lichtstraße. Jugendliche bis 21 Jahren können außerdem in der Notschlafstelle Raum58 unterkommen. In Dortmund gibt es die Männernotschlafstelle in der Adlerstraße und die Frauennotschlafstelle der Diakonie in der Prinz-Friedrich-Karl-Straße. Auch in dieser Stadt gibt es für Jugendliche eine eigene Schlafstelle, das Sleep-In in Dortmund Körne. 

Ich stehe mit einer Freundin am Dortmunder Hauptbahnhof. Ein Mensch spricht uns an "Entschuldigung, habt ihr vielleicht etwas Geld für einen Kaffee?" Ich verneine: "Ich habe leider kein Kleingeld im Portemonnaie." Es fühlt sich nicht gut an, diesen Menschen wegzuschicken. Denn während ich nur 50 Meter weiter zum Bankautomaten gehen müsste, um eine  beliebige Summe abzuheben, von der ich entweder einen Kaffee oder ein Drei-Gänge-Menü kaufen könnte, muss dieser Mensch x-Mal völlig Fremde um Hilfe bitten, um am Ende einen Euro für einen Kaffee zusammen zu haben. Und wird dabei wahrscheinlich mehr Neins als Centmünzen kassieren. "Ist doch nur ein Euro", wird er sicher nicht denken, wenn er das Geld dann irgendwann zusammen hat. 

Bundeswehr aus Youtube abziehen!

Jay Nightwind | 01.11.17 | / | 4 Kommentare
Als Spotify mir die exklusiv produzierte Werbung hinrotzt, bekomme ich direkt erhöhten Puls. "Hör dir jetzt die Playlist zur neuen Bundeswehr-Webserie "Mali" an." Nicht nur, dass es mich überrascht, dass eine vor zwei Jahren begonnende Werbekampagne weiterläuft, trotz massiver inhaltlicher Verkürzungen, nein. Erst wurde Youtube mit "die Rekruten" belagert. Nach der Umwandlung in "Bundeswehr Exclusive" ging es mit "Mali" weiter.

Militärischer Ausdruck sehr beabsichtigt. Denn auch vor Videos, die ich mir anschaue, wird mir die Kampagne angepriesen. Auf Spotify zeigt sich, dass sie tatsächlich und wirklich einen eigenen originalen Soundtrack haben produzieren lassen. Eine Nähe zum modernen Hiphop und Charterfolgen ist mehr als gewollt, daran herrscht kein Zweifel. "Ähnliche Künstler: Kollegah, Kontra K, Ali As" die Zielgruppe definiert sich von alleine.

Spotify, Youtube, Facebook. Die Streitkräfte finden also Einzug in die sozialen Medien, sind aber plötzlich nicht mehr unbeholfende Regierungsorgane, sondern spielen groß auf. Die Youtube-Webserien sind entsprechend moderner Standards produziert, sollen in erzählerischen Abschnitten mit modernen schnellen Schnitten schmackhaft machen, die Bundeswehr als Arbeitgeber in Betracht zu ziehen.

Der Trailer für die neue Serie erinnert schon eher an Kinoproduktionen, als an eine Dokumentation des Auslandseinsatzes.



Was ist denn jetzt eigentlich der Aufreger? Warum bekomme ich denn Puls, wenn ich das sehe? Ich war doch selbst vor vielen Jahren bei den Streitkräften und bin kein Pazifist. Ich hatte sogar mal Reservistenstatus, hätte also einberufen werden können im Falle eines Falles. Weshalb stört mich jetzt also die Kampagne einer Einrichtung, die ich selbst gar nicht vollständig ablehne? Weil es eine Werbekampagne ist.

Werbekampagnen, die machen Unternehmen. Und Unternehmen, die verkaufen ein Produkt. Und Produkte, die verkauft mensch am besten durch Erfolge und gutes Marketing. Gutes Marketing, das heißt heute, Menschen und Lifestyle zu präsentieren. Daher werden - entgegen allen Maßgaben der Geheimhaltung - zum Beispiel die sympathischen acht Berufssoldat*Innen in den Fokus gestellt und in Einzelprofilen vorgestellt. Weil wir sie als Identifikationsflächen brauchen. Denn so bringen wir einen Teil des Produktes an den Menschen: Die Bundeswehr als Arbeitgeber attraktiv machen.

Zeitsprung:
Politischer Bildungsunterricht in meiner Grundausbildungseinheit, irgendwann 2004. Ein Hauptfeldwebel fragt uns, was denn wohl der Grund ist, weshalb wir eine Wehrpflicht haben? Eine verdammt gute Frage, wie ich finde, denn zum einen wirkt Krieg mit unseren Nachbarn auf mich abwegig und Krieg anderswo unterstützen/verteidigen als moralisch falsch.

"Weil alle eine Armee haben?"
"Weil wir sonst Opfer einer Invasion werden?"
"Weil wir von der NATO gezwungen werden das Staatenbündnis mit zu verteidigen?"
"Weil es Arbeitsplätze schafft?"
"Weil wir im Kalten Krieg eine Verteidigungslinie für den Westen sein mussten?"

Mit den Antworten unserer Ausbildungsgruppe war der Ausbilder wirklich nicht zufrieden. Seine Erklärung verblüffte mich zuerst. Sinngemäß sah sie so aus:
Die Bundeswehr wird mit Pflichtdienstleistenden aufgefüllt, da sie eine Armee einer Demokratie ist. Wir brauchen den Bürger an der Waffe, den Zivilisten in Uniform. Damit die Streitkräfte einer dauerhaften lebhaften Überprüfung durch Menschen aus der Gesellschaft ausgesetzt sind. Diese Überprüfung sichert, dass die Streitkräfte transparent bleiben. Dass nicht verborgen werden kann, was innerhalb der Streitkräfte passiert.

Passend. Ein paar Monate bevor wir in die Grundausbildung kamen, hatten sich die Ereignisse in Coesfeld zugetragen. Rekrut*Innen wurden von Ausbilder*Innen misshandelt und diese Nachricht hatte den schnellen Weg in die Öffentlichkeit gefunden. Gemessen an der Aussage unseres Hauptfeldwebels wirkte mir die Transparenz im Fall Coesfeld gegeben. Es gab eine intensive Untersuchung, Befragungen und eine strenge Beschäftigung mit den Vorfällen. Als ich nach zwei Jahren die Bundeswehr wieder verlassen hatte, wurden die Ereignisse von Coesfeld noch bis 2010 vor einem zivilien Gericht verhandelt und zum Messgrad dessen, wie innerhalb der Bundeswehr gearbeitet wurde.

Der Verlust, den die Bundeswehr dadurch erfahren hat, dass keine Pflichtdienstleistenden mehr dort dienen, zeigt sich darin, was die Bundeswehr nun ist: Ein Unternehmen. Wurden Ausbildende und Vorgesetzte vorher auch durch die Untergebenen kontrolliert, da diese keiner "beruflichen" Bindung zur Truppe folgten, gibt es jetzt nur noch Angestellte. Die Position von Angestellten wird in Deutschland natürlich auch sehr stark geschützt, aber eine vermindertes Bewusstsein und eine höhere Kontrolle der Bundeswehr darüber, was über sie bekannt wird, bringt sie moralisch in eine neue Situation. Dazu hat die Bundeswehr jetzt möglicherweise neue Interessen, einfach, da eine Berufsarmee anders arbeiten muss. Was die Interessen sind, welche natürlich auch politisch geprägt sind, bleibt dabei unklar. Auch, weil kein Bürger in Uniform mehr auf die Finger der Berufssoldaten schaut.

Wenn ich die Aussetzung der Wehrpflicht wie sie durchgeführt wurde bewerten müsste, würde ich von einem Fehler sprechen. Die Bundeswehr wird zu einer Firma, einem Betrieb und in Zeiten von Globalisierung und Lobbyismus, sehe ich das als große Gefahr an. Krieg darf kein Geschäft werden, die Bundeswehr keine wirtschaftlichen Interessen verfolgen. Beobachtungsgemäß wirkt sich das oft schlecht auf die "Menschlichkeit" aus, was im militärischen Umfeld meist eh schon knifflig ist.

Jetzt bewirbt die Bundeswehr fantastische Held*Innen, die vor Mali auch "deine" Freiheit verteidigen. Sie vermarkten Musik auf Spotify, drehen Filme und steigen darin ein, wie andere Werbestrategen einen Lifestyle zu vermarkten. Ich möchte das nicht. Bundeswehr ist kein Lebensstil und auch nicht erstrebenswert. Die Bundeswehr verliert an Menschlichkeit, weil die Diversität in den Reihen der Dienenden abnimmt. Die Bundeswehr sollte den Bürgern dienen und durch die Bürger kontrolliert werden. Bundeswehr ist ein Übel der aktuellen politischen Situation, das wir leider noch nicht überwunden haben. 

Gespenster besiegen

Jay Nightwind | 27.09.17 | / | 2 Kommentare
Liebes Rudel,
in den sozialen Medien wird die Wahl nachbereitet. Es wird vom "armen Deutschland" gesprochen, es wird auf die AfD gezeigt. Das Wiederkehren historisch überholter Verhältnisse. Jede/r Achte hat die AfD gewählt. Die unverzeihbare Schuld der sich die Nicht-Wähler und jede/r Achte schuldig gemacht haben. Auch meine Heimatstadt hat mich enttäuscht, die Zahlen entsprachen nicht der Realität, die ich hier jeden Tag auf der Straße sehe.

Ich habe keine Angst vor Gespenstern. Ich habe keine Angst vor Gespenstern. Und ich habe schon gar keine Angst vor der AfD.

Ein Wahlprogramm, der Wahlkampf, die Nachrichten, das sind eine Menge Worte. Viele viele Hülsen, die erst dann ihr Wirkung zeigen, wenn sie unterfüttert werden. Bisher haben sie nur gesagt was sie fordern, aber was hat die AfD getan? Die Worte sind riesig und furchteinflößend. Wir verwenden drastische dramatische Worte um diese Partei zu beschreiben.

Von Oliver Kahn habe ich gelernt, sich keine Gespenster zu schaffen. Denn Gespenster sind unwirkliche Wesen. Er hat diese These auf einfachere Situationen bezogen, hat aber beschrieben, wie wir manchmal dazu neigen, Ereignissen Superlative und Überspitzungen zu geben, die in ihrer Wortbedeutung von Menschen nicht mehr zu besiegen sind. Wir sprechen von Monstern, von Fluten und weiteren Extremen und fühlen uns ohnmächtig.

Die AfD ist keine unmögliche Wiederauferstehung verstorbener Nazis und ihres Staates. Und bei alle ihren mächtigen Worten, beim Ausnutzen des Status als Monstrum und einer Gespenster-Rhetorik, so hat die Partei selbst bisher sehr wenig real gehandelt. Das werden sie jetzt tun müssen. Sie werden im Bundestag keine mythischen Dinge tun können. Sie werden Anträge stellen, Abstimmen, in Arbeitskreisen sitzen. Und das ist fern von jeder überirdischen Sache.

Ich habe keine Angst vor der AfD, weil sie jetzt handeln müssen. Und das kann ich auch. Daher kann ich jedem Schritt den diese Partei tut etwas entgegen setzen. Ich bin nicht machtlos. Ich habe keine Wahl verloren, als die Ergebnisse bekannt gegeben wurden. Ich kann mich in Parteien engagieren, in Jugendverbänden, Volksentscheide bemühen, Unterschriften sammeln, demonstrieren, Menschen helfen, Häuser bauen, bei Umzügen helfen, Wohnungen suchen, mich vor Menschen stellen, denen Gewalt angetan werden soll. Außerdem kann ich Gebäude besetzen, Sitzblockaden machen und mit aktiven Handlungen etwas leisten, dass unsere Gesellschaft etwas besser wird.

Ich brauche keine toll zusammengestellte Regierung, um in einem guten Land zu leben. Ich brauche gute Menschen. Und gute Menschen sind welche, die gut handeln. Was sie dabei reden ist mir nicht egal, aber wird immer gemessen sein an dem, was sie tun. Und ich bin mir sicher, dass die Energie einer Mehrheit die sich um gutes Handeln bemüht größer ist, als das Feuer in den Worten einer Minderheit.

Die AfD ist kein Gespenst, sie ist ein Kontrahent. Anstatt uns ohnmächtig gegenüber Gedanken, Optionen, Szenarien und einer Mythologie zu sehen, möchte ich gegen jede Handlung eine andere Handlung setzen. Das können wir. Wir sind fähig. Wir können moralisch gut und politisch handeln und unseren Alltag gestalten, auch wenn eine Partei zu viele Sitze im Parlament hat.

Mein Wunsch ist, dass ihr eure Energie nehmt und euch etwas vornehmt, wie ihr der AfD entgegen steht. Handlungen besiegen jede fragwürdige Aussage an jedem Tag.

Jetzt ist eh zu spät

Der Hartmann | 25.09.17 | / | Kommentieren
Es ist der 24. September 2017.
Der Tag der Bundestagswahl und es flimmern die ersten Hochrechnungen und Prognosen über die Bildschirme.
Platz 1 und 2 sind geschenkt, das war schon vor der Wahl klar. Angela Merkel kriegt noch einmal vier Jahre als Bundesmutti und Martin Schulz geht mit Pauken und Trompeten unter.
Doch dann kam das, was Viele befürchtet haben: Die AfD als drittstärkste Kraft.

Vorne weg: Ich finde das alles andere als gut und hätte mir sogar lieber Fußpilz auf den dritten Platz gewünscht, da die AfD eine Partei ist, die genau entgegen meiner Prinzipien arbeitet:
Als Kritik getarnter Fremdenhass, ein fehlender Gemeinschaftssinn, fehlende Toleranz, widerlicher Populismus und auf billigen Klischees und Vorurteilen basierendes rechtes Gedankengut.
Mir wird schon beim Gedanken an die AfD schlecht, von ihren ekelhaften Wahlslogans, die nun zu lange das Straßenbild prägten, mal abgesehen.

Auf Facebook schreiben nun viele AfD- Gegner, dass jetzt die beste Zeit zum Auswandern wäre, was selbstredend nicht allzu ernst gemeint ist.
Aber dennoch wäre das der genau falsche Weg.

Zunächst, das Ergebnis war alles andere als überraschend. In einer Welt, die immer brauner wird, in der Donald Trump die Führungsorange der USA geworden ist, in der Viktor Orbán mit seinem Antiflüchtlingsdenken der EU auf der Nase rumtanzt oder eine Front National in Frankreich so grade eben scheitert (wohlgemerkt im 2. Durchgang), ist es nicht verwunderlich, dass auch die braunen Hetzer in Deutschland derart absahnen bei der Wahl.

So unpopulär ich mich jetzt vielleicht mache, aber ich glaube, dass wir uns das teilweise selbst zuzuschreiben haben. Als die AfD damals gegründet wurde, ist sie belächelt worden, hat aber immer mehr Zuspruch gefunden. Der kleine Mann hat sich verstanden gefühlt, die Finanzhilfen für Griechenland waren einigen Mitbürgern schon länger ein Dorn im Auge.
Man hat allerdings, so war mein Empfinden jedenfalls, nie wirklich versucht, einen lösungsorientierten Dialog zu führen, sondern es immer nur wegzureden versucht und die Leute als Spinner abgetan. Man hat sie schlichtweg nicht ernst genommen.
Dass daraus Frust und noch mehr Wut entsteht, war eine logische Konsequenz. Und das hat die AfD sich zu nutzen gemacht und ist mit großem Gefolge nach rechts abgedriftet.
Die immer größer werdende Unzufriedenheit hat die AfD instrumentalisiert und die Menschen in ihrem Glauben bestärkt, dass sie ungerecht behandelt werden, die Flüchtlingskrise hat ihr Übriges getan. Auch daraus hat die Partei Kapital geschlagen und ihre blaubraune Soße in die Köpfe der Menschen gekippt, sodass plötzlich viele glaubten, ihnen würde was fehlen und die Schuldigen wären die Geflüchteten.
Wir wissen alle, dass das Mumpitz ist und es den Leuten unter anderem wegen einer schlechten Politik an Dingen wie einer vernünftigen Rente oder anderer staatlicher Unterstützung fehlt.
Daran sind allerdings nicht die Flüchtlinge schuld, sondern so manche Partei, denen wir Dinge wie die schwarze Null, Hartz IV oder das Kaputtmachen der umlagefinanzierten Rente zu verdanken haben. Auch die immer größer werdende Kluft zwischen arm und reich und die immer größer werdende Armut in diesem Land, sind nicht den Flüchtlingen in die Schuhe zu schieben. Das läuft an ganz anderen Stellen schief.

Doch all das liegt in der Vergangenheit. Die Wahl ist gelaufen und es ist zu spät. Der rechte Keim, der bei Vielen im Kopf verbuddelt war, keimt jetzt auf.
Allerdings sind wir jetzt gefragt, dass wir den Schaden so gering wie möglich halten.
Wir müssen die Fahne der Toleranz so hoch halten, wie wir können und dem rechten Pöbel zeigen, dass sie nur ein kleiner Teil des Volkes sind und dass wir für uns selber sprechen. Dass unsere Stimme lauter ist! Dass wir rechtes Gedanken"gut" weder hinnehmen, noch akzeptieren.
Wir müssen zusammenhalten und uns nicht auf widerwärtige AfD-Rhetorik einlassen, die Gauland, von Storch und wie die nicht alle heißen von sich geben (und sich hinterher wieder von distanzieren). Wir müssen zeigen, dass Fremdenhass hier in Deutschland keinen Platz hat. Auch nicht im Osten, wo es No-Go-Areas für Menschen mit Migrationshintergrund gibt. Wo Menschen wegen ihrer Herkunft beleidigt oder auf die Intensivstation geprügelt werden
Wir dürfen weder wegschauen, noch weghören, wenn Nazis und "besorgte Bürger" gegen Asylsuchende oder Menschen mit Migrationshintergrund pöbeln oder sie sogar angreifen.
Denn wir in Deutschland leben von Multikulturalismus. Hass hat in diesem Land schon zu viel Schaden angerichtet und das darf sich nicht mal ansatzweise wiederholen.

Also tut mir einen Gefallen: Steht auf und zeigt dem Hass, dass wir uns von ihm nicht unterkriegen lassen und immer für unsere Prinzipien der Freiheit, der Demokratie und der Weltoffenheit einstehen!
Hass gehört nicht zu Deutschland!


Die Kleinigkeiten im Alltag

Jay Nightwind | 13.02.17 | / | 4 Kommentare

Es gibt immer eine kleine Verzögerung, bis der Ring grün leuchtet. Im Rahmen kleinerer Ticks habe ich mal die Sekunden gezählt, aber nachdem keine Regelmäßigkeit aufkam, bewahrheitete sich die ruhrgebietische Merkregel: "Is fettich, wenn fettich is." Wenn der kleine grüne Ring nicht leuchtet, dann ist die Tür der S-Bahn noch nicht so weit. Da hilft auch kein früheres Drücken, keine Ungeduld, kein Zählen von Sekunden. Es ist eine manchmal ein kleineres Ärgernis, häufig wie ein Spiel, bei dem es darum geht so früh wie möglich nach dem zufälligen Zeitpunkt den Knopf zu drücken, der die Tür dann freigibt.

Ein Spiel, dass daran krankt, dass mensch häufig eh nicht schnell aus der Bahn kommt, weil sich hinter den Türen des Buses, der Straßenbahn oder des Zuges nochmals Türen befinden, die aus anderen Personen bestehen. Merkregeln wie "Erst Austeigen lassen, dann einsteigen.", haben sich überholt. Der Weg des geringstens Widerstandes verliert seinen Stellenwert. Das ist ein kleineres Ärgernis, aber da komm ich mit klar. Als Mensch der gerne beobachtet - eine beliebte Berufskrankheit bei Kreativen - habe ich mich gefragt, warum die Menschen schon vor der Tür stehen. Eine vollständig unwissenschaftliche Studie:

Ich befinde mich in der S-Bahn, stehe vor der Tür. Da ich am nächsten daran bin und wir jeden Moment zum Stehen kommen, habe ich schon meinen Finger auf dem Knopf. Auf dem Bahnsteig stehen viele Menschen, als die S-Bahn ihr Fahrt verlangsamt, orientieren sie sich zu den Türen. Die S-Bahn steht, das grüne Licht leuchtet nicht. Durch die Scheibe in der Tür sehe ich die Leute, einer der Passagiere auf der anderen Seite registriert mich. Er steht außerhalb, schaut mich an und drückt den Knopf. Der grüne Ring leuchtet nicht.

Dann erwische ich mich immer dabei, dass ich diese unangenehme Arroganz zeige. Diese, bei der mensch vorraussetzt, die anderen wären dumm. Aber ich schaffe es nicht, den Gedanken in diesen Momenten zu überbrücken. Nicht nur, dass die Personen außerhalb einen nicht aktiven Knopf drücken und sich dann wundern, dass nichts passiert, es ist ja auch so, dass es oft so wirkt, als trauten die Leute einem nicht zu, den Knopf selbst zu drücken. Was dann besonders ironisch ist, macht mensch sich bewußt, dass ich mich ja bereits in der Bahn befinde. Ich bin nicht an den Türen gescheitert, das Konzept eines Knopfes hat nicht meine Fantasie überstiegen. Sehr wohl aber die Fantasie derer, die vor der Bahn stehen. Die können sich nämlich nicht vorstellen, dass ich es auch schaffen kann die Bahn wieder zu verlassen. Besonders schön daran: Wollen sie in die Bahn rein, müssen ich und die anderen sie auch erstmal verlassen.

Es ist genau dieser lächerliche Kleinkram, der uns dann wütend macht, weil wir dem selben Szenario mit hoher Frequenz ausgesetzt werden, aber keinen Fortschritt, keine Veränderung sehen. So ist es zumindest bei mir. Besonders schlimm ist auch, dass mensch ja genau weiß, dass in den wenigen Sekunden Kontakt am Bahnhof auch keinen Lehrauftrag erfüllt bekommt. Manchmal überlege ich, wenn die Menschen vor der Tür stehen und mir den Ausgang blockieren, drinnen auch stehen zu bleiben, bis sie Draussen merken dass sie zur Seite müssen.

Es ist diese Arroganz, zu glauben zu wissen, dass wir es besser können und die anderen belehren müssten. Dies Arroganz, wissen zu können, was die anderen gerade motiviert. Warum setze ich denn eigentlich vorraus, dass nicht darußen auch das Spiel gespielt wird, den Knopf so schnell wie möglich zu drücken, wenn er aktiv wird? Es sind solche Kleinigkeiten im Alltag, die uns aufzeigen, dass wir uns eigentlich gerade über uns selbst ärgern. Über die Unveränderlichkeit von Dingen, dass wir eigentlich gerne Kontrolle über andere hätten, weil wir nicht offen genug sind, sie einfach zu akzeptieren. Weil wir glauben, dass sie unseren Zielen im Weg stehen. So ist es zwar für einen Moment, für unser Gefühl, aber am Ende schaffe ich es doch jedes Mal auszusteigen. Noch nie hat mir jemand erzählt, dass er/sie stundenlang weiterfahren musste, weil ja die Leute am Bahnsteig ihn/sie blockierten. Es wirkt wie der Wunsch nach dem Weg des geringsten Widerstandes, bei dem wir aber vergessen, das andere diesen Widerstand anders wahrnehmen.

Mich zieht es zurück aufs Dorf

Jay Nightwind | 08.01.17 | / | Kommentieren
Facebook ist für mich eine Stadt. Lebensraum und Geschäftsfläche sind zusammengeschoben, keiner weiß mehr was zu erst da war. Vielleicht ging es erst darum den Leuten einen interessanten Wohnort im Internet zu schaffen, eine Kommune die es uns erlaubt nicht nur in unseren Kreisen zu bleiben, sondern auch neue Menschen zu entdecken. Ein Schmelztiegel. Wann immer aber viele Menschen aufeinander treffen, triggert das den Kapitalismus, der natürlich auch von Menschen gemacht wird. Die kommen in so einen Schmelztiegel und denken sich: Wenn jetzt alle über meine Produkte reden würden, dann wäre das schon toll. Zum Glück hat Facebook die Strukturen so angelegt, dass sich Produkt gut und heimlich einbinden lassen und zwar durch die Menschen selbst. Wenn mensch diesen Prozess gedanklich überträgt, betreibt Facebook harte Urbanisierung und liefert die Gentrifikation gleich mit.

Nur das hier nicht Bewohner aus ihren Objekten gedrängt werden, weil ihre Mieten durch das attraktivere Umfeld erhöht werden, sondern Kommunikationswillige aus ihren Kommunikation gedrängt werden. Denn die Filterblase bevorzugt die, welche viele Likes haben (sprich viel Laufkundschaft) und noch mehr die, welche Geld investieren, um die vielen Werbeflächen zu kaufen. Die Lösung wenn unsere Kommunikation wirkungslos scheint, kommunizieren wir mehr, lauter und aggressiver bis wir endlich wahrgenommen werden. Wer in seine Facebook-Erfahrungen guckt, findet hier sicher Beispieler für solches Kommunikationsverhalten.

Ein Problem: Wann ist die Kommunikation erfolgreich? Wann ist ein Like auf ein Posting zufriedenstellend? Mehr geht ja immer, mehr Likes, mehr Teilen. Und dann bekommt Facebook die negativen Symptome einer Stadt: Es ist zu voll, zu laut, die viele Werbung und aus unserer Sicht reden alle über irrelevanten Schwachsinn, weil unser Kopf sich gerade um etwas anderes dreht. Wir bekommen Wahrnehmungsfehler, die uns zu Superlativen führen:
"Alle sind Rassisten. Alle reden nur über Trump. Niemand redet über Obdachlose. Deutschland ist verloren. Das Internet ist voller Hass."  - die verkürzte Wahrnehmung
Wir beginnen die Stadt mit der Welt zu verwechseln, wir beginnen einen Ort des Internets mit dem ganzen Netz zu verwechseln. Leider macht aber die Filterblase auch, dass wir in Konkurrenz zu einander stehen. Da unsere Pinnwand nämlich zwischen privatem Fenster und Schaubude schwankt, stehen wir in Konkurenz. Die Erfolge der anderen werden uns als Beispiele angeführt, die uns interessieren sollen. Daraus leiten wir regeln ab. Die anderen Mädels bekommen viele Klicks für ein Duckface vorm Spiegel? Um zu überbieten, provoziere ich mit weniger Kleidung. Die anderen Jungs bekommen viele Likes für krasse Ansagen und Streiche? Ich provoziere, in dem ich gesellschaftliche Regeln überschreite. Und die nächsten die gelten wollen, müssen dann diese Anläufe wieder überbieten. Eine ganz klassische Eskalations-Spirale. Nicht unüblich in einem städtischen Umfeld.

Je ohnmächtiger du dich in deinem Wirken fühlst, desto radikaler musst du in deinem Wirken werden, um Aufmerksamkeit zu generieren. Auch ohne Internet schon lange beobachtbar. Bahn-Surfen als prominentes Beispiel angeführt. Witzigerweise schaffen es einige Formen des radikalen Prozesses sich dann wieder einzugliedern und werden in der Mitte der Gesellschaft dann sogar zu Kultur. Siehe: Graffiti als Beispiel für urbane Kultur.

In Sachen Internet, komme ich vom Dorf. Ich habe mich im Netz herum getrieben, als die Infrastrukturen noch anders aussahen, als noch nicht so viele unterwegs waren und bin selber ein Bewohner geworden, als das Bloggen aufkam. Bloggen ist Dorfleben. Durch die Expansion der Städte wurde das nocht deutlicher. Während in der Stadt alle Inhalte zu dir kommen, ist es im Blog anders. Du bearbeitest dein Stück Boden und die Leute müssen den Weg zu dir finden.

Einige von uns leben dabei so, dass sie eigentlich ganz gut von ihrem eigenen Kram leben können. Content-Autark könnte mensch sagen. Früher kam mensch einfach mit anderen der gleichen Branche zusammen (Koch-Blog, Reise-Blog, DIY-Blog etc.) und irgendwie fand ein Austausch statt, der sich dann auch auf den eigenen Bereich ausgewirkt hat. Aber die Eskalation ist entschleunigt. Gehe ich nämlich nicht raus, sehe ich all die anderen nicht, die das Gleiche tun wie ich. Die Filterblase lebt in der Stadt.

Ein Problem: Da alle in der Stadt sind, ist es auf dem Land schwer geworden, sich wirksam zu fühlen. Auch auf dem Land gibt es Klicks und Kommentare, aber wie soll ich diese bekommen, wenn keiner mehr da ist. Von den Blogger*Innen, mit denen ich begonnen habe, ist niemand mehr aktiv dabei. Einige haben ganz aufgehört, andere sind in eine der vielen Städte gezogen.

Weder die Stadt, noch das Dorf machen dabei etwas besser. Sie machen es nur anders. Es ist eine Frage der Haltung und nicht einer Richtigkeit. Wer sich aber über die Stadt beschwert, dabei aber ihrem Trott folgt und ihre Internet-Gentrifikation füttert, sollte sich die Alternativen anschauen.

Mich zieht es zurück aufs Dorf. Denn ich merke, wie ich Inhalte, die ich sonst nachhaltig anlegen würde, in kurzen Postings auf Facebook verbrenne, dabei aber das Gefühl habe, am Ende nichts getan zu haben. Das Dorf lässt sich ja benutzen wie die Stadt. Es müssen nicht alle Beiträge lang, ausführlich, mit Bildern und Videos und all diesem Pipapo sein. Warum platziere ich etwas als Status auf Facebook, aber nicht als Beitrag im Blog? Mir fällt da auch kein guter Grund ein. Liebe Dörfler, es sind moderne Zeiten, wir müssen hier auf nichts verzichten. Liebe Städter, wenn es rund gehen muss, dann sind Facebook und Snapchat und so weiter die richtigen Orte für uns. Am wichtigsten ist aber, sich zu fragen, was mensch sich gerade vom Internet wünscht, anstatt es zu verteufeln.