Bundeswehr aus Youtube abziehen!

Jay Nightwind | 01.11.17 | / |
Als Spotify mir die exklusiv produzierte Werbung hinrotzt, bekomme ich direkt erhöhten Puls. "Hör dir jetzt die Playlist zur neuen Bundeswehr-Webserie "Mali" an." Nicht nur, dass es mich überrascht, dass eine vor zwei Jahren begonnende Werbekampagne weiterläuft, trotz massiver inhaltlicher Verkürzungen, nein. Erst wurde Youtube mit "die Rekruten" belagert. Nach der Umwandlung in "Bundeswehr Exclusive" ging es mit "Mali" weiter.

Militärischer Ausdruck sehr beabsichtigt. Denn auch vor Videos, die ich mir anschaue, wird mir die Kampagne angepriesen. Auf Spotify zeigt sich, dass sie tatsächlich und wirklich einen eigenen originalen Soundtrack haben produzieren lassen. Eine Nähe zum modernen Hiphop und Charterfolgen ist mehr als gewollt, daran herrscht kein Zweifel. "Ähnliche Künstler: Kollegah, Kontra K, Ali As" die Zielgruppe definiert sich von alleine.

Spotify, Youtube, Facebook. Die Streitkräfte finden also Einzug in die sozialen Medien, sind aber plötzlich nicht mehr unbeholfende Regierungsorgane, sondern spielen groß auf. Die Youtube-Webserien sind entsprechend moderner Standards produziert, sollen in erzählerischen Abschnitten mit modernen schnellen Schnitten schmackhaft machen, die Bundeswehr als Arbeitgeber in Betracht zu ziehen.

Der Trailer für die neue Serie erinnert schon eher an Kinoproduktionen, als an eine Dokumentation des Auslandseinsatzes.



Was ist denn jetzt eigentlich der Aufreger? Warum bekomme ich denn Puls, wenn ich das sehe? Ich war doch selbst vor vielen Jahren bei den Streitkräften und bin kein Pazifist. Ich hatte sogar mal Reservistenstatus, hätte also einberufen werden können im Falle eines Falles. Weshalb stört mich jetzt also die Kampagne einer Einrichtung, die ich selbst gar nicht vollständig ablehne? Weil es eine Werbekampagne ist.

Werbekampagnen, die machen Unternehmen. Und Unternehmen, die verkaufen ein Produkt. Und Produkte, die verkauft mensch am besten durch Erfolge und gutes Marketing. Gutes Marketing, das heißt heute, Menschen und Lifestyle zu präsentieren. Daher werden - entgegen allen Maßgaben der Geheimhaltung - zum Beispiel die sympathischen acht Berufssoldat*Innen in den Fokus gestellt und in Einzelprofilen vorgestellt. Weil wir sie als Identifikationsflächen brauchen. Denn so bringen wir einen Teil des Produktes an den Menschen: Die Bundeswehr als Arbeitgeber attraktiv machen.

Zeitsprung:
Politischer Bildungsunterricht in meiner Grundausbildungseinheit, irgendwann 2004. Ein Hauptfeldwebel fragt uns, was denn wohl der Grund ist, weshalb wir eine Wehrpflicht haben? Eine verdammt gute Frage, wie ich finde, denn zum einen wirkt Krieg mit unseren Nachbarn auf mich abwegig und Krieg anderswo unterstützen/verteidigen als moralisch falsch.

"Weil alle eine Armee haben?"
"Weil wir sonst Opfer einer Invasion werden?"
"Weil wir von der NATO gezwungen werden das Staatenbündnis mit zu verteidigen?"
"Weil es Arbeitsplätze schafft?"
"Weil wir im Kalten Krieg eine Verteidigungslinie für den Westen sein mussten?"

Mit den Antworten unserer Ausbildungsgruppe war der Ausbilder wirklich nicht zufrieden. Seine Erklärung verblüffte mich zuerst. Sinngemäß sah sie so aus:
Die Bundeswehr wird mit Pflichtdienstleistenden aufgefüllt, da sie eine Armee einer Demokratie ist. Wir brauchen den Bürger an der Waffe, den Zivilisten in Uniform. Damit die Streitkräfte einer dauerhaften lebhaften Überprüfung durch Menschen aus der Gesellschaft ausgesetzt sind. Diese Überprüfung sichert, dass die Streitkräfte transparent bleiben. Dass nicht verborgen werden kann, was innerhalb der Streitkräfte passiert.

Passend. Ein paar Monate bevor wir in die Grundausbildung kamen, hatten sich die Ereignisse in Coesfeld zugetragen. Rekrut*Innen wurden von Ausbilder*Innen misshandelt und diese Nachricht hatte den schnellen Weg in die Öffentlichkeit gefunden. Gemessen an der Aussage unseres Hauptfeldwebels wirkte mir die Transparenz im Fall Coesfeld gegeben. Es gab eine intensive Untersuchung, Befragungen und eine strenge Beschäftigung mit den Vorfällen. Als ich nach zwei Jahren die Bundeswehr wieder verlassen hatte, wurden die Ereignisse von Coesfeld noch bis 2010 vor einem zivilien Gericht verhandelt und zum Messgrad dessen, wie innerhalb der Bundeswehr gearbeitet wurde.

Der Verlust, den die Bundeswehr dadurch erfahren hat, dass keine Pflichtdienstleistenden mehr dort dienen, zeigt sich darin, was die Bundeswehr nun ist: Ein Unternehmen. Wurden Ausbildende und Vorgesetzte vorher auch durch die Untergebenen kontrolliert, da diese keiner "beruflichen" Bindung zur Truppe folgten, gibt es jetzt nur noch Angestellte. Die Position von Angestellten wird in Deutschland natürlich auch sehr stark geschützt, aber eine vermindertes Bewusstsein und eine höhere Kontrolle der Bundeswehr darüber, was über sie bekannt wird, bringt sie moralisch in eine neue Situation. Dazu hat die Bundeswehr jetzt möglicherweise neue Interessen, einfach, da eine Berufsarmee anders arbeiten muss. Was die Interessen sind, welche natürlich auch politisch geprägt sind, bleibt dabei unklar. Auch, weil kein Bürger in Uniform mehr auf die Finger der Berufssoldaten schaut.

Wenn ich die Aussetzung der Wehrpflicht wie sie durchgeführt wurde bewerten müsste, würde ich von einem Fehler sprechen. Die Bundeswehr wird zu einer Firma, einem Betrieb und in Zeiten von Globalisierung und Lobbyismus, sehe ich das als große Gefahr an. Krieg darf kein Geschäft werden, die Bundeswehr keine wirtschaftlichen Interessen verfolgen. Beobachtungsgemäß wirkt sich das oft schlecht auf die "Menschlichkeit" aus, was im militärischen Umfeld meist eh schon knifflig ist.

Jetzt bewirbt die Bundeswehr fantastische Held*Innen, die vor Mali auch "deine" Freiheit verteidigen. Sie vermarkten Musik auf Spotify, drehen Filme und steigen darin ein, wie andere Werbestrategen einen Lifestyle zu vermarkten. Ich möchte das nicht. Bundeswehr ist kein Lebensstil und auch nicht erstrebenswert. Die Bundeswehr verliert an Menschlichkeit, weil die Diversität in den Reihen der Dienenden abnimmt. Die Bundeswehr sollte den Bürgern dienen und durch die Bürger kontrolliert werden. Bundeswehr ist ein Übel der aktuellen politischen Situation, das wir leider noch nicht überwunden haben. 

Kommentare:

  1. Ach Jan, und sonst nichts? So nah dran vorbeigekratzt, an wen sich das richtet und für wen das Image zurechtgebürstet wird und dann doch keine kritische Äußerung dazu? Wer soll denn hier von der Coolness der Bundeswehr überzeugt werden? Und ist das okay? Dass wir alle das auch noch bezahlen? Hätte mir mehr erwartet.

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    1. Hey Anonym!
      Was möchtest du denn von mir hören? Ich habe den Eindruck, dass deine Fragen rhetorischer Natur sind, weil du schon ihre Antworten für dich gefunden hast oder ein konkretes Vorurteil hast, was meine Antworten an dieser Stelle wären. Ich würde mich freuen, wenn du wirklich konkret nachfragst, wenn du etwas wissen willst. Dann mag ich bestimmt auch meinen Artikel ergänzen.

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  2. Hallo,möchte mich nur kurz melden und ein paar Grüße hier lassen, nicht das der Eindruck entsteht A1 hätte sich neuerdings in Anonym verwandelt, hab nur nicht nochmals geantwortet, da ich zu dem Thema, wo ich mich zuletzt gemeldet hatte,nichts mehr hinzuzufügen habe. Ich finde es sehr lieb von A2 sich Gedanken um A 1 zu machen, danke,aber war nicht meine Absicht hier wirrwarr rein zubringen,deshalb hab ich mich bisschen zurückgehalten, bis die Wogen geklettert sind, psyschisch hab ich also keinen Schaden davongetragen, der ist immer noch treu an meiner Seite, wünsche dem Team ein schönes Wochenende und weiterhin gute Ideen für Ihren Blog,Mit frdl. Grüßen A1, aus Altersgründen leider auch nicht mehr austauschbar!

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  3. Ja,immer wiederim Geheimen sehr ärgerlich, wenn man seinen eigenen Text liest und entdecken muß, dass sich die Wogen bei mir nicht glätten, sondern klettern, den Text kurz löschen ist ja leider nicht, muss ich mich wohl oder übel mit dem Korrigieren zufrieden geben,okay jetzt sind aber alle Wogen geglättet, denke ich mal! Frdl.Grüße A1

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