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How to Slam: Spurwechsel gegen Schreibblockaden

Jay Nightwind | 16.08.17 | / / | Kommentieren
Stellen wir uns eine Schreibblockade mal physikalisch vor. Da ist also eine Begrenzung, die uns den Zugang zu unserem schreiberischen Prozess verweigert. Wir stehen auf unserer Seite der Sperre, wollen aber dahinter, denn dahinter liegt möglicherweise das Gold, der Triumph, was auch immer unser Herz begehrt.

Da wir die Barrikade nicht umgehen können, müssen wir uns auf einem begrenzten Pfad befinden. Zum Beispiel einer Straße, welche ja das natürliche Lebensumfeld von Barrikaden sind. Unsere Straße, der Weg für den wir uns entschieden haben, ist das Schreiben.Und irgendwas hat beschlossen uns diesen Weg zu versperren.

Eine Strategie kann sein, die Barrikade abzubauen. Das ist eine der prominentesten Varianten. Dafür machen wir Schreibdehnübungen, machen uns stärker, in dem wir uns an kleinen Erfolgen aufladen. Wir ziehen also einzelne Holzbalken aus der Barrikade, schauen wie sie sich verändert und hoffen, sie bald so klein zu bekommen, dass wir sie überwinden können. Wenn wir in einer Häuserschlucht stehen und bis zum Himmel nur Barrikade sehen, dann an uns heruntersehen und zwei sanfte Hände eines/r Poet*In sehen, kann diese Aufgabe verzweifelnd schwer und langwierig aussehen. Vielleicht sogar unlösbar.

Eine nicht ganz so prominente Strategie hat etwas mit Orientierung zu tun. Wir stehen also auf der Schreibstraße und kommen nicht voran. Wenn wir auf unserem geistigen Stadtplan ein wenig herausszoomen, kann uns aber auffallen, dass es Nebenstraßen gibt. Vielleicht sind wir gerade auf der "Schreiben-Allee", aber über eine kleine Nebenstraßen könnten wir rüber zum "Musik-Machen-Weg". Wenn wir den entlang laufen, gehen wir zwar nicht in die selbe Richtung, kommen aber schon mal vorwärts.

Vorwärts kommen fühlt sich nur dann gut an, wenn wir auch in die Richtung reisen, an der auch unser Ziel liegt. Das liegt ja aber hinter der Barrikade! Da ist eine Entscheidung erforderlich: Darauf warten bis die Straße wieder frei ist oder einen Umweg in Kauf nehmen? Vielleicht können wir unseren Inhalt, der eigentlich geschrieben werden soll, erst auf einer anderen Straße verarbeiten? Dann stimmt die grobe Richtung. Vielleicht ist dieser Weg ein Lied zu schreiben, einen Film zu drehen, es einer/m Freund*In zu erzählen. Und plötzlich sind wir wieder auf der "Schreiben-Allee", allerdings hinter der Barrikade.

Manchmal kann es sinnvoll sein, die Spur zu wechseln und einen Umweg zu gehen, anstatt mit aller Gewalt gegen die Barrikade zu donnern. Klar, mensch kann mit dem Kopf durch die Wand, aber das tut halt auch meist weh.

Schreibblockaden müssen übrigens nichts schlechtes sein und bedeuten nicht, dass mensch nicht mehr schreiben kann. Wie in einer echten Stadt, kann es einfach sein, dass das eigene Gehirn da gerade an einer Sache arbeitet, modernisiert, erneuert und da eine Baustelle im Kopf ist. Für den Moment bedeutet es Umwege, aber die Aussicht kann auch sein, dass der selbe Weg zu einer Schnellstraße wird. Diese Baustellen im Kopf brauchen manchmal einfach ein Weilchen.

Also: Wenn es mal nicht voran geht und die Kraft nicht reicht, die Barrikade einzureißen, kann es eine Option sein, einen Umweg zu gehen!

How to Slam: Du möchtest bei einem Poetry Slam auftreten? Warum?

Anekdotische Einleitung mit Opa-Faktor:

Vor einigen Jahren saß ich im Backstage eines Berliner Poetry Slams. Viele bekannte Gesichter, aber auch frisches Blut. Auf der Couch mir gegenüber: gediegener Herr mit Bart und Mütze und Kapuzenpulli, kenne ich nicht. Zweiter Herr mit Bart und Mütze und Kapuzenpulli betritt den Backstage. Überraschte Begrüßung:
„Heiko, du hier? Machst du jetzt etwa auch Poetry Slam?“
„Ja, sicher. Du etwa auch?“

Ich kann bis heute nicht zielsicher erklären, warum mich das so amüsiert, verwundert und gleichzeitig unangenehm berührt hat. Der Wortlaut ist mir bis heute Wort für Wort eingebrannt. Aber wer bin ich, irgendwen dafür zu verurteilen, ‚jetzt auch‘ Poetry Slam zu machen? Jeder fängt ja mal an. So wie du vielleicht. Aber vielleicht aus anderen Gründen.

Als ich damals damit angefangen habe, gab es kein Facebook. Es gab nicht einmal fucking StudiVZ. Poetry Slam vernetzte sich über Telefon und Email und Myslam. Das war so eine Website, wo Veranstalter ihre Termine eintrugen, und Poeten erfuhren, dass es einen ziemlich geilen Slam in Herne gibt. Fahrtkosten wurden vorher abgesprochen, aber rumreisen, das machten nur die ganz großen. Die wirklich krassen. Sulaiman und so. Sebastian, Misha, wie sie alle hießen. Die kamen zum Beispiel aus Bielefeld einfach mal so nach Bochum gefahren und bekamen die Fahrtkosten erstattet. Diese Halbgötter in Kapuzenpullis, die so krass waren, dass man weiche Knie bekam, wenn man mit ihnen gemeinsam irgendwo auftreten sollte. Klingt albern heute, ich weiß. Bielefeld-Bochum. Aber es gibt vielleicht einen Einblick, wie aufgeregt ich war, als ich aus Dortmund nach Bochum anreisen durfte, um da mal im Freibeuter aufzutreten. Mit Fahrtkostenerstattung. Ich hatte es geschafft. Jetzt war ich auch Tourpoet. Irgendwie. Der Auftritt war übrigens nicht so gut. Aber das war egal.

Wenn man mal richtig weit weg wollte, musste man warten, bis man einen Poeten oder Veranstalter aus der weit entfernten Gegend traf, den man dann beeindrucken konnte. Dann sagte man: „Du, ich würde voll gerne mal in Stuttgart auftreten“, und der Tourpoetveranstalter sagte dann: „Ja, war nice, was du da gemacht hast heute, in 1 ½ Jahren habe ich was frei. Gib mal deine Email.“ Und tatsächlich durfte man dann 1 ½ Jahre später vor zwanzig Leuten in Stuttgart verkacken und auf einer sehr umständlichen Luftmatratze schlafen. So war das. Und es war schön.

So. Opa-Anekdoteneinführung vorbei.

Ist heute ja nicht mehr so. Früher war Poetry Slam in seiner Ausführung und gelebten Kultur eine natürliche Barriere. Es waren sehr spezielle Menschen, nicht einmal getriebene Persönlichkeiten, aber zu einem Großteil. Heimatlose und Suchende. Das ist heute anders, und das ist schön so.

Heute ist Poetry Slam Alle. Man kann also heute einfacher denn je damit anfangen. Aber sollte man das dann auch? Für mich, in meiner eigenen, kleinen Definition, ist Poetry Slam im idealen Fall ein Format für Literatur. Da stehen Literaten auf der Bühne. Mal erfahren, mal nicht so sehr, aber immer Literaten. Die Bock auf Sprache haben. Für mich ist Slam ein Ausprobieren, ein gemeinsames Testen und Erleben und Erweitern von Sprache und Ideen. Natürlich ist es auch Unterhaltung, es ist lustig und lyrisch. Aber für mich geht es beim Slam nicht um Humor. Oder um besonders kunstvolle Lyrik. Beides ist für mich Mittel zum Zweck, um etwas zu sagen, verständlich zu machen, zugänglich. Eine Idee. Eine Kritik. Einen Missstand. Und darum geht es. Nicht um diesen omnipräsenten Wettbewerb, oder um die Lacher. Der Wettbewerb, der ist eine Scharade für das Publikum. Ein Rahmen. Wer auf einen Slam geht, um ihn zu gewinnen hat Slam - meiner Meinung nach - falsch verstanden.
Man kann das anders sehen. Aber so sehe ich das.

Wenn du also demnächst auf einem Poetry Slam aufzutreten gedenkst, kann ich dir nur raten, ein paar Fragen für dich zu beantworten:

Was ist Poetry Slam für dich?

Warum möchtest du das?

Möchtest du schreiben, oder lieber nur etwas geschrieben haben?

Möchtest du etwas sagen, oder nur vor Menschen in ein Mikrofon sprechen?

Möchtest du Menschen für etwas begeistern, oder nur ihre Begeisterung spüren?

Möchtest du Literatur machen, oder kannst du dir nur deine Witze so schlecht merken?

Möchtest du ein Gefühl in Worte gießen, oder dich einfach auf einer Bühne ausziehen?

Möchtest du ein Gewinn sein, oder nur gewinnen?

So, Opa ist fertig. Darauf jetzt ein Kräuterlikörchen. Und ein Schlusswort.
Es gibt so viele gute Gründe, auf eine Bühne zu gehen und Texte vorzulesen. Und so viele schlechte Gründe. Und die Gefahr ist da, dass einem das zu Kopfe steigt. Das Publikum, das Bier, der Applaus. Denn bis auf das Bier ist nichts davon für dich. Sondern nur für das, was du da tust. Wenn überhaupt. Und jetzt viel Spaß. Wir sehen uns. Und ich freu mich drauf.




®thorstenwulff
Tobi Katze, geboren 1981, tritt seit fünfzehn Jahren auf Poetry Slams und Lesebühnen auf. 2007 gewann er den LesArt-Preis der jungen Literatur und 2014 den Bielefelder Kabarettpreis. Im Januar 2014 startete er auf stern.de seinen Blog »Das Gegenteil von traurig« über Leben und Arbeit mit Depressionen. 

Im September 2015 veröffentlichte Rowohlt seinen Erzählband »Morgen ist leider auch noch ein Tag«. Das hochgelobte Buch über Depression (Prädikat »Absolut lesenswert« in WDR 2 Bücher) stürmte wochenlang die Top Ten der Spiegel-Bestsellerliste. Aktuell tourt er mit dem gleichnamigen abendfüllenden Bühnenprogramm. 

Im September 2017 veröffentlicht Rowohlt seine neue Erzählung »Immer schön die Ballons halten«

How to Slam - Wie melde ich mich als Teilnehmer*In an?

Jay Nightwind | 26.07.17 | / / | 2 Kommentare

Poetry Slams gibt es überall, aber wie komme ich eigentlich selbst auf die Bühne?

Im Laufe der Jahre haben sich Slam und die Community verändert. Während die Zahl der Slams sich erhöht hat, bedeutet dass noch nicht, dass sich auch die Zahl der Bühnen auf denen du als Einsteiger*In anfangen kannst, auch erhöht hat. Es gibt verschiedene Arten wie Slams ihre Künstler*Innen finden.

Es gibt Slams, die mensch als "Invitationals" bezeichnen könnte. Die Künstler*Innen werden gezielt eingeladen und für den Abend ausgesucht. Da hilft es für gewöhnlich auch nicht nett nachzufragen, ob mensch mitmachen darf. Außer mensch hat sich schon ein wenig einen Namen in der Szene gemacht.

Andere Slams fahren gemischte Formate. Die Organisation des Slams lädt ein paar Leute ein, aber auch Initiativmeldungen werden berücksichtigt. Dabei gilt häufig das Recht derer, welche am schnellsten gewesen sind. Sehr viele Slams arbeiten so, was daran liegt, dass so ein bunte Mischung aus Erfahrenden, Anfängern und lokalen Künstler*Innen entsteht.

Ein drittes Format ist die "Offene Liste". Die Poet*Innen werden an dem Abend vorstellig und daraus ergibt sich dann das Line-Up, die Zusammenstellung der Auftretenden. Dieses Format wird zum Beispiel bei Veranstaltungen wie "Kunst gegen Bares" genutzt, häufig auch in gemischten Abenden, die nicht nur Poetry Slams anbieten.

Wie komme ich jetzt an einen Startplatz?
Da gibt es verschiedene Möglichkeiten.

Mal "Hallo" sagen!
Mit Blick auf die Deutschlandkarte ist es sehr schwierig Stellen zu finden, die nicht einen Poetry Slam in der Nachbarschaft haben. Ein guter Weg in Kontakt mit dem Format und Organisator*Innen zu kommen ist, selbst zum Zuschauen zu einem Slam zu gehen. In der Pause oder zum Ende des Slams sucht mensch den Kopf des Abends auf. Häufig ist das die Moderation. Mit einer kurzen Vorstellung und der Bekundung, dass mensch auch gerne mal mitmachen würde, geht dann für gewöhnlich alles seinen Weg. Wenn ihr ein bißchen nervös seid, schreibt euch ruhig die wichtigen Eckdaten auf. Zum Beispiel bei wem mensch sich melden muss, was mensch mitbringen muss, Namen von Veranstaltern und bevorzugte Kontaktwege.
Manchmal kann es sich auch lohnen zu Beginn des Slams vorstellig zu werden. Wegen des folgenden Punktes:

Immer Texte dabei haben
Du gehst schon gerne auf Slams und wartest auf deine große Stunde? Gelegentlich kommt es dazu, dass in einem Line-Up nicht alle Startzplätze vergeben sind zu Beginn des Abends. Künstler*Innen werden krank oder es passt einfach noch, dass jemand teilnimmt. Spricht mensch die Moderation schon vor dem Beginn des Abends an, kann es schnell mal passieren, dass mensch plötzlich Teil des Abends ist.

Internetrecherche
Gib den Namen deiner Stadt oder der nächstgelegenden Stadt in die Suchmaschine deines Vertrauens ein, gepaart mit dem Begriff Poetry Slam. Wenn dich das nicht schon automatisch bei einer Internet- oder Facebookseite eines Slams in deiner Gegend rausschmeißt, besteht die Chance, dass du Zeitungsartikel findest. In denen wiederum kannst du dann den Namen einer Moderation oder Organisation finden. Wenn du diese in einem weiteren Schritt im Netz suchst, findest du eine Kontaktmöglichkeit. Was jetzt recht aufwändig klingt, ist in wenigen Sekunden erledigt.


Jetzt musst du nur noch eine nette Nachricht schreiben, in der du dem Veranstalter die wichtigsten Dinge mitteilst. Wichtig für einen Veranstalter ist häufig folgendes:

- Wie heißt du und wie heißt du auf der Bühne?  Klar, das ist Höflichkeit, aber auch wichtig, wenn die Veranstaltung beworben werden soll. Auch später für deine Anmoderation wichtig.

- Von wo aus würdest du zu dem Slam kommen? Deine Fahrtkosten werden dir erstattet. Damit der/die Veranstalter*In also berechnen kann, wieviel der Abend kosten wird, ist das eine wichtige Information.

- Wie alt bist du? Besonders wenn Slams in Kneipen stattfinden oder Medien im Anschluss veröffentlichen, ist es wichtig zu wissen, wie alt du bist. Eventuell braucht es eine Einverständniserklärung deiner Erziehungsberechtigten. Das ist aus verschiedenen bürokratischen Gründen wichtig, die wir hier jetzt mal nicht vertiefen.

Alles weitere wird dir dann die Orga des Slams in einer netten Antwort zurück geben. Solltest du nicht zu dem Slam passen, ist es häufig üblich, dass dir weitere Kontakte genannt werden, bei denen du auf die Bühne könntest.

Warst du dann auf ein paar Slams, wirst du schnell feststellen, dass es leichter wird an weitere Auftritte zu kommen. Andere Slammer*Innen kennen oft die Slams in der Region, häufig sind im Line-Up auch weitere Veranstalter*Innen dabei, die euch einladen werden oder die ihr ansprechen könnt.

Ihr kennt weitere Wege um an Auftritte zu kommen? Ihr habt noch weitere Fragen zur Anmeldung bei Slams? Dann schreibt uns gerne Kommentare, wir hören gerne von euch!

How to Slam: Impulse zum Schreiben von Texten

Jay Nightwind | 19.07.17 | / / | 3 Kommentare
Slam ist ein Wachstumsbranche, dementsprechend ist es vollkommen gut und angenehm und vernünftig und schön und überhaupt, dass immer mehr Menschen den Weg auf die Bühne gehen wollen. Dafür braucht es Texte, Ideen und Gedanken; diese müssen dann auch noch in eine Form gegossen sein, mit der menschselbst auch zufrieden ist.

Das ist überhaupt gar nicht so einfach, denn natürlich ist der Anspruch an die eigene Leistung, egal ob an Technik, Inhalt, Performance oder andere magische Werte sehr hoch. Immerhin sind da darußen schon eine Menge Slammer*Innen unterwegs, die alle irgendwie krass sind. Und ständig werden es mehr. Plop! Jetzt gerade ist irgendwo ein heftiger Text entstanden.

Auch wenn der Wettbewerb nur ein aufgesetztes Format ist, um das Publikum in eine Lesung zu integrieren; eine Strategie um einen dramaturgischen Bogen in aneinandergereihte Referate zu bekommen, möchte niemand auf der Bühne schlecht aussehen. Phase 1 kann dabei sein, einen ordentlichen Text zu schreiben. Aber wie geht das?

Das Folgende sind keine Musterlösungen, sondern Impulse. Was für mich funktioniert hat, kann für euch totaler Bullshit sein. Also lest die folgenden Tipps mit nötiger kritischer Betrachtung, überprüft sie auf Sinnhaftigkeit für eure Arbeiten und stellt ruhig Fragen in den Kommentaren. Wir sind alle zum Lernen hier! Stimmt nicht, aber ich unterhalte mich gerne über sowas. Nun aber die Impulse:


Der Text ist nie fertig (und das ist gut so)
Irgendwann hat mensch sein Thema voll gefasst und legt den Stift nieder. Der Text ist fertig. Viele Kunstformen und Prozesse enden mit einem konkreten Produkt. Auch wir haben einen Text, aber eine der wundervollen Eigenschaften vom geschriebenen Wort ist, dass wir später immer noch alles ändern können. Kein Wort muss für immer dort stehen, kein Name so bleiben, keine Passage an ihrem Platz bleiben.

Und das kann unfassbar befreiend sein. Denn nicht immer fallen uns in einer Schreibsitzung alle Wendung, Worte und Techniken so ein, wie wir sie für unseren Text brauchen. Manchmal haben wir sogar noch gar nicht gelernt, was wir brauchen, um unser Werk zu auf die Beine zu stellen, wie unsere Vorstellung es vorgibt. Die Gefahr, dass die erste Version ziemlicher Murks ist, ist allgegenwärtig. Wie schön, dass es ein leichtes ist, eine überarbeitete Version zu schreiben.

Manchmal ertappen wir uns dabei, dass wir dann denken, die erste Arbeit wäre umsonst gewesen. Ich empfinde das anders, spätestens, seit mir eine weiterer Faktor präsent ist:

Hauptsache schreiben
Bühnenkollege Jason Bartsch hat es wundervoll klar formuliert:
"Schreiben ist ein bisschen wie Sport. Wenn man es täglich macht, wird man nicht unbedingt besser, aber es wird leichter." 
Leichtigkeit bzw. Sicherheit ist wichtig für den kreativen Prozess. Straßenknowledge sagt, dass eine Sache, wenn mensch sie Sieben Wochen durchhält, von einem Versuch zur Angewohnheit wird. Jeden Tag zu schreiben garantiert wirklich nicht, dass mensch ein/e begnadete Künstler*In wird und den nächsten Spiegel-Bestseller raushaut. Aber die Hürde sich an den Notizblock zu machen, an der Rechner zu setzen, die wird geringer.

Weil die Seele Schreiben als Angewohnheit aufnimmt. Aus "Puh, was soll ich nur schreiben?" wird dann: "Komm, das machst du ständig." Und dabei ist es fast schon egal, was du schreibst. Wenn du mehrfach die Woche Sport machen gehst, machst du dir nachher ja auch keinen Vorwurf, dass es die "falschen" Sportarten waren. Hauptsache Bewegung. Optimieren kann mensch sich später immer noch.

Hier eine super simple Technik, welche Bühnenkollege Zwergriese mir weitergereicht hat. Nehm dir vor, jeden Tag eine bestimmte Zahl Wörter zu schreiben! Dabei ist es wirklich egal, was du schreibst. Wenn es dir zu leicht wird oder nicht mehr hilfreich anfühlt, erhöhe die Zahl der Wörter. Schreib Rezepte oder auch Tagebuch. Fasse deinen Tag zusammen. Hauptsache die Tinte fließt.

Kreativität entsteht aus Sicherheit
Forscher*Innen haben sich daran abgearbeitet, Phasenmodelle erstellt, aber im Kern folgendes erkannt: Im kreativen Prozess geht es im weitesten Sinne darum ein Problem zu lösen. Dafür müssen wir in bestimmten Techniken, aber auch mit uns selbst sicher fühlen. Das meint keine vollständige umfassende Sicherheit, aber schon für den Moment. Wenn diese Faktoren gegeben sind, probieren wir rum.

In meiner Erzieherausbildung war das Beispiel im Kunstunterricht, eine Person welche Essen kochen muss, aber nicht die passenden Zutaten für ein ihr bekanntes Gericht hatte. Also schafft diese Person einen Überblick, schaut was sie im Haus hat und überlegt was die verschiedenen vorhandenen Zutaten für Eigenschaften haben. Daraus ergibt sich eine Idee, welche Dinge zusammenpassen können.

Beim Schreiben ist es identisch: Wir wollen eine Sache über die Welt sagen, die uns auf der Seele liegt, aber wissen gar nicht, welche Gedanken wir gerade dazu im Haus haben. Also verschaffen wir uns einen Überblick. Dazu überlegen wir, welche Techniken wir schon draufhaben. Lyrik? Rap? Kenne ich bestimmte Wörter, die mir helfen? Was weiß ich über bestimmte Textsorten? Und wenn wir dann wissen, wie unsere Zutaten/Ideen zueinander passen, können wir uns ein Gericht überlegen.

Darüberhinaus kann es für die Sicherheit wichtig sein, seinen Arbeitsplatz einzurichten. Die Person in unserem Kochbeispiel hat die Küche aufgeräumt und alle Arbeitsschritte vorbereitet, weil sie es so am liebsten mochte. Das ist Sicherheit. Wenn ihr also wisst, dass ihr euch beim Schreiben am wohlsten fühlt, wenn ihr euch im Wald versteckt oder auf dem Bett liegt und Klassik hört, dann schafft euch dieses Umfeld.

Vorsicht: Wenn ihr mehr lernt und mehr beherrscht, können sich eure Sicherheiten verändern. Horcht da ein wenig in euch rein.

Austauschen
Wie arbeiten andere? Was kann ich von ihnen lernen? Hat da jemand ein Problem schon gelöst, welches ich nun vor mir habe? Das findet ihr nur heraus, wenn ihr mit anderen Menschen redet und neugierig seid.

Diesen Punkt nutze ich als Überleitung:
Was macht ihr um ins Schreiben zu kommen? Was sind eure Sicherheiten? Was sind eure Tipps, um vorwärts zu kommen?