Das Menschen-Raster-Analyse-Ding

Miriam | 21.08.17 | | Kommentieren
Bahnfahren ist eine faszinierende Angelegenheit. Nach dem Schritt durch die Zugtür befindet man sich plötzlich auf engsten Raum mit Menschen, denen man wahrscheinlich nie außerhalb dieses Raums begegnet wäre. Man sitzt (oder steht) plötzlich Menschen gegenüber, von denen man absolut nichts weiß. Alter, Beruf, Familienstand, Leidenschaften, Ängste, Träume. Das alles ist unbekannt.
Das ist dann meistens der Moment, in dem in meinem Kopf mein Menschen-Raster-Analyse-Ding anfängt zu rattern und eben genau das zu tun, was der „Name“ schon sagt: Menschen in Raster sortieren und analysieren.

Der Typ der mir heute gegenübersaß zum Beispiel: Dunkelblauer Anzug, dazu passende gestreifte Krawatte, ein paar wenige graue Strähnen in seinen sonst dunkelbraunen Haaren, am Handgelenk eine silberne Armbanduhr, am Ringfinger der rechten Hand ein schlichter goldener Ring, auf dem Schoß eine laptopgroße Tasche, in der wahrscheinlich auch einer drin steckte.
Analyseprozess: Irgendein Manager- oder Banker-Typ der mittleren Gehaltsklasse, verheiratet und wahrscheinlich auch schon mindestens ein Kind, denn seine grauen Haare lassen darauf schließen, dass er irgendwo zwischen Anfang und Ende 30 steckt (jap, im Alter schätzen bin ich ausgesprochen schlecht) und der Ehering zeigt, dass er verheiratet ist. Wahrscheinlich kommt er gerade von der Arbeit und fährt zu seiner netten kleinen Familie, in sein Einfamilienhaus in einer ruhigen Vorstadtgegend, nicht zu weit von der Innenstadt entfernt aber doch in erreichbarer Distanz zu Bio-Bauernhöfen und Selbstpflück-Blumenwiesen. Analyse abgeschlossen.

Ihr seht schon - dieses „Spiel“ kann man ganz schön auf die Spitze treiben. Dieses „Spiel“ ist aber nichts anderes als simples Schubladendenken. Es ist nichts anderes als Vorurteile und Stereotype. Und am Ende steht meistens das Analyseergebnis: „Mit diesem Menschen habe ich nichts gemeinsam.“

Anfang des Jahres, da waberte ein Video quer durch das Internet. Grob gesagt zeigt es, dass man oft mehr gemeinsam hat, als man denkt. Aber seht es euch doch einmal selbst an:



Neben all den äußerlichen Unterschieden lassen sich doch auch (fast) immer Gemeinsamkeiten finden. Übertragen auf meine Bahn-Analyse bedeutet das folgendes:. Ich denke, dass ich mit dem Anzug-Typen nichts gemeinsam habe. Aber vielleicht mag er wie ich kein scharfes Essen, vielleicht hört er wie ich gerne „die Ärzte“ und vielleicht zweifelt er auch manchmal an sich selbst, so wie ich.

Vielleicht. Vielleicht aber auch nicht. Ich will der Aussage dieses Video nicht wiedersprechen. Gemeinsamkeiten sind wichtig. Sie sind die Grundlage dafür, dass man seine Vorurteile abbaut und sie können die Grundlage dafür sein, auf jemanden zuzugehen. Aber wisst ihr was - Unterschiede sind genauso wichtig. Wir Menschen müssen uns ergänzen. Nur dann sind wir dazu fähig etwas Großes zu erschaffen (für kleine Dinge gilt das übrigens genauso). Fortschritt funktioniert nicht, wenn alle gleich sind. Aufs Bahn-Beispiel bezogen heißt das - es ist gut, wenn der Typ und ich beide Liebhaber von Rock-Musik sind. Aber es ist genauso gut, dass er einen grünen Daumen hat und weiß, wie man Obst und Gemüse anbaut, während ich vielleicht ganz passabel kochen kann. Das ist jetzt echt ein sehr rudimentäres Beispiel. Aber um es zu Ende zu führen: Er baut das Gemüse an, ich koche daraus ein leckeres Mittagessen. Könnten wir beide Gemüse anbauen, aber niemand wüsste, wo der Herd angeht dann würden wir wahrscheinlich auf Dauer verhungern. Aber so können wir uns ergänzen und am Ende gemeinsam eine leckere Mahlzeiten essen, während im Hintergrund ein geiler Song von den Ärzten läuft zu dessen Takt wir beide einträchtig mit dem Kopf nicken.

Und ich freue mich schon auf meine nächste Bahnfahrt, in der mir ein fremder Mensch gegenübersitzt und in meinem Kopf mein Menschen-Raster-Analyse-Ding losrattert. Analyseergebnis: „Mit diesem Menschen habe ich nichts gemeinsam. Und das ist gut so.“

Wissenschafts-Häppchen: Der Geruch von Büchern


Als Schreiberlinge versuchen wir häufig Szenen detailiert und lebendig zu erzählen. Wir versuchen alle Sinne miteinzubeziehen. Wenn unser Protagonist also beispielsweise versucht einem historischem Geheimniss auf die Spur zu kommen und für die Recherche in die alte Bibliothek des King Colleges in Cambridge geht, versuchen wir alles um ihn herum zu beschreiben. Das Knarren der alten Holzdielen unter dem abgerockten roten und verblassten Teppich, der bereits bessere Tage gesehen hat. Das dämmrige Licht, das durch die farbigen, kunstvoll mossaikartigen zusammengesetzeten Fensterscheiben scheint. Die alte Dame am Eingang, die einen streng anschaut, weil man sich zu laut verhält und die vielen hölzernen Wendeltreppen, die zu den oberen Stockwerken führen. Und natürlich der süßlich pregnante Duft von alten Büchern, der im Raum hängt. Der Duft von alten Büchern riecht nach.. nach.. wonach eigentlich?

Wissenschaftler haben versucht herauszufinden, was den Geruch von alten Büchern ausmacht. Was genau riechen wir da und wie kommt das zustande?
Klar ist, es muss ein Gas sein, sonst würde es nicht an den Rezeptoren in unserer Nase ankommen. Wenn man sich Bücher anschaut, wird man erkennen sie bestehen hauptsächlich aus Papier. Ich weiß, um das zu erkennen, braucht man kein naturwissenschaftliches Studium. Aber  dann weiß man eventuell, dass Papier aus Cellulose und Lignin besteht. Außerdem weiß man das Chemie niemals still steht. Ständig finden Reaktionen statt, wenn auch manchmal nur sehr, sehr langsam.

Struktur von Lignin Foto: CC0
Lignin zerfällt. Wie man hier sehen, kann ist Lignin ein riesiges Molekül. Das bedeutet, die Möglichkeit an entstehenden Molekülen ist riesig. Ich will euch hier nicht weiter mit den chemischen Details langweilen. Es soll ja nur ein Häppchen werden. Ich möchte es an dieser Stelle also abkürzen,ohne aber den kleinen Hinweis, dass jedes Buch verschieden ist und natürlich auch ein wenig anders riecht und mehrere Hundert Moleküle dafür verantwortlich sind, also die prominentesten Moleküle vorstellen.






Die Oxidation, also die Reaktion mit dem Luftsauerstoff, führt zum Zerfall von Lignin und führt unteranderem zu folgenden Produkten:

Ausgewählte Produkte des Zerfalls von Lignin;  Stukturformeln: Andreas


 Interessanter Nebeneffekt der Oxidation von Lignin, also dem Zerfall durch Luftsauerstoff, ist die gelbe Verfärbung der Seiten. Häufig entstehen nämlich auch Säuren, die das Papier dann verfärben.

Wem das Häppchen Hunger auf mehr gemacht hat, sollte sich die (englischen) Orginal Publikationen anschauen.

Strlic, Matija; Thomas, Jacob; Trafela, Tanja; Cséfalvayová, Linda; Kralj Cigić, Irena; Kolar, Jana; Cassar, May (2009): Material degradomics: on the smell of old books. In: Analytical chemistry 81 (20), S. 8617–8622

Clark, Andrew J.; Calvillo, Jesse L.; Roosa, Mark S.; Green, David B.; Ganske, Jane A. (2011): Degradation product emission from historic and modern books by headspace SPME/GC-MS: evaluation of lipid oxidation and cellulose hydrolysis. In: Analytical and bioanalytical chemistry 399 (10), S. 3589–3600.


Ob unterwegs auf dem Weg zur Arbeit, in der Raucherpause oder auf dem Klo. Unsere Häppchen sind kurze Texte für den kleinen Lese-Hunger zwischendurch - quasi das fast food unter unseren Blogtexten.

How to Slam: Spurwechsel gegen Schreibblockaden

Jay Nightwind | 16.08.17 | / / | Kommentieren
Stellen wir uns eine Schreibblockade mal physikalisch vor. Da ist also eine Begrenzung, die uns den Zugang zu unserem schreiberischen Prozess verweigert. Wir stehen auf unserer Seite der Sperre, wollen aber dahinter, denn dahinter liegt möglicherweise das Gold, der Triumph, was auch immer unser Herz begehrt.

Da wir die Barrikade nicht umgehen können, müssen wir uns auf einem begrenzten Pfad befinden. Zum Beispiel einer Straße, welche ja das natürliche Lebensumfeld von Barrikaden sind. Unsere Straße, der Weg für den wir uns entschieden haben, ist das Schreiben.Und irgendwas hat beschlossen uns diesen Weg zu versperren.

Eine Strategie kann sein, die Barrikade abzubauen. Das ist eine der prominentesten Varianten. Dafür machen wir Schreibdehnübungen, machen uns stärker, in dem wir uns an kleinen Erfolgen aufladen. Wir ziehen also einzelne Holzbalken aus der Barrikade, schauen wie sie sich verändert und hoffen, sie bald so klein zu bekommen, dass wir sie überwinden können. Wenn wir in einer Häuserschlucht stehen und bis zum Himmel nur Barrikade sehen, dann an uns heruntersehen und zwei sanfte Hände eines/r Poet*In sehen, kann diese Aufgabe verzweifelnd schwer und langwierig aussehen. Vielleicht sogar unlösbar.

Eine nicht ganz so prominente Strategie hat etwas mit Orientierung zu tun. Wir stehen also auf der Schreibstraße und kommen nicht voran. Wenn wir auf unserem geistigen Stadtplan ein wenig herausszoomen, kann uns aber auffallen, dass es Nebenstraßen gibt. Vielleicht sind wir gerade auf der "Schreiben-Allee", aber über eine kleine Nebenstraßen könnten wir rüber zum "Musik-Machen-Weg". Wenn wir den entlang laufen, gehen wir zwar nicht in die selbe Richtung, kommen aber schon mal vorwärts.

Vorwärts kommen fühlt sich nur dann gut an, wenn wir auch in die Richtung reisen, an der auch unser Ziel liegt. Das liegt ja aber hinter der Barrikade! Da ist eine Entscheidung erforderlich: Darauf warten bis die Straße wieder frei ist oder einen Umweg in Kauf nehmen? Vielleicht können wir unseren Inhalt, der eigentlich geschrieben werden soll, erst auf einer anderen Straße verarbeiten? Dann stimmt die grobe Richtung. Vielleicht ist dieser Weg ein Lied zu schreiben, einen Film zu drehen, es einer/m Freund*In zu erzählen. Und plötzlich sind wir wieder auf der "Schreiben-Allee", allerdings hinter der Barrikade.

Manchmal kann es sinnvoll sein, die Spur zu wechseln und einen Umweg zu gehen, anstatt mit aller Gewalt gegen die Barrikade zu donnern. Klar, mensch kann mit dem Kopf durch die Wand, aber das tut halt auch meist weh.

Schreibblockaden müssen übrigens nichts schlechtes sein und bedeuten nicht, dass mensch nicht mehr schreiben kann. Wie in einer echten Stadt, kann es einfach sein, dass das eigene Gehirn da gerade an einer Sache arbeitet, modernisiert, erneuert und da eine Baustelle im Kopf ist. Für den Moment bedeutet es Umwege, aber die Aussicht kann auch sein, dass der selbe Weg zu einer Schnellstraße wird. Diese Baustellen im Kopf brauchen manchmal einfach ein Weilchen.

Also: Wenn es mal nicht voran geht und die Kraft nicht reicht, die Barrikade einzureißen, kann es eine Option sein, einen Umweg zu gehen!

Warum ich Videospiele mag: Gaming-Spinoffs als sinnvolle Ergänzung

Malte | 14.08.17 | / | 3 Kommentare
Ich weiß noch, wie begeistert ich damals war. Das Videospiel 'Enter the Matrix' wurde angekündigt und sollte nicht nur ein einfaches Spiel sein. 'Enter the Matrix' wollte etwas ganz Neues erreichen, wollte Videospiele auf eine neue Ebene heben. Bis dahin gab es zwar immer mal wieder Spiele zu bestimmten Lizenzen, in denen wurde aber entweder die vorhandene Geschichte nachgespielt oder die Charaktere benutzt, um sie in passende Situationen zu stecken, die irgendwie Spaß machen könnten.
Nette Idee, schreckliches Spiel: Enter the Matrix

Film + Videospiel = Holla, die Waldfee!


Nun sollte es aber ein Spiel geben, dass die Geschichte der Matrix-Trilogie ergänzt. Wenn man als Fan wirklich alles aus dem Universum der Matrix aufsaugen musste, war es unbedingt notwendig, das Spiel zu spielen. Da war es für mich natürlich klar, dass ich als riesiger Matrix-Fan auch dieses Spiel haben musste. Dass dieses Prinzip auch schon vorher genutzt wurde, war mir zwar in den tiefen meines Gedächtnisses bewusst, aber hey: Es war Matrix! Es sollte Überschneidungen mit dem Film geben! Wie geil war das denn?

Mittlerweile bin ich kein überschwänglich begeisterter Teenager mehr. Die Matrix-Filme locken mich nicht mehr hinter dem Ofen hervor, wenn man den ersten Teil mal außen vor lässt und ich sehe recht deutlich, dass „Enter the Matrix“ ein absolut grauenhaftes Spiel war. Abgesehen von der miserablen Steuerung, schlecht funktionierenden Mechaniken und einer Farbpalette der Umgebung, die fast ausschließlich aus braun und grau besteht, ist mir mittlerweile klar, dass die erzählte Geschichte einfach nicht gut ist. Anstatt die Grundlage der Filme zu nehmen und ihr einen Mehrwert zu geben, wurde vielmehr versucht, so oft wie möglich zu zeigen: „Hey, das kennt ihr auch aus dem Film, das ist bei uns hier auch wichtig!“

Trotzdem: 'Enter the Matrix' machte klar, dass Videospiele einen elementaren Teil popkultureller Phänomene darstellen können, die über die Grenzen eines einzelnen Mediums hinausgehen. Während es schon lange Usus war, Bücher und Filme miteinander zu kombinieren oder in das andere Medium zu transferieren, kam ein neues Medium mit ins Spiel. Und die Möglichkeiten schienen grenzenlos. Die kulturelle Bedeutung von Videospielen bekam in den letzten Jahren einen anderen Stellenwert, bekannte Franchises bekamen komplette Buchreihen (HALO, World of Warcraft, Mass Effect) und Filmableger, die mehr waren als nur mittelmäßiger, unterhaltsamer oder schlechter Trash. Die Verfilmungen von Prince of Persia, Silent Hill, Assassin's Creed oder World of Warcraft steigen sicherlich nicht in die Sphären filmischer Hochkultur auf! Es wurde allerdings einiges an Geld in die Hand genommen, da zumindest das Potential erkannt wurde, welches im Übertragen einer Geschichte auf ein neues Medium liegt.

Die Spreu vom Weizen der Lizenzspiele


Das Ganze schreibe ich, weil ich im Folgenden ein paar Beispiele zeigen möchte, in denen Videospiele bereits vorhandene Geschichten aufwerten und ergänzen, anstatt sie einfach nur nachspielen zu lassen. Der große Vorteil am Videospiel ist nämlich die aktive Rolle, die ihr als Konsument*in einnehmt. Im Gegensatz zu einem Buch oder einem Film seid ihr nicht nur in einer passiven, beobachtenden Rolle, die Charaktere liegen hier in eurer Hand. Eure Entscheidungen, euer Verhalten hat einen direkten Einfluss auf das Geschehen und den Fortlauf der Geschichte. Damit bekommen selbst einfache Momente, die in einer anderen Erzählform langweilig oder schlecht geschrieben wirken würden, eine ganz andere Gewichtung.

Die Geschichten, egal ob völlig neue oder (da das der Fokus dieses Artikels ist) die euch bekannten, ziehen euch auf eine ganz andere, intensive Weise in ihr Universum. Wenn es dann noch Inhalte sind, die ihr nicht schon aus einem anderen Medium kennt, sondern diese ergänzen, da Unbekanntes erzählt wird, bieten Videospiele eine großartige Möglichkeit, einem Setting mehr Tiefe zu verleihen und Charaktere weiter auszubauen. Das große Potential, welches darin liegt, eine Geschichte auf mehrere Medien auszubreiten, ist nämlich noch lange nicht alltäglich und daher bei weitem nicht ausgeschöpft. Ein paar Perlen gibt es aber schon, die ihr euch anschauen solltet und die verdeutlichen, weshalb ich Videospiele so sehr schätze. Dabei stelle ich keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Sollten euch weitere Beispiele einfallen, bin ich für jeden Hinweis in den Kommentaren dankbar!

Game of Thrones – A Telltale Game


Lenkt die Geschicke des Hauses Forrester
Das Spiel, weswegen ich überhaupt auf die Idee gekommen bin, diesen Text zu schreiben, war Telltales Ergänzung zur Serie. Ihr spielt die Mitglieder des Hauses Forrester während der Ereignisse der dritten und vierten Staffel der Fernsehserie. Die Forresters werden dort nicht erwähnt, doch trotzdem werden sie im Spiel sehr gut in die große Geschichte eingewoben. Ab und zu gibt es Überschneidungen, die euch zeigen, wo ihr euch gerade im Verlauf des Kampfes um den eisernen Thron befindet und müsst trotzdem eure eigenen Probleme bewältigen, die durch die Entscheidungen der aus der Serie bekannten Charaktere für euch auftreten. Das passiert im für das Studio typischen Ablauf, dass ihr selber Entscheidungen für eure Charaktere treffen müsst, die Einfluss auf das weitere Geschehen haben. Wem schwört ihr Treue, wem stoßt ihr vor den Kopf? Diese Entscheidungen liegen in eurer Hand und wenn ihr die Serie oder die Bücher kennt, dann wisst ihr, dass so etwas nicht leichtfertig entschieden werden sollte. Telltales Game of Thrones ist für mich das perfekte Beispiel, um zu zeigen, dass Videospiele eine vorhandene Geschichte ergänzen können, indem sie diese erweitern und euch neue Einblicke liefern.
Es steht aber auch stellvertretend für die anderen Spiele der Spieleschmiede, die allesamt auf diversen Lizenzen beruhen und ihre eigenen Geschichten in diesem Spielprinzip erzählen. Game of Thrones ist allerdings deswegen besonders, weil es eben keine für sich allein stehende Geschichte erzählt, sondern neben einer uns bekannten herläuft.

Indiana Jones and the Fate of Atlantis


Für einige die einzig wahre Fortsetzung
Chronologisch gesehen fällt mir als ältestes Beispiel das Lucas Arts Adventure aus dem Jahr 1992 ein. Für viele gilt Indiana Jones and the Fate of Atlantis auch heute noch als der offizielle vierte Teil rund um den abenteuerlustigen Professor. Während ihr im Vorgänger den dritten Film nachspielt, wurde hier ein komplett neues Abenteuer geschrieben, welches euch die Möglichkeit gibt, Indy nach eurem Geschmack durch ein neues Abenteuer zu schicken. Es lag an euch, ob ihr Probleme mehr mit den Fäusten oder mit Köpfchen lösen wolltet. Ihr hattet es also in der Hand, einen euch ans Herz gewachsenen Filmcharakter nach euren Vorstellungen zu formen. Dementsprechend verlief die Geschichte auch je nachdem, wie ihr Indiana Jones ausgelegt habt. Wenn euch der vierte Film nicht zusagt, ihr aber mehr Abenteuer mit eurem Lieblingsarchäologen haben wollt, ist das Spiel genau das richtige.
(Kurzer Hinweis: Da es sich ebenfalls um ein Adventure handelt, werde ich es nicht gesondert aufzählen, das Adventure zu Zurück in die Zukunft überzeugt allerdings auf ähnliche Weise. Auch hier habt ihr die Möglichkeit, eine neue Geschichte mit Doc und Marty zu erleben, die so in filmischer Form nicht möglich gewesen wäre und die euch selbst vor die Dilemmata einer Zeitreise stellt.)

Diverse Star Wars Spiele


Star Wars bietet massig Auswahl an Spielen fernab der Filme
Star Wars war wohl eines der ersten Franchises, das sein Universum in diversen Medien ausgebreitet hat. Neben den Filmen kamen schnell Bücher und Comics dazu, die andere Geschichten erzählten, welche in den Filmen nicht zu sehen waren. Doch auch in Videospielen wurden sehr früh alternative Geschichten erzählt. Bereits 1993 hattet ihr mit der X-Wing-Reihe die Möglichkeit, neue Missionen für die Rebellen, in späteren Teilen auch im Tie Fighter für das Imperium zu fliegen. Später gab es mit 'Knights of the old Republic' oder 'The Force Unleashed' weitere Spiele, die vom unglaublich großen Universum der Star Wars-Reihe profitierten und neue Charaktere erschufen, die wunderbar vorhandene Vorlagen aufgriffen und der Welt rund um Jedis, Rebellion und Weltraumschlachten ganz neue Kniffe gaben. Die schiere Masse an Erweiterungen des Universums macht es mir unmöglich, mich auf eines der Spiele als Beispiel festzulegen. Zwar sind die alten Spiele offiziell nicht mehr im Kanon der Filmreihe, seit Disney sich die Rechte geholt hat, doch trotzdem funktionieren die genannten Beispiele noch wunderbar, wenn ihr mehr über die Geschichten aus einer weit entfernten Galaxie hören wollt.

Spiderman 2


Einmal Superheld sein!
Dieses Spiel fällt ein bisschen aus der Reihe, da es eigentlich die Geschichte des zweiten Films von Sam Reimi nachspielt. Warum ich es trotzdem hier aufgenommen habe, ist die Tatsache, dass der Plot des Films nur einen geringen Teil des Spiels ausmacht. Die meiste Zeit erlebt ihr Abenteuer mit der freundlichen Spinne aus der Nachbarschaft, die im Film nicht vorkommen. Es tauchen neue Bösewichter auf, Spidermans Beziehungen werden ausdifferenzierter dargestellt und die Geschichte des Films bekommt somit durch das Spiel weitaus mehr Tiefe. Allein schon die Möglichkeit, Spideys alltäglichen Aufgaben nachzugehen und zum Beispiel Pizza auszuliefern oder davonfliegende Luftballons einzufangen, um sie den weinenden Kindern zurückzugeben, lassen euch in das Leben eines Superhelden eintauchen, wenn er nicht gerade versucht, die Welt zu retten.

Mittelerde: Mordors Schatten


Zum ersten Mal wachsen die Orks einem ans Herz
Als letztes Beispiel haben wir die Geschichte von Talion, einem Waldläufer aus Gondor, der zeitlich gesehen zwischen dem Hobbit und dem Herrn der Ringe an Mordors Grenze lebt, seine Familie verliert und daraufhin auf Rache aus ist. Dabei erhält er die Hilfe von Celebrimbor, dem Geist eines Elben, welcher damals die Ringe der Macht schmiedete. Ihr könnt hier durch Mordor reisen, gegen Orks kämpfen oder sie unter eure Gewalt bringen. Was Mordors Schatten dabei besonders macht, sind zum einen die Informationen, die ihr im Laufe der Geschichte über euren elbischen Gefährten erhaltet. Immer wieder erzählt er euch, wie die Ringe geschmiedet wurden und wie Sauron letztendlich an den einen Ring kam, was euch einen Einblick in die Historie von Tolkiens Meisterwerk gibt, den ihr aus dieser Perspektive noch nicht kennt. Zum anderen haben die Orks im Spiel nun auch alle einen individuellen Charakter und Namen. Sie sind nicht mehr nur die Monster, die in Film und Büchern reihenweise abgeschlachtet werden, sondern echte Charaktere, die sich an euch erinnern, wenn ihr sie mehrmals bekämpft habt oder denen ihr helfen könnt, selber an die Spitze ihrer Militärränge zu gelangen. Eine kompletten Rasse wird hier also eine neue Ebene geboten, die in den Büchern zu kurz kommt. Und nur über das Medium eines Videospiels werdet ihr ähnliche Sympathien und Abneigungen für ganz individuelle Orks entwickeln, da ihr in jedem Spieldurchlauf andere Charaktere kennenlernen könnt.


Wie gesagt, die genannten Spiele sind nur Vorschläge, die mir in besonderer Erinnerung geblieben sind. Fallen euch noch Titel ein, lese ich sie mir gerne in den Kommentaren durch. Ich persönlich hoffe, dass durch meine Beispiele vielleicht einige Leser*innen Lust bekommen, tiefer in ein ihnen lieb gewonnenes Universum abzutauchen. Versteht mich nämlich nicht falsch: Ich sage nicht, dass Videospiele die beste Möglichkeit sind, um eine Geschichte zu erzählen. Sie bieten neben Büchern und Filmen aber eine wunderbare Möglichkeit, eine Geschichte auf einer gänzlich neuen Ebene zu entdecken und zu erleben.

Getestet: Bouldern

Jay Nightwind | 11.08.17 | / / | 2 Kommentare
Bildquelle:Wikicommons
Andere werden euch antworten, dass Bouldern freies Klettern ohne Sicherung ist, an niedrigen künstlichen Kletterwänden. Häufig mit Schaumstoffmatten gesichert, kann mensch sich aus jeder Höhe fallen lassen.
Wieder andere werden euch sagen, dass es die Lieblingssportart von Surfer-Boy-Optik-Studenten ist, die Sport und Globetrotter auf Lehramt studieren. Das mag Beides richtig sein.

Ich behaupte, dass es beim Bouldern darum geht eine Wand voller Rätsel zu lösen, wie sie auch in einem Professor Layton-Spiel oder auch einer Folge Sherlock vorkommen könnten. Nur mit dem Unterschied, dass es keine finalen Lösungen gibt. Die Rätsel beim Bouldern sind die Routen, die vom Startpunkt bis zum Ziel geklettert werden müssen. Dabei geht es nicht nur darum, zu verstehen, was da jemand anderes in die Wand geschraubt hat.

Worum es beim Bouldern geht, habe ich erahnen können, als ich in einer (kontrollierten) Extremsituation war. Wir waren in der Boulderbar von Neoliet in Wattenscheid. Da gibt es an einer Wand einen Überhang, der mich im Griff hatte, weil ich keinen Griff hatte -Haha, Kletterwortwitz. Ich kam gut voran, aber plötzlich sperrte mein Kopf. Mir fehlte das Wissen, wie ich den nächsten Griff schaffen soll. Ich hatte das Gefühl mich aber auch nicht mehr fallenlassen zu können und ganz ehrlich: Ich wollte auch nicht. Mir fehlten zwei Griffe bis zur Spitze der Route, die mit beiden Händen berührt werden muss, damit es zählt. Das kontrolliert niemand, außer einem selbst, aber das reicht auch schon als Druck. Ich wollte das schaffen, merkte aber auch, dass ich nicht mehr zurück konnte. Ich machte eine schnelle Bewegung mit dem Arm zum nächsten Griff, verlor aber den Halt und prallte kurz gegen die Wand. Während ich stolz war, dass ich noch oben an der Wand hing, sagte mein Kopf mir, dass das so ganz schöner Mist war. Ich brach ab und freute mich über einen leicht aufgeschlagenden Ellbogen.

Was geschrieben deutlich spektakulärer klingt, als es aussah, war an der Wand ein Thriller. Und geil. Nervenkitzel in einem kontrollierten Umfeld. Unterhalb der Wände sind weiche Matten, sich fallenlassen macht teilweise sogar Spaß. Ich hatte diese Route nicht durchgespielt. Ich schaute mir an, wie meine Boulderbegleitung die Route löste. Schon bei den ersten Griffen sah ich den Unterschied, aber auch, dass mir das gar nichts nutzt. Ihr Körper war ganz anders als meiner, ihre Bewegungen anders angelegt. Trotzdem sah ich Techniken, die mir helfen konnten. Ich lernte mit meinem Rätsel weiter zu kommen. Beim Bouldern geht es ums Lernen.

Worum es auch geht: Solidarität. Alle sind zum Rätseln und Puzzlen da. Als ich eine andere Route konzentriert anschaute, sprach mich ein netter Mensch an, worüber ich grübelte. Ich sagte ihm, dass ich nicht genau wusste, was die Route von mir wollte, weil ich an einer Stelle sicher war, zu klein zu sein. Er gab mir einen entscheidenen Tipp, der mir bei der Lösung half. Nicht nur für diese Route, sondern auch für meine vorherige Nahtoderfahrung. Es dauerte nicht lange, bis ich bei Fremden beobachtete, mitfieberte und überlegte, wie sie mit ihren Vorraussetzungen die Rätsel lösen konnten. Denn jeder musste für seinen Körper und seine Denkweise eine eigene Lösung finden, konnte mit seinen/ihren Erkenntnissen aber wieder anderen helfen. Vielleicht lag es auch an mir, dass Bouldern so spirituelle kognitive Momente hatte. Schnell unterhält mensch sich mit Fremden beim Bouldern, um ihnen zu helfen, um Informationen zu gewinnen. Irgendwie geht es auch darum, kennenzulernen. Sich, die Wand, Leute, Körper.

Was für mich eine fast schon esotherisch-romantische Aktivität ist, ist aber auch einfach eine wirklich gute sportliche Herausforderung. Bouldern geht in die Arme, die Beine und fordert Geschicklichtkeit. Durch die verschiedenen Schwierigkeitsgrade und Elemente ist es aber für jeden sehr einfach möglich, seinen Einstieg zu finden. In Abhängigkeit davon, wo der Körperschwerpunkt liegt, werden andere Körperregionen trainiert.

Ich empfehle dringend Bouldern erstmal zu testen, denn längerfristige Mitgliedschaften bei den Einrichtungen sind durchaus kostspielig (im Raum Essen), allerdings gemessen an den Leistungen nicht unberechtigt. Immerhin werden in den Einrichtungen hier regelmäßig die Routen verändert, so dass immer wieder neue Rätsel entstehen.

Getestet habe ich die Boulderbar in Bochum, welche sehr groß ist. Sie liegt direkt an der A40 und auch in der Nähe des Bf Wattenscheid. Dort ist es nachmittags recht betriebsam gewesen, aber nie so, dass es mir zu voll vorgekommen wäre. Außerdem bieten verschiedene Flächen auch Ausweichmöglichkeiten. Krafttrainingsgeräte stehen dort auch zur Verfügung.
City Monkey in Essen-Haarzopf kam deutlich persönlicher daher, da die Halle auch deutlich kleiner ist. Die Halle ist per 145er Busverbindung gut zu erreichen und erschien sehr ruhig. In der Qualität der Routen war für mich kein Unterschied zu erkennen, aber ich bin auch Anfänger.

Freund*Innen, wenn ihr aus dem Pott seit, könnt ihr euch gerne mal bei mir melden, ich werde noch häufiger bouldern gehen. Es passt perfekt zu meiner Sportbegeisterung und ist eine gelungene Abwechslung. Und ich mag Rätsel.


Irgendwie besser: Schuhe

Fatima Talalini | 10.08.17 | / | 1 Kommentar
Nachhaltigkeit hat oft etwas mit einkaufen zu tun. Was wir kaufen, beeinflusst unser Leben, das der Verkäufer, Händler, Produzenten und Angestellten. Es beeinflusst die Umwelt, die Flüsse, Seen, die Atmosphäre. Einkaufen ist politisch. Man kann sich keine Gedanken machen und ist dennoch mit politischer Haltung unterwegs: Der Egal-Haltung, eine der gefährlichsten überhaupt. Dass wir in einem kapitalistischen System leben, kann man gut finden oder ablehnen, aber es hat einen großen Vorteil: Die Konsumenten habe große Macht. Nicht nur jeder BWL-Ersti weiß: Angebot und Nachfrage beinflussen den Markt. Ein Label, wie das bekannte Faitrade-Ying-und-Yang in blau, grün und schwarz konnte nur so groß werden, weil die Produkte, die es schmückt, gekauft werden; und das obwohl es preisgünstigere Alternativen gibt. Tee, Kaffee und Schokolade sind nicht das ganze Problem. Es geht um so ziemlich alles, was nicht hier, also in den westlichen Industrienationen angebaut und produziert wird.

Es ist Sommer. Ich brauche neue Schuhe. Oder ich glaube, welche zu brauchen. Ich bin nicht sicher, ob ich sie wirklich nötig habe, doch das wäre ein anderes Thema. Also: Es ist Sommer, ich möchte neue Schuhe kaufen, weil ich glaube, sie zu brauchen.
Das Problem mit Schuhen fängt, wie bei jeder anderen Kleidung, mit der Produktion an. Die Fabriken, die meist in Asien stehen, nutzen bei der Herstellung von Kleidung und Schuhen giftige Chemikalien, die häufig ungefiltert in die heimischen Flüsse gelangen und das Wasser vergiften. Die Chemikalien finden sich in der Kleidung des Konsumenten wider (deshalb neue Kleidung immer erstmal waschen!). Laut der Umweltschutzorganisation Greenpeace gelten zwei Drittel der chinesischen Flüsse und Seen als verschmutzt.

Nach einer Studie von Greenpeace waren 58 Prozent der 18 bis 29-Jährigen noch nie beim Schuster. Schuhe sind ein Wegwerfprodukt geworden, dass sich beliebig austauschen lässt. Durch die günstigen Preise neigen Konsumenten dazu, viele günstige Schuhe zu kaufen, statt wenige teure.

Es gibt viele Alternativen, die nachhaltiger sind. Es drängen sich zwei wichtige Bereiche auf: Wie sind die Bedingungen für die Arbeitnehmer, gibt es faire Bezahlung? Gibt es Arbeitsschutz? Sind die Materialen ökologisch oder werden giftige Chemikalien genutzt? Gerade große Firmen wie Adidas oder Nike stehen immer wieder wegen giftiger Chemikalien in der Kritik von Umweltschützern. Und das, obwohl deren Produkte nicht mal günstig sind.
Eine gute Übersicht über faire und ökologische Alternativen bietet das Portal utopia.de.
Ich habe mich für Schuhe von Toms [1] entschieden. Sie werden in Argentinien, China, Äthiopien, Haiti, Indien und Kenia hergestellt, haben also im Transport eine hohe CO2-Bilanz.  Dafür werden die Angestellten fair bezahlt. Die Schuhe sind  aus natürlichem Hanf, Bio-Baumwolle oder recyceltem Polyester hergestellt, einige Modelle sind vegan. Die Schuhkartons sind zu 80 Prozent aus recyceltem Papier. Was mich am meisten überzeugt hat: Für jedes gekaufte Paar Toms geht ein Paar an ein Kind in Not. Dieses One for One Prinzip von Firmengründer Blake Mycoskie soll das Bewusstsein für die Armut in manchen Regionen dieser Welt stärken und gleichzeitig bewusst und aktiv etwas dagegen tun. Außerdem bieten viele große Schuhgeschäfte Toms an, sodass ich sie nicht im Internet bestellen musste und wenigstens einen Transportweg (CO2-Bilanz!) gespart habe (natürlich nur solange man nicht mit dem Auto in die Stadt fährt).
Foto: Fatima Talalini

Wem faire und ökologische Marken zu teuer sind, kann auf Second Hand zurückgreifen oder vorhandene Schuhe zum Schuster bringen. Neue Absätze kosten um die zehn, neue Sohlen um die dreißig Euro.

Will man die CO2-Bilanz möglichst gering halten, empfiehlt sich die Suche nach lokalen Produzenten und kleinen Manufakturen. Für meinen aktuell studentischen Geldbeutel kommt das leider nicht in Frage.

Nachprüfen, ob die Schuhe, die ich gekauft habe, wirklich all das umsetzen, was die Firma verspricht (und womit sie wirbt) kann ich letztendlich nicht. Auf der Internetseite finden sich Bilder von glücklichen Kindern mit ihren Schuhen. Es gibt Labels für Kleidung, ein einheitliches habe ich bisher nicht gefunden. Dieses Stück Restvertrauen muss ich also aufbringen, wann immer ich nachhaltig einkaufen gehe. Ich finde, das ist ein Vertrauen, dass sich lohnt. Zumindest für die, die noch ein bisschen länger was von dieser Welt haben wollen.

Dieser Blogeintrag ist Teil der Serie Irgendwie besser. Den ersten Eintrag findest du hier.

Recherchequellen:
  •  http://www.bpb.de/nachschlagen/lexika/das-junge-politik-lexikon/161081/fairer-handel
  • https://www.greenpeace.de/files/publications/20151123_greenpeace_modekonsum_flyer.pdf
  • https://www.greenpeace.de/sites/www.greenpeace.de/files/publications/detox_fs_discounter_final20102014_0.pdf
  • https://utopia.de/bestenlisten/schuhe/
  • https://utopia.de/produkt/toms/

  1. [1] Ich habe lange überlegt, ob ich die Firma nennen soll, deren Schuhe ich gekauft habe. Ich möchte keine Werbung machen, sondern einen Erlebnisbericht darüber schreiben, wie ich über Nachhaltigkeit nachdenke, was ich darüber herausfinde und wie ich schließlich mit diesem Wissen umgehe, also wie ich handel. Ich erzähle, was ich wann warum tue, lasse, kauf, ändere. Um dies vollständig und ehrlich zu tun, möchte ich offen darüber sprechen, was ich kaufe. Daher auch der Firmenname.

How to Slam: Du möchtest bei einem Poetry Slam auftreten? Warum?

Anekdotische Einleitung mit Opa-Faktor:

Vor einigen Jahren saß ich im Backstage eines Berliner Poetry Slams. Viele bekannte Gesichter, aber auch frisches Blut. Auf der Couch mir gegenüber: gediegener Herr mit Bart und Mütze und Kapuzenpulli, kenne ich nicht. Zweiter Herr mit Bart und Mütze und Kapuzenpulli betritt den Backstage. Überraschte Begrüßung:
„Heiko, du hier? Machst du jetzt etwa auch Poetry Slam?“
„Ja, sicher. Du etwa auch?“

Ich kann bis heute nicht zielsicher erklären, warum mich das so amüsiert, verwundert und gleichzeitig unangenehm berührt hat. Der Wortlaut ist mir bis heute Wort für Wort eingebrannt. Aber wer bin ich, irgendwen dafür zu verurteilen, ‚jetzt auch‘ Poetry Slam zu machen? Jeder fängt ja mal an. So wie du vielleicht. Aber vielleicht aus anderen Gründen.

Als ich damals damit angefangen habe, gab es kein Facebook. Es gab nicht einmal fucking StudiVZ. Poetry Slam vernetzte sich über Telefon und Email und Myslam. Das war so eine Website, wo Veranstalter ihre Termine eintrugen, und Poeten erfuhren, dass es einen ziemlich geilen Slam in Herne gibt. Fahrtkosten wurden vorher abgesprochen, aber rumreisen, das machten nur die ganz großen. Die wirklich krassen. Sulaiman und so. Sebastian, Misha, wie sie alle hießen. Die kamen zum Beispiel aus Bielefeld einfach mal so nach Bochum gefahren und bekamen die Fahrtkosten erstattet. Diese Halbgötter in Kapuzenpullis, die so krass waren, dass man weiche Knie bekam, wenn man mit ihnen gemeinsam irgendwo auftreten sollte. Klingt albern heute, ich weiß. Bielefeld-Bochum. Aber es gibt vielleicht einen Einblick, wie aufgeregt ich war, als ich aus Dortmund nach Bochum anreisen durfte, um da mal im Freibeuter aufzutreten. Mit Fahrtkostenerstattung. Ich hatte es geschafft. Jetzt war ich auch Tourpoet. Irgendwie. Der Auftritt war übrigens nicht so gut. Aber das war egal.

Wenn man mal richtig weit weg wollte, musste man warten, bis man einen Poeten oder Veranstalter aus der weit entfernten Gegend traf, den man dann beeindrucken konnte. Dann sagte man: „Du, ich würde voll gerne mal in Stuttgart auftreten“, und der Tourpoetveranstalter sagte dann: „Ja, war nice, was du da gemacht hast heute, in 1 ½ Jahren habe ich was frei. Gib mal deine Email.“ Und tatsächlich durfte man dann 1 ½ Jahre später vor zwanzig Leuten in Stuttgart verkacken und auf einer sehr umständlichen Luftmatratze schlafen. So war das. Und es war schön.

So. Opa-Anekdoteneinführung vorbei.

Ist heute ja nicht mehr so. Früher war Poetry Slam in seiner Ausführung und gelebten Kultur eine natürliche Barriere. Es waren sehr spezielle Menschen, nicht einmal getriebene Persönlichkeiten, aber zu einem Großteil. Heimatlose und Suchende. Das ist heute anders, und das ist schön so.

Heute ist Poetry Slam Alle. Man kann also heute einfacher denn je damit anfangen. Aber sollte man das dann auch? Für mich, in meiner eigenen, kleinen Definition, ist Poetry Slam im idealen Fall ein Format für Literatur. Da stehen Literaten auf der Bühne. Mal erfahren, mal nicht so sehr, aber immer Literaten. Die Bock auf Sprache haben. Für mich ist Slam ein Ausprobieren, ein gemeinsames Testen und Erleben und Erweitern von Sprache und Ideen. Natürlich ist es auch Unterhaltung, es ist lustig und lyrisch. Aber für mich geht es beim Slam nicht um Humor. Oder um besonders kunstvolle Lyrik. Beides ist für mich Mittel zum Zweck, um etwas zu sagen, verständlich zu machen, zugänglich. Eine Idee. Eine Kritik. Einen Missstand. Und darum geht es. Nicht um diesen omnipräsenten Wettbewerb, oder um die Lacher. Der Wettbewerb, der ist eine Scharade für das Publikum. Ein Rahmen. Wer auf einen Slam geht, um ihn zu gewinnen hat Slam - meiner Meinung nach - falsch verstanden.
Man kann das anders sehen. Aber so sehe ich das.

Wenn du also demnächst auf einem Poetry Slam aufzutreten gedenkst, kann ich dir nur raten, ein paar Fragen für dich zu beantworten:

Was ist Poetry Slam für dich?

Warum möchtest du das?

Möchtest du schreiben, oder lieber nur etwas geschrieben haben?

Möchtest du etwas sagen, oder nur vor Menschen in ein Mikrofon sprechen?

Möchtest du Menschen für etwas begeistern, oder nur ihre Begeisterung spüren?

Möchtest du Literatur machen, oder kannst du dir nur deine Witze so schlecht merken?

Möchtest du ein Gefühl in Worte gießen, oder dich einfach auf einer Bühne ausziehen?

Möchtest du ein Gewinn sein, oder nur gewinnen?

So, Opa ist fertig. Darauf jetzt ein Kräuterlikörchen. Und ein Schlusswort.
Es gibt so viele gute Gründe, auf eine Bühne zu gehen und Texte vorzulesen. Und so viele schlechte Gründe. Und die Gefahr ist da, dass einem das zu Kopfe steigt. Das Publikum, das Bier, der Applaus. Denn bis auf das Bier ist nichts davon für dich. Sondern nur für das, was du da tust. Wenn überhaupt. Und jetzt viel Spaß. Wir sehen uns. Und ich freu mich drauf.




®thorstenwulff
Tobi Katze, geboren 1981, tritt seit fünfzehn Jahren auf Poetry Slams und Lesebühnen auf. 2007 gewann er den LesArt-Preis der jungen Literatur und 2014 den Bielefelder Kabarettpreis. Im Januar 2014 startete er auf stern.de seinen Blog »Das Gegenteil von traurig« über Leben und Arbeit mit Depressionen. 

Im September 2015 veröffentlichte Rowohlt seinen Erzählband »Morgen ist leider auch noch ein Tag«. Das hochgelobte Buch über Depression (Prädikat »Absolut lesenswert« in WDR 2 Bücher) stürmte wochenlang die Top Ten der Spiegel-Bestsellerliste. Aktuell tourt er mit dem gleichnamigen abendfüllenden Bühnenprogramm. 

Im September 2017 veröffentlicht Rowohlt seine neue Erzählung »Immer schön die Ballons halten«