Warum ich Videospiele mag: Gaming-Spinoffs als sinnvolle Ergänzung

Malte | 14.08.17 | / |
Ich weiß noch, wie begeistert ich damals war. Das Videospiel 'Enter the Matrix' wurde angekündigt und sollte nicht nur ein einfaches Spiel sein. 'Enter the Matrix' wollte etwas ganz Neues erreichen, wollte Videospiele auf eine neue Ebene heben. Bis dahin gab es zwar immer mal wieder Spiele zu bestimmten Lizenzen, in denen wurde aber entweder die vorhandene Geschichte nachgespielt oder die Charaktere benutzt, um sie in passende Situationen zu stecken, die irgendwie Spaß machen könnten.
Nette Idee, schreckliches Spiel: Enter the Matrix

Film + Videospiel = Holla, die Waldfee!


Nun sollte es aber ein Spiel geben, dass die Geschichte der Matrix-Trilogie ergänzt. Wenn man als Fan wirklich alles aus dem Universum der Matrix aufsaugen musste, war es unbedingt notwendig, das Spiel zu spielen. Da war es für mich natürlich klar, dass ich als riesiger Matrix-Fan auch dieses Spiel haben musste. Dass dieses Prinzip auch schon vorher genutzt wurde, war mir zwar in den tiefen meines Gedächtnisses bewusst, aber hey: Es war Matrix! Es sollte Überschneidungen mit dem Film geben! Wie geil war das denn?

Mittlerweile bin ich kein überschwänglich begeisterter Teenager mehr. Die Matrix-Filme locken mich nicht mehr hinter dem Ofen hervor, wenn man den ersten Teil mal außen vor lässt und ich sehe recht deutlich, dass „Enter the Matrix“ ein absolut grauenhaftes Spiel war. Abgesehen von der miserablen Steuerung, schlecht funktionierenden Mechaniken und einer Farbpalette der Umgebung, die fast ausschließlich aus braun und grau besteht, ist mir mittlerweile klar, dass die erzählte Geschichte einfach nicht gut ist. Anstatt die Grundlage der Filme zu nehmen und ihr einen Mehrwert zu geben, wurde vielmehr versucht, so oft wie möglich zu zeigen: „Hey, das kennt ihr auch aus dem Film, das ist bei uns hier auch wichtig!“

Trotzdem: 'Enter the Matrix' machte klar, dass Videospiele einen elementaren Teil popkultureller Phänomene darstellen können, die über die Grenzen eines einzelnen Mediums hinausgehen. Während es schon lange Usus war, Bücher und Filme miteinander zu kombinieren oder in das andere Medium zu transferieren, kam ein neues Medium mit ins Spiel. Und die Möglichkeiten schienen grenzenlos. Die kulturelle Bedeutung von Videospielen bekam in den letzten Jahren einen anderen Stellenwert, bekannte Franchises bekamen komplette Buchreihen (HALO, World of Warcraft, Mass Effect) und Filmableger, die mehr waren als nur mittelmäßiger, unterhaltsamer oder schlechter Trash. Die Verfilmungen von Prince of Persia, Silent Hill, Assassin's Creed oder World of Warcraft steigen sicherlich nicht in die Sphären filmischer Hochkultur auf! Es wurde allerdings einiges an Geld in die Hand genommen, da zumindest das Potential erkannt wurde, welches im Übertragen einer Geschichte auf ein neues Medium liegt.

Die Spreu vom Weizen der Lizenzspiele


Das Ganze schreibe ich, weil ich im Folgenden ein paar Beispiele zeigen möchte, in denen Videospiele bereits vorhandene Geschichten aufwerten und ergänzen, anstatt sie einfach nur nachspielen zu lassen. Der große Vorteil am Videospiel ist nämlich die aktive Rolle, die ihr als Konsument*in einnehmt. Im Gegensatz zu einem Buch oder einem Film seid ihr nicht nur in einer passiven, beobachtenden Rolle, die Charaktere liegen hier in eurer Hand. Eure Entscheidungen, euer Verhalten hat einen direkten Einfluss auf das Geschehen und den Fortlauf der Geschichte. Damit bekommen selbst einfache Momente, die in einer anderen Erzählform langweilig oder schlecht geschrieben wirken würden, eine ganz andere Gewichtung.

Die Geschichten, egal ob völlig neue oder (da das der Fokus dieses Artikels ist) die euch bekannten, ziehen euch auf eine ganz andere, intensive Weise in ihr Universum. Wenn es dann noch Inhalte sind, die ihr nicht schon aus einem anderen Medium kennt, sondern diese ergänzen, da Unbekanntes erzählt wird, bieten Videospiele eine großartige Möglichkeit, einem Setting mehr Tiefe zu verleihen und Charaktere weiter auszubauen. Das große Potential, welches darin liegt, eine Geschichte auf mehrere Medien auszubreiten, ist nämlich noch lange nicht alltäglich und daher bei weitem nicht ausgeschöpft. Ein paar Perlen gibt es aber schon, die ihr euch anschauen solltet und die verdeutlichen, weshalb ich Videospiele so sehr schätze. Dabei stelle ich keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Sollten euch weitere Beispiele einfallen, bin ich für jeden Hinweis in den Kommentaren dankbar!

Game of Thrones – A Telltale Game


Lenkt die Geschicke des Hauses Forrester
Das Spiel, weswegen ich überhaupt auf die Idee gekommen bin, diesen Text zu schreiben, war Telltales Ergänzung zur Serie. Ihr spielt die Mitglieder des Hauses Forrester während der Ereignisse der dritten und vierten Staffel der Fernsehserie. Die Forresters werden dort nicht erwähnt, doch trotzdem werden sie im Spiel sehr gut in die große Geschichte eingewoben. Ab und zu gibt es Überschneidungen, die euch zeigen, wo ihr euch gerade im Verlauf des Kampfes um den eisernen Thron befindet und müsst trotzdem eure eigenen Probleme bewältigen, die durch die Entscheidungen der aus der Serie bekannten Charaktere für euch auftreten. Das passiert im für das Studio typischen Ablauf, dass ihr selber Entscheidungen für eure Charaktere treffen müsst, die Einfluss auf das weitere Geschehen haben. Wem schwört ihr Treue, wem stoßt ihr vor den Kopf? Diese Entscheidungen liegen in eurer Hand und wenn ihr die Serie oder die Bücher kennt, dann wisst ihr, dass so etwas nicht leichtfertig entschieden werden sollte. Telltales Game of Thrones ist für mich das perfekte Beispiel, um zu zeigen, dass Videospiele eine vorhandene Geschichte ergänzen können, indem sie diese erweitern und euch neue Einblicke liefern.
Es steht aber auch stellvertretend für die anderen Spiele der Spieleschmiede, die allesamt auf diversen Lizenzen beruhen und ihre eigenen Geschichten in diesem Spielprinzip erzählen. Game of Thrones ist allerdings deswegen besonders, weil es eben keine für sich allein stehende Geschichte erzählt, sondern neben einer uns bekannten herläuft.

Indiana Jones and the Fate of Atlantis


Für einige die einzig wahre Fortsetzung
Chronologisch gesehen fällt mir als ältestes Beispiel das Lucas Arts Adventure aus dem Jahr 1992 ein. Für viele gilt Indiana Jones and the Fate of Atlantis auch heute noch als der offizielle vierte Teil rund um den abenteuerlustigen Professor. Während ihr im Vorgänger den dritten Film nachspielt, wurde hier ein komplett neues Abenteuer geschrieben, welches euch die Möglichkeit gibt, Indy nach eurem Geschmack durch ein neues Abenteuer zu schicken. Es lag an euch, ob ihr Probleme mehr mit den Fäusten oder mit Köpfchen lösen wolltet. Ihr hattet es also in der Hand, einen euch ans Herz gewachsenen Filmcharakter nach euren Vorstellungen zu formen. Dementsprechend verlief die Geschichte auch je nachdem, wie ihr Indiana Jones ausgelegt habt. Wenn euch der vierte Film nicht zusagt, ihr aber mehr Abenteuer mit eurem Lieblingsarchäologen haben wollt, ist das Spiel genau das richtige.
(Kurzer Hinweis: Da es sich ebenfalls um ein Adventure handelt, werde ich es nicht gesondert aufzählen, das Adventure zu Zurück in die Zukunft überzeugt allerdings auf ähnliche Weise. Auch hier habt ihr die Möglichkeit, eine neue Geschichte mit Doc und Marty zu erleben, die so in filmischer Form nicht möglich gewesen wäre und die euch selbst vor die Dilemmata einer Zeitreise stellt.)

Diverse Star Wars Spiele


Star Wars bietet massig Auswahl an Spielen fernab der Filme
Star Wars war wohl eines der ersten Franchises, das sein Universum in diversen Medien ausgebreitet hat. Neben den Filmen kamen schnell Bücher und Comics dazu, die andere Geschichten erzählten, welche in den Filmen nicht zu sehen waren. Doch auch in Videospielen wurden sehr früh alternative Geschichten erzählt. Bereits 1993 hattet ihr mit der X-Wing-Reihe die Möglichkeit, neue Missionen für die Rebellen, in späteren Teilen auch im Tie Fighter für das Imperium zu fliegen. Später gab es mit 'Knights of the old Republic' oder 'The Force Unleashed' weitere Spiele, die vom unglaublich großen Universum der Star Wars-Reihe profitierten und neue Charaktere erschufen, die wunderbar vorhandene Vorlagen aufgriffen und der Welt rund um Jedis, Rebellion und Weltraumschlachten ganz neue Kniffe gaben. Die schiere Masse an Erweiterungen des Universums macht es mir unmöglich, mich auf eines der Spiele als Beispiel festzulegen. Zwar sind die alten Spiele offiziell nicht mehr im Kanon der Filmreihe, seit Disney sich die Rechte geholt hat, doch trotzdem funktionieren die genannten Beispiele noch wunderbar, wenn ihr mehr über die Geschichten aus einer weit entfernten Galaxie hören wollt.

Spiderman 2


Einmal Superheld sein!
Dieses Spiel fällt ein bisschen aus der Reihe, da es eigentlich die Geschichte des zweiten Films von Sam Reimi nachspielt. Warum ich es trotzdem hier aufgenommen habe, ist die Tatsache, dass der Plot des Films nur einen geringen Teil des Spiels ausmacht. Die meiste Zeit erlebt ihr Abenteuer mit der freundlichen Spinne aus der Nachbarschaft, die im Film nicht vorkommen. Es tauchen neue Bösewichter auf, Spidermans Beziehungen werden ausdifferenzierter dargestellt und die Geschichte des Films bekommt somit durch das Spiel weitaus mehr Tiefe. Allein schon die Möglichkeit, Spideys alltäglichen Aufgaben nachzugehen und zum Beispiel Pizza auszuliefern oder davonfliegende Luftballons einzufangen, um sie den weinenden Kindern zurückzugeben, lassen euch in das Leben eines Superhelden eintauchen, wenn er nicht gerade versucht, die Welt zu retten.

Mittelerde: Mordors Schatten


Zum ersten Mal wachsen die Orks einem ans Herz
Als letztes Beispiel haben wir die Geschichte von Talion, einem Waldläufer aus Gondor, der zeitlich gesehen zwischen dem Hobbit und dem Herrn der Ringe an Mordors Grenze lebt, seine Familie verliert und daraufhin auf Rache aus ist. Dabei erhält er die Hilfe von Celebrimbor, dem Geist eines Elben, welcher damals die Ringe der Macht schmiedete. Ihr könnt hier durch Mordor reisen, gegen Orks kämpfen oder sie unter eure Gewalt bringen. Was Mordors Schatten dabei besonders macht, sind zum einen die Informationen, die ihr im Laufe der Geschichte über euren elbischen Gefährten erhaltet. Immer wieder erzählt er euch, wie die Ringe geschmiedet wurden und wie Sauron letztendlich an den einen Ring kam, was euch einen Einblick in die Historie von Tolkiens Meisterwerk gibt, den ihr aus dieser Perspektive noch nicht kennt. Zum anderen haben die Orks im Spiel nun auch alle einen individuellen Charakter und Namen. Sie sind nicht mehr nur die Monster, die in Film und Büchern reihenweise abgeschlachtet werden, sondern echte Charaktere, die sich an euch erinnern, wenn ihr sie mehrmals bekämpft habt oder denen ihr helfen könnt, selber an die Spitze ihrer Militärränge zu gelangen. Eine kompletten Rasse wird hier also eine neue Ebene geboten, die in den Büchern zu kurz kommt. Und nur über das Medium eines Videospiels werdet ihr ähnliche Sympathien und Abneigungen für ganz individuelle Orks entwickeln, da ihr in jedem Spieldurchlauf andere Charaktere kennenlernen könnt.


Wie gesagt, die genannten Spiele sind nur Vorschläge, die mir in besonderer Erinnerung geblieben sind. Fallen euch noch Titel ein, lese ich sie mir gerne in den Kommentaren durch. Ich persönlich hoffe, dass durch meine Beispiele vielleicht einige Leser*innen Lust bekommen, tiefer in ein ihnen lieb gewonnenes Universum abzutauchen. Versteht mich nämlich nicht falsch: Ich sage nicht, dass Videospiele die beste Möglichkeit sind, um eine Geschichte zu erzählen. Sie bieten neben Büchern und Filmen aber eine wunderbare Möglichkeit, eine Geschichte auf einer gänzlich neuen Ebene zu entdecken und zu erleben.

Kommentare:

  1. Sehr toller Artikel, Malte!

    Ich habe es andersherum gesehen, dass inzwischen ja auch ergänzende Serien zu Videospielen erscheinen. Halo hat Zeichentrick- und Real-Serien bekommen, welche die Geschichten von Figuren erzählen, die im Spiel nur am Rande vorkommen. Dabei wird das Universum spannend aufgefüllt.

    Insgesamt empfinde ich es als spannend und dankbar, dass die Medienwelten sich verbinden um eine Erlebnisbreite zu bieten. Die Bücher zu Mass Effect waren sehr gut. Womit diese Reihe sich wieder in einen der Kommentare zu deinen Beiträgen drängelt. ;)

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  2. Was mir noch spontan einfällt, ist Resident Evil, vom Spiel zum Film und zwischen Buchdeckel gepresst, wobei die Bücher sich schon fast zu sehr wie die Spiele lasen. Auch wenn da die Games zuerst kamen. Silent Hill passt auch noch und und... Ich hör lieber auf ;)

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  3. Hallo Malte.
    Der Beitrag gefällt mir gut.

    Ich bin mir nicht sicher, ob ein Spiel, in welchem man die Film Story nachspielen oder aber auch verändern kann, hier auch dazu zählen könnte...

    Zu Matrix:

    Ich habe damals (zum Glück?) nicht “Enter The Matrix“ gespielt,
    aber dafür “Path Of Neo“ auf der PS2 von 2005.
    Da konnte man meines Wissens Szenen aus der Trilogie nachspielen und an einigen Stellen die Story verändern...
    Zum Beispiel zu Beginn des 1. Teils als Mr. Anderson den Agenten im Büro Komplex entkommen statt am Fenster geschnappt und von Agent Smith verhört zu werden und eine Wanze eingesetzt zu bekommen...
    Gefiel mir damals überraschend gut.

    LG Damian

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