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Getestet: Bouldern

Jay Nightwind | 11.08.17 | / / | 2 Kommentare
Bildquelle:Wikicommons
Andere werden euch antworten, dass Bouldern freies Klettern ohne Sicherung ist, an niedrigen künstlichen Kletterwänden. Häufig mit Schaumstoffmatten gesichert, kann mensch sich aus jeder Höhe fallen lassen.
Wieder andere werden euch sagen, dass es die Lieblingssportart von Surfer-Boy-Optik-Studenten ist, die Sport und Globetrotter auf Lehramt studieren. Das mag Beides richtig sein.

Ich behaupte, dass es beim Bouldern darum geht eine Wand voller Rätsel zu lösen, wie sie auch in einem Professor Layton-Spiel oder auch einer Folge Sherlock vorkommen könnten. Nur mit dem Unterschied, dass es keine finalen Lösungen gibt. Die Rätsel beim Bouldern sind die Routen, die vom Startpunkt bis zum Ziel geklettert werden müssen. Dabei geht es nicht nur darum, zu verstehen, was da jemand anderes in die Wand geschraubt hat.

Worum es beim Bouldern geht, habe ich erahnen können, als ich in einer (kontrollierten) Extremsituation war. Wir waren in der Boulderbar von Neoliet in Wattenscheid. Da gibt es an einer Wand einen Überhang, der mich im Griff hatte, weil ich keinen Griff hatte -Haha, Kletterwortwitz. Ich kam gut voran, aber plötzlich sperrte mein Kopf. Mir fehlte das Wissen, wie ich den nächsten Griff schaffen soll. Ich hatte das Gefühl mich aber auch nicht mehr fallenlassen zu können und ganz ehrlich: Ich wollte auch nicht. Mir fehlten zwei Griffe bis zur Spitze der Route, die mit beiden Händen berührt werden muss, damit es zählt. Das kontrolliert niemand, außer einem selbst, aber das reicht auch schon als Druck. Ich wollte das schaffen, merkte aber auch, dass ich nicht mehr zurück konnte. Ich machte eine schnelle Bewegung mit dem Arm zum nächsten Griff, verlor aber den Halt und prallte kurz gegen die Wand. Während ich stolz war, dass ich noch oben an der Wand hing, sagte mein Kopf mir, dass das so ganz schöner Mist war. Ich brach ab und freute mich über einen leicht aufgeschlagenden Ellbogen.

Was geschrieben deutlich spektakulärer klingt, als es aussah, war an der Wand ein Thriller. Und geil. Nervenkitzel in einem kontrollierten Umfeld. Unterhalb der Wände sind weiche Matten, sich fallenlassen macht teilweise sogar Spaß. Ich hatte diese Route nicht durchgespielt. Ich schaute mir an, wie meine Boulderbegleitung die Route löste. Schon bei den ersten Griffen sah ich den Unterschied, aber auch, dass mir das gar nichts nutzt. Ihr Körper war ganz anders als meiner, ihre Bewegungen anders angelegt. Trotzdem sah ich Techniken, die mir helfen konnten. Ich lernte mit meinem Rätsel weiter zu kommen. Beim Bouldern geht es ums Lernen.

Worum es auch geht: Solidarität. Alle sind zum Rätseln und Puzzlen da. Als ich eine andere Route konzentriert anschaute, sprach mich ein netter Mensch an, worüber ich grübelte. Ich sagte ihm, dass ich nicht genau wusste, was die Route von mir wollte, weil ich an einer Stelle sicher war, zu klein zu sein. Er gab mir einen entscheidenen Tipp, der mir bei der Lösung half. Nicht nur für diese Route, sondern auch für meine vorherige Nahtoderfahrung. Es dauerte nicht lange, bis ich bei Fremden beobachtete, mitfieberte und überlegte, wie sie mit ihren Vorraussetzungen die Rätsel lösen konnten. Denn jeder musste für seinen Körper und seine Denkweise eine eigene Lösung finden, konnte mit seinen/ihren Erkenntnissen aber wieder anderen helfen. Vielleicht lag es auch an mir, dass Bouldern so spirituelle kognitive Momente hatte. Schnell unterhält mensch sich mit Fremden beim Bouldern, um ihnen zu helfen, um Informationen zu gewinnen. Irgendwie geht es auch darum, kennenzulernen. Sich, die Wand, Leute, Körper.

Was für mich eine fast schon esotherisch-romantische Aktivität ist, ist aber auch einfach eine wirklich gute sportliche Herausforderung. Bouldern geht in die Arme, die Beine und fordert Geschicklichtkeit. Durch die verschiedenen Schwierigkeitsgrade und Elemente ist es aber für jeden sehr einfach möglich, seinen Einstieg zu finden. In Abhängigkeit davon, wo der Körperschwerpunkt liegt, werden andere Körperregionen trainiert.

Ich empfehle dringend Bouldern erstmal zu testen, denn längerfristige Mitgliedschaften bei den Einrichtungen sind durchaus kostspielig (im Raum Essen), allerdings gemessen an den Leistungen nicht unberechtigt. Immerhin werden in den Einrichtungen hier regelmäßig die Routen verändert, so dass immer wieder neue Rätsel entstehen.

Getestet habe ich die Boulderbar in Bochum, welche sehr groß ist. Sie liegt direkt an der A40 und auch in der Nähe des Bf Wattenscheid. Dort ist es nachmittags recht betriebsam gewesen, aber nie so, dass es mir zu voll vorgekommen wäre. Außerdem bieten verschiedene Flächen auch Ausweichmöglichkeiten. Krafttrainingsgeräte stehen dort auch zur Verfügung.
City Monkey in Essen-Haarzopf kam deutlich persönlicher daher, da die Halle auch deutlich kleiner ist. Die Halle ist per 145er Busverbindung gut zu erreichen und erschien sehr ruhig. In der Qualität der Routen war für mich kein Unterschied zu erkennen, aber ich bin auch Anfänger.

Freund*Innen, wenn ihr aus dem Pott seit, könnt ihr euch gerne mal bei mir melden, ich werde noch häufiger bouldern gehen. Es passt perfekt zu meiner Sportbegeisterung und ist eine gelungene Abwechslung. Und ich mag Rätsel.


Was steckt hinter einer Zugfahrt?

Der Hartmann | 01.08.17 | / | 1 Kommentar
Wir alle sind schon mal mit der Bahn gefahren oder nutzen sie regelmäßig. Doch was steckt hinter einer Zugfahrt? Was muss im Vorfeld gemacht werden, was passiert während der Fahrt? 

Ich versuche das Wesentliche kurz anzureißen und euch näher zu bringen, denn da steckt eine ganze Menge hinter:
Fangen wir vor der Fahrt an.

Es beginnt mit einem Unternehmen, das eine Fahrt durchführen will. Nehmen wir mal als Beispiel DB Cargo, die einen Güterzug von Seelze bei Hannover nach Gremberg in Köln fahren möchte.

Das Eisenbahnverkehrsunternehmen beantragt nun bei der DB Netz AG diese Fahrt. Die DB Netz AG hat den Großteil des deutschen Schienennetzes in ihrer Verantwortung und kümmert sich um Nutzung und Instandhaltung der Gleise.

Nun schaut ein Mitarbeiter nach einer freien Trasse, die dieser Zug belegen kann und es wird ein Fahrplan ausgestellt.

Das ist wichtig, denn ohne Fahrplan darf kein Zug fahren.
Mit diesem Fahrplan bekommt der Zug eine Zugnummer, die Uhrzeiten und den Laufweg zugeteilt.

In der Zwischenzeit wird im Rangierbahnhof Seelze der Zug zusammengestellt und ein Triebfahrzeug (also eine Lok) davorgehängt.
Der Lokführer oder ein Mitarbeiter des Rangierbahnhofes sind nun damit beauftragt den Zug für die Fahrt vorzubereiten.

Jeder Wagen wird bei einer Wagenprüfung auf Mängel inspiziert und die Bremse im Zugverband wird bei einer sogenannten "Bremsprobe" getestet.
Wenn dann soweit alles in Ordnung ist und der Zug einen Fahrplan hat, ist der Zug abfahrbereit.

Der Lokführer meldet das dem Fahrdienstleiter, der dem Zug dann eine Fahrstraße aus dem Bahnhof auf die freie Strecke einstellt.
Eine Fahrstraße ist ein gesicherter Fahrweg, auf dem der Zug sich bewegt und den Zug dahin fahren lässt, wo er hin soll.

Was macht der Lokführer eigentlich während der Fahrt?
Das Gerücht, er würde nur einen Knopf drücken und er kann die Füße hochlegen, hält sich hartnäckig.

Doch dem ist nicht so, denn der Kollege im Führerstand muss die Signale am Fahrweg beobachten, wissen, was sie bedeuten und deren Bedeutung umsetzen. Und bei Signalen ist es nicht mit einem grünen und einem roten Licht getan.
Nein, es gibt für jeden Pief ein Signal, das eine ganz bestimmte Verhaltensweise des Lokführers fordert.

Außerdem muss der Lokführer in gewissem Maße seinen Fahrweg beobachten und Unregelmäßigkeiten dem Fahrdienstleiter melden. Im Notfall muss er die richtigen Maßnahmen treffen und seinen Zug sicher zum Halten bringen.
Außerdem muss er seine Zugsicherungssysteme bedienen, damit die Fahrt sicher und reibungslos ablaufen kann.

Eine weitere Personengruppe, ohne die sich kein Rad drehen würde, sind die Kollegen im Stellwerk, die sogenannten Fahrdienstleiter.

Sie haben in ihrem Stellwerk einen festgelegten Bereich, für den sie zuständig sind.
Sie sorgen dafür, dass die Züge in diesem Stellbereich dahin fahren, wo sie hinsollen, geben den Kollegen im Führerstand die Zustimmung zur Fahrt durch Stellen von Signalen oder Ersatzmaßnahmen bei Unregelmäßigkeiten, ergreifen im Notfall Maßnahmen (wie etwa Notrufe an die Lokführer abgeben), und disponieren in gewissem Maße.
Außerdem kümmern sie sich um die Beseitigung von Störungen, sofern dies möglich ist. Wenn nicht, wird ein Disponent der Entstörungsstelle informiert, der wiederum die Techniker koordiniert.

Das ist jetzt alles nur sehr grob, die Aufgaben von Lokführern und Fahrdienstleitern sind wesentlich komplexer und umfangreicher, als hier beschrieben. Das würde hier allerdings den Rahmen sprengen.

Kommen wir zu einem sehr leidigen Thema: Die Verspätung.
Jeder kennt sie, keiner mag sie. Doch wo kommen sie her?
Die Gründe für Verspätungen sind sehr vielfältig. Eine sehr häufige Verspätungsquelle ist tatsächlich der Fahrgast, denn beim Halt im Bahnhof läuft oft nicht alles nach Plan.
Fahrgäste berserkern in den Zug, bevor alle, die aussteigen wollen, den Zug verlassen haben, sie blockieren Türen, weil sie noch auf jemanden warten, 50 Leute nutzen eine Tür, statt sich auf mehrere Türen aufzuteilen und, und, und.
Das kostet leider alles recht viel Zeit und ist unter anderem mit dieser "Verzögerung im Betriebsablauf" gemeint.

Was in letzter Zeit stark vermehrt auftritt und die Fahrzeiten der Züge über den Haufen schmeißen, sind Personen oder Kinder am, bzw. Im Gleis.
Das bedeutet, dass Züge nur sehr langsam oder gar nicht fahren, damit niemand zu Schaden kommt.

Das sorgt natürlich dafür, dass die vorgegebenen Zeiten nicht eingehalten werden können und ist für alle Beteiligten sehr ärgerlich.
Ebenfalls eine Verspätungsquelle ist der Mischverkehr.
Hier in Deutschland teilen sich Fernverkehrszüge das Netz bis auf einige Ausnahmen mit dem Nah- und Güterverkehr.

Im besten Falle ist alles pünktlich und es passt. Die Fahrpläne sind so ausgelegt, dass
sich die Züge nicht behindern. Allerdings klappt das nicht immer. Nehmen wir als Beispiel den Essener Hbf. Das Ruhgebiet ist ein Ballungsraum, wo viele Züge in einem relativ geringen zeitlichen Abstand fahren.

Wenn der RE1 von Hamm nach Aachen den Essener Hbf statt wie geplant zur Minute 09 abfährt, sondern erst um 12 oder 13, ist der ICE, der um 15 abfährt blockiert und fährt unmittelbar hinter dem RE1, der noch einen Halt mehr hat, als der ICE.
Folge davon ist, dass der ICE Duisburg Hbf mit ein paar Minuten Verspätung erreicht. Auch das ist ärgerlich, ist aber kaum zu ändern, denn die Zugdichte im Ruhrgebiet ist immens.
Auch die Witterung ist ein Grund, warum es manchmal nicht so richtig rund läuft.

Beispielsweise im Herbst gibt es oft das Problem, dass sich bedingt durch Laub und hoher Luftfeuchtigkeit ein Schmierfilm auf den Schienenköpfen bildet. Das sorgt dafür, dass die Räder beim Anfahren sehr schnell durchdrehen (bei der Bahn "Schleudern" genannt) und beim Bremsen sehr schnell blockieren (bei der Bahn "Gleiten" genannt). Deswegen muss dann früher und weniger kräftig gebremst und behutsamer angefahren werden. Das sorgt natürlich dafür, dass der Fahrplan schnell mal nicht eingehalten werden kann. Man kann den Fahrplan allerdings nicht anpassen, weil Wetter nun mal sehr wechselhaft ist.
Und dann gibt es noch Störungen oder externe Einflüsse, die den Betrieb aufhalten.

Streckensperrungen und Umleitungen nach Personenunfällen, defekte Fahrzeuge, defekte Weichen oder Signale, polizeiliche Anweisung und, und, und... Die Liste ist sehr lang und sorgt dafür, dass oft nicht alles nach Plan läuft.
 
Niemand freut sich über Verspätungen. Lokführer und Zugbegleiter kommen nicht pünktlich in den wohl verdienten Feierabend, Fahrgäste nicht pünktlich ans Ziel und Disponenten telefonieren sich die Ohrmuschel heiß.

Verspätungen lassen sich allerdings nicht verhindern. Deswegen sollten wir versuchen, es mit Humor zu nehmen und uns nicht unentwegt darüber aufregen.
Es sei versichert, dass wir Eisenbahner uns jeden Tag den Allerwertesten aufreißen, damit ihr möglichst zügig und vor allem SICHER ans Ziel kommt.

Ich hoffe, dass dieser ganz kleine Einblick vielleicht die ein oder andere Frage geklärt hat.
Bis dahin

Blaue Blumen

Der Hartmann | 06.01.17 | / | Kommentieren
Es gibt Ideen, die sind sehr gut. Beispielsweise das "Black & Tan". Das ist Guiness mit Kilkenny vermischt. Also Bier mit anderem Bier. Dann gibt es noch Ideen, die sind nicht so clever. Zum Beispiel im Zug bei voller Geschwindigkeit die Notentriegelung der Tür betätigen. Es gibt allerdings auch Ideen, die vom Prinzip her sehr gut sind, in der Ausführung allerdings nicht ganz so durchdacht waren. Mit so einer Idee hatte ich es zu tun, als mein guter Freund Jay eines Septembers auf mich zu kam und mir einen Plan offerierte, den er zusammen mit einer gemeinsamen Freundin ausgearbeitet hat.


Der Plan war recht simpel:

Zwei Autos, acht Leute und eine Fahrt nach Belgien.

Genauer gesagt ging es nach Halle in Belgien. Noch genauer gesagt ging es in den dortigen Wald, den Hallerbos.

Natürlich gibt es auch hier genug Wälder, die man anfahren kann. Aber der Hallerbos hat eine Besonderheit: In einem Teil des Waldes wachsen haufenweise blaue Blumen. Fragt mich jetzt bloß nicht, was das für welche waren. Mein grüner Daumen beschränkt sich auf ein Erlebnis vor ein paar Jahren, bei dem ich mir versehentlich grüne Lackfarbe über die Finger gekippt habe.


Zurück zum Thema:

Bei mir machte sich Skepsis breit, weil ich es anfangs für ziemlichen Kokolores hielt, wegen Blumen nach Belgien zu fahren.

Dann zeigte mir Jay ein Foto des beblumten Waldes. Der Fotograf in mir stieß ein lautes "Holladibolla" aus und es war klar: Wir ziehen das durch, es musste nur noch ein Termin gefunden werden, am besten möglichst zeitnah.


Ein paar Wochen später war es dann so weit.

Nachdem ich meinen kleinen Koreaner (also mein Auto) fit gemacht habe für die lange Fahrt, ging es dann los. Pünktlich mit 10 Minuten Verspätung wurde dann abgedüst und die Motivation kam uns schon fast aus dem Ohren. Wir hatten richtig Bock!


Als wir die holländische Grenze überquert hatten, wusste ich wieder, warum ich dieses Land so liebe. Nicht nur wegen der wirklich freundlichen Menschen, der schönen Landschaft und des lustigen Dialektes, den die Niederländer haben, wenn sie Deutsch reden. Nein, vor allem, weil deren Autobahn wie geleckt ist! Kein Schlagloch, keine Huckel, nur flacher, perfekter Asphalt. Ein Traum aus Teer!


Blöd nur, dass man irgendwann nach Belgien kommt.

Ungelogen, ab dem Schild, das die Landesgrenze markiert kommt man auf eine Fahrbahn, die vielleicht für schwere Kettenfahrzeuge, sicherlich jedoch nicht für einen kleinen Hyundai geeignet ist. Diese Autobahn ist im Prinzip eine Aneinanderreihung von Schlaglöchern und Unebenheiten, wo sich zwischendurch immer mal wieder so circa 10 Meter Straße eingemogelt haben.


Weil es auch noch kräftig geregnet hat, hat sich diese Huckelscheiße auch binnen Femptosekunden mit Wasser gefüllt und ich will nicht lügen, doch ich meine mit Tempo 130 an einem Typen vorbeigehämmert zu sein, der in einem solchen Krater gebadet hat. Vielleicht sind in Holland auch nur irgendwelche Dämpfe in das Innere meines Wagens gedrungen.

Zurück nach Belgien:

Jetzt ist die Federung meines Wagens relativ hart. Mein Hintern hat nach der kilometerlangen Autobahnfahrt weh getan, als hätte ich mich im Knast nach der Seife gebückt. Etwas später sind wir in Halle angekommen. Weil ich leider manchmal nicht ganz so intelligent bin und statt "Hallerbos" nur "Halle" ins Navi eingehackt habe, durften wir noch eine Ehrenrunde durch den Stadtkern drehen.

Dieses Nachdenken liegt mir manchmal nicht so ganz.

Irgendwie haben wir es dann doch geschafft den Wald zu erreichen und was soll ich sagen: Leck mich de Söck, das Ding ist ein Träumchen. Also Karre abstellen, Rucksack schultern und ab dafür!

Nach circa 10 Minuten kamen wir an ein Schild, auf dem blaue Blumen abgebildet waren. Und ein Text in belgischer Nationalsprache. Man kann davon ausgehen, dass dieses Schild uns sagen wollte, dass hier diese blauen Blumen hätten sein sollen. Da waren aber keine.


Dann fing es deutlich hörbar in meinem Kopf zu rattern an.

"Ah, Moment: Blumen wachsen im Frühling. Wir haben September. Der September ist nicht im Frühling. Das heißt, dass der Frühling vorbei ist." Und dann zog ich daraus die Schlussfolgerung, für die Columbo mich beneidet hätte: "Wenn jetzt September ist und der Frühling schon längst um ist...

Scheiße, wir sind quasi für Nöppes hier hingedüst."


Nachdem ich festgestellt hatte, dass dieses Unterfangen ziemlicher Mumpitz war und wir alle grottendämlich sind, sind wir weitergelaufen. Weil wenn man schon mal da ist, dann will man ja auch was davon haben. Wie sich erfreulicherweise herausstellte, war es ganz und gar kein Tinnef zum Hallerbos zu fahren. Der Spaziergang war richtig gut und ich bin mit reichlich Bildern auf dem Fotoknips nach Hause gekehrt. Außerdem war die reiselustige Truppe, mit der ich unterwegs war echt der Wahnsinn.


Bevor es dann aber zurück in die Heimat ging, wollten wir uns Halle noch angucken. Einige von uns kannten zwar schon ein bisschen von der Stadt (man erinnere sich an die Hinfahrt) aber das war ja nicht viel. Außerdem hatten die Mitreisenden Hunger. Also sind wir nach Halle zurückgefahren und stellten fest, dass sich dort ein Jahrmarkt niedergelassen hatte. Wir gingen ihn ab, was nicht lange dauerte, so groß war der nicht. Das erste, das mir auffiel war, dass dort sehr merkwürdige Gestalten umhermeanderten. Ich war beruhigt, dass es auch außerhalb von Deutschland sehr sonderbare Zweibeiner herumeiern.


Weil meine Reisegruppe den Wunsch nach Nahrung hegte, gingen wir die Restaurants und Bars der Innenstadt ab und studierten die Speisekarten. Ich habe zwei Thesen entwickelt: Entweder man bekommt im belgischen Halle Portionen, die man nur mit einer Mistgabel vernünftig essen kann oder die Dudes und Dudettes in Belgien haben zu viel Kohle. Beispiel: Für den Preis, den ein Lokal für ein Stück Fleisch mit etwas Kartoffelbeilage verlangte, hätte man sich in Deutschland als Landwirt selbstständig machen können. Lange Rede, gar kein Sinn, im Endeffekt lief es darauf hinaus, dass wir uns auf dem Jahrmarkt jeder eine Tüte Pommes kauften und uns in eine Kneipe setzten, die uns dort essen ließ.

Und wieder einmal stellte ich mir die Frage:

Welcher hirnlose Vollspacken ist eigentlich auf die Idee gekommen, Fritten in eine Papiertüte zu füllen und die Soßen darüberzukippen? War bestimmt ein Belgier, die haben ja drei Kompetenzen, die sie beherrschen: Bier, die Zubereitung von Pommes und Pralinen. Pommes sinnvoll zu verpacken haben die nicht so drauf.
Warum eine Papiertüte für diesen Zweck scheiße ist? Ganz einfach.


Wer mich kennt weiß, dass ich unter einer mittelgroßen Portion mit dem Essen gar nicht erst anfange. Jetzt sind diese Papiertüten vom Schnitt her unten ja eher spitz zulaufend und recht groß. Das hat den Nachteil, dass sich die Pommes dann in der Spitze der Verpackung sammeln und ich mit meinen Wurstfingern nicht drankomme. Ich höre euch schon sagen: "Aber Tobi, man kann die Tüte doch aufreißen." Das ist richtig aber weil ich mir ja immer noch literweise Soße draufkippen lasse, damits beim Schlucken nicht quietscht, sieht man nach dem Aufreißen der mit Ketchup getränkten Tüte aus, als hätte man grade mit bloßen Händen eine Blinddarmoperation durchgeführt. Genug "Mimimi", weiter im Text.


Wir saßen nun also in Belgien in einer Kneipe und knusperten genüsslich die Fritten. Ein Blick auf die Karte ließ meine Augen sehr groß werden, denn natürlich gab es dort Leffe Blond. Leffe Blond ist ein belgisches Klosterbier, das mit feinen Vanille- und Nelkennoten zu überzeugen weiß. Oder ums kurz zu machen: Für dieses Gebräu würde ich meine Oma verkaufen! Jetzt gabs nur einen Haken: Ich war ja der Fahrer. Also kein Bier für den dicken Onkel. Allerdings saß mir Jay gegenüber. Und Carmen daneben. Und beide bestellten sich ein Leffe Blond. Ich bin ja eigentlich jemand, der nicht schnell piesepampig wird aber in diesem Moment habe ich puren Hass empfunden. Und Neid. Aber vor allem... Bierdurst. Ich musste mich mit Kohlensäure versetztem Eistee zufriedengeben, was genauso widerwärtig war, wie es klingt.


Kurz bevor wir losdüsen wollten, ging jeder noch mal die sanitäre Rumpelkammer aufsuchen. Nicht zuletzt, weil meine Ansage war, dass wenn wir anhalten müssen, weil jemand Lulu machen muss, wir den- oder diejenige an der Raststätte zurücklassen.Auf dem Weg zur sanitären Abteilung musste man durch eine Tür, hinter der ein schmaler Gang war. Direkt rechts führte eine Treppe hoch zur Damentoilette, wohingegen am Ende des Ganges hinter einem Türrahmen die Herrenabteilung zu sehen war. Ich schritt den Gang entlang und fühlte mich ob der urigen Einrichtung ein bisschen in die Mitte des 20. Jahrhunderts versetzt. Nach erreichen des Türrahmens, der die Grenze zwischen Kundentoilette und Gang abzeichnete, schaute ich mich erst mal um. Es gab ein Waschbecken, einen Lokus in einem Séparée und zwei Stehkeramiken, die rechts an der Wand montiert waren. Es gab allerdings eine Sache, die ich schmerzlichst vermissten: Eine Tür, die den Gang vom Ort des Geschehens blickdicht abriegelt.

Das Fehlen eben dieser Tür hieß nämlich, dass jede Person, die diesen Gang betritt, sei es ein Kerl, der dann geradewegs auf einen zukommt, oder eine Dame, die nur die Stiegen hinaufkraxeln will, sofort nach Betreten des Ganges einem volles Brett auf den Bolzen glotzen kann. Und es gibt Dinge, die nicht unbedingt jeder sehen muss. Zumindest meiner Meinung nach. Nachdem getan wurde, was getan werden musste, ging es dann auch wieder in die Heimat zurück.


Auf der Autobahn fiel mir auf, dass ich so langsam mal ans Tanken denken sollte. "Ah komm, machste in Holland", sagte ich zu mir. Bis Holland war es nicht mehr weit und ich hatte mich grade wieder an die Krater in der Straße gewöhnt. In den Niederlanden angekommen wurde mir klar, dass diese Idee so unfassbar scheiße war, weil ich nicht wusste, dass die Holländer ihren Sprit scheinbar vergolden. Anders kann ich mir die Preise nicht erklären. An der ersten Tankstelle bin ich noch vorbeigefahren, weil ich wissen wollte, was die ungefähr für einen Liter haben wollten.

Beim Passieren dachte ich noch: "Die Tankstelle hat bestimmt einen Fehler im System".

Bei der Zweiten wurde ich dann misstrauisch und bei der dritten Station war klar: Die Holländer müssen dringend mit dem Kiffen aufhören. Durchschnittlicher Preis für den Liter Super an dem Tag: 1,56!


Also war klar: Wir tanken erst in good old Germany. Ich war mir allerdings nicht sicher, ob das gut gehen würde. Nach passieren der niederländisch- deutschen Grenze war es schon kritisch mit der Tankfüllung. Aber zum Glück zeigte ein Schild im Fahrbahnrand an: Noch 7 Kilometer bis zur nächsten Tankstelle. "Gott sei Dank" dachte ich, gefolgt von "FUCK!", als mein Navi mir sagte, dass ich in fünf Kilometern die Autobahn wechseln sollte. Ich hatte zwei Möglichkeiten: Auf Risiko spielen und dem Navi folgen oder auf Nummer sicher gehen und bis zur nächsten Tanke düsen.

Ich entschied mich für die Risikovariante und folgte dem Navi. Nach 10 Kilometern kam zum Glück die nächste Raststätte. Liter Super: 1,36. Alles unter 1,56 hat sich meiner Ansicht nach gelohnt.


Der Rest der Rückfahrt war dann wieder sehr unspektakulär und ich war schon ein wenig froh, als ich nach Hause kam und mich einfach in mein Bett fallen lassen konnte.


(Die Fotos aus Belgien findet ihr übrigens hier)

Tagebuch: Journalistisches Schreiben

Jay Nightwind | 04.01.17 | / | 1 Kommentar

"Du hast diese Tagebuch-Sachen nicht nötig, du kannst doch journalistisch arbeiten!", sagte meine Freundin zu mir. Ihr Schwerpunkt lag sicher auf dem Kompliment in der Aussage. Was mal ein Tagebuch/Blog war, hat jetzt Recherche und Interviews und ein Team und überhaupt: Von einem journalistischen Produkt ist es kaum zu unterscheiden.

Leider habe ich diese Eigenschaft, angemeldete Ansprüche und Erwartungen von anderen Menschen ernstzunehmen. Je näher sie an mir dran stehen, desto ernster wird es. Spoiler: Meine Freundin steht mir sehr nah. Wenn sie die Qualität in mir sieht, journalistisch zu schreiben, dann möchte ich das auch erfüllen. Alles darunter wäre natürlich eine Enttäuschung.

Nachdem ich im Blog über meine Probleme beim Schreiben erzählt habe, bekam ich sehr viele nützliche Hinweise und auch tolle Tipps. Einiges beschäftigte sich mit der Definition des Prozesses des Schreibens, anderes mit Tipps, wie man mit dem Schreiben anfängt. Doch je mehr ich "Meinungen" zu lesen bekam, desto heftiger stieß ich mich daran. Diese Ansprüche machten es mir eng. Irgendwann konnte ich mich nicht mehr bewegen.

Ja, ich kann journalistisch arbeiten, aber ich möchte es auch mal lassen können. Ich möchte einen kurzen kleinen Beitrag schreiben können, mit einer persönlichen Anekdote, die absolut keinen Mehrwert hat. Das befreit. Keine Pflichtkategorien, keine Aufmacher, keine Artikel, keine Quellenangaben (Weil es nichts zu bequellen gibt). Einfach mal ein Geschichtchen runternudeln und damit zufrieden sein.

Als ich in mich gegangen bin, habe ich eine alte Version von mir getroffen. Als ich das Problem vorgetragen hatte, sagte meine Erinnerung mir: "Auch ein Grund, warum wir nie Germanistik und Anglophone Studies mit Herzblut beendet haben. Der Traum Journalist zu werden war abgelöst, wir fühlten uns mit den Formaten nicht wohl." Ich verstehe, warum ein Feature, ein Sachtext, ein Kommentar aufgebaut und geschrieben werden, wie sie geschrieben werden. Ich liebe die Arbeit von Journalist*Innen, wenn sie gut gemacht ist, aber das ist nicht -mehr- meine Tanzfläche.

Im Blog kann ich tanzen wie ich will, auch wenn es nicht zur Musik passt. Da kann ich dann auch journalistisch tanzen, aber ich muss nicht. Und nicht zu müssen, dass gibt mir die Sicherheit, die ich brauche, um schreiben zu können. Gibt mir die Freiheit, zu tun was ich will.

Mit mir läuft ein Ruf um die Wette, dass ich manchmal nur des Prinzips wegen einer anderen Meinung bin. Das es meine Art ist, mir zu beweisen, dass ich klug bin. Eine Einschätzung von Außerhalb, die ich so nicht teile, aber da sind wir wieder bei den Ansprüchen von außen, die ich noch nicht so gut ablegen kann. Aber den Blog nicht zum journalistischen Produkt zu machen, ist nicht meine Art, meiner Freundin zu widersprechen, sondern ein Art, mir zu entsprechen.

Tagebuch: Ich kann nicht schreiben

Jay Nightwind | 15.12.16 | / | 8 Kommentare
Wenn ich jetzt gerade einen Schadensbericht abgeben müsste, würde ich sagen, dass es nicht an den fehlenden Inhalten liegt und auch nicht daran, dass ich es mir technisch nicht zutraue. Grammatik, Ausdruck und Zusammenhänge bekomme ich so hin, dass ich damit zufrieden sein kann. Zugegeben, kurze Sätze fallen mir manchmal schwer. Und meine Sätze nicht zu relativieren, also durch ein "vielleicht", "möglicherweise", "manchmal". Aber das ist Kleinkram, der sich stilistisch in abschließenden Arbeitsschritten wegschleifen lässt. Achja, bei meiner ursprünglichen Aussage bleibe ich auch nicht immer direkt. Könnte so ein Bloggerding sein. Weshalb wir keine Journalisten sind. Also, in meinem Fehlerprotokoll stünde drin, dass mein Schreibprozess nicht gut ist.

So wenig gut, dass ich kaum mehr etwas produziert bekomme. Klar, hier und da kommt mal was zustande, aber mich aktiv und mit Freude hinsetzen und schreiben, das klappt nicht. Egal ob zwanglos (Blog, Slam) oder auf Zwang (Schule) ich bekomme es nicht besonders gut hin. Eine Praktikumsmappe, die ich gerade zurück bekommen habe, war gekürt mit einer berechtigen "Mangelhaft (Plus)" - was sich für mich immer liest, als wäre es eine qualitativ besonders hochwertige Fünf. Die Premium Fünf. Mit Goldkante. Aber halt auch vollkommen berechtigt. Die fachliche Ausarbeitung war nicht gegeben.

Kurzer Hinweis: Eine Praktikumsmappe in der Erzieherausbildung ist leider keine dieser romantischen kleinen Tagebuchsammlungen wie damals in der Schule, wo jeder Tag und die Aufgaben beschrieben werden, sondern eine anspruchsvolle Facharbeit mit mehreren Aufgaben, die auf einem wissenschaftlichen Niveau zu bearbeiten sind. Da geht es um Entwicklungspsychologie, pädagogische Begründungen, den Nachweis methodischer Kenntnisse und hoher Reflexionsfertigkeit.

Sitze ich in der Schule, sind all diese inhaltlichen Dinge da. Unterricht, Klausur, bekomme ich immer mit gutem Feedback und zufriedenstellende(re)n Noten zurück. Was mir verdeutlicht hat, dass es wohl an meinem Schreibprozess liegen muss. Prozess ist hier auch schon eine ziemliche Übertreibung, befürchte ich. Aber bevor ich jetzt in das Gebashe gegen mich selbst stürze, versuche ich es lieber mit neutraler Beobachtung (auch so ein Erzieherding), auch wenn diese ohne Blickwinkel von Außen nur schwer möglich ist. Spoilerwarnung: Die dürft ihr dann nachher geben.

Wenn ich schreibe sitze ich an meinem Schreibtisch. Das Fenster geht zur Straße heraus und ist leider in der Höhe, dass alle Passanten durch mein Arbeitszimmer laufen. Wenn mich das zu sehr stört, lasse ich die Rolläden runter. Am Schreibtisch habe ich immer Papier für spontane Notizen parat und den gesamten Bereich vor der Tastatur freigeräumt, falls ich mal Bücher etc. vor mir auslegen muss. Oberhalb des Arbeitsplatzes ist eine Schreibtischlampe, die den gesamten Bereich sehr gut ausleuchtet.
Wenn ich beginne zu schreiben, fange ich an mit mir selbst zu sprechen (ich wohne alleine, niemand stört sich daran), stehe immer mal wieder vom Arbeitsplatz auf und gehe durch meine Wohnung. Wenn ich am Rechner sitze und schreibe, schaffe ich häufig nur kleine Abschnitte, die ich dann laut lese, um sie zu reviewen. Recherchequellen habe ich in Tabs meines Browsers geöffnet oder offen vor mir liegen.
Lange Sequenzen schaffe ich kaum. Um den Faktor der Zeitverschwendung oder Ablenkung mit anderem auszuschalten, erledige ich meist meinen Haushalt zuvor. Die wirklichen dringenden Haushaltssachen sind hier sowieso immer in der Spur. Ja, ich bin auch immer überrascht.

Woran ich mich probiere seit einiger Zeit, ist "Co-Worken". Eine Methode bei der mensch sich mit anderen Menschen trifft, um Kram erledigt zu bekommen. In der vollmethodischen Version, trifft mensch sich dabei jede volle Stunde und gleicht die Ergebnisse ab, die bisher erreicht wurden und setzt Ziele für die nächste Stunde. In der reduzierten Variante sitzen andere Leute mit in der Hütte (egal ob eigene oder öffentlicher Ort) und kümmern sich um ihren Kram. Das klappt für mich ganz okay, ist aber nicht immer möglich. Vor allem, da viele in meinem Umfeld besser alleine arbeiten können, als Co-Worken.

Es muss ja aber auch alleine gehen, oder? Es muss doch möglich sein, sich an seinen Schreibtisch zu setzen, strukturiert und/oder begeistert an die Sache zu gehen. Ich sehe den ganzen Tag wie die krassen Leute in meinem Umfeld ihre großartigen Inhalte produzieren und veröffentlichen, schaffe es aber selbst nicht, etwas zu produzieren. Liegt es daran, dass ich eine Wolke von Inhalten sehe, die gar nicht von Einzelpersonen kommt? Vielleicht.
Liegt es an mangelndem Selbstbewusstsein? Garantiert.

Aber es muss doch auch strukturelle Möglichkeiten geben, den Schreibprozess zu lenken und zu optimieren, oder? Was kann ich machen?

Meine aktuelle Idee beinhaltet, mir einen Wecker von einer Stunde zu stellen und in dieser wirklich nur an einer Sache zu arbeiten. Andere Dinge, die mir einfallen, schreibe ich auf einen Notizzettel für später. Klingelt der Wecker, mache ich eine Pause, in der ich irgendetwas anderes tue, den Computer verlasse. Einen kleinen Spaziergang um den Block, ein Sandwich, genau eine Partie Fifa. Dann geht es zurück an den Rechner.

Trotzdem meine Frage: Wie machen andere das? Wie und wo schaffen andere es, ihre Texte und Inhalte zu produzieren?

Tagebuch: Versinken

Jay Nightwind | 27.06.16 | / | 4 Kommentare
Ein Millimeter. Ein Zentimeter. Es ist auf jeden Fall nicht viel. Ein kleines Stück. Nach links oder nach rechts, auf jeden Fall zur Seite. Aber nicht viel. Minimal. Unspürbar. Vielleicht ist es erahnbar, weil der Blickwinkel einen Millimeter weiter zur Seite gerückt ist, aber die Veränderung ist so gering, dass lieber den Sinnen misstraut wird.

Es ist nicht spürbar, bis es durch die Schablone geht. Einem Abbild der eigenen Ränder. Die Bewegung geht darauf zu, aber im letzten Moment passt es nicht. Dann kommen kurz Schwingungen auf, als wäre eine tonloser Gong geschlagen. Das Gefühl, etwas wäre schief oder verzogen übernimmt alle Poren der Wahrnehmung. Und dann blenden sie aus.

Wie beschreibt man am besten, dass alle Sinne abgeschaltet sind? Oder eher nicht verbunden. Denn alle Positionen beziehen sehr wohl Informationen, aber weder Sicht, Geschmack, Gehör, Gleichgewicht, Körpergefühl, Gespür, Geruch spielen noch eine Rolle. Über- und Untersteuern in Einem. Kurz: Ich habe kein Fühl mehr. Als wäre ich unter Wasser, ich ersticke noch nicht, ich weiß, dass ich nur knapp unter der Oberfläche bin, aber ich werde es nicht mehr rechtzeitig nach oben schaffen. Die Zeit ist eingefroren, während sie weiterläuft. Das Herz pumpt Blut, bewegt sich aber kein Stück. Die Schablone klemmt an den Rändern der Seele, weil sie zu weit und zu eng ist.

Ich nenne es "Versinken". Der Prozess, wenn eine innere Trauer alles übernimmt. Es ist keine depressive Lähmung, denn Leben geht sehr wohl noch, was ja oft bei Depressionen nicht mehr geht. Wenn die Beschreibungen stimmen, fehlt bei Depression jedes Gefühl, aber kein Fühl zu haben, bedeutet eher, sich nicht mehr in sich selbst auszukennen.

Die klugen Menschen haben Strategien dagegen gefunden, aber Logik greift nicht richtig. Wie auch, wenn alles nebelig unklar ist? Die Logik sitzt hinter den wahrnehmbaren Sinnen, wie soll sie ohne Informationsversorgung auch greifen? Aber sie arbeitet, im gelben Alarm, im Notstrom, im Autopiloten. Du gehst zur Schule, machst dir Essen, wäscht dich, deine Wäsche, aber es ist dir gleichgültig und wertlos. Du gönnst dir nichts, weil du nichts verdient hast. Du bestrafst dich nicht, weil du nichts verbrochen hast. Du hast keine Strategie, keine Taktik, weil es kein Spiel zu gewinnen gibt.Weder eine noch meine Lösung existieren.

Dieses Mal hat ein anderes Gefühl das Versinken weg gespült, die Wut. Wie "One Punch Mikey" in Snatch war ich unter der Wasseroberfläche, bin nach oben geschossen und habe den härtesten Uppercut ausgepackt. Meine Ohnmacht hat meine Seele an die Wand gedrängt und wenn Leben in die Enge getrieben wird, reagiert es mit Kampf oder Flucht. Ich wurde unfassbar wütend und habe dieser Emotion nachgegeben. Liegestütze, Rennen, Situps, Knechten und Drücken, bis die Muskeln brennen. Das tut dann weh, überschreibt aber jedes andere Gefühl.

Andersherum klappt es nicht unbedingt und auch die Wut hat nur gedrängelt und geschubst. Frustration ist keine Lösung, sondern fester Teil eines Prozess des Scheiterns. Scheitern an einem eigenen Zustand der Kontrolllosigkeit. Andersherum klappt es nicht. Ich kann nicht einfach Sport machen, wenn ich kein Fühl mehr habe. Das hat diesmal geklappt, aber nicht jedesmal. Ich weiß es nicht, was gegen das Versinken hilft. Ich weiß nicht, was ihr gegen so ein Gefühl tut? Aber es lohnt sich, ihm nicht nachzugeben. Es macht eng und klein, schmal und unfrei. Es ist fahren mit angezogener Handbremse. Es ist versinken.

Vlog #002 - Späte Ausbildung

Jay Nightwind | 08.06.16 | / / | Kommentieren
Es gibt wieder Content und heute zum Gucken. Ich mache mal meine Biografie ein Stück für euch auf.

Konzertbericht: The Red Hot Chilli Pipers

Der Hartmann | 17.05.16 | / | 2 Kommentare
Als ich 2015 in Schottland war, betrat ich in Edinburgh einen Laden.
Aus den Boxen der Musikanlage schallte Dudelsackmusik.
Doch es war nicht dieses "Typische", was einem sofort im geistigen Gehörgang erscheint, wenn man das Wort "Dudelsack" hört, also nicht dieses "drei dicke Schotten stehen auf saftigen grünen Wiesen und sackpfeifen vor sich hin".
Nein, es war anders.
Es war rockig, es hatte Schmackes und es klang verdammt gut.
Auf einem kleinen Fernseher konnte man sich das Ganze dann auch visuell reinziehen.
Bislang kannte ich so eine ansatzweise ähnliche Musik nur von Bands wie den Dropkick Murphys oder The Real McKenzies.
Aber die Musik in diesem Laden hatte etwas Eigenes, ich hätte noch stundenlang dort bleiben können.
Zurück in Deutschland wurde direkt das Album "Live at the Lake" der "Red Hot Chilli Pipers" gekauft und seit jeher rauf- und runtergehört.
Umso vorfreudiger wurde ich als bekannt war, dass eben diese großartige Band aus Schottland hier in Essen auftreten würde.
Es war klar: Ich muss da hin.
Und so kam es dann auch. Am 14.04. 2016 war es dann soweit. Das selbe Programm wie auf der CD nur halt live.
Nahezu pünktlich ging die Show los. Keine Vorband, keine Ansagen, nichts. Und das war auch gut so.
Die Halle ging schon gut steil, als der Großteil der Band (alle bis auf die Pfeifer) zu Beginn in minimaler Ausleuchtung auf der Bühne stand und das Intro spielte.
Die drei Bagpiper standen auch schon dort, allerdings im Dunklen und mit dem Rücken zum Publikum.
Beim Wechsel vom Intro in den Hauptteil des Anfangsliedes "Insomnia/ Jack Elliott's Favourite/ The Dragon's Lair", setzten dann auch das Licht und die Dudelsäcke unter tosendem Gejubel des Publikums ein.
Das war der Beginn eines der besten Konzerte meines Lebens.
Die acht Kiltträger auf der Bühne spielten teils eigene Lieder, teils hervorragende Coverversionen von bekannten Stücken wie "Everybody Dance now", "Don't Stop Believin"  oder dem ZZ Top- Knaller "Gimme all your Lovin'".
Man merkte, dass die Musiker ihren Spaß hatten, zumindest grinsten sie häufig.
Außerdem machten sie so manche Faxen, die unglaublich gut rüberkamen. Wie etwa den Klassiker bei Rockkonzerten:

Etwa in der Mitte der ersten Hälfte gab es auch ein "Dudelsack- Wettbewerb". 
Die drei Pfeifer spielten nacheinander jeweils ein Solo und das Publikum sollte durch Jubel und Applaus abstimmen, wer denn nun Sieger war. 
Ich gestehe, ich habe mich enthalten, schließlich waren alle drei so unfassbar gut, dass man sich meiner Meinung nach gar nicht entscheiden konnte. 

In der Mitte der zweiten Hälfte wurde mein Schlagzeugerherz besonders glücklich gemacht, denn es gab auch ein Drumbattle. 
Der Percussionist, der ebenfalls die Marching- Snare (also eine Trommel, wie sie auch bei Paraden oft gespielt wird), trat gegen den Schlagzeuger der Band an. Dieser spielte die Tom- Tom- Variante der Marching- Snare.
Es war großartig, da nicht nur exakt und extrem schnell gespielt wurde, sondern zwischendurch noch mit den Drumsticks getrickst wurde. 
Und gegen Ende des Drum- Offs duellierten sich die beiden Kontrahenten noch gegenseitig mit den Sticks. 


Fazit: 
Es war ein unglaublich großartiges Konzert, das durch eine musikalische Intensität geglänzt hat.
Ich muss gestehen, ich war anfangs ein bisschen skeptisch, ob ich knappe zwei Stunden Dudelsackklänge aushalte, ohne dass es sich tot hört.
Doch ebenso wie bei der CD kann ich sagen: Definitiv nicht!

Und wer jetzt noch eine Hörprobe haben möchte: Bittesehr!
(Das ist im Übrigen das Anfangslied, das im Text oben beschrieben ist, nur in größerer und teils anderer Besetzung)