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Häppchen: Ruhrgebietsflair

Andasch | 09.10.17 | / | 2 Kommentare
Schon oft hab ich mich gefragt, was genau ich jemandem zeigen kann, der mich aus dem Ausland besuchen kommt. Auf den ersten Blick versteht man den Pott einfach nicht. Wie kann ich ihm/ihr diese kontraintuitive Schönheit zeigen: Dieses pulsierende Leben, diese Betongraue in-die-Fresse-Ästhetik. Ihr wisst schon.

Klar, man kann sone Touri-Tour machen. Einmal ab in die verschiedenen Industrieparks: Westpark in Bochum, Landschaftspark in Duisburg, vielleicht n Abstecher ins Bergbaumuseum oder ins Gasometer. Aber haben wir dann wirklich das Ruhrgebiet erlebt? Keine Ahnung.

Irgendwie nicht.

Der Pott ist für mich mehr als all die schlafenden Industrieriesen. Mehr als Bergbau, Currywurst und Herbert Grönemeyer. Es ist, als würde unter all dem Beton Leben fließen und pochen. Es gibt Kultur und Kunst und Musik. Ne riesige Poetry- Slam- Szene, viele freie Theater, ne lebendige Musikszene. Egal ob Hip-Hop, Drum 'n' Bass oder Alternativerock. Im Ruhrgebiet findest du alles.

Irgendwann im August habe ich in Essen einen Ort gefunden, der für mich dieses Ruhrgebietsflair irgendwie repräsentiert. Ich hab in Esssen-Frohnhausen einen Döner bei Atilla Döner gegessen. Es war noch angenehm warm und ich konnte in kurzer Hose draußen sitzen. Es war ein guter Tag. Vor dem Laden hatte der Besitzer wacklige Stühle und Tische gestellt. Drei oder vier Meter von mir entfernt, rauschte die A40 vor sich hin. Laut und gleichmässig. Wäre ich aufgestanden, hätte ich auf sie runterschauen können. Von meinem Sitzplatz  aus verwehrte mir aber eine blanke graue Betonmauer die Aussischt. Nach dem Essen trank ich einen türkischen Tee. Direkt vor mir war eine Straße. Ein alter Mann lief seiner Frau hinterher und brüllte etwas. Dann drehte er sich um, sah mich an und sagte: "Eins hab ich gelernt: Frauen und Bussen läuft man nicht hinterher". Dann blieb sie stehen und er lief doch hinterher. Beide brüllten sich dann an. Aber irgendwie liebevoll. Ich weiß es klingt verrückt aber das war wunderschön.
Dieser Wille, allen Widrigkeiten zum Trotz, es schön zu haben, diese eigene Ästethik von Ehrlichkeit und brüllender Liebe und gleichmäßigen lauten Rauschen von Autobahnen...das ist Ruhrpott. Klar, kann man draußen am Kanal in Venedig sitzen und es ist schön. Das ist wirklich nicht schwer. Aber trotz all dem grauen Beton, lauten Geräuschen, Armut und Asiromantik, den Willen zu haben, es irgendwie schön zu machen. Scheiße, das ist Ruhrpott. Das dachte ich so, als ich an meinem Tee schlürfte, die Sonne meine Arme warm machte und mich wunderte, was würde ich Freunden aus dem Ausland zeigen, um ihnen das Ruhrgebiet zu erklären. Vermutlich wäre das ein Ort.

Schlecht

Jura-Examen. 250 Studenten. Ja, Studenten und nicht diese genderneutrale Studierendenscheiße. 250 Studenten und 25 Strafgesetz-Repetitorienbücher. Das sind 10 %. Es ist 23:43. Die Bibliothek ist leer. Ich gehe zum Regal mit allen 25 Büchern darin. Als ich ein Buch herausnehme, quietscht das grau-bläulich lackierte billige Metallregal laut. In meiner Tasche befindet sich abgepackte Scheiße. Heute morgen habe ich einen Topf auf meine Toilettenschüssel gelegt, so dass die Henkel auf dem Sitz liegen und die Öffnung in die Toilette ragt. Dann hab ich reingekackt und die Scheiße in einen Frischhaltebeutel gesteckt. Mit ein paar Plastikhandschuhen hole ich jetzt ein bisschen Scheiße aus dem Beutel und schmiere 24 der 25 Bücher voll. Eins nehme ich mit.



Stuttgart. Könnte aber auch jede andere Stadt sein. Urbane Räume sind alle gleich. Breiartiges Erbrochenes. Grauer Matsch mit undefinierbarer Konsistenz. Irgendwie flüssig, irgendwie fest. Städte sind kalt. Wie der Beton aus dem sie gebaut sind. 7.00 Uhr. Ich friere mir den Arsch ab. Meine Füße sind schon ganz taub und ich werde wach. All die Wichser gehen arbeiten. Diese geleckten Flachpfeifen. In lauten Stöckelschuhen und mit lächerlichen Rollkoffern, die höllisch laut sind sobald sie über diese geriffelten Pflastersteine am Bahnhof rollen. Ich finde eine weggeworfene Kippe. Sie ist plattgetreten. Ich sammle sie auf und zünde sie an. Ein paar Jugendliche Kanaken gehen an mir vorbei, und erzählen sich was in ihrer Dreckssprache. Dann lachen sie. Einer kommt zur mir und klaut meinen Becher mit Geld drin.
14.00 Uhr. Scheiß Tag. Ich sitze immernoch am Bahnhof. Ich trinke eine Fanta-Korn-Mische. Sie schmeckt abgesstanden und hat keine Kohlensäure mehr. Plötzlich erkenne ich einen der Dreckskanaken von heute morgen wieder. Er kommt auf mich zu und hält mir den Becher hin. Ich kann erkennen, dass ein 20 Euro Schein drin ist. Er hält ihn mir entgegen und murmelt etwas von Entschuldigung. Ich sehe, wie er vergeblich versucht sein Gesicht wegen meinem Geruch nicht zu verziehen. Er würgt zwischendurch sogar ein wenig.  Ich packe seinen Arm und schreie: "Hilfe, der klaut mein Geld!" Der Kanake schaut sich ängstlich um und versucht sich loszureißen. Ich beiße in seinen Arm und versuche seine Uhr zu klauen. Er tritt mir gegen die Brust. Viele Leute gucken. Keiner macht was. Der Junge lässt den Becher fallen. Ich reiße nochmal an seiner Uhr. Sie fällt auf den Boden und das Glas darauf zerspringt. Der Dreckskanake hat Angst und rennt weg. Ich habe 20 Euro und eine neue Uhr.



Vorstandssitzung. Der Dieselskandal setzt dem Geschäft zu. Irgendein inkompetenter Trottel hat's vermasselt. Wir beschließen mehrere Großspenden an Politiker, Funktionäre und die Medien. Insgesamt mehrere Zehnmillionen Euro. Es gibt Mettbrötchen, stereotypisch wie es sich gehört aber auch Kaviar. Mit Meerrettich. Wir entlassen einige Hundert Mitarbeiter. Den Fond für die Abfindungen hatten wir schon vor einigen Jahren angelegt. Er zählt somit nichts ins Geschäftsjahr und korrigiert unsere Bilanz. Ich bin zufrieden. Ich glaube heute ficke ich meine Frau. Vielleicht kauf ich mir aber auch einfach nur ne neue Uhr. Dann muss ich heute Abend zumindest nicht so tun, als würde mich ihr Gelaber interessieren.


Vor wenigen Stunden haben wir uns kennengelernt. Er hat mir in der siffigen Club-Toilette einen geblasen. Es hat sehr penetrant nach Pisse gestunken. Er kniete auf dem feuchten Boden und nahm meinen Schwanz in den Mund, während ich halbherzig stöhnte. Ich mein, er war nicht schlecht, aber heute ging es mir um etwas anderes als billige Befriedigung mit einem Fremden. Während er meinen Schwanz lutschte, sah ich mir die graue Toilettentür an. An einigen Stellen war sie gelb-bräunlich verfärbt. Wahrscheinlich hatte irgendein Halbstarker im Suff, dort ein wenig rumgekokelt. Genüsslich schmatze der Typ, als er meinen Schwanz tief in seinen Mund schob. Zwischendurch versuchte er Blickkontakt herzustellen und schielte gierig hoch. Ich packte dann seinen Hinterkopf und drückte ihn rabiat auf mein Geschlechtsteil. Ein bisschen Sperma landete auf seinem schwarzen Pulli. Er wischte es weg, aber es blieb ein klebrig, glitschiger zwei-Finger großer Fleck.
Ich bat ihn, mit mir heim zu gehen. Es war beinahe Fünf. Die Stadt war noch dunkel. Es hatte geregnet und einige dreckige Pfützen haben sich gebildet. Immer wieder kamen uns Betrunkene entgegen, die schrien und gröhlten. Einer rief irgendwas von Hure und warf seine halbvolle Bierflasche auf die Straße. Das zerspringedene Glas hatte einen angenehm basslstigen Klang, als sie auf der Straße zersprang. Das Klirren hallte durch die stille Nacht. Morgen würde irgendein armer Wicht die Scherben aufsammeln müssen. Vielleicht würde sogar jemand nichtsahnend mit seinem Auto durchfahren und einen Platten kassieren. Bei jedem unserer Schritte entstand ein feuchtes Fopp-Geräusch. Als wir eine kleine Gasse passierten, ziehe ich ihn hinein und fummele wild an seiner Hose herum. Ich sehe die Gier und Geilheit in seinen Augen aufblitzen. Wie wild, fängt er an mich zu küssen, haucht in mein Ohr und beißt in meine Unterlippe. Ich drehe mich um. Er küsst meinen Hals. Ich nehme seine Hände und führe sie an meine Hose. Seine war bereits heruntergerutscht. Während er hektisch versucht meine Hose zu öffnen, greife ich in meine Jackeninnentasche. Ich bin mir sicher, er dachte zu diesem Zeitpunkt ich suche nach einem Kondom. Ich drehe mich schnell um und schiebe ein Messer zwischen seine Rippen, Meine Klinge tauchte komplett in sein Fleisch. Ich hoffe sowohl seine Lunge, als auch sein Herz erwischt zu haben. Ich steche noch einige Male auf ihn ein. Es ist ganz mühelos. Ich liebe diesen metallischen Eisengeruch, wenn soviel Blut vergossen wird. Ich steche solange auf ihn ein, bis ich ganz außer Atem bin. Ich war so konzentriert, dass ich ganz vergessen habe dem Typen in seine Augen zu gucken. Scheiße. Das ist doch das Beste. Der Augenblick, wenn der Gegenüber voller Schrecken realisiert, dass er statt nem Fick gerade ein Messer in den Körper gerammt bekommen hat. Meistens dauert es einige Sekunden bis er es merkt. Die Zeit bleibt dann fast stehen. Die Pupillen werden dann ganz groß und sie versuchen sich zu wehren. Meistens ist es aber zu spät und sie sind schon zu schwach. Irgendwann merkt man, wie das Leben aus den Augen weicht. Die Augen werden dann ganz starr und jegliche Dynamik verschwindet aus den Pupillen. Fuck, ich habs verkackt. Richtig befriedigend war das jetzt nicht.

Podcast: Gamescom 2017

Andasch | 26.08.17 | / / | Kommentieren

Die Gamescom ist die größte Videospielmesse der Welt. Ich durfte im diesen Jahr zum ersten Mal als Journalist dabei sein und habe mich mit meinem Mitbewohner Tim mal über die Ankündigungen und ausgesuchte Spiele unterhalten. Hört doch mal rein.



Erinnerungen

Andasch | 25.08.17 | | Kommentieren
Ich sortiere. Ich schmeiße weg und behalte. Ich kuratiere.
Was ist wichtig? Was ist Müll? Was verdient zu bleiben und was ist wertlos?
Ich fühle mich seltsam. Ich habe schon lange nicht mehr aufgeräumt. Ich habe Tomte angemacht. Ich weiß, füchterlich pathetisch. Aber es fühlt sich passend an. Trennen von Erinnerungen, erinnert werden an die Vergangenheit. Nostalgie, ein bisschen Schmerz und ein komisches Gefühl. Mir fällt auf, ich kann mich nicht von Dingen trennen. Dabei war die Aufgabe doch einfach: Einen Schrank ausmisten. Tschüß Biochemie, hallo Journalismus. Hallo neues Leben, byebye altes Leben.

Ich nehme Dinge in die Hand. Jedes Teil ist wie ein kleiner Flashback. Eine Eintrittkarte in die Tiefen meiner Hippocampi. Ich entdecke ein Schaubild. Ich hab es dir gemalt, als wir uns gestritten hatten. Dabei kann ich doch gar nicht malen. Aber ich wollte dir zeigen, wie ich mich fühle. Wie ich diese ganze Situation wahrnehme. Du hast sehr viel gedacht. Ich wohl sehr wenig. Dabei sage ich immer, ich zerdenke alles.





Ich finde Aufzeichnungen. Mehrere Blöcke voll mit Notizen von chemischen Strukturen. Organische Chemie. Mechanismen und Syntheseanalysen. Ich verstehe sie kaum noch. Aber wenn ich darauf blicke: Flashback. Ich erinnere mich, wie ich wochenlang gelernt hatte. Wie ich in Sporthose den Vollhardt, mein Chemiebuch, in der Küche meiner WG wälzte. 1452 Seiten. Und ich habe sie gelesen. Durchgearbeitet. Notizen beim Lesen gemacht und die Aufgaben bearbeitet. Zweimal, vielleicht sogar zweieinhalbmal. In der Küche und in der Bib. Während OC I hatte ich sogar noch bei Mama gewohnt. Ich erinnere mich an einen Abend. Ich lernte bis tief in die Nacht. Es war 2, vielleicht 3 Uhr oder später, ich weiß es nicht mehr. Ich machte Feierabend. Ich ging auf den Balkon und es war wunderbar ruhig. In der Woche schliefen alle Menschen um diese Uhrzeit, zumindest in diesem Vorrort. Ich rauchte eine Zigarette, meine Mama schlief auf der anderen Seite der Wohnung.
Das ist fast 5 Jahre her. Glaube ich.
Eine Zigarette in Bochum-Höntrop. Meine Mutter wohnt dort nicht mehr. Verrückt. Irgendwie.

Ich entdecke Kataloge. Auslandssemester. Neuseeland und Australien. Schon nach der Schule hatte ich mir Kram für Work & Travel bestellt. Im Studium dachte ich über ein Auslandssemester oder ein Praktikum nach. April 2016. Solange ist das gar nicht her. Verrückt, wie schnell sich Pläne ändern. Wie schnell sich Leben ändern. Wie Dinge passieren. Irgendwann, irgendwann werde ich meine Reise noch bekommen.

Ein Foto aus dem Labor. Es ist während des physikalisch-chemischen Praktikums im 4. Semester entstanden.  Ich hatte damals angefangen meine Fühler auszustrecken, über den Tellerrand zu blicken und hatte einen Kurs für analoge schwarz-weiß Fotografie und die Entwicklung im Labor belegt. Im Labor des Physikalisch-chemischen Praktikums habe ich ein Foto geschossen. Ich mag es immernoch sehr gerne. Ich erinnere mich noch an die Verzweiflung, die ich gespürt habe. Jede Woche, als ich versuchte die Protokolle zu schreiben. Es war eine aufwendige statistische Aufarbeitung nötig.  Ich hatte mit einem meiner besten Freunde, häufig die Nächte durchgearbeitet mit gelegentlichen Skype Telefonaten. Am Ende hat es doch rigendwie geklappt, weil es klappen musste. Aber an dieses "Ich weiß nicht weiter. Ich weiß nicht was ich hier schreiben soll, wie ich das Aufarbeiten muss und morgen ist Deadline. Das pack ich nie"-Gefühl. Daran erinnere ich mich noch sehr gut. 


Weitere Aufzeichnungen. Bilder von Gelelektrophoresen. Ich erinnere ich, wie ich diese Aufzeichnungen im Park machte. Ich erinnerte mich an die Vorlesung und die Umstände. An mein Auf- und Ablaufen in der Wohnung und das Abfragen von mir selbst im Geist. An die Fragen und die unglaubliche Arbeit, die in diesem Gekritzel steckt. Laborbücher. Aufzeichnungen für die mündliche Prüfung. Das Gefühl als ich zum zweiten Mal durchgefallen war, bevor ich für einen Monat nach Neuseeland gegangen bin. Wie ich motiviert in die Prüfung kam mit dem Gefühl gut vorbereitet gewesen zu sein und grandios scheiterte. Obwohl ich viel wusste. Wie ich völlig verzweifelt nach Hause kam und um elf Uhr morgens Bier trank und einen Joint rauchte. Wie ich zum ersten Mal fast aufgab.

Ich entdecke Aufzeichnungen von Biochemie I. Neben der mündlichen Prüfung, die einzige Klausur in der ich durchgefallen bin, bei der es sich nicht um einen Freischuss gehandelt hat und ich nicht noch im selben Semester wiederholen konnte. Ich erinnere mich wie ich ein Jahr später all die verdammten Metabolismus-Kreisläufe auswendig lernen musste. All die Mechanismen dieser verfluchten Enzyme, wie sie welchen Stoff, wie spalteten. Wie ich dort hart arbeitete, um am Ende unter den magischen 2,5-Schnitt für den Master zu kommen.  Ich erinnere mich an das glorreiche Semester, in dem ich eine 1,3 in Biochemie III schrieb, eine 1,0 in Onkologie und Physikalische Chemie I wiederholte und statt einer 4,0 eine 1,7 schrieb. Darauf bin ich bis heute sehr stolz, denn es war Fleißarbeit. Pathetisch-wissenschaftlich ausgedrückt: Mit proportional steigendem Leid und Selbstdiziplin stieg die Note.
 Ich schaffte am Ende nicht nur die erforderliche 2,4, sondern sogar die Abschlussnote 2,3. Das war ein sehr hart erarbeiteter Sieg. Aber ein Sieg. 

Das Expose zu meiner Bachelorarbeit. Ich erinnere mich, wie viel Spaß die Bachelorarbeit gemacht hat. Wieviel Herzblut ich darein gesteckt hatte. Ich erinnere mich, wie ich an einem Tag bis 23 Uhr im Labor blieb. Alleine und arbeitete, weil es Spaß machte und ich das Gefühl hatte, irgendwas zu bewirken. Wie ich Kaffe trank als ich auf meinen Westernblot wartete und im Büro eine Folge Dr. Hosue streamte. Wie ich aus dem fünften Stock auf den Campus RUB hinabschaute als es bereits dunkel war und nur einzelne Fenster beleuchtet waren. Draußen fiel Schneeregen. Fast wie im Film. Ich erinnere mich auch an den Schreibprozess. An die ganzen Orte, an dem ich sie schrieb. In der Badewanne, am Küchentisch meiner Tante in Ennepetal, an meinem Computer. Ich erinnere mich an die Recherche und die experimentellen Rückschläge. Aber auch an die gute Zeit mit meinen Kollegen. Außerdem erinnere ich mich an die erste Maus, die ich getötetet habe.


Ich sortiere. Ich schmeiße weg und behalte. Ich kuratiere.
Was ist wichtig? Was ist Müll? Was verdient zu bleiben und was ist wertlos? Mir fällt auf, ich kann mich nicht von Dingen trennen. Dabei war die Aufgabe doch einfach: Einen Schrank ausmisten. Tschüß Biochemie, hallo Journalismus. Hallo neues Leben, byebye altes Leben. Es ist wohl tatsächlich ein Abschied von Biochemie.

Ich weiß, es mag albern klingen. Aber diese Dinge sind Teil von mir. Jeder Block, jeder Zettel, alles. Es fühlt sich an, als würde ich Schlüssel wegwerfen. Schlüssel zu Erinnerungen. Die Türen fallen zu und ich werde sie vielleicht nie wieder öffnen können.

Meine kleine konstruierte Wirklichkeit. Ich fange an zu sortieten. Ich hefte Dinge zusammen, die nicht zusammen gehören. Ich verändere meine Vergangenheit. Wenn ich diesen Ordner in ein paar Jahren nochmal in die Hand nehme, werde ich nicht wissen, dass ich er aus zwei verschiedenen Dingen besteht. Ich habe Angst zuviel zu verändern und zuviel zu vergessen.
Ich schmeiße Aufzeichnungen weg.Quasi Wissen. Es fühlt sich an, als würde ich Bücher verbrennen.

Ich lege einen Ordner an: "Biochemie-Handwerk". Ich sammle Protokolle. Dieses Wissen gab es nicht in Büchern. Man hat sie im Labor von seinem Betreuern mitgeteilt bekommen oder selbst durch Ausprobieren erfahren. Oft wusste man zwar wie eine Methode theoretisch funktionierte, aber wie das praktisch durchzuführen war, stand auf einem anderen Blatt. Das ist wertvolles Wissen, dass es zu bewahren gilt, sagt mein Kopf. Außerdem findest du solche detaillierten Protokolle nur selten im Netz. Vielleicht irgendwann, wenn es mich wieder in ein Labor zieht, werde ich froh sein diese Protokolle behalten zu haben.
Die zahlreichen ausgedruckten Publikationen sind unsortiert wertlos. Brauche ich etwas, kann ich es mit Recherche im Netz finden. Die Publikationen kommen also weg. Wie ein Blinder, der Blindenschrift liest, fühle ich ein letztes Mal mit meiner Hand über die Seiten. Ich erinnere mich nocheinmal wie ich diese Paper las. In der Uni, in der Sonne im Westpark oder kurz vor knapp in der Bahn.

Ich blättere durch vollgeschriebe Collegeblöcke. Jedes Mal ein kleiner Flashback. Jedes Mal Überwindung, sie wegzuschmeißen. Bücherverbrennung. Einschmelzen von Schlüsseln. Jedes Mal dieses Gefühl in meiner Brust. Es fühlt sich an wie der kleine Burder von Lampenfieber.

Ich finde einen Brief von dir. Du hast ihn geschrieben, bevor du nach Neuseeland bist. Du hast ein Foto von uns, bevor wir zusammen waren hineingetan. Wir lachen. Es ist ein schönes Foto. Auf die Rückseite hast du I love you mit einem Herz gekritzelt. Ich finde auch einen Brief von dir aus Neuseeland. Ich packe sie in den "wichtige Erinnerungen-Umschlag". Meine Hände zittern ein bisschen und ich habe Pudding-Knie. Immernoch, nach fast anderthalb Jahren. Auch verrückt. Vielleicht ist es auch normal, wenn man solange zusammen war und geballte Emotion auf Papier gebannt wiederentdeckt. Wer weiß. Außerdem hab ich mich mit dem Ende von uns nie wirklich beschäftigt. Ich hab e mir seitdem einfach soviel Dinge vorgenommen, dass ich keine Zeit hatte, mich damit zu beschäftigen. Ich find Trauerarbeit doof.

Ich finde eine Abfrage Liste und gehe sie durch. Das meiste weiß ich noch. Wenn auch nicht detailiert genug für eine richtige Klausur.
Ich finde eine Ausgabe der Spektrum der Wissenschaft von Dezember 1982. Ich hatte sie mal auf bei einem Trödelhändler mit meiner Exfreundin gekauft. Darin enthalten waren einige (nun natürlich überholte) Publikationen der Neurowissenschaften. Ich hatte schon immer eine Schwäche für auf Papier gebanntes Wissen..


Ein Dinosaurier Malbuch. Das habe ich von einem Professor bekommen, bevor ich zur Schule gegangen bin. Meine Oma hat dort geputzt und mich manchmal mitgenommen. Ich erinnere mich, dass ich mich dabei gelegentlich mit ihm unterhalten habe. Er war schon sehr alt, zumindest habe ich das damals so wahrgenommen. Ich erinnere mich noch wie meine Mutter irgendwann behauptete, er sagte sei sei sehr klug. Er hatte mir dieses Dinosaurier-Malbuch geschenkt. Es zeigt Schritt für Schritt, wie man Dinosaurier zeichnet. Ich glaube ich hatte mich oft über Dinosaurer mit ihm unterhalten. Ich finde zwei, drei weitere Dinge als ich ein Kind war. Ich muss grinsen.

Ich finde weitere Dinge von Dir. Bilder von uns. Briefe und Postkarten. Ich überfliege sie kurz. Ich bin überfordert. Ich habe Herzrasen. Ich hasse das. Es fühlt sich wie Angst an. Warum sollte ich Angst haben? Ich zittere und meine Beine sind schwach. Ich geh aus der Wohnung und atme im Treppenhaus ein paar mal tief ein und wieder aus. Ich werde diese Spannung nicht los. Ich gehe zum Kiosk und kaufe Blättchen und Tabak. Ein schlechtes Zeichen. Ich hab seit zwei Monaten keinen Tabak mehr besessen. Meine Wohnung ist voll mit Kram. Fotos und Briefen. Erinnerungen und Papier. Ich habe es beim sortieren in der ganzen Wohnung verteilt. Ich rauche und kann nicht weitermachen. Ich kann kaum tippen. Ich wünschte ich hätte den Schrank niemals aufräumen wollen.

Ich will nicht in der Mitte aufhören und drehe alle Fotos von dir um. Ich widme mich zuerst den unwichtigen Sachen und schmeiße weitere Collegeblöcke und Briefe von irgendwelchen Institutionen weg, von dennen ich dachte die seien vielleicht wichtig. Waren sie nicht. Ich sortiere die leergeworden Ordner und Folien in entsprechende Fächer in meinen Schrank.
Schmeiße viel Biochemie-Kram weg. Alle Erinnerungen von dir tue ich in meine "wichtige Erinnerungen-Umschlag".

Wissenschafts-Häppchen: Der Geruch von Büchern


Als Schreiberlinge versuchen wir häufig Szenen detailiert und lebendig zu erzählen. Wir versuchen alle Sinne miteinzubeziehen. Wenn unser Protagonist also beispielsweise versucht einem historischem Geheimniss auf die Spur zu kommen und für die Recherche in die alte Bibliothek des King Colleges in Cambridge geht, versuchen wir alles um ihn herum zu beschreiben. Das Knarren der alten Holzdielen unter dem abgerockten roten und verblassten Teppich, der bereits bessere Tage gesehen hat. Das dämmrige Licht, das durch die farbigen, kunstvoll mossaikartigen zusammengesetzeten Fensterscheiben scheint. Die alte Dame am Eingang, die einen streng anschaut, weil man sich zu laut verhält und die vielen hölzernen Wendeltreppen, die zu den oberen Stockwerken führen. Und natürlich der süßlich pregnante Duft von alten Büchern, der im Raum hängt. Der Duft von alten Büchern riecht nach.. nach.. wonach eigentlich?

Wissenschaftler haben versucht herauszufinden, was den Geruch von alten Büchern ausmacht. Was genau riechen wir da und wie kommt das zustande?
Klar ist, es muss ein Gas sein, sonst würde es nicht an den Rezeptoren in unserer Nase ankommen. Wenn man sich Bücher anschaut, wird man erkennen sie bestehen hauptsächlich aus Papier. Ich weiß, um das zu erkennen, braucht man kein naturwissenschaftliches Studium. Aber  dann weiß man eventuell, dass Papier aus Cellulose und Lignin besteht. Außerdem weiß man das Chemie niemals still steht. Ständig finden Reaktionen statt, wenn auch manchmal nur sehr, sehr langsam.

Struktur von Lignin Foto: CC0
Lignin zerfällt. Wie man hier sehen, kann ist Lignin ein riesiges Molekül. Das bedeutet, die Möglichkeit an entstehenden Molekülen ist riesig. Ich will euch hier nicht weiter mit den chemischen Details langweilen. Es soll ja nur ein Häppchen werden. Ich möchte es an dieser Stelle also abkürzen,ohne aber den kleinen Hinweis, dass jedes Buch verschieden ist und natürlich auch ein wenig anders riecht und mehrere Hundert Moleküle dafür verantwortlich sind, also die prominentesten Moleküle vorstellen.






Die Oxidation, also die Reaktion mit dem Luftsauerstoff, führt zum Zerfall von Lignin und führt unteranderem zu folgenden Produkten:

Ausgewählte Produkte des Zerfalls von Lignin;  Stukturformeln: Andreas


 Interessanter Nebeneffekt der Oxidation von Lignin, also dem Zerfall durch Luftsauerstoff, ist die gelbe Verfärbung der Seiten. Häufig entstehen nämlich auch Säuren, die das Papier dann verfärben.

Wem das Häppchen Hunger auf mehr gemacht hat, sollte sich die (englischen) Orginal Publikationen anschauen.

Strlic, Matija; Thomas, Jacob; Trafela, Tanja; Cséfalvayová, Linda; Kralj Cigić, Irena; Kolar, Jana; Cassar, May (2009): Material degradomics: on the smell of old books. In: Analytical chemistry 81 (20), S. 8617–8622

Clark, Andrew J.; Calvillo, Jesse L.; Roosa, Mark S.; Green, David B.; Ganske, Jane A. (2011): Degradation product emission from historic and modern books by headspace SPME/GC-MS: evaluation of lipid oxidation and cellulose hydrolysis. In: Analytical and bioanalytical chemistry 399 (10), S. 3589–3600.


Ob unterwegs auf dem Weg zur Arbeit, in der Raucherpause oder auf dem Klo. Unsere Häppchen sind kurze Texte für den kleinen Lese-Hunger zwischendurch - quasi das fast food unter unseren Blogtexten.

Gesprächsstoff #003 - die längste Minute

Was war die "längste Minute", die du je überstehen musstest?

Tobi sieht das so:
Es gab zwei Situationen, wo die Minuten ungefähr gleich lang und kritisch waren.

Die erste Minute war im Februar diesen Jahres. Meine Ausbildungstruppe und ich waren in der IHK zu Duisburg und haben unsere Ergebnisse der Abschlussprüfung mitgeteilt bekommen.

Wir wurden in zwei Gruppen aufgeteilt und dann in einen separaten Raum geführt, wo wir die Ergebnisse bekommen haben. Zumindest die, die bestanden haben. Aber das weiß man ja vorher nicht.

Der Gang in den separaten Saal, das Aufreihen und das Abwarten hat vielleicht etwas mehr als eine Minute gedauert aber Holladibolla: Bei einem Puls von mindestens 200 und kleinen Schweißperlen auf der Stirn ist es letztendlich egal, es kommt dir eh alles wie eine Ewigkeit vor.

Die zweite Situation beinhaltet eine Kiste Bier und eine S- Bahn, die ohne Toilette unterwegs ist. Ums kurz zu machen: Ich hatte noch einen Halt bis zum Zielbahnhof und musste so dermaßen dringend pinkeln, dass ich schon kurz davor stand, zu beten.

Aber in beiden Fällen ist es grade noch so gut gegangen ;-)


Jan sagt:

Mein Vater wurde von einem zu schnellen Fahrzeug erfasst. Er war mit dem Kühler am
Schienenbein getroffen worden, ist mit dem Kopf auf die Frontscheibe geschlagen, dann durch die Luft gewirbelt und auf seinem Gesicht ein paar Meter vor dem Fahrzeug auf den Boden aufgeschlagen. Seine Einkäufe waren über die gesamte Straße verteilt, irgendwelche unwichtigen Lakritzsüßigkeiten.

Ich lief erst zu ihm. Alles roch nach Blut. Falls ihr euch fragt, es ist ein metallischer Geruch, wie rostige Oberflächen. Ich erinnere mich, dass irgendjemand zu ihm gekommen war und erste Hilfe leistete. Ich hatte auch mein Telefon am Kopf, stand mitten auf der Straße. Ich setzte einen Notruf ab, wenn auch ich mich nicht mehr an dieses Telefonat erinnere. Später sagte man mir, dass viele Notrufe für die Situation gleichzeitig eingingen.

Dann räumte ich vollkommen sinnlos die Einkäufe zur Seite, weil ich nicht wollte, dass noch etwas passierte. Arbeitskollegen meines Vaters, die zufällig auch da waren, sperrten mit ihren Abschleppwagen die Unfallstelle so ab, dass keine Fahrzeuge mehr hätten hineinfahren können. Einer der Fahrer war auch ehrenamtlich beim roten Kreuz. Auch er leistete erste Hilfe. Vermutlich passieren die Dinge in anderer Reihenfolge. In meinem Kopf ist alles gleichzeitig gespeichert. 

Während ich Lakritze an den Bordstein schob, vollkommen unter Schock, kam ein fremder Mann und fragte mich, ob den alles okay ist. Ich erinnere mich nur daran, sehr feste umarmt, ja fast schon zerdrückt zu werden, während ich schrie und weinte.

Es kamen Rettungskräfte, ein großer Koffer mit Fläschen wurde geöffnet, ich ging von selbst wieder von der Stelle weg, weil ich innerlich wusste, dass ich hier nur störe. Später erfahre ich, dass mein Vater vielleicht nur überlebt hat, weil auf dem anliegenden Flohmarkt zufälligerweise zwei iranische Chirurgen waren, die sofort zur Hilfe eilten. Ich bereue, dass ich mich nie bedanken konnte.

Dann irgendwann saß ich in einem Rettungswagen und rief in der Firma an, dass jemand zu meiner Mutter hoch sollte, bevor ich sie anrufe. Plötzlich war ich wieder sehr sortiert. Ich rief Thomas, einen meiner Engsten, an, weil er zum Uni Klinikum kommen musste, damit ich das durchstehen kann. Als dann jemand bei meiner Mutter war, konnte ich ihr auch am Telefon sagen was geschehen war.

Im Polizeibericht und im Unfallbericht stand, dass das alles in Fünf Minuten passiert ist. Mein Vater hat übrigens überlebt. Vom Gefühl her dauert aber dieser eine Moment noch bis heute an.

Malte denkt sich:


Zeit, die plötzlich ewig dauert, ist tatsächlich ein immer wiederkehrender Alptraum von mir. Es passiert immer wieder, dass ich in einem Traum auf eine Straße falle, in der Ferne ein Auto sehe und mich plötzlich nur noch in Zeitlupe bewegen kann.

Das ist tatsächlich das, was am ehesten an das Thema der hiesigen Frage herankommt. In der jüngeren Vergangenheit fällt mir selbst nach langem Überlegen nichts ein, wo die Zeit für mich merklich langsamer verstrich.

Erst, wenn ich wirklich weit in meine Kindheit gehe, gibt es dort eine Situation, die noch völlig klar in meiner Erinnerung sitzt: In der vierten Klasse war ich auf einem Schulausflug im Sauerland. In der Jugendherberge kaufte ich mir eine Flasche Fanta, die ich im Prinzip direkt nach dem Erhalt schon zu Boden fallen ließ. Der komplette Sturz der Flasche und das Zerbersten auf dem Boden haben sich vor meinen Augen in Zeitlupe abgespielt, ich stand auch danach noch wie erstarrt und habe auf die Scherben gestarrt, bis meine Lehrerin mich ankeifte, dass ich doch mal die Scherben aufsammeln könnte.

Ich habe keine Ahnung, wieso mir dieses Erlebnis noch immer so präsent im Kopf ist, noch wieso es mich damals so sehr schockiert hat. Meine Vermutung ist, dass ich als Kind riesige Probleme damit hatte, mir einzugestehen, etwas nicht zu können oder Fehler zu machen. Scheitern war für mich absolut schrecklich. Die Tatsache, dass ich in aller Öffentlichkeit nicht dazu in der Lage war, eine Flasche zu tragen, schien mich völlig zu paralysieren. Ich weiß noch, wie ich danach dann eine Scherbe aufhob, eine Mutter dazu kam und mir mit dem Rest half. Als ich ihr die letzte Scherbe geben wollte, die ich die ganze Zeit in der Hand hielt, war alles voller Blut, da ich mich die ganze Zeit, ohne es zu merken, komplett um dieses Stück Glas verkrampft habe.

Während des Schreibens bin ich wirklich erstaunt, wie deutlich sich alles wieder vor meinem inneren Auge abspielt, auch wenn Erinnerungen natürlich immer trügerisch sein können.

Andy erzählt:

Ich war sehr jung. Ich erinnere mich leider nicht, wie alt genau ich gewesen bin. Ich denke fünf oder sechs. Vielleicht bin ich aber auch schon sieben oder acht gewesen. Ich weiß es nicht.

Es war die Nacht von Silvester auf Neujahr. Ich war mit meiner Mutter und meinem Vater wie jedes Jahr oder die Jahre danach, bei Freunden der Familie. Sie hatten eine Tochter in meinem Alter und meine Mutter hat sie bei Weiterbildungsmaßnahmen für Spätaussiedler kennengelernt. Sie kamen auch aus Polen. Wir trafen sie oft und so auch dieses Silvester.

Mein Vater ist Alkoholiker und zu der Zeit versuchte meine Mama das noch vor Freunden  und Bekannten zu verstecken. Mir war das Ganze aber schon bewusst. Jedes Wochenende, an Feiertagen und so weiter wurde mir gezeigt, welche Wirkung Alkohol auf Menschen haben kann. Mein Vater kannte beziehungsweise kennt kein Ende. Er kann einfach nicht aufhören zu trinken.
Ich weiß nicht genau, wie es im Wohnzimmer bei den Erwachsenen zuging. Ich denke meine Mutter wurde immer mulmiger, je betrunkener mein Vater wurde, sagte aber nichts um die Tarnung einer intakten Familie zu wahren. Ich war beschäftigt mit Spielen und war sogut wie nie im Wohnzimmer.

 Irgendwann war es Zeit nach Hause zu gehen. Erst mit der U-35 von der Markstraße bis zum Hauptbahnhof und dann weiter mit dem Taxi nach Höntrop. Ich erinnere mich nicht an die Rückfahrt. Nur eine Minute, spielt sich sehr detailliert vor meinem inneren Auge ab. Wir sind Rolltreppe gefahren. Mein Vater hatte vorher wahrscheinlich meine Mutter angeschrien, beleidigt und degradiert. Alltag.

Mein Vater stand auf der Rolltreppe einige Meter vor uns. Meine Mutter und ich zusammen auf einer Stufe weiter unten. Ich hielt ihre Hand.  Es war die Rolltreppe auf der gegenüberliegenden Seite von McDonalds am Boulevard. Es ging hoch. Ich erinnere mich wie ich ihn beobachtete. Mein Vater war unter Alkoholeinfluss unberechenbar. Man wusste nie, wann er entschied, dass es an der Zeit war handgreiflich zu werden. Man musste ihn also ständig beobachten und durfte nie Unaufmerksamkeit sein. Also beobachtete ich ihn still und aufmerksam. Ich erinnere mich wie er, während der gesamten Fahrt zwar stand, aber sehr heftig taumelte. Irgendwann, es war im letzten Drittel der Rolltreppe, schwankte er sehr stark. Ich realisierte, dass er so stark kippte, dass er fallen musste.

Der Point-of-no-Return war überschritten. Dieser Moment. Diese wenigen Sekunden spielten sich in Zeitlupe ab. Ich realisierte, dass er fallen würde. Ich weiß noch, dass ich darüber nachdachte wie schmerzhaft ein Fallen auf die metallischen Streben der Rolltreppe sein müsste. Ich weiß noch wie ich realisierte, dass ich zu weit weg war um ihn festzuhalten oder am Fallen zu hindern. Ich weiß noch, dass ich mir vorstellte, wie er mit dem Gesicht auf diese seltsam geformten metallischen Treppen fallen würde. Und ich weiß noch, dass ich es gern verhindert hätte.
Ich weiß nicht mehr, ob ich hingesehen hatte oder die Augen verschlossen hatte. Tatsächlich kann ich mich auch nicht daran erinnern wie genau er gefallen ist und ob er nun auf dem Gesicht oder dem Hinterkopf aufgekommen ist. Das nächste an das ich mich erinnere war Blut. Viel Blut auf der ganzen Rolltreppe. Danach war er weg.
Ich weiß nicht mehr, wie es passiert ist. Aber ich weiß noch das meine Mutter einen Taxifahrer bat auf mich aufzupassen und loszog um meinen Vater zu suchen. Ich war danach sehr sortiert und klar. Ich erinnere mich an ein sachliches Gespräch darüber was passiert war und schweigen mit dem Taxifahrer und das er einen Funkspruch von der Zentrale erhielt für einen neuen Auftrag. Ich sagte ihm, dass es kein Problem wäre, mich alleine zu lassen. Ich würde klarkommen und würde einfach auf meine Mutter warten. Ich war zu diesem Zeitpunkt sehr rational und logisch. Ich wollte nicht wegrennen, nicht spielen sondern einfach meine Aufgabe erfüllen. Zu Warten bis meine Mutter wiederkam.

Ihr so wenig, wie möglich zur Last zu fallen. Es war niemand nötig, der auf mich aufpasste. Aber das verstand niemand. Aber es war in Ordnung. Es ging nicht um mich und eine Diskussion über meine Selbstständigkeit half niemandem. Der arme Taxifahrer tat ja auch nur was ihm aufgetragen wurde und meine Mama hatte andere Probleme. Ich wartete also einfach. Diese Sekunden, direkt nach dem Point-of-no-Return, sind wohl die längsten Sekunden, die ich bis heute erlebt habe. Nie wieder passierte irgendetwas in Zeitlupe.


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"Gesprächsstoff" ist eigentlich eine so genannte Talkbox. Mit Fragen, die zum Gespräch anregen, weil sie nicht so aufgebraucht sind wie andere. Wir nutzen ein paar der Fragen des Basis-Sets, um unsere Gespräche hier im Blog anzuregen. Denn als Blogteam sind wir eigentlich in einer Kennenlernphase, wo es natürlich darum geht, herauszufinden, wer die anderen so sind. Aber wir wollen natürlich auch gerne mit euch sprechen und diskutieren, die Anreize nutzen und von euch neue Impulse bekommen. Also geht die Eingangsfrage natürlich auch an euch und wir freuen uns auf eure Kommentare.

Seelenkater

Ich glaube, graue regnerische Tage sind hier im Pott beschissener als an allen anderen Orten. Wenn der Himmel grau ist, die Häuserwände grau sind, die Atmosphäre irgendwie grau ist. Meine Stimmung war an diesem Tag auch irgendwie grau. Ich war weder glücklich noch richtig traurig. Es war keine Melancholie, kein tief depressives Loch. Es war einfach grau. Wie dieses dreckige Grau am regnerischen Himmel, wenn die Wolken so dick sind, dass die Sonne kaum durchkommt.
Es war einer dieser Tage, wo der Pott genauso aussieht wie man ihn sich vorstellt. Grau, hässlich und voll. Und mitten drin ich, anonym apathisch laufend durch Menschenmassen. In U-Bahnen steigend von A nach B kommen. Von B nach C. Von C nach D. Weshalb ist bedeutungslos. Wie Alles an solchen Tagen, irgendwie.

Die Bahn riecht nach Pisse und nasser Hund. Sie ist voll und die Fenster beschlagen. Die Luft ist schwer und nass. Der Boden klebt. Ein besoffener Typ schreit irgendwas in sein Handy. Ich stecke mir Kopfhörer ins Ohr und stelle mich neben ihn. Auch er riecht nach Ruhrpott, nach Arbeit. Suff und kalter Rauch.
An der Rottmanstraße steige ich aus. Ich muss heute zum deprimierendsten Ort, den diese Großstadt zu bieten hat. Der graue SB-Waschsalon, der zwischen Nachkriegsbauten und lieblos hin geklatschten Blumenbeeten mit seinem leicht dämmrigen LED-Licht 24-Stunden Service verspricht.
Schon durch das Schaufenster kann ich einen Obdachlosen erkennen, der an seinem Tetrapackwein nuckelt und eine Zigarette dreht. Im Waschsalon riecht es steril. Irgendwie weiß. Der Raum wurde möglichst effizient dazu genutzt, möglichst viele türkisblaue 80-er Jahre Waschmaschinen darin zu verstauen, während der Boden mit weißen Fließen bedeckt ist.
Als ich die Tür zum Waschsalon öffne empfängt mich die kalte, weiße Stille. 
Gesprochen wird hier, wenn überhaupt, nur im Flüsterton. Gelegentlich hört man das Rascheln einer Zeitung oder das Umschlagen einer Buchseite. Nur der Obdachlose flucht manchmal leise, wenn sein Tabak beim Drehen auf den Boden fällt. Dann sammelt er ihn hektisch wieder auf und fängt von vorne an.
Vor jeder Reihe mit türkisen alten Waschmaschinen sind Bänke aufgestellt, damit man seiner Wäsche beim Waschen zugucken kann, als würde man einen sehr langweiligen Film schauen. 
Ich stopfe meine Wäsche in die Maschine 13, schmeiße drei Euro in den Schlitz und setze mich auf die Bank davor. Ich zücke mein Buch. Beat Generation. Die Ästhetik von Drogen und Reisen. Vom Chaos und von Leuten, die verrückt leben und dafür brennen, während man lethargisch gefangen in einem Waschsalon im Ruhrpott sitzt.
Ich wühle in meiner Jackentasche und finde nur Tabakkrümel. Kleine verklebte Krümel, die bestimmt seit Wochen in meiner Jacke leben.
Ich krame 50 Cent aus meinem Portemonnaie und gehe zum Obdachlosen. Ich frage ihn, ob ich mir eine Zigarette drehen kann und setze mich neben ihn, während ich drehe.

 Er hält mir seine Zigarette demonstrativ vors Gesicht und will etwa sagen, als er anfängt zu husten.
 Sein Husten klingt irgendwie unproduktiv und resigniert. Als wäre jeder Husten vor langer Zeit mal ein Kampf gewesen, den er nicht mehr gewinnen kann. Oder will.
Draußen hat es wieder angefangen zu regnen und ein kalter Wind zieht mir durchs Gesicht, ich kneife die Augen zusammen.
Ich beobachte wie Autos durch den Regen rasen und die Scheibenwischer hektisch im Akkord arbeiten.

Zuhause stehe ich am Fenster, trinke Bier und rauche wieder.
"Ich muss diesen verfluchten Seelenkater endlich loswerden."
Ich schreibe eine SMS und will ficken. Vielleicht auch reden. Keine Ahnung.
Der Alkohol lässt nach, das grau bleibt. Ich werfe den Sargnagel aus dem Fenster auf die Straße und will schlafen gehen.
"Auch zwischen großen Industriegebäuden und grauen Nachkriegsbauten, zwischen vollen Autobahnen und Kneipen mit verbrauchter Luft, gibt es Farbe."

Jemand torkelt biertrinkend durch die Nacht. Ein paar halbstarke Jugendliche treten gegen einen Mülleimer. Der Besoffene schreit den Jugendlichen etwas hinterher.
Farbe. Ein klebriger, gelber Fleck getrockneter O-Saft auf dem weißen Tisch von letzter Nacht. Zigarettenstümmel mit siffig gelben Filtern und lippenstiftroten Flecken.


Gesprächsstoff #002 - Das Essen mit einem Klon

"Angenommen du würdest mit einem exakten Klon deiner selbst zu Abend essen – glaubst du ihr würdet eure Gesellschaft genießen?"

Jan:
Vorne weg: Nein.
Nicht, weil ich irgendwie ein schlimmer Mensch wäre – Ich glaube beobachten zu können, dass ich die meiste Zeit am Tag ziemlich erträglich bin – Sondern weil ich befürchte, dass mir meine eigene Medizin nicht schmecken würde.

Seit einiger Zeit hat sich meine Art zu kommunizieren verändert. Ich bemühe mich viel stärker, empathisch zu sein. Das bedeutet die eigene Meinung in den Hintergrund zu stellen und sich auf die Gefühlslage und die Gedanken seines gegenüber einzulassen. Dabei hilft es nicht, Ratschläge zu geben und Anekdoten zu erzählen, am besten geht es, wenn mensch offene Fragen stellt, die das Gegenüber auch zur Auseinandersetzung mit sich selbst bringen.

So gut das ganze aber auch gemacht und gemeint sein mag, bekomme ich immer mal wieder das – freundschaftlich vorgetragene – Feedback, dass mein Gegenüber ausrastet, wenn ich jetzt noch eine Frage stelle. Das hinterlässt mich oft etwas ohnmächtig. Wenn ich nun am Tisch mir selbst gegenüber sitzen würde, wäre ich ebenfalls der Mauer aus Fragen ausgeliefert, während ich vermutlich selbst auch versuchen würde, per Fragen empathisch das Gespräch zu führen. Natürlich ist Interesse gut, aber wenn wir uns Beide dann nichts Erzählerisches anbieten können, verschiebt sich alles in ein schiefes und seltsames Verhör.

Dazu würde es auch sehr von meiner Tagesbestform abhängen. Denn ich habe immer mal wieder Phasen, in denen ich mich selbst überhaupt nicht ausstehen kann. Es ist mir dann unverständlich, wie Menschen mich mögen oder vielleicht sogar lieben können. Meine Eigenschaften und Launen empfinde ich dann als störend und bemühe mich darum, den größtmöglichen Abstand zu meinem Umfeld einzuhalten, weil ich Angst habe, etwas Verletztendes zu sagen oder aufrichtig von ganzem Herzen panne zu sein. Ich kann mir nicht vorstellen, dass an so einem Tag ein Treffen mit meinem exakten Klon gut ausgehen würde, selbst wenn er bessere Laune als ich hätte. Klar, er würde mir empathisch zu hören, aber ob ich mich darauf dann einlassen könnte, steht auf einem ganz anderen Blatt. Vermutlich fände ich es aber dann deshalb trotzdem sehr spannend, mit mir am Tisch zu sitzen: Ich würde gerne mal unter realen Bedingungen sehen, ob ich mich selbst aus diesen Launen und Phasen herausziehen kann.

Malte:
Ich glaube, ein Abendessen mit einem mir völlig identischen Klon wäre unfassbar langweilig. Ich bin ein Mensch, der es sehr zu schätzen weiß, sich anschweigen zu können, ohne dass es unangenehm wird.

Ein Abendessen zwischen zwei Maltes würde also so aussehen, dass wir schweigend unser Essen vertilgen, danach vielleicht noch gemeinsam etwas zocken und dabei weiterhin einfach die Klappe halten. Es fällt mir manchmal sehr schwer, aus eigenem Antrieb von meinem Tag zu berichten, wenn nicht irgendein besonderes Stichwort gegeben wird. Wäre mein gegenüber ich selber, würde dieses Stichwort allerdings nicht kommen. Die Wahrscheinlichkeit, große Erkenntnisse über mich selbst zu erlangen, schätze ich also als sehr gering ein.

Konfliktpotential würde es höchstens dabei geben, dass wir nicht Beide den selben Charakter bei Mario Kart auswählen könnten und irgendeiner von uns würde sich enorm aufregen, mal nicht zu gewinnen. Vielleicht wäre es also eine ziemlich blöde Idee, nach dem Essen noch gemeinsam vor der Konsole zu hocken, auch wenn das Unterhaltungspotential für andere Menschen nur so auf ein erträgliches Level gehoben werden würde.

Konkret gesagt: Würde ich so einen Abend genießen? Ich glaube, es wäre mir egal, ob ich alleine oder mit einem zweiten Ich im Zimmer wäre. Genuss würde da nicht aufkommen. Dazu sind mir ein paar Unterschiede im zwischenmenschlichen Kontakt einfach zu wichtig.


Tobi:
Kommt drauf an, was es zu Essen gibt ;-)

Nein, keine Ahnung. Ich kann natürlich nur mutmaßen. Allerdings bin ich zwiegespalten.

Auf der einen Seite glaube ich, dass es angenehm ist mit jemandem unterwegs zu sein, bei dem ich kein schlechtes Gewissen haben muss, dass ich zu viel von meiner Arbeit und der Bahn rede.

Auf der anderen Seite: Wenn ich mit meinem Klon rede (also mit mir selbst), dann weiß ich das ja schon alles und kann mir nichts Neues erzählen.
Und wer mich kennt weiß: Ich bin unfassbar schlecht was Smalltalk angeht. Dieses unangenehme Schweigen passiert mir jetzt schon zu oft. Kaum vorzustellen wie es wäre, wenn ich dann mit mir reden müsste.

Es würde wohl so enden, dass wir beide uns so lange Bier reinschrauben, bis wir Beide voll sind, wie ein Schwamm. Dann könnte es wohl ganz lustig sein, auch wenn ich mich spätestens am nächsten Morgen schlecht fühle, weil ich so viel getrunken habe und bestimmt wieder irgendeine Scheiße gebaut habe. Und sei es nur, dass ich noch lauter rede, als so schon.
Oder, was auch gut sein könnte, dass wir Beide uns einfach aufs Sofa klatschen und beim genüsslichen Bier entspannt eine Runde Reggae hören.

Ergo: So lange nicht geredet wird, ist's bestimmt ganz nett. Aber kein Vergleich zum Essengehen mit Leuten, die ich wirklich gern habe. Wie etwa dem restlichen Team des Blogs ( <3 )

Andy:
Ehrlich gesagt, glaube ich: ja. Ich müsste mir keine Gedanken machen, ob es meinem Gegenüber tatsächlich schmeckt oder er sich wegen etwas unwohl fühlt.

Außerdem wäre es fürchterlich interessant mich selbst dabei zu beobachten, wie ich esse oder mich im Gespräch verhalte. Wie ist meine Gestik? Wie meine Mimik?

Und das heißt mein Klon würde das genau so sehr genießen wie ich und niemand müsste ein schlechtes Gewissen haben. Außerdem wäre das eine perfekte Möglichkeit ein paar Punkte auszudiskutieren, bei dennen ich mir noch nicht sicher bin. Ich sehe meistens beide Seiten der Medalien und so eine Diskussion wäre bestimmt hilfreich um ein paar Dinge einmal richtig zu durchdenken. Ich habe gerade darüber nachgedacht, ob das ein guter Podcast wäre, aber wahrscheinlich würden wir so schnell reden, das niemand anders etwas verstehen würde. Wahrscheinlich würden wir uns irgendwann auch im Kreis drehen. Ich brauche in Diskussionen auch eine andere Sichtweise und neuen Input, in zu einem wirklich validen Ergebnis zu kommen.


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"Gesprächsstoff" ist eigentlich eine so genannte Talkbox. Mit Fragen, die zum Gespräch anregen, weil sie nicht so aufgebraucht sind wie andere. Wir nutzen ein paar der Fragen des Basis-Sets, um unsere Gespräche hier im Blog anzuregen. Denn als Blogteam sind wir eigentlich in einer Kennenlernphase, wo es natürlich darum geht, herauszufinden, wer die anderen so sind. Aber wir wollen natürlich auch gerne mit euch sprechen und diskutieren, die Anreize nutzen und von euch neue Impulse bekommen. Also geht die Eingangsfrage natürlich auch an euch und wir freuen uns auf eure Kommentare.