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Warumwolf

Jay Nightwind | 06.10.17 | | Kommentieren
Der Wolf wohnt jetzt hier. Auf meinem Oberschenkel in schwarzer Tinte scharf gestochen.

"Warum ein Wolf?", fragte mich eine Füchsin.

Weil ich einer bin. Ich habe es selbst erst spät verstanden. Wölfe haben Rudel. Sie sind ihre Familie, ihr Rückhalt, ihre Aufgabe.

Wölfe sind Ermöglicher. Der Leitwolf steht dem Rudel vorne an, nicht, weil er der Mächtigste ist, sondern weil er Erfahrungen hat und bereit ist, andere zu unterrichten. So lehrt er die Jungtiere im Spiel den Kampf, die Jagd, die Regeln des Rudels und ermöglicht sie. Er ermöglicht es, dass sie älter werden und selbst dann im Rudel die neuen Jungtiere unterrichten. Dann, wenn sie alt genug sind, gehen sie und machen ihre eigenen Rudel auf. Der Leitwolf wird nicht abgelöst, nicht bekämpft. Wer bereit ist, löst sich und lehrt selbst, was gelernt wurde. Die Jungtiere wachsen heran, neue Jungtiere kommen nach. 

Der Drang ein Leitwolf zu sein, war schon immer da. Aber ich war jung. Jung im Kopf. Ich dachte es ginge darum, die Macht bei sich zu sammeln. Aber es ging darum, die Macht zu vermehren. Und das geschieht dann, wenn Menschen ermöglicht werden. Vollständige Macht bedeutet, uneingeschränkt handeln zu können. Also muss anwachsende Macht bedeuten, dass wir selbst immer mehr Möglichkeiten bekommen.

Ich habe selbst von Wölfen gelernt. In Jugendverbänden, in Cliquen, in der Schule, in meinen Jobs.
Wölfe, welche eine feine Nase für Potentiale hatten. Sie ahnten und glaubten daran, dass ich Dinge erreichen konnte. Sie glaubten daran, dass jede*r Dinge erreichen konnte. Mit der richtigen Unterstützung. Mit Überzeugung. Mit Leidenschaft.

Beim Lehren, so dachte ich, ginge es ums Wissen. Ich dachte, es würde ausreichen. Es hieß ja auch, "Wissen ist Macht". Ich verstand damals nicht, dass es einen Unterschied machte, Menschen das Ergebnis zu sagen oder mit ihnen zu lernen, wie sie es selbst finden konnten. In einem Wald, in einer Welt, die sich immer verändert, wie sollte die immer gleiche Lösung da immer auf die gleiche Art gefunden werden können?

Der Drang Leitwolf zu werden war da, als ich es wurde, bemerkte ich es kaum. Ich sah nicht, dass andere zu mir aufsahen, merkte nicht, dass ich jetzt ein Impulsgeber war. In den Bereichen, in denen ich aktiv war, hatte ich nie selbst das Gefühl "fertig" zu sein, alles zu wissen, alle nötigen Fertigkeiten zu haben. Das gehörte aber dazu. So sind Wölfe. Wölfe bleiben hungrig. Ich hatte nicht gelernt satt zu sein, sondern wie ich satt werden kann. Ich habe das Lernen gelernt.

Eine Mitschülerin in der Berufsschule sagt es im Scherz. "Du bist Leitwolf." Der Satz verließ diesen Kontext und betrat jeden in meinem Leben. Ich habe nicht den Anspruch ein Anführer zu sein, aber ich möchte Menschen ermöglichen. Ich möchte im Spiel Impulse anbieten und im Ernstfall mit ihnen gemeinsam jagen. Es reizt mich nicht, bestimmen zu können, wie andere handeln. Es reizt mich, wenn meine Techniken in neuen Händen zu anderen Ergebnissen führen. Zu neuen Techniken werden. 

Die Füchsin war mit der Antwort zufrieden. Sie war flink und neugierig mit der Frage, forderte mich damit etwas heraus. Ich festigte meinen Standpunkt, war entschlossener als noch davor. Ich bin dankbar für die Frage, weshalb ich mir einen Wolf tättoowieren lassen wollte.

Besonders dankbar bin ich Deno vom Signed and Sealed Tattoo Parlour in Reklinghausen. Er ist der Ermöglicher für meine Entscheidung, ist der Gestalter des Emblems eines Teils meiner Seele, den ich für immer auf der Haut tragen werde. Mit Stolz und Sicherheit. Denn ich brauche nicht verstecken, was ich bin. Ich bin ein Wolf. Mit Rudel.

HowToSlam: Verbessern II - Körper

Jay Nightwind | 04.10.17 | / / | Kommentieren
Willkommen zurück bei "HowToSlam" und der guten Frage, was kann ich denn eigentlich verbessern? Hier ein paar Vorschläge.

Körper I - Realitäten:
Direkt als erstes: Es geht nie darum, einem Schönheitsideal zu entsprechen, sondern immer darum, sich mit sich selbst wohlzufühlen. Das kommt in bestem Fall nicht dadurch, dass mensch sich einem Schema, Ideal der Gesellschaft oder Lookism beugt, sondern sich mächtig fühlt. Mächtig steht hier im Gegensatz zu "Ohnmacht" und nicht als die Anzeige repressiver körperlicher Optionen.
Der Körper ist deshalb eine Sache, mit der wir uns aktiv auseinander setzen können, weil wir ihn auf der Bühne und im Text immer dabei haben. Der Fleischklumpen ist nunmal Hülle unserer Seele, ohne geht es nicht. Unser Körper beinhaltet Wahrheiten, wenn wir ihn betrachten. Fakten, die wir nicht verstecken können, die jeder Mensch, der uns betrachtet, sofort sieht. Auf der Bühne spielen diese Fakten (leider) auch in die Wahrnehmung dessen, was die Zuschauer*Innen von uns mitbekommen. Wenn wir diese Fakten über uns bewusst haben, gewinnen wir Macht und Kontrolle über uns, können Fakten unseres Körpers zur Verstärkung unserer Argumente im Text nutzen.
Im Bild: Fatima Talalini, Quelle: Weststadtstory
Ein Beispiel:
Fatima Talalini sagt in ihrem Text "Aufs Maul, Terrorist", dass sie mit 1,62m Körpergröße sich nicht traut Putin zu schlagen. Alle Menschen im Raum können das sehen und bewerten, dass sie im Verhältnis zum russischen Staatschef klein ist. Dadurch stehen Aussage und Sichtbares im Verhältnis zueinander. Die zusätzliche Ebene verleiht zusätzliches Gewicht in der Aussage.

Sich mit den Realitäten seines Körpers zu beschäftigen setzt dringend neutrale Beobachtung vorraus. Es geht nicht darum, sich zu bewerten, sein Aussehen in einen Vergleich zu stellen, sondern Merkmale aufzutun, die beweisbar sind. "Ich bin blond, habe Locken, bin 1,74m groß und wiege 72 Kilo." ist beweisbar. "Ich habe schöne Haare und bin zu dick.", liegt in der Bewertung des Betrachters und ist nicht definitiv beweisbar. Versucht euch euch bewusst zu machen und schaut, ob es euch in der Erzählung eurer Texte nutzt.

Körper II - Optionen:
Wegen der erwähnten gesellschaftlichen Bewertungskackscheiße ist es oft wirklich knifflig, sich in seinem Körper wohlzufühlen. Häufig werden wir auf Formen und Merkmale trainiert, die eine Attraktivität erfüllen, die eine Gruppe mal irgendwann so definiert hat. Wichtige Sache: Auch trotz statistischem Mittelwert was attraktiv ist, gibt es keine objektive Attraktivität. Ich zum Beispiel mag Narben und Tattoos an Menschen, würde aber vermuten, dass es durchaus Leute gibt, die hier schon widersprechen würden.

Was aber messbar und erfassbar ist, sind die Dinge, die wir mit unserem Körper können. Ein Bereich, der auch für Slam interessant sein kann. Es geht dabei nicht mal um spektakuläre Stunts für die Bühne, sondern ein Bewusstsein dessen, was alles möglich ist. Und wenn wir feststellen, dass etwas, das wir können wollen, nicht möglich ist, können wir Impulse und Ideen suchen, wie wir es lernen können.

Um zu erfassen, welche Optionen zur Verfügung stehen, kann es sich in einem ersten Schritt lohnen "Verben" zu sammeln. Das gute an Verben ist, dass sie ebenfalls frei von Wertungen sind. Die Frage zur Orientierung lautet: "Was kann ich mit meinem Körper auf der Bühne machen?" Diese Verben können gerne als Liste gesammelt werden. Das könnte dann so aussehen: "Ich kann rennen, springen, hüpfen, sitzen, stehen, liegen, hocken, knien, trotten, tanzen, schreien, brüllen, flüstern, dabben, stampfen und noch so vieles mehr." Diese Liste kann gerne offen angelegt werden, denn immer mal wieder lernt mensch etwas dazu und verbreitert sein Können. Und es geht dabei um den gesamten Körper. Dazu gehören natürlich auch die stimmgebenden Bauteile unseres Körpers, die mensch sich gerne bewusst machen kann.

In einem zweiten Schritt können wir jetzt auf unsere Texte schauen und uns fragen "Welches der Verben kann ich wie mit dem Text verbinden?" Ganz pragmatisch kann mensch Liste und Text nebeneinander legen und sich anschauen, ob es eine Stelle gibt, die sich inhaltlich unterstreichen lässt, wenn eine bestimmte Handlung hinzugenommen wird. Unterstreichen kann dabei auch dadurch entstehen, dass ein Bruch bemüht wird. Da ist es wichtig zu überlegen, was bei Zuschauer*Innen passieren soll. Es ist auch nicht für jeden Text sinnvoll, unbedingt viele eigene Handlungen und Bewegungen zu verbauen. Hier kann und darf experimentiert werden.

Solltet ihr euch bei einigen der Handlungen nicht sicher fühlen, hilft es manchmal einfach zu üben. Gleichgewicht, Ausdauer, Kraft, Lungenvolumen, Stimme, Tempo und so weiter, sind Eigenschaften, die durch Übung und Training verbessert werden können. Dabei ist es gerade nicht meine Empfehlung unbedingt Sport zu machen, trotzdem aber der Verbesserung dieser Eigenschaften etwas Zeit im Alltag zu zu schreiben.

Übrigens: Wenn ihr später mal viel auf Tour seid, in Zügen & Fernbussen sitzt, häufig Slams moderiert und auch sonst bei der "Arbeit" hauptsächlich steht und sitzt, seid ihr für ein paar Übungen zur Ent- und Belastung des Rückens ganz dankbar. Es kann nicht schaden, sie früh ins Repertoire zu nehmen. Auch Übungen die den Körper aktivieren und erlauben Zug- und/oder Backstage-Trägheit vor dem Auftritt abzulegen können sehr sehr nützlich sein, um vor einem intensiven Auftritt in Wallung zu geraten.

Gespenster besiegen

Jay Nightwind | 27.09.17 | / | 2 Kommentare
Liebes Rudel,
in den sozialen Medien wird die Wahl nachbereitet. Es wird vom "armen Deutschland" gesprochen, es wird auf die AfD gezeigt. Das Wiederkehren historisch überholter Verhältnisse. Jede/r Achte hat die AfD gewählt. Die unverzeihbare Schuld der sich die Nicht-Wähler und jede/r Achte schuldig gemacht haben. Auch meine Heimatstadt hat mich enttäuscht, die Zahlen entsprachen nicht der Realität, die ich hier jeden Tag auf der Straße sehe.

Ich habe keine Angst vor Gespenstern. Ich habe keine Angst vor Gespenstern. Und ich habe schon gar keine Angst vor der AfD.

Ein Wahlprogramm, der Wahlkampf, die Nachrichten, das sind eine Menge Worte. Viele viele Hülsen, die erst dann ihr Wirkung zeigen, wenn sie unterfüttert werden. Bisher haben sie nur gesagt was sie fordern, aber was hat die AfD getan? Die Worte sind riesig und furchteinflößend. Wir verwenden drastische dramatische Worte um diese Partei zu beschreiben.

Von Oliver Kahn habe ich gelernt, sich keine Gespenster zu schaffen. Denn Gespenster sind unwirkliche Wesen. Er hat diese These auf einfachere Situationen bezogen, hat aber beschrieben, wie wir manchmal dazu neigen, Ereignissen Superlative und Überspitzungen zu geben, die in ihrer Wortbedeutung von Menschen nicht mehr zu besiegen sind. Wir sprechen von Monstern, von Fluten und weiteren Extremen und fühlen uns ohnmächtig.

Die AfD ist keine unmögliche Wiederauferstehung verstorbener Nazis und ihres Staates. Und bei alle ihren mächtigen Worten, beim Ausnutzen des Status als Monstrum und einer Gespenster-Rhetorik, so hat die Partei selbst bisher sehr wenig real gehandelt. Das werden sie jetzt tun müssen. Sie werden im Bundestag keine mythischen Dinge tun können. Sie werden Anträge stellen, Abstimmen, in Arbeitskreisen sitzen. Und das ist fern von jeder überirdischen Sache.

Ich habe keine Angst vor der AfD, weil sie jetzt handeln müssen. Und das kann ich auch. Daher kann ich jedem Schritt den diese Partei tut etwas entgegen setzen. Ich bin nicht machtlos. Ich habe keine Wahl verloren, als die Ergebnisse bekannt gegeben wurden. Ich kann mich in Parteien engagieren, in Jugendverbänden, Volksentscheide bemühen, Unterschriften sammeln, demonstrieren, Menschen helfen, Häuser bauen, bei Umzügen helfen, Wohnungen suchen, mich vor Menschen stellen, denen Gewalt angetan werden soll. Außerdem kann ich Gebäude besetzen, Sitzblockaden machen und mit aktiven Handlungen etwas leisten, dass unsere Gesellschaft etwas besser wird.

Ich brauche keine toll zusammengestellte Regierung, um in einem guten Land zu leben. Ich brauche gute Menschen. Und gute Menschen sind welche, die gut handeln. Was sie dabei reden ist mir nicht egal, aber wird immer gemessen sein an dem, was sie tun. Und ich bin mir sicher, dass die Energie einer Mehrheit die sich um gutes Handeln bemüht größer ist, als das Feuer in den Worten einer Minderheit.

Die AfD ist kein Gespenst, sie ist ein Kontrahent. Anstatt uns ohnmächtig gegenüber Gedanken, Optionen, Szenarien und einer Mythologie zu sehen, möchte ich gegen jede Handlung eine andere Handlung setzen. Das können wir. Wir sind fähig. Wir können moralisch gut und politisch handeln und unseren Alltag gestalten, auch wenn eine Partei zu viele Sitze im Parlament hat.

Mein Wunsch ist, dass ihr eure Energie nehmt und euch etwas vornehmt, wie ihr der AfD entgegen steht. Handlungen besiegen jede fragwürdige Aussage an jedem Tag.

Häppchen: Dumm und duselig

Jay Nightwind | 21.09.17 | / | 3 Kommentare
"Da ist ein Fehler in der Überschrift. Es heißt dumm und dusselig."
"Bist du dir sicher? Irgendwie fühlte sich duselig richtiger an."
"Ja, ist es aber nicht. Dusselig mit nur einem s klingt dumm."
"Na na. Wart mal ab. Duselig würde doch bedeuten, dass einem schwindelig ist. Und ich finde, sich zu freuen, so dass man dumm und schwindelig ist, ergibt doch Sinn."
"Ne. Wenn jemand Dusel hat, dann hatte er Glück."
"Na, das ist doch noch besser! Ich freue mich dumm und glücklich"
"Das würde aber nicht glücklich heißen, sondern, dass jemand Glück hatte."
"Und dusselig ist jetzt besser?"
"Nee, aber richtig."
"Wer dusselig ist, ist doch sehr ungeschickt!"
"Ja, so heißt es nun mal. Habe ich mir ja nicht ausgedacht."
"Ich freue mich nicht nur weniger klug, sondern auch noch ungeschickt. Dann ist es ja eigentlich gar keine schöne Aussage?"
"Nee, irgendwie nicht."
"Dann ändere ich die Überschrift."
"In was?"
"Dumm und dusselig macht keinen Sinn."
"Da ist ein Fehler in der Überschrift. Es heißt Sinn ergeben."
"Bist du dir sicher?" 

Podcast: Slam in NRW #009

Miriam | 12.09.17 | / / / / | Kommentieren
Das ist er wieder – unser (un)regelmäßiger Podcast Slam in NRW. Dieses Mal sogar mit thematischem Schwerpunkt, nämlich dem U20iger Bereich. Wir* waren unterwegs irgendwo am Bahnhof in Dinslaken und in Essen auf der Premiere des neuen U20 Slams „Zwanni“. Rede und Antwort gestanden haben uns dieses Mal Zwergriese, Hanna, Malte Küppers, Manuel Busse, Miedya Mahmod und ein paar Zuschauer.



*Dieses Mal wirklich wir, nämlich meine Wenigkeit, Miriam und der Urheber dieser Podcast-Reihe, Jay Nightwind. Und wir, dass könntest auch du sein! Wenn du auf Slams in NRW unterwegs bist und Lust hast Teil unseres Podcasts zu werden, dann interview Zuschauer*Innen, Slammer*Innen, Veranstalter*Innen. Schick uns deine Aufnahmen als Audiodatei (Mp3!) an Nachtwindteam at gmail punkt com. Wir bauen, wenn es passt, deine Beiträge dann mit ein. Natürlich unter Nennung deines Namens und den ganzen üblichen Ehrerbietungen.

How to Slam - Verbessern

Jay Nightwind | 06.09.17 | / / | Kommentieren
Im Bild: Micha-El Goehre Foto: Weststadtstory
Ich bin ein Fanatiker fürs Verbessern und Lernen. In meiner Welt ist es das geilste, wenn mensch am Ende des Tages eine Sache neu oder besser kann als vorher. Mit Selbstoptimierung liegt mensch ja auch voll im Trend.

Als Poetry Slammer*Innen machen wir Kunst. Und da meine ich nicht diesen gesellschaftlich aufgblasenen Begriff, sondern gehe vom ursprünglichen Begriff aus. Im lateinischen und alt-griechischem hatten ars und technea überhaupt nichts damit zu tun, wie die Erzeugnisse von einem Publikum aufgenommen werden.

Es geht um das Erlernen und Anwenden von Methoden, Techniken und dem meistern von Formen. Und die Formen im Slam sind vielschichtig. Denn einen sehr guten Text zu schreiben reicht unter Umständen nicht. An welchen Schrauben kann ich also drehen? Was kann ich verbessern? Ein Anfang einer Sammlung:

Schreibstil
ist die falsche Überschrift. Der Schreibstil ist eine sehr individuelle Entwicklungsaufgabe, kein Teilabschnitt. Es ist vom Stamm bis zur Krone das Ergebnis unserer Erfahrungen, Ideen, Entscheidungen und Fertigkeiten. Die Fertigkeiten, die können wir aktiv verbessern, in dem wir sie erweitern. Hier geht es um Techniken, die wir uns aneignen. Dafür können Schreibübungen ein guter Startpunkt sein. 

Ich mag dabei Übungen, die mich vor überraschende Aufgaben stellen. Zum Beispiel Methoden, bei denen sich über den Zufall generiert, worüber oder wie geschrieben wird. Diese Schreibübungen helfen auch dabei, eine Einstellung im Kopf zu schärfen, dass "kreativ sein" von einem zufälligen Moment eher zu einer gezielten Aktivität geführt werden kann.

Auch das Erlernen bestimmter Formen und Techniken hilft bei der Weiterentwicklung. Schnell ist gesagt "Ich kann keine Lyrik schreiben", was oft daraus resultiert, dass die Form die mensch wählt, nicht zu den Ergebnissen führt, die mensch erreichen will. Ein üben und arbeiten mit der Form ist aber sinnvoll. Auch ein Handwerker braucht nicht immer alle Werkzeuge gleichzeitig, es ist aber für ihn sinnvoll, wenn er alle Werkzeuge und ihre Funktion kennt. Daher: Lieber eine Technik immer mal wieder anwenden, auch wenn sie nicht perfekt gemeistert ist, als sie gar nicht erst zur Verfügung zu haben.

Ebenfalls um seinen Schreibstil zu verbessern kann es sinnvoll sein, sich die Erzeugnisse anderer Künstler*Innen anzuschauen. Damit dabei aber nicht der Respekt vor der anderen Leistung einen selbst bremst und einschüchtert, kann es sinnvoll sein, eines intensiv zu üben:

Beobachten
Im Alltag beobachten wir ständig. Das liegt daran, dass wir immer passiv wahrnehmen. Die Sinneseindrücke und Reize kommen, ob wir wollen oder nicht. Eine nächste Stufe ist das aktive Wahrnehmen. Klare Sache: Wir nutzen um unsere Sinne, um gezielt etwas zu erfassen.

Egal ob passiv oder aktiv, reflexmäßig greifen unsere persönlichen Filter, welche die Beobachtungen in der Aufnahme verändern. Wenn wir jetzt zum Beispiel andere Slammer*Innen bei ihren Vorträgen beobachten, bewerten wir nach unseren eigenen Kriterien die Leistungen. Dass diese Kriterien sehr subjektiv sind merkt mensch spätestens dann, wenn wir mit der Wertung auf einer Jury-Tafel für das gerade gehörte nicht übereinstimmen. Der Filter triggert.

Eine subjektive Wahrnehmung ist schon nicht schlecht, aber wir wollen uns ja verbessern bzw. etwas lernen. Dabei können unsere Filter hinderlich sein. Wir könnten uns mit dem Gesehenden vergleichen und dabei so schlecht wegkommen, dass wir frustriert sind. Oder aber zum Ergebnis kommen, dass wir das auf jeden Fall besser können. Mit dem Ergebnis lernen wir aber nichts dazu. Wir sollten uns also eventuell vom Filter trennen. Wie kann das funktionieren?

Ein leichter Einstieg ist es, eine beliebige Situation zu beobachten. Alles was wir sehen, notieren wir in chronologischer Reihenfolge. Es wird leichter, wenn wir eine konkrete Situation herauspicken, statt einer ganzen Straße in der Innenstadt lieber eine einzelne Person, ein Gespräch, einen Kaufvorgang etc. Wenn wir fertig sind, nehmen wir unsere Notizen und untersuchen sie darauf, was bewerten ist und streichen es. Dadurch sollten nur konrete Handlungen übrig bleiben.

Was nutzt uns das für den Slam? Wenn wir uns Auftritte von Slammer*Innen angucken, können wir aus den konkreten Handlungen ableiten, was wir vielleicht lernen wollen. Aus "hat sehr geil den Text gelesen", was wir nicht einfach nachstellen können, wird dann "hat das Sprechtempo laufend erhöht". Wir können viel genauer erfassen, was die eigentlich Technik ist. Je mehr wir das Beobachten einüben, desto mehr Informationen können wir gewinnen. Nicht nur aus der Beobachtung von Slam-Performances, sondern auch aus anderen Kunstformen.


Das sind zwei Bereiche in denen mensch sich beim Poetry Slam verbessern kann. Es gibt noch unzählige weitere, in die wir im Rahmen von "How to Slam" immer wieder reinschauen werden. Was sind die Bereiche, in denen ihr euch verbessern wollt? Habt ihr schon Strategien? Wie sehen diese aus?

Ich bin müde

Jay Nightwind | 01.09.17 | / | 8 Kommentare
Ich bin müde.

Ich bin so müde.

Es ist nicht mal die Welt, es sind die kleinen Dinge, die mich müde machen. Geschirr spülen, Wäsche waschen, Rechnungen bezahlen, einkaufen gehen, nach dem Sendersuchlauf am Fernseher die Stationen wieder richtig sortieren. Einen Plan haben müssen, sich an den Plan halten, überrascht werden, den Plan verändern, nach dem Wunschdurchlauf nach der Schule die eigenen Ideale wieder richtig sortieren. Von Menschen erzogen werden, Freunde und Freundinnen finden, Menschen müde werden sehen und wissen, dass sie nie wieder...

Miep Miep Miep Miep Miep Miep Miep Miep!
Aufstehen! Die Zeit von gestern ist vorbei. Und du hast geschlafen, also musst du raus aus den Federn. Es ist ein neuer Tag, mit neuen Rätseln! Zum Beispiel diese:

Wenn wir Menschen im Supermarkt vorlassen in der Schlange, weil sie nur eine Teil haben, würden wir auch Fünf Personen vorlassen, wenn sie "ja nur ein Teil haben"?

Wenn wir nach dem Duschen sauber sind, warum müssen wir unsere Handtücher nach dem Abtrocknen dann in die Wäsche tun?

Warum sind wir abends zum Einschlafen nie so müde, wie morgens wenn wir aufstehen sollen? Warum gibt es einen Wecker, aber kein Gerät, das uns einschlafen lässt?

Wenn wir ein frischbezogenes Bett nicht verlassen, bleibt das gute Gefühl der Wäsche dann für immer?

Wenn die Welt uns so müde macht, woher wissen wir, dass unsere Träume nicht das echte Leben sind?

"Oh. Ich hatte ein schreckliches Alpleben. Ich musste die ganze Woche von Sieben bis Sechzehn Uhr arbeiten und hab immer die gleichen Sachen gemacht. Und so ging das Monate lang. Das Schlimmste war aber, was dann kam. Ich musste....Ich....Ich traue mich kaum es auszusprechen....Eine Steuererklärung machen. Boah. Ich war so müde. Zum Glück bin ich dann eingeschlafen."

In meinen Träumen bin ich nie müde. Da geht alles. Da bin ich ein berühmter Schauspieler, der mit seinem Schlafplatz verheiratet ist. Weil es geht. Wir sind Bett Pitt und Penngelina Jolie. Und in meinem Träumen, da lachen alle über diesen Scherz. Und in meinen Träumen, da ist das Geschirr gespült, die Rechnungen bezahlt, und die Sender im Fernseher. Hmmmm. Ich sage es euch, die sind sortiert. Und wie die sortiert sind. Es ist ein Traum.

Es ist ein Traum.

Und dann werde ich wach. Ich bin wach. Ich stehe auf. Ich sortiere meine Ideale, die Fernsehsender, das Geschirr nach Grad der Verschmutzung und erkenne, dass ich nie müde war. Sondern hungrig. Hungrig nach Träumen, nach dieser anderen Welt in meinem Herzen, die so schüchtern und sensibel ist, dass sie nur im Schlaf mit mir spricht. Nach dieser Welt, die nicht unerreichbar ist, sondern der Wert hinter dem Gleichheitszeichen. Die Welt, die rauskommt, wenn ich diese hier nehme, aufstehe und sie so sortiere, dass alles möglich wird. Sogar eine Welt, in der ich keine Steuererklärung machen muss.

Miep Miep Miep Miep Miep Miep Miep Miep!
Aufstehen! Die Zeit von gestern ist vorbei. Es ist ein neuer Tag, mit neuen Rätseln. Und Rätsel, die sind immer für Aufgeweckte.

Gesprächsstoff #004 - Wir sind Sünder

"Welche der sieben Todsünden begehst du am häufigsten?"

Zur Erinnerung, im Angebot sind:
Hochmut, Habgier, Wolllust, Wut, Völlerei, Neid und Faulheit (Quelle: Wikipedia.org)


Malte sagt:

Mittlerweile ist meine größte Todsünde wohl die Trägheit. Ich kann ohne Probleme mehrere Stunden nichts tun, habe keinerlei Probleme damit, Sachen aufzuschieben, bis es wirklich nicht mehr weiter geht. Unterstützt wird das Ganze natürlich dadurch, dass ich einer von vielen bin, der das so handhabt. Würde mein Umfeld mehr darauf achten und mir Druck machen, dass ich Sachen zeitnah und weit vor Ablauf einer Deadline beende, wäre meine Trägheit wohl nicht so ausgeprägt. Die Frage ist nur, ob ich das möchte. Ich fühle mich mit einem Faultier als Patronus schließlich auch ganz wohl und habe im Gegensatz zu Menschen, die vielleicht mehr in kürzerer Zeit schaffen, deutlich weniger Stress. Damit einhergehend lebe ich wahrscheinlich auch länger, damit gleicht sich dann alles wieder aus. Die Zeit, die ich jetzt einspare, wird einfach hinten angehängt, so dass ich dann mit 120 tiefenentspannt meinen Doktor mache.

Die Füchse unter euch haben bemerkt, dass ich meinen Beitrag mit dem Wörtchen "mittlerweile" eingeleitet habe. Das bedeutet natürlich, dass mal eine andere Sünde den dominanten Part inne hatte. Als Kind war ich nämlich ein ziemlich jähzorniger Drecksack. Wenn mir etwas nicht gepasst hat, dann habe ich gerne mal so lange gebrüllt, geschrien und um mich getreten, bis ich keine Luft mehr dafür übrig hatte. Meine Schwester erzählt heute noch gerne, wie ich damals als zehnjähriger Junge in der fünften Klasse völlig ausgeflippt bin, weil meine Mutter mir sagte, dass ich in der Grundschule noch keine Geometrie gemacht habe. Das habe ich etwas anders gesehen. Also habe ich mit Geodreieck und Lineal um mich geworfen, meine Schulsachen vom Tisch gefegt und den Raum schreiend verlassen. Ich war ein richtig sympathischer Bursche, wie mir scheint.
Natürlich kann ich mich wohl von keiner der Todsünden gänzlich freisprechen, dunkle Momente hat jeder von uns, aber die Schwerpunkte waren immer klar gesetzt. Und mittlerweile finde ich das auch völlig okay so.


Jay sagt:
Die Frage hat mich ein wenig irritiert. Ich bin kein besonders christlicher Mensch und ganz ehrlich gesagt habe ich eine Gegenfrage: Sind das heute noch die Todsünden? Das Buch aus dem der Kram stammt ist verflucht alt, heute haben wir doch neue fatale Fehlverhalten, denen wir Menschen anheim fallen.

Zum anderen klingt es in der Frage so, als würde mensch dieser Todsünde unentwegt nachgehen. Hätte ich also "Wolllust" genommen, würden doch alle denken, dass ich nur Hosen besitze, falls ich an der Tür mal ein Paket annehmen muss. Aber so drastisch ist es ja gar nicht. Am häufigsten beinhaltet ja gar nicht, dass mensch ständig "sündigt". Soweit meine vorbereiteten Ausreden.

Meine Antwort ist "Völlerei". In einem gar nicht mal so ironischen Scherz sage ich immer, dass ich viel Sport mache, damit ich jeden Lebensmittel-Schrott in mich reinwerfen kann. Ich bin einmal am Tag bei Rewe, wenn es die Zeit erlaubt. Nicht weil ich was brauche, sondern weil mich irgendwelche Heißhüngerchen piksen. Selten schaffe ich es, länger als drei Tage auf etwas zu verzichten. Von "Guilty Pleasure" bin ich dann immer schon lange weg, es bleibt nur noch "Guilty". Schon seit Jahren stehe ich in dem Ruf, dass ich ein "schwarzes Loch" wäre. Einige Freunde haben bei gemeinsamen Essen nicht von "Resten" gesprochen, sondern gefragt, ob ich das noch essen möchte.

Ich mochte. So ziemlich jedes Mal. Wenn ich es mal geschafft habe "Nein" zu sagen, waren das ziemlich Triumphe. Von kürzester Dauer. Aktuell versuche ich ja deutlich weniger Zucker in mich zu schütten. Schade, dass die Energy Drinks um den Zucker herum so gut schmecken.


Tobi sagt:
Foto: PAN Heftig Deftig
Nachdem ich nachgelesen habe, was die Kirche so alles als Todsünde ansieht, steht bei mir an Platz 1 ganz klar die Völlerei. Nicht ohne Grund trage ich diese Mischung aus Bierbauch und Schnitzelfriedhof vor mir her.
Wenn es schmeckt, esse ich gerne. Und dann auch gerne etwas mehr davon. Das habe ich wohl meiner Großmutter zu verdanken. Ich war damals nach der Schule häufig bei ihr zum Mittagessen.

Und wir kenne ja die lieben Omas, die einen fragen, ob man noch eine Portion möchte, während sie das fragen den Teller allerdings vollpacken und dann sagen: "Was auf dem Teller ist, wird aufgegessen, sonst gibt es morgen kein gutes Wetter". Und man will ja nicht, dass es regnet. Natürlich bin ich mir bewusst, dass man auch "nein" hätte sagen können aber bei guter Hausmannskost "vonne Omma", da ist das wahnsinnig schwierig.

Meinen Pizzalieferanten freut es vermutlich, dass ich so herrlich inkosequent bin und er mir jedes Mal wieder ein Lächeln ins Gesicht zaubert, wenn er mit einer Cheese- Crust- Pizza und Pizzabrötchen vor meiner Haustür steht.

Außerdem bin ich passionierter Biertrinker und probiere viel aus. Auch das sorgt dafür, dass bei mir zu Hause die Nadel der Waage heftigst eskaliert, wenn ich mich auf die Messapparatur stelle.

Hanna glaubt:
Hanna glaubt auf jeden Fall nicht so richtig an die Kirchenstorys... Todsünden also. Ich bin nicht so gut in katholisch und hab auch nur die Hälfte der Ahnung, die ich vielleicht haben müsste, um über dieses Thema urteilen zu können.

Aber das jeder von uns schonmal faul, geizig, gierig, geil, wütend, hochmütig oder gefräßig war, ist jetzt nicht die größte Neuigkeit. Teufel noch eins! Mensch müsste echt die Konsequenz des Todes besitzen, um niemals eine dieser Sünden zu begehen.

Ich empfinde das alles nicht mal als Sünde...

So bei Morden und Stehlen und Verletzen- da bin ich schon eher der Meinung, dass das  eher suboptimal ist und vermieden werden sollte. Diese Sünden haben es ja auch ins bürgerliche Gesetzbuch geschafft, scheinen also für die Allgemeinheit eher ungut zu sein.

Gier, Geiz und Hochmut ist tatsächlich nichts, womit man sich unbedingt Karmapunkte holt. Aber Wut ist eine Emotion, die durchaus menschlich ist, mensch sollte sich ja nicht alles gefallen lassen. Gefräßig ist glaube ich einfach die Steigerung eines Bedürfnisses: Hunger. Und den hat ja wohl jeder.

Und Sex (solange er freiwillig stattfindet) ist einfach nice.

Zumal ich den Gedanken der Kirche da ja auch irgendwie verstehen kann, man soll als guter Mensch durchs Leben gehen. Nur meiner Meinung nach heißt "gut" ja nicht gleich fehlerfrei oder: "Ich muss mich verdammt verstellen, damit ich jetzt nicht gleich sündige."

Und dann sind das auch noch Todsünden...Uiuiu, ich schätze dann hab ich echt verloren. Ich habe keine Strichliste geführt, es gibt auch keine Hanna-Statistik,daher kann ich nicht sagen, welche der 7 Sünden, ich jetzt am meisten begangen habe. Ich hab auch etwas die Übersicht des Ganzen zwischen Hunger- und Wutattacken verloren...

Großer Respekt, an die Menschen, die es tatsächlich schaffen, nach diesem Lebensentwurf umherzuwandeln. Aber ich gehöre nicht dazu. Ich war schon gierig, gefräßig, hochmütig, geil, faul und wütend. Teilweise gleichzeitig und ich kann auch alles zusammen. Aber ich bin ganz cool mit dem Bild des "nicht so ganz perfekten"- Menschens. Weil das macht ihn ja dann auch menschlich (und nicht göttlich?).

Mir ist auch irgendwie klar, dass die Sieben Sünden, von mir sehr runtergebrochen dargestellt werden, denn eigentlich ist das, was sich die Kirche da ausgedacht hat, sehr komplex.
Zusammengefasst: Lebt und glaubt alle, wie und was ihr wollt. Ich lebe nach meinem Muster und ich scheine anhand dieses Themas ganz schön doll sündig zu sein.

Aber das macht nicht so viel, weil es mir zeigt dass ich und alle anderen nicht so perfekt sind und Fehler machen und daraus lernen und "brabrabra"- den Text kennt man ja schon von mir- aber es ist auch einfach so.

Von daher noch ein Hanna-Klischee: Überraschung: Ein Zitat (Oh Wunder! Es passt.)
"Don't bless me father for what I have sinned."
The Pretty Reckless


Miriam sagt: 

Zu Beginn: Sünde war noch nie ein Begriff mit dem ich mich wirklich anfreunden konnte. Zumindest im religiösen Sinne. Betrachtet man Sünde als "schlechte" Handlung, stößt man direkt aufs nächste Problem. Kategorien wie gut oder schelcht sind mit Konnotationen aufgeladene, von Menschen gemachte Begriffe, deren Verständnis mitunter von Gesellschaft zu Gesellschaft, wenn nicht gar von Mensch zu Mensch variiert. 

Wenn es jetzt aber wirklich nur darum geht einen der oben genannten Begriffe in die Kategorie "häufigste" einzuordnen, dann passt wohl bei mir am ehesten die Wut. Ich kann ziemlich aufbrausend sein. Seit Jahren arbeite ich an meiner Wut, aber ab und an bricht sie dann doch hervor. Das meistens sehr laut nach Außen hin oder sehr vernichtend nach Innen. Deshalb ist sie auch eine dieser Charaktereigenschaften, die mir am meisten Angst machen. Meistens verletzt man erst andere damit und dann sich, weil man in der Reflexion erkennt, was man da eigentlich angerichtet hat. Manchmal auch andersherum oder nur sich. Und wenn man dann so richtig schön wütend auf sich selbst ist, dann ist man auch so richtig schön unzufrieden mit sich. Und das wiederrum macht einen unsicher. Und diese Unsicherheit versucht man dann ganz schnell loszuwerden, indem man andere andere anmeckert, agressiv mit ihnen kommuniziert und klein macht... Ein Teufelskreis also, dieses Ding mit der Wut. 

Aber Wut ist auch eine dieser Eigenschaften mit zwei Seiten. Sie kann uns auch dazu bewegen aufzustehen, für etwas einzustehen, für etwas zu kämpfen, gegen empfundene Ungerechtigkeiten vorzugehen. Wenn mich  steine-schmeißende Menschen zum Beispiel so richtig wütend machen, dann kann ich meine Wut nehmen und gegen sie einsetzen. Ich sollte dann nur nicht selbst zum nächstbesten Pflasterstein greifen, sondern meine Wut klug in Energie umwandeln. Also: Immer dann, wenn Wut kontrollierbar ist, dann kann sie Motor sein. Und dann komme ich sehr gut damit zurecht, wenn ich wütend bin. Egal wie häufig.

 
Jule sagt:
Sünden üben einen gewissen auf mich Reiz aus. Schon immer. Sie sind die kleine Verlockung des Verbotenen, die den eigenen Egoismus kitzeln. Und wenn ich so über die Frage nachdenke, hätte ich mir gerne eine Todsünde zugeordnet, die mir etwas Verwegenes verleiht, so wie Hochmut oder Wolllust. Wenn ich aber mal ganz aufrichtig in mich hinein höre, sitzt da aber etwas anderes.
Unabhängig ihres christlichen Ursprungs, definiere ich Todsünde als etwas Unheilbringendes und Unkontrollierbares. Mit meinem Stolz und Zuckerdurst kann ich umgehen. Genauso, wie ich es genieße, manchmal einfach faul im Bett rumzulümmeln und eine Serie zu bindge watchen (furchtbare Anglizismen sind zum Glück keine Todsünde...).

Was ich nicht kontrollieren kann und mein Verhalten immer wieder gerne beeinflusst, ist aber mein Jähzorn. Ich war schon als Kind unheimlich temperamentvoll mit einem Hang zum Überdramatisieren. Und wenn mir heutzutage manchmal etwas nicht so gelingt, wie ich es mir ausgemalt hatte, treibt mich das bis heute gerne mal zur Weißglut. Und dann das volle Programm. Wüstes Rumgefluche und Wuttränen. Diese Art der Sünde hat nichts Verlockendes. Nur ein Mädel, der die roten Haare zu Berge stehen und schimpfend durch ihre Wohnung wütet, weil sie mal wieder irgendwas sucht. Ein Klassiker. 
 
Lass der mal eben ihre 5 Minuten. Die beruhigt sich schon wieder und dann entschuldigt sie sich wahrscheinlich gleich.“ gehört mittlerweile zum Standartvokabular meiner engsten Freunde, die das zum Glück meistens mit Humor nehmen, auch wenn es mir selbst oft kurz danach die Schamröte ins Gesicht treibt. Meistens richtet sich diese Wut auch eher gegen mich selbst als gegen meine Nächsten, denn die sind mir heilig. Oder eben Gegenstände. Scheiß Autoschlüssel.
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"Gesprächsstoff" ist eigentlich eine so genannte Talkbox. Mit Fragen, die zum Gespräch anregen, weil sie nicht so aufgebraucht sind wie andere. Wir nutzen ein paar der Fragen des Basis-Sets, um unsere Gespräche hier im Blog anzuregen. Denn als Blogteam sind wir eigentlich in einer Kennenlernphase, wo es natürlich darum geht, herauszufinden, wer die anderen so sind. Aber wir wollen natürlich auch gerne mit euch sprechen und diskutieren, die Anreize nutzen und von euch neue Impulse bekommen. Also geht die Eingangsfrage natürlich auch an euch und wir freuen uns auf eure Kommentare.