Der Bart- Knight

Foto: Ellen Hempel
Es war eine dunkle, kalte Nacht in Beardington.
Ruhig war es, die braven Bürger schliefen, nur in den Eckkneipen tranken ein paar Menschen noch Bier und ließen ihre Sorgen im Alkohol ertrinken, bevor sie sturzbetrunken nach Hause torkelten.
Sie begaben sich in Gefahr, immerhin schlief das Verbrechen nicht. Doch trotzdem fühlten sie sich sicher, nicht etwa wegen der örtlichen Polizei, nein. Ein Mann wachte über sie:
Der Bart- Knight passte auf diese Stadt auf.

Hoch oben auf den Dächern von Beardington hatte er einen guten Blick über die gesamte Stadt. Er half, wann immer eine Person ihn brauchte. Seitdem auch bartlose Menschen hier wohnten, nahm die Kriminaltät zu. Doch diese Nacht war ruhig, niemand rief um Hilfe. Das kam ihm komisch vor. Immerhin war schon nach ein Uhr morgens. Normalerweise hatten bis jetzt schon mindestens zwei Personen seine Hilfe gebraucht.

Wachsam sprang er von Dach zu Dach, ohne jemanden zu wecken. Im Ostviertel der Stadt rief jemand laut nach Hilfe. Sofort machte sich der Bart- Knight auf den Weg.
Kurz darauf erreichte er den Ort des Geschehens und sah einen maskierten Mann, der eine ältere Dame mit einer Waffe bedrohte.
Sofort sprang der Bart- Knight vom Dach des Gebäudes herab, wobei sein langer Bart als Sprungkissen diente, um den Aufprall abzufedern.

"Lassen Sie die Waffe fallen oder Sie spüren den Zorn des Bartes!" sagte der Retter mit dem Bart.
"Niemals!" entgegnete der Räuber und zielte auf den Superhelden.

Er drückte ab. Das Projektil prallte am kugelsicheren Bart des Superhelden ab.
Mit seinem Bart schlug er den Verbrecher k.o. Die eintreffende Polizei konnte den Kriminellen sofort abführen.
Wieder einmal siegte der Bart über das Verbrechen!

Der Bart- Knight verachtete das Böse. Er kämpfte stets für das Gute.
Bis zu diesem furchtbaren Tag.

Es war im Juni. Der Bart- Knight beobachtete schon seit Längerem die immer größer werdende Anzahl an Barbieren und Geschäften, die sich der Rasur verschrieben. Anfangs war es kein Problem, denn diese Läden machten nur minimalen Umsatz, die Kundschaft blieb aus.
Doch irgendwann entdeckten immer mehr Bürger von Beardington die Rasur für sich.
Der Umsatz in Läden wie "Shave & Co." oder "Tiny & Neat" explodierte, lange Schlangen bildeten sich vor den Geschäften und die Terminkalender der Inhaber platzen aus allen Nähten.

Im Juni dann wurde Beardington umbenannt. Von nun an hieß die Stadt "Shaverton".
Die Einwohner, die der Superheld Nacht für Nacht beschützte, wandten sich an ihn, alle glattrasiert. Sie fragten ihn, ob er sich seinen Bart nicht stutzen könnte, immerhin würde er ja nun nicht mehr zur Stadt passen. Die hiesigen Friseure boten ihm die Umgestaltung kostenfrei an, als Zeichen der Dankbarkeit, dass er sich um diese Stadt kümmerte.

Das war der Tropfen, der das Faß zum Überlaufen brachte. Der Bart- Knight, der Beardington jahrelang vor allem Bösen bewahrt hat, zog sich zurück. Er überließ die Bürger ihrem Schicksal.

Nun blieben die Einwohner jede Nacht zu Hause, sie trauten sich nicht mehr raus. Kneipen schlossen, sobald die Sonne unterging, die Leute bewaffneten sich um ihr Hab und Gut vor Einbrechern zu schützen und die Polizei war völlig überfordert. Sie kamen bei all der Gewalt und bei all den Verbrechen nicht mehr hinterher.
Die Leute riefen nach dem Bart- Knight, ohne ihn ging die Stadt den Bach runter.

Doch der bärtige Held scherte sich nicht um die Bürger, er beachtete sie nicht.

Nach einer Woche des Rückzuges kehrte der Bart- Knight zurück.
Er blieb vor den Toren der Stadt stehen und drehte sich um. Er blickte in knapp 100 bärtige Gesichter.
Der Bart- Knight hatte sich eine kleine Armee aus Leuten zusammengestellt, die damals aus Beardington flohen, als die Stadt zu "Shaverton" wurde.
In ihren Gesichtern sah man puren Hass und den Handlungswillen.

"Männer, heute ist es soweit! Wir holen uns zurück, was früher mal uns gehörte. WIR GREIFEN AN!" rief der Superheld. Ein lautes Kampfgeschrei war die Antwort.

Der Bart- Knight und seine Armee rannten los und rissen das große Schild mit der Aufschrift "Wilkommen in Shaverton" um.

In der Stadt angekommen wurden die Friseurläden und die Rasurgeschäfte sofort in Brand gesteckt, bartlose Menschen wurden aus der Stadt gejagt und alle Rasierutensilien vernichtet.
Gegenwehr gab es keine.

Nach einer Stunde war die Stadt wieder in der Hand der Bärtigen. Die Übernahme der Stadt erfolgte ohne Blutvergießen. Allerdings waren nun fast alle Gebäude der Stadt zerstört.

Aus "Shaverton" wurde wieder "Beardington", der Bart- Knight übernahm den Posten des Bürgermeisters.
Da es nun eine Stadt ausschließlich für bärtige Menschen war, stieg die Population rasant an. Immer mehr Bartträger wollten hier wohnen.

Der Wiederaufbau der Stadt dauerte grade einmal drei Monate, jeder Bewohner packte fleißig mit an.

Nun war es wieder ein Ort, an dem bärtige Menschen willkommen waren. Ein Ort, an dem es keine Kriminalität gab, die Bartträger lebten friedlich miteinander.

Es war nun wieder ein schöner Ort.

Kommentare

  1. Bartington ist bestimmt die einzige Stadt wo auch Frauen freiwillig Bärte tragen. ^^

    Musste sehr grinsen beim Lesen und das Bild ist epic! ;)

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    1. Vielen Dank :)
      Das Bild ist übrigens von unserer Gastautorin Ellen gemacht worden

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  2. Anonym14.6.14

    Wundervoll!

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