Rezension: Man of Steel

Stephan Krahwinkel | 11.07.13 | / / |
Superman ist einer der beschissensten, weil langweiligsten Comicfiguren überhaupt. Ich hatte schon immer meine Probleme mit diesem unkaputtbaren, uramerikanischen Jesusverschnitt. Und dennoch begegnet man ihm immer wieder – durch Neuverfilmungen. Am bekanntesten dürften dabei immer noch die Filme aus den 1970er und 80er Jahren mit Christopher Reeve in der Hauptrolle sein. Während diese Filme auf ihre Art noch irgendwie sympathisch harmlos wirken, zeigte Brian Singers Reboot-Versuch „Superman Returns“ alle langweiligen Facetten des Clark Kent in einem überlangen, unselbständigen Machwerk auf, deren Fehler schon bei der Besetzung begannen.

Nun ist es 2013, Comicverfilmungen gehören seit X-Men und Spiderman, spätestens aber den Avengers zu den Kinofilmen, die die breiten Massen begeistern und tatsächlich starke Geschichten mit audiovisuellen Leckerbissen verknüpfen. Nur Superman gehört noch nicht dazu, auch wenn die Produzenten dies immer wollten. Mir war es egal. Superman war für mich stets kein greifbarer Charakter. Diese Überfigur, der nichts und niemand etwas anhaben kann und Lufttaxi für seine Louis spielt. Ich griff als Kind immer lieber zu Spiderman, später dann zu Batman.

Auch als Filmemacher interessierte mich das Projekt "Man of Steel" daher reichlich wenig. Bis die Namen Zack Snyder und Christopher Nolan fielen. Nolan, hier Produzent, wird spätestens seit seiner Batman-Trilogie und auch Inception gefeiert, während sich Snyder, in der Funktion des Regisseurs, insbesondere durch Comicverfilmungen von 300 und Watchmen einen Namen machte, in denen er bewies, dass er komplexe Geschichten in beeindruckender Weise erzählen kann.

Allein aufgrund dieser beiden Herrschaften gab ich Superman eine neue Chance, bzw. dem Man of Steel. Denn den Titel „Superman“ muss er sich in seinem neuen Film erst verdienen. Und dieser Weg ist spannend, emotional, brachial, bildgewaltig, düster, melancholisch und insgesamt schlichtweg eine packende Geschichte über Außenseitertum und die Freiheit, Entscheidungen treffen zu können.

Hier geht es nicht um den tollpatschigen Clark Kent, der unter seinem Hemd das berühmte S trägt, sondern einen zweifelnden unglücklichen jungen Mann, der von seinen menschlichen Adoptiveltern dazu erzogen wird, seine übermenschlichen Kräfte zu kontrollieren und so sich selbst teilweise zu verleugnen. Dabei werden Jonathan und Martha Kent von ihrer Voraussicht geleitet, die Menschheit sei noch nicht bereit, mit dem Wissen um die Existenz von extraterrestrischem Leben umzugehen, was zu teils hochdramatischen, emotionalen Szenen führt, in denen Clark sich mäßigen muss und seine Kräfte nicht einsetzen darf.

Diese Stimmung trägt sich durch den ganzen Film, der seine besonderen Stärken in den Szenen beweist, in denen Clarks Entwicklung gezeigt wird, bevor es in der zweiten Hälfte des Films zur unausweichlichen Auseinandersetzung mit den Verbliebenen seines eigentlichen Heimatplaneten kommt und das Effektfeuerwerk beginnt. Selbst in dieser Action funktioniert Snyders Spannungsbogen und trotz der fast überbordenden Schauwerte fiebert der Zuschauer weiter mit zahlreichen Figuren, vorweg Louis und Clark.

Clark ist hier kein unverwundbares Wesen, sondern hadert mit seinem Schicksal und dadurch, dass wir teilhaben an vielen seiner Entwicklungsstufen, kommen wir ihm tatsächlich menschlich näher. Er wird es später sein, der Entscheidungen treffen muss, etwas, dass die anderen Figuren seiner Zivilisation nicht vermögen.

Der Film funktioniert, weil er nicht nur in jeder Sekunde schön anzuschauen und hören ist - Hans Zimmer liefert hier erneut einen absolut meisterhaften Soundtrack mit einem stets treibenden Hauptthema -, sondern weil jede der Figuren nachvollziehbare Motive besitzt, aufgrund derer ihr Handeln stets logisch erscheint. Hinzu kommen durch die Bank weg überzeugende Darstellerleistungen, beginnend bei Russell Crowe als vorausschauender Wissenschaftler, über Henry Cavill, der nicht nur einen physisch beeindruckenden Superman abgibt, sondern auch die leisen Töne zu bespielen weiß, ebenso wie Michael Shannon als Widersacher mit Ehre, sowie die zwei starken Frauen der Geschichte, verkörpert von Amy Adams als Louis Lane sowie Diane Lane als Martha Kent. Eine besondere Erwähnung verdient meines Erachtens der viel gescholtene Kevin Costner, der hier als Jonathan Kent beweisen darf, dass er als Schauspieler ernstzunehmen ist und auch in der heutigen Blockbustergeneration immer noch einen Platz verdient hat.

Nolan und insbesondere Snyder haben es mit Man of Steel also geschafft, die Figur des Superman menschlicher und somit zugänglicher zu machen, ohne bzw. trotz der zahlreichen stillen Momente den Bombast nicht zu vernachlässigen und stets für Aug‘ und Ohr etwas zu bieten. Man of Steel ist ein Sommerblockbuster, der genügend Tiefe bietet, um auch durch seine Geschichte zu packen und daher hervorragende Unterhaltung ist, insbesondere in seiner ersten Hälfte. Man of Steel hat mir bewiesen: Superman kann ein interessanter Charakter sein. So interessant, dass dieser Film neben dem Kinobesuch auch seinen Weg in meine persönliche Sammlung finden wird.

Einer der zahlreichen Trailer zu Man of Steel, mit dem hervorragenden Maintheme als Musik.

Kommentare:

  1. Schon wieder eine Rezension zum Film, die nicht nur gut geschrieben, sondern auch lust auf mehr macht.

    Verdammt, ich sollte ihn mir vielleicht doch ansehen. ^^

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    1. Vielen Dank! :)
      Wie oben beschrieben, kann ich das Ansehen nur empfehlen. ;)

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  2. Sehr schön! Großtenteil habe ich es sehr ähnlich empfunden. Angesprochen hat mich besonders der - natürlich - tolle Soundtrack, wie auch Besetzung und vor allem Umsetzung der Vaterfiguren - und auch des Antiparts. Die sind ja inzwischen nicht einfach "nur so" böse, sondern haben einen nachvollziehbaren Grund. Leider nur andere Moralvorstellungen.
    Ich mochte Superman nie wirklich nicht, ich mochte ihn aber auch nicht. Und der letzte Film war ja nun auch wahrlich... naja.
    War sehr positiv überrascht, vor allem Erzählerisch. Und ja, genau so stelle ich mir ein Duell übermächtiger Superwesen vor.

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  3. Offenbar konnte noch nie jemand Superman leider, was wiederrum die Frage aufwirft, warum er dann immer noch gepusht wird...
    Ich werde mir den Film trotzdem nicht im Kino ansehen, weil die Alternativen derzeit mMn besser sind.
    Eine sehr gute Kritik! Kann es sein, dass die eigentliche Handlung des Films hinter der Charakterentwicklung von Clark Kent/Superman in den Hintergrund tritt? Ist der Film also eher eine Charakterstudie als eine Erzählung?

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    1. Ich mag Superman auch gar nicht, habe aber auch den Film nicht gesehen, aber ich glaube bei einem Helden der in allem so "Über" ist, muss man ja mit dem Charakter kommen, damit es überhaupt noch ein spannendes Element und Konfliktpotential gibt.

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    2. Charakterentwicklung und die "eigentliche" Geschichte um zerstörte Planeten, Neuaufbau, die Möglichkeit, Entscheidungen zu treffen, geht Hand in Hand. Wir starten sogar auf Krypton und erhalten eine durchaus ausführliche, zugleich spannende Einführung, wie die Gesellschaftsstrukturen dort funktionieren.

      Anschließend erfahren wir viel über Clark und haben Teil an seiner Entwicklung, was dann wiederum zurück zu Krypton bzw. deren Bewohnern führt und es letztlich um das Thema "Erde zerstören oder nicht" geht, weiterhin gekoppelt mit Clarks Entwicklung. Er muss Entscheidungen treffen und wächst dabei sowohl in seiner physischen als auch psyschichen Stärke.

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  4. Sehr schöne Rezension :-) Ich muss ja gestehen, ich mochte Superman schon immer, außer den Vorgänger zu Man of Steel, welcher für mich nur gähnende Langeweile war. Diesen hier fand ich allerdings phänomenal und der gute Hans kriegt das eh immer hin. Schon allein wegen ihm geh ich sowieso ins Kino ;-)

    LG

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