Ich bin alt

Der Hartmann | 29.07.16 | / | Kommentieren
Guten Tag, mein Name ist Hartmann und ich bin 22 Jahre jung.
Zumindest auf dem Papier. Schließlich gibt es einen Unterschied zwischen dem tatsächlichen, und dem gefühlten Alter. 
Menschen, die mich kennen wissen, dass ich ein 80- Jähriger, gefangen im Körper eines Jungspundes bin. 
Oder um es kurz zu machen: Ich bin zu alt für mein Alter!
Woran ich das fest mache? Ganz einfach:

Wenn ich sitze und mich dann erhebe, geht das nicht ohne Gestöhne in respektabler Lautstärke. Je nach Tiefe der Sitzfläche benötige ich auch Dinge, an denen ich mich abstützen kann, damit ich überhaupt hochkomme. 
Beispiel: In meinem Wohnzimmer steht ein Sessel. Wenn ich aus diesem aufstehen möchte, dann muss ich mich am Tisch festhalten, sonst krieg ich den Arsch nicht hoch. Oder ich wippe mit dem Sessel vor und zurück, bis ich genug Schwung aufgebaut habe, dass ich die vorhandene kinetische Energie dazu nutzen kann, meinen alten Leib hochzuwuchten. 
Nein, mein Haus ist nicht seniorengerecht eingerichtet. 

Hinzu kommt, dass ich auch bei Weitem älter aussehe, als ich bin. Ich meine, für Anfang 20 habe ich erstaunlich viel Bart und erstaunlich wenig Haare auf dem Kopf. Ja, Haarausfall ist kacke, auch wenn ich das lichter werdende Haar mittelmäßig gut zu kaschieren weiß.

Ganz davon abgesehen passiert es mir, dass ich nachts nicht durchschlafen kann, weil ich Mitten in der Nacht austreten muss.
Naja, meistens habe ich davor dann auch das eine oder andere große Bier getrunken aber ich kann mich noch an Zeiten erinnern... Okay, was heißt erinnern? Das ist in meinem Alter ja so eine Sache aber ich weiß, dass es mal Zeiten gab, in denen ich auch durchschlafen konnte, wenn ich hackedudeldicht war.
Aber das ist schon lange her.
Wobei ich auch sagen muss, dass es extremst selten vorkommt, dass ich mal voll bin wie ein Schwamm. Aus dem Alter bin ich raus. Also ich war nie drin aber trotzdem habe ich das hinter mir gelassen.
Übermäßiges Saufen habe ich allerdings noch nie verstanden. Den Kater am Folgetag ist mir das einfach nicht wert. Dann trink ich lieber ein paar Bier weniger und fühl mich am nächsten Tag nicht so, als würde ein Bandenkrieg in meinem Kopf stattfinden.
Und es ist ja nicht nur das. Wenn ich ordentlich einen in der Mütze habe fange ich auch irgendwann an, unkontrolliert Blödsinn zu faseln. Das mache ich nüchtern zwar auch aber wenn ich mir dann so richtig einen hinter den Knorpel gezogen habe, dann nimmt das Überhand! Und das will ja keiner.
Ne, dann doch lieber gemütlich Bier trinken, statt sich bumsvoll zu saufen.

Zurück zum Thema, nächstes Beispiel:
Kreuzfahrten sind ja bekannt dafür, dass vor allem die Fraktion der Graumelierten mit diesem Verkehrsträger unterwegs sind. Jetzt ist es so, dass ich neulich tatsächlich den Kauf eines Kreuzfahrttickets in Erwägung zog.
Gut, es handelte sich um ein Ticket für die "Full Metal Cruise" was im Wesentlichen ein schwimmendes Metalfestival ist aber dennoch, und das möchte ich doppelt unterstreichen:
Ich stand kurz davor auf eine Kreuzfahrt zu gehen!

Und dann dieser ganze Technikkram. Da habe ich alter Mann den Überblick verloren! Alle zwei Wochen bringen die ein neues Smartphone auf den Markt, dann sabbeln die irgendwas von selbstfahrenden Autos und was weiß ich nicht noch alles.
Und wenn dann die ganzen Kiddies blubbern höre, da versteht man doch auch nichts! Neulich in der Bahn fangen zwei von denen an sich über Snapchat zu unterhalten.
WAS ZUM HENKER IST SNAPCHAT?
Wobei, ich habe aufgegeben verstehen zu wollen, was diese ganzen Apps und Social Media- Plattformen sein sollen.
Als ich in deren Alter war, da hatten wir noch SchülerVZ! Das war damals das non- plus- ultra.
Wir hatten ja nichts, damals.
Und heute wird man von Social Media zugeschüttet, von Twitter, Facebook und wie die nicht alle heißen.
Jetzt weiß ich wenigstens, wie meine Eltern sich wohl gefühlt haben müssen, als das damals alles losging.

Aber bei allem, was ich gerade so erzähle möchte ich nicht, dass es zu Missverständnissen kommt:
Ich habe nichts gegen Rentner. Das sind mit Sicherheit auch Menschen. Menschen, die auf der Autobahn mit 80 auf der linken Spur kriechen und mir immer mit dem Satz kommen: "Als ich in Ihrem Alter war, hatte ich auch so schöne Haare.", wobei ich dann immer denken muss: "Als Du in meinem Alter warst, war doch alles noch in schwarz- weiß."

Wie gesagt, von mir aus darf es Rentner geben, da habe ich kein Problem mit.
Ich habe nur Angst, dass ich in naher Zukunft dazu gehöre. Zur Zeit fühle ich mich ja zum Glück nur so. Ich hoffe ja, dass ich noch ein paar Tage habe, bis ich zu denen gehöre.
Dann bin ich auch einer von denen, die im Supermarkt an der Kasse stehen, während sich dahinter eine Schlange biblischen Ausmaßes bildet und sage zur Kassiererin, während ich im Kleingeldfach meines Portmonees rumstochere: "Sie haben's ja lieber passend, nich?"

Ganz davon abgesehen habe ich für das Rentnerdasein überhaupt keine Zeit.
Auch wenn es nicht so aussieht, ein Rentner hat festgelegte "Arbeits"- Zeiten, schließlich gibt es ja viel zu tun.
Als Rentner muss man einkaufen, beim Hausarzt rumsitzen, Mittagsschlaf halten und Kochsendungen gucken.
KOCHSENDUNGEN! Ich kann ja noch nicht mal kochen. Das wäre ja wohl völlig bescheuert, wenn ich mir das dann angucken würde.
Aber ne, als Rentner, da ist nichts Füße hochlegen und tun, was einem Spaß macht, nein! Das ist knochenhart, was die Kukident- Generation jeden Tag für ein Programm abspulen muss!

Es wird sich viel verändern. Dann ist es vorbei mit Urlaub in den Bergen oder am Strand. Nein, denn als Rentner geht man auf Städtereise.
Dann tingelt man von einem Ort in den nächsten. Und wo man nicht alles hinkommt. Als Rentner auf Städtetour besucht man so exotische Weltmetropolen wie Bad Salzuflen oder Untermaubach- Schlagstein.
Ich kann es kaum erwarten auf die alte Seite der Macht zu wechseln.

Autorenprofil: Andy

Andasch | 28.07.16 | / | Kommentieren
Hier findet ihr alle Text von Andy

Über Blumentöpfe und Streichhölzer

Andasch | 24.07.16 | / | Kommentieren
Ich rauche aus dem Fenster in der Küche in die lauwarme Sommernacht und starre auf die gelben Blumentöpfe auf dem Balkon meiner Nachbarn. Ich denke daran, wie du sagtest sie seien grün. „Alles Ansichtssache“, denk ich und mein Blick schweift ab. In meinem Kopf stell ich mir vor, du wärst hier. Wir trinken billigen Weißwein aus der Flasche und reden.

„Weißt du manchmal, stell ich mir vor mein Gehirn funktioniert wie ein Streichholz.“ Ich richte meinen Blick nicht ins Innere der Wohnung und rauche weiter beobachtend aus dem Fenster. „Immer wenn mich eine Idee packt, fang ich an zu brennen. Brennen. Ganz schnell und wild. Wie diese grellen weißen Phosphorflammen, wenn man Streichholzköpfe anzündet. Kurz blende ich alle und dann geh ich aus. Meine Energie verpulvert, abreagiert. Ich bin dann plötzlich ausgebrannt und nutzlos“

„Vielleicht“, erwiderst du, „ist das genau richtig so. Du begeisterst die anderen. Irgendwer muss der Anzünder sein und irgendwer die Kohle.“ Genüßlich ziehst du an deiner Zigarette.

„Ich hasse, dass du diesen widerlichen American Spirit Scheiß rauchst“

„Wär doch scheiße, wenn wir alle die Kohle wären. Hast du schon mal versucht Kohle ohne Anzünder zum Glühen zu bringen?“, übergehst du lässig und routiniert meinen Kommentar.

„Schönes Bild, aber dein Vergleich hinkt. Jeden Tag sollen wir aufstehen und zur Arbeit gehen. Jeden Tag denselben Scheiß. Jeden Morgen Pappmaul, jeden Morgen nebens Bett greifen und Wasser trinken. Jeden Morgen verschlafen in die Küche watscheln und Kaffee trinken. Jeden Morgen Mini-Zimtos essen und zur Bahn rennen. Und am Wochenende dann, trinken und rauchen. Portionierte Freiheit“

Sonnenstrahlen kitzeln meinen Arm.

„Ich mein, wo siehst du da die Verwendung für Anzünder? Ach, was rede ich da. Jeder Anzünder brennt länger als ich. Ich bin Diethylether. Ich hab ein scheiß F‑Gefahrensymbol auf meine Stirn tätowiert.“

„Ey, Ey! Das Internet sagt irgend so ein Typ hat mal den Nobelpreis bekommen, weil er dreißig Jahre lang mit den Fingerknochen der rechten Hand geknackt hat und mit der linken nicht.“

„Hä?“

Ich dreh mich um und Ben steht in der Tür.

„Naja, und damit hat er dann wohl bewiesen das Fingerknacken keine Gicht verursacht."

„Ich glaube nicht, dass das stimmt. Ich mein ich kann doch auch nicht mein Toast fallen lassen und wenn es auf die beschmierte Seite fällt, sagen das beschmierte Toast immer auf eben jene Seite fallen“

„Doch.“

„Nein. Das ist im Übrigen abhängig von der Fallhöhe“

Ich tat so als würde ich kurz im Kopf überschlagen und sagte: „Ungefähr 2 m. Zwei Meter reichen damit der Rotationsimpuls das Brot wieder in seine ursprüngliche Lage – Marmelade oben – dreht“

Ich betonte dabei Marmelade oben deutlich und fühlte mich kurz ein wenig wissenschaftlich.

„Was machst du hier so alleine? Ist doch Samstag“

„Ich hab heute meinen letzten alten 10 € Schein ausgegeben. Ich bin traurig.“

Ben rollt die Augen, geht zum Kühlschrank und reicht mir ein Bier.

„Bier? Ich wollte übrigens gleich mit ein paar Leuten ins Tante Horst. Willst du mit? Die schöne Hannah ist auch da.“

Ich zünde ein Streichholz an. Sonnenexplosion.

„Ich weiß nicht…“

„Die schöne Hannah ist auch da.“, wiederholt Ben und betont dabei jedes Wort.

„Portionierte Freiheit..“, murmle ich.

„Was?“

„Schon gut, ich bin dabei.“

Teil 2: Warum Bochum doch ganz schön scheiße ist

Andasch | 20.07.16 | / / | 1 Kommentar
Hier geht's zum ersten Teil

Eigentlich wollte ich hier was erzählen über die schönen Ecken in Bochum, wie den Kemnader See, die Ruhrwiesen in Dahlhausen oder den Westpark. Über die schönen Radwege bis nach Hattingen und den wundervollen Kortländer Kiez mit dem Kugelpudel, der Trinkhalle und dem Eden.

Die letzten Wochen hat die Stadt Bochum mir die Formulierung so einer Lobeshymne echt schwer gemacht. Deswegen möchte ich euch stattdessen erklären wie in Bochum zurzeit Kultur zerstört wird.

Kortländer Kiez
Als Kortländer Kiez bezeichnet man eine kleine kreative Ecke zwischen der Abzweigung von Herner und Dorstener Straße in der Bochumer Innenstadt. Gleich hinter dem Rathaus. Das Internet sagt der Kortländer heißt Kortländer weil ein sogenannter Ferdinand Kortländer dort 30 Jahre (!) lang eine wohl legendäre Wirtschaft betrieben hat. Das wär ganz schön cool, andererseits sagt das Internet auch das Chemtrails existieren und Wasser giftig ist. Wie auch immer, eine ganze Zeit lang war der Kortländer die coole Alternative zum Bermuda Dreieck. Für alle Nicht-Bochumer möchte ich das Ganze in folgender Analogie ausdrücken. Das Bermudadreieck verhält sich zum Kortländer wie Sharknado 3 zu, sagen wir mal.. Fight Club. Das Bermuda Dreieck ist, mit wenigen Ausnahmen, ein füchterlicher Ort. Eine Art Vorhölle in der du nur überleben kannst, wenn du mindestens 1,8 Promille und gute Freunde dabei hast. Wie bei Sharknado3 halt. Der Kortländer Kiez war ein Ort der alternativen Energie mitten in der Stadt. Eine Art Szeneviertel wenn man so will.

Wenn man am Wochenende Spaß haben wollte, und keine Lust hatte sich hemmungslos zu betrinken oder zum tausendsten Mal von einem Jungesellenabschied mit den Worten: „Also, hör mir mal zu, ich heirate Samstag und küsse dich/trinke einen Schnaps mit dir/ putz dir deine Schuhe/etc.“ gegen einen Unkostenbeitrag von nur X €“ anquatschen zu lassen, der war im Kortländer Kiez genau richtig. Es gab Lesungen, Diskussionen, Akustikkonzerte und Repaircafés. Es gab gutes Craft-Bier in der Trinkhalle und irische Atmosphäre und flüssige Delikatessen im Paddy’s. Es gab verrücktes Eis im Kugelpudel und Schallplatten bei Bahlo-Records. Es gab Bier, Konzerte und vieles mehr im Eden. Es gab einen türkischen Supermarkt und einen klassischen Kiosk für das Fuß-Pilz nachhause. Und es gab den besten Dönermann der Welt im Kortländer. Der Mamaris-Grill hat eigentlich immer auf und versorgt deinen betrunkenen Körper mit zahlreichen Basics. Von Döner, über Lahmacun bis hin zum vegetarischen Dürüm. Falaffeltaschen und gefüllte Weinblätter. Börek und Pizzen. Egal wonach dein betrunkenes Ich dürstet. Mamaris kann dein Bedürfnis stillen. Natürlich kann ich nicht bester Dönermann der Welt sagen, ohne Has Ufra zu erwähnen. Aber der liegt nicht im Kortländer und hier geht es um den Kortländer.

Dem aufmerksamen Leser mag bereits aufgefallen, dass ich die letzten Sätze im Präteritum formuliert habe. Ich fürchte, dass diese Oase in Bochum auseinander zu fallen droht.

Was ist passiert?

In den letzten Monaten hat der Kortländer regelmäßigen Besuch von Ordnungsamt und Polizei wegen Lärmbelästigungen erhalten. Die Trinkhalle, die stets bemüht war den Lärmpegel soweit wie möglich unten zu halten (keine Musik, kein rumlungern draußen nach 10!) muss seine Pforten jetzt bereits um 22:00 schließen. Welcher Rentnerabend endet denn bitte um 22:00 Uhr?

Das Cafe Eden hat dasselbe Problem, das nach 22:00 Lärmbelästigungen stark geahndet werden. Ihnen droht eine hohe Geldstrafe bei weiteren Verstößen und desweiteren ist es ihnen untersagt gemütliche Wohnzimmerkonzerte, Diskussionen oder andere Veranstaltungen zu hosten. Sprich sie dürfen nun ein langweiliges Café ohne Veranstaltungen sein. Gerüchten zufolge hat auch der Kugelpudel Probleme, da es Konzerte veranstaltet hat.

Geht es also zu Ende mit dem Kortländer? Ich weiß es nicht. Hinter den Kulissen wird wohl fieberhaft an einer Lösung gearbeitet. Ich hoffe das uns Bochumern der Kortländer erhalten bleibt. Zeigt eure Solidarität um das coolste Viertel Bochums zu erhalten. Geht vor 22:00 in die Trinkhalle und trinkt ein, zwei Bier bei Tom. Esst unterwegs mal ein Eis im Kugelpudel oder trefft euer nächstes Tinderdate im Eden. Und besucht das zweite Kortländer Straßenfest.