Weststadtstory - Für eine Hand voll Anekdoten

Jay Nightwind | 24.05.18 | / / | 2 Kommentare
Die hier beschriebene Reihenfolge der Ereignisse ist nicht vollständig chronologisch, was im Kern am mittelmäßigen Gedächtnis des Autoren scheitert.



"Das klingt mir alles viel zu kompliziert, du machst das! Es ist Donnerstag, Montag habe ich ein Konzept von dir in meinem Emailpostfach.", so stellt Heinz mich vor die Tür vor der Weststadthalle und jetzt habe ich also scheinbar einen eigenen Poetry Slam, ohne, dass ich das jetzt und so und überhaupt mal geplant hätte.

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Gabriel, irgendwann 2012
Die Dynamik mit Hermann und mir auf Slams war recht einfach. Ich trete auf, wir hängen nicht im Backstage rum und ich beteilige ihn am damals recht üblichen Freibier. Währendessen nehmen wir nichts ernst, machen zynische Anmerkungen zur Moderation, freuen uns aber auch, wenn ein guter Gedanken und ein kluger Scherz dabei sind. In Wirklichkeit nehmen wir aber auch nur für einen Abend später in meiner WG Anlauf, bei dem wir trinken und zocken. Diese Austrahlung hat uns plötzlich zwei weitere Gäste an unserem Tisch beschert.

Gabriel und Tobi sind mit einem Deutschkurs von der Schule da. Tobi knipst schon den ganzen Abend wie ein Berserker mit seiner Kamera, Gabriel war genötigt an dem Slam teilzunehmen. Rückblickend glaube ich, dass sie von Hermann und mir getriggert waren, weil sie das Konzept Bier & Zynismus überzeugte. Als sich herausstellt, dass die Beiden aus Essen sind, wird eine kleine lose Bekanntschaft daraus.

Als feststeht, dass ich einen eigenen Slam organisieren soll, nehme ich meine Erfahrungen aus dem Jugendverband, was dazu führt, dass ich das nicht alleine machen will. Auch wenn es nicht ganz so war, werde ich bis an mein Lebensende behaupten, dass die Rekrutierung von den Jungs so ein Ocean's Eleven Moment war.

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Tobi Katze, Ilja Budnizki und Johannes Floehr fragen mich, ob ich sie verarschen will? Die riesige Halle, die stehend für über 1000 Menschen Platz bietet, ist unser "Backstage". Die drei packen ihre Taschen zur Seite, machten sich darüber lustig und still und heimlich formuliere ich ein erstes Mal, vielleicht nur in meinem Kopf, dass ich irgendwann mal mit dem Slam auf die große Bühne möchte.

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Thomas, 2011
Im Wohnzimmer seiner Mutter hängt ein Bild, wie er mit Sonnenbrille und Pseudomikrofon
irgendjemanden pseudointerviewt. Als ich ihn kennengelernt habe, hat er mich unter seine Flügel genommen. Sonst hätte ich in der Jugendhaus-Clique keine Überlebenschancen gehabt. Dann sind einige Jahre vergangen. Nachdem Thomas mich viele Jahre gepusht hat und ein guter Freund ist, war klar, dass ich dieser Rampensau ohne eigenes Gehege eine Spielwiese geben muss. Gut, dass ich zufälligerweise jetzt diesen Slam hatte. Thomas steigt mit ins Team ein.




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Jay, 201X
Witzigerweise war ich in Hamburg auf dem Zeiseslam von Kampf der Künste. Die Veranstaltungsagentur macht riesige Schiffe von Slams. Ich hatte mich in einem Urlaub in eins der Line-Ups mogeln können. Ich war schon ausgeschieden, als ich auf mein Handy schaute. "Es ist Irrsinn. Wir müssen in der Halle Stühle stellen." - "Jan, wie krass. Es sind so viele Leute da!"
Es ist natürlich beißende Ironie, dass das passiert, als ich nicht da bin. Später wird immer wieder betont, wie krass das war und wie großartig, dass alle Zuschauer geholfen haben, in der Halle noch die Stühle zu stellen.

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Sven Golze lächelt, droht mir trotzdem eine dicke Schelle an. Und das noch während der Film für unser Saisonfinale anläuft. Nach dem Zuschauerrush war klar, dass wir ein dickes Finale in der Halle anbieten wollen. Und das wir das irgendwie ein bißchen anders machen wollen, als andere Slams. Nicht viel. Nur einen Hauch. Am Ende der ersten Saison gab es ein nettes kleines Making-Of, produziert von Stephan Krahwinkel. 
Diesmal haben wir dicker aufgefahren. Auch weil Stephan Lust hatte was richtiges zu drehen und ich bei der WSS die Basis dafür gesehen habe. Entstanden ist unsere Hommage an "Hangover". Inklusive der sanften Täuschung an unserem Publikum und unseren Slammer*innen, dass ich der Einzige vom Team wäre, der fürs Finale da ist.
Als ich auf der Bühne vortäusche, dass ich nochmal das Team anrufe, ist wirklich spürbar Anspannung im Raum. Als der Film beginnt, die Deckung fällt, verändert sich die Luft im Raum spürbar. Ich kann das nicht beschreiben, ich würde heute sagen, es war so, als hätten alle wieder ausgeatmet. Danach hatten wir ein spektakuläres Finale.

An dieser Stelle möchte ich herzlichst Michael Meier und Luigi Aiello danken. Die beiden Veranstalterkollegen haben sofort und mit voller Inbrunst ihre Unterstützung angeboten, wollten Jobs übernehmen und kannten unseren Slam gut genug, dass sie eine große Hilfe gewesen wären. Tut mir leid, dass wir euch angeflunkert haben. Es war aber sehr schön unerwartet diese Solidarität zu spüren.

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Weil wir keine (Sommer-)Pause haben wollen, denken wir uns einen Lehrer-Schüler-Slam aus, die Idee ist großartig und wird nach diesem Beitrag (hoffentlich) geklaut. Schüler*Innen treten gegen ihr eigenes Lehrpersonal in einem Textwettbewerb an. Leider erkennt, trotz Berichterstattung in der Zeitung und Briefe an alle Essener Schulen, keiner das Potential.
Da wir keine Alternative haben, nutzen Thomas und ich die gemeinsamen Pausen im gemeinsamen Job, um uns ein Format auszudenken. Die gemischte Tüte wird in einer geistigen Nacht-und-Nebel-Aktion erfunden und gestaltet. Aus dieser entstehen im Laufe der Jahre zwei Improvisationstheater-Gruppen. Finden wir geil. Hallo Improffesionell!

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Wir wundern uns, dass es diesmal keine Plakate von uns in den Stromkästenflächen der Stadt Essen geben wird. Die Erklärung irritiert uns, auch wenn sie heimlich ein Kompliment an uns ist: Man hat Angst, dass zu viele Zuschauer*Innen kommen und wir welche wegschicken müssen. Daher reduzierte Werbung.

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Na gut. Irgendwie hatten sie ja auch recht. Wir streamen dann mal im Finale das Bühnenbild in den Vorraum. Der Zulauf ist Irrsinn.

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Wir stehen auf der Bühne, es gilt Startplatz Acht aufzurufen. Der Künstler ist nicht erschienen, wir improvisieren. "Ist zufälligerweise jemand im Publikum, der einspringen möchte?" Links im Publikum geht überzeugt eine Hand hoch. Miriam Jagdmann bekommt viel später den Titel unserer "Alpha-Slammerin", nicht ahnend, dass sich irgendwo am Horizont der Slamszene die Slamalphas formieren. Sie ist unsere erste Homeslammerin.

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Zenator Yen, Mukke vom feinsten
Ein Jahr später. Es gilt einen Startplatz aufzurufen. Der Künstler ist nicht aufgetaucht. Wir riskieren es wieder und fragen von der Bühne aus, ob jemand einspringen will. Links im Publikum geht überzeugt eine Hand hoch. Ich bin mir sicher, dass es der selbe Sitzplatz ist wie ein Jahr zuvor. Benjamin Poliak steigt in den Wettbwerb ein, macht einen Text, der viel zu lang ist und muss disqualifiziert werden, weil er keine weiteren Texte im Gepäck hat. 2016 und 2017 wird er deutschsprachiger U20-Meister. Wir sind stolz. Bei uns debütieren ganz schön krasse Leute.

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Im Rahmen eines intensiven Kennenlernens, begleitet mich eine Bekannte zu diversen Slams. Sie hat mit Bühnenliteratur nicht so viel am Hut, schaut sich aber neugierig immer alles an. Als Ruhrgebietsbloggerin hat sie auch einen geschulten Blick auf Veranstaltungen und sie ist bekannt dafür, Trends zu erkennen, bevor sie welche sind. Bei uns kam sie da zu spät, aber als ich laut sage, dass ich gar nicht so ganz verstehe, weshalb wir so anders wahrgenommen werden, hat sie eine These.
Publikum und Fabian F.

Sie sagt, dass auf anderen Großveranstaltungen das Team und die Künstler*Innen hinter einer Wand verschwinden. Im Vorlauf, in der Pause und nach dem Gig, sind alle Durchführenden im Backstage. Wir laufen hingegen mit unseren lächerlich grellen Shirts durchs Publikum, sind ansprechbar und unterstützen alle. Wir weisen auf die kürzeren Toilettenschlangen im Nebenraum hin, machen Scherze mit den Zuschauer*Innen und organisieren noch Kleinkram während der Fahrt. Wir sind nicht besonders krass sage ich heute, wir sind echt, sagt sie damals. Was für uns damals selbstverständlich war, ist heute für mich Mission. Ich möchte Stammzuschauer*innen Hände schütteln und Fragen beantworten. Ich möchte nah sein.

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"Ey, die anderen Slams machen Sommerpausen." - "Geil. Lass das auf keinen Fall auch machen, weil wir Pausen hassen." - "Aber wir hassen Pausen doch gar nicht." - "Schweig, Narr!" Okay. Dann machen wir halt im Sommer Formate, die nicht so ganz Slam sind. Und zwar über die Jahre einen ganzen verrückten Strauß.

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Thomas ist der eher wirtschaftliche Denker von uns. Es wirkt manchmal so, als würde er glauben, Wachstum wäre unendlich. Ich weiß, dass das so nicht ist. Sowohl, dass er das nicht glaubt, aber auch, dass es nicht unendlich ist. Trotzdem redet er mit Feuereifer davon, das Finale noch größer zu machen, den Slam noch größer zu machen. Wenn Essen ca. 500 000 Einwohner*innen hat und jeden Monat etwa 500 davon zu uns kommen, ist das nicht mal ein Prozent. Irgendwann redet er davon, weil es kaum gute Orte gibt, an die wir hinwachsen könnten, dass er in die Gruga-Halle mit dem Slam will. Während wir anderen sagen, dass das unendlich schwer wird, macht Thomas sich auf den Weg in geheimen Netzwerken. Plötzlich haben wir 2017 einen Sommerslam im Musikpavillion des Gruga Parks. Plötzlich ist die GrugaHalle gar nicht mehr so weit weg.



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Während Gabriel einen Fabian rekrutiert, da wir erkennen, dass wir mit der ganzen Arbeit der Videos überfordert sind - Immerhin betreiben wir inzwischen einen der größten Poetry-Slam-Kanäle auf Youtube - spricht uns seit Monaten immer ein Fabian auf unserem Slam an, dass er liebend gerne unser Team ergänzen würde. Plötzlich haben wir ein Medien-Team. Foto, Video, Social Media. Irgendwie machen wir schon lange nicht mehr nur Slam. Sind wir jetzt erwachsen?

Die ganze Truppe, Tommy, Gabriel, Fabian B., Fabian F., Moi, Tobi
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Wir sind stolz aus das, was wir aufgebaut und geleistet haben. Dieser Beitrag hier entsteht. Die einzelnen Momente sind nicht in richtiger Reihenfolge, Jahreszahlen verschwimmen. Lang ist noch nicht alles erzählt.

Soundcollage Rom

Miriam Jagdmann | 21.05.18 | / / / | 1 Kommentar
Rom - alte Ruienen, riesigen Plätze, hunderte von Kirchen und alles wimmelt nur so von Menschen. Italiens Hauptstadt kannte ich bisher nur aus dem Latein-Unterricht. Im März habe ich die Stadt dann endlich einmal selbst erkunden können. Rom ist nicht nur sehens- sondern auch hörenswert. Deshalb habe ich, unterstützt durch meine Reisebegleitung, versucht euch Rom in Tönen mitzubringen. Viel Spaß beim Hören:

Eine weitere Soundcollage aus Marokko von unserem Autor Andy findet ihr hier.


Kommentar: Medienkritik – Warum ich Christian Linders Bäcker-Anekdote nicht rassistisch finde

Andasch | 14.05.18 | / | 1 Kommentar
Dieser Post spiegelt einzig und allein die Aussage des Autors wieder und ist als journalistischer Kommentar zu verstehen.

Ich bin weiß Gott, kein großer Fan von Christian Lindner oder der FDP. Die allgegenwärtige wirtschaftswissenschaftliche Sicht auf die Welt, abseits aller humboldschen Humanismusprinzipien, die Leben, Schicksale und Träume auf kalte, nüchterne Zahlen reduziert, läuft mir zutiefst zuwider.
Aber wer Christian Linder nach seiner Anekdote Rassismus vorwirft, ist vielleicht nicht hysterisch, aber hat seine Aussage nicht richtig verstanden.

Was er gesagt hat: "Man kann beim Bäcker in der Schlange nicht unterscheiden, wenn einer mit gebrochenem Deutsch ein Brötchen bestellt, ob das der hoch qualifizierte Entwickler künstlicher Intelligenz aus Indien ist, oder eigentlich ein sich bei uns illegal aufhaltender, höchstens geduldeter Ausländer. Damit die Gesellschaft befriedet ist, müssen die anderen, die in der Reihe stehen, damit sie nicht diesen einen schief anschauen und Angst vor ihm haben, müssen sich alle sicher sein, dass jeder, der sich bei uns aufhält, sich legal bei uns aufhält. Die Menschen müssen sich sicher sein, auch wenn jemand anders aussieht und noch nur gebrochen deutsch spricht, dass es keine Zweifel an seiner Rechtschaffenheit gibt. Das ist die Aufgabe einer fordernden, liberalen, rechtsstaatlichen Einwanderungspolitik."

Im Anschluss und nach dem öffentlich wirksamen Partei-Rücktritt des FDP-Politikers Chris Payk hat Christian Lindner in einem Twitter- Video erklärt, wie das Statement gemeint war.  Dabei appelliert er bei Diskussionen um Integration und Rassismus zu Nüchternheit und Sachlichkeit. Und wenn die FDP und Christian Linder was können, dann das: kühle, distanzierte Sachlichkeit.

Die Reaktionen 

Und schnell gab es auch die ersten Reaktionen in den Medien. Ein handwerklich guter Kommentar, der argumentiert warum Christian Lindner Aussage rassistisch interpretiert werden könnte gibt's zum Beispiel bei Spiegel Online. Der Autor erkennt zwar an, das Lindner eigentlich dafür sorgen möchte, dass "nützliche Menschen unlindnerscher Hautfarbe nicht unter Diskriminierung zu leiden haben", wirft ihm aber vor in den Sumpf von Alltagsrassismus gestolpert zu sein. Seiner Meinung nach hätte Lindner klarstellen sollen, dass man keine Angst vor jemandem haben muss der Brötchen in einer anderen Sprache bestellt und das Hautfarbe, Sprachkenntnisse und Aufenthaltsstatus nichts über die "Rechtschaffenheit" eines Menschen aussagen. Ein wenig trotzig echauffiert sich der Autor außerdem und erklärt, dass sich Bäckereibesucher*Innen auch nicht um den Aufenthaltsstatus anderer Anwesender zu scheren haben.

Ängste ernst nehmen

Und Stefan Kuzmany hat Recht. In allen drei Punkten. Es sollte egal sein, welche Hautfarbe der Mensch vor mir in der Schlange hat. Weder Hautfarbe, Sprache oder Aufenthaltsstatus sagen etwas über die "Rechtschaffenheit" eines Menschen aus. Und eigentlich sollte jedem auch der Aufenthaltsstatus von einem Menschen egal sein. Ich persönlich gehe sogar noch einen Schritt weiter: Kein Mensch ist illegal. Niemand der flieht, sollte Angst um eine Abschiebung haben.
Aber es entspricht leider nicht der Realität. Mein Mutter ist polnische Einwanderin und ist seit 1989 hier. Bis heute spricht sie nicht akzentfrei deutsch und auch sie berichtet davon, dass sie nie als deutsch wahrgenommen wird. Sie ist immer "die Polin" und wird manchmal auch schräg angeguckt. Das ist scheiße, aber so ist leider immer noch viel zu oft so.


Christian Lindner greift diese Situation auf und sagt man kann nicht erkennen, ob jemand ein "hoch qualifizierte Entwickler künstlicher Intelligenz aus Indien ist, oder eigentlich ein sich bei uns illegal aufhaltender, höchstens geduldeter Ausländer" ist. Und auch wenn mir die Unterscheidung zwischen wertvoller, weil gut ausgebildete*r Ausländer*In und wertlose*r Ausländer*In zutiefst zuwider läuft, sagt Linder doch: Wer jemand ist, kann nicht an seiner Sprache oder seinem Aussehen erkannt werden. Lindner nimmt die Ängste der Menschen ernst und versucht eine Lösung zu finden. Und wir sprechen hier nicht von den "Ängsten" im braunen Sumpf, sondern von den Ängsten von Oppa Dirk von nebenan oder einem durchschnittlichen Konservativen.


 Du brauchst doch keine Angst zu haben

Und im Gegensatz zu Thomas de Maizière ist Lindners Lösung nicht Leitkultur, sondern der Rechtsstaat. Im Gegensatz zu de Maizière versucht Lindner nicht die Ängste durch das Ausschließen "der anderen" zu beseitigen, sondern mit der demokratischsten aller Gewissheiten: Dem Rechtsstaat. Ich kann mir in Deutschland sicher sein, dass Gesetze gelten und hier auch eingehalten werden. Egal, welche Hautfarbe ich habe oder welche Sprache ich spreche: In Deutschland hat jeder dieselben Rechte.
So sehr ich Lindners neoliberale Logik von wertvollen und nicht wertvollen Menschen verachte, so macht er hier meiner Meinung nach etwas richtig. Er nimmt die Ängste der Menschen ernst und versucht Lösungen und Sicherheiten zu bieten, statt einfach zu sagen: "Du brauchst doch keine Angst zu haben". Zu einer ehrlichen Diskussion gehört es eben auch dazu, diese Ängste ernst zu nehmen, seien sie noch so irrational. Denn wenn wir es nicht tun, instrumentalisieren eben die AfD, die Identitären oder andere Rechte die Angst. Nicht jeder, der Angst hat oder sich unwohl fühlt ist ein Rassist oder Nazi, aber er*sie kann zu einem werden, wenn er oder sie sich nur noch bei der AfD ernst genommen fühlt.

Ursprünge verstehen und Tipps geben

Eine befreundete Erzieherin und ich haben am Strand mal einen kleinen Jungen und seinen Papa beobachtet. Der Kleine hat wie am Spieß geschrien, weil er Angst vor Sand hatte. Der Vater wiederholte immer wieder: "Du brauchst doch keine Angst zu haben". Die befreundete Erzieherin hatte mir damals gesagt, dass das das schlimmste ist, was man in dieser Situation tun kann. Jede Angst, auch die Angst vor dem bösen Monster unter dem Bett muss respektiert werden und man sollte dem Kind Wege zeigen, mit der Angst umzugehen. Wenn ein Kind Angst vor Blitz und Donner hat, erklärt man dem Kind am besten den Grund für den Krach oben am Himmel und wenn es Sand ist, dann sucht man einen Weg damit umzugehen.

Und auch wenn die Bevölkerung keine Kinder sind, so gilt das auch bis ins Erwachsenenalter. Wenn ich völlig irrational Angst vor Spinnen habe, hilft es mir nicht, wenn jemand mir sagt, dass ich doch keine Angst zu haben brauche, sondern jemand der mit mir Wege sucht, mit dieser Angst umzugehen.

In allen Kommentaren, einschließlich dem von Stefan Kuzmany wird aber genau das verlangt: Sagt den Leuten sie brauchen keine Angst zu haben vor Menschen mit anderer Hautfarbe oder gebrochenem Deutsch. Und ihr alle habt ja recht, das brauchen sie auch nicht. Aber ihnen das nur zu sagen, wird ihnen nicht helfen. Um ihnen diese Angst zu nehmen brauchen wir eine ehrliche Diskussion, bei der auch irrationale Ängste benannt werden dürfen, ohne verurteilt zu werden.

Besonders stolz dürfen übrigens die Journalist*Innen sein, die sich von Alice Weidel instrumentalisieren haben lassen und zitieren, wie die FDP sich gern mit der AfD abstimmen kann bei Migrationsfragen. Alice Weidel hat nämlich erkannt, dass AfD-Wähler*Innen die sind, die sich nicht ernst genommen fühlen und sie gewinnt, wenn die anderen sich prügeln. Deswegen versucht sie internettrollmässig nochmal Öl ins Feuer zu kippen und unsere liberale Gesellschaft weiter zu spalten. Ganz "House of Cards"- mässig schaut sie jetzt zu, wie sich unsere liberale Gesellschaft selbst zerfleischt und schlürft dabei Chardonnay.

Aus Dirk sein Leben III : Das Fußballspiel

Der Hartmann | 14.05.18 | / | 7 Kommentare
Tach auch,
der Dirk is dat hier. Wer mich nich kennt, ich komm von Duisburch wech und bin LKW- Kutscher. Und mir is da neulich wat passiert, dat glaubste nich.
Pass auf, bin ich neulich bei meinem Sohn gewesen. Und da sacht der zu mir: "Hömma Vatter, meine Kurze hat Sonntach 'n Fußballspiel. Biste dabei zum Gucken?"
Dat lass ich mich nich zwei Mal sagen. "Ja sicher bin ich am Start. Hömma, wenn die Ullige pöhlt, dat muss ich doch sehn. Is dat heim oder auswärts?"
"Ne, ne, dat is Heimspiel, hier in Meiderich."
Und so war et dann.

Am Sonntach dann mein feinstes Unterhemd anjezogen, also dat ohne die Senfflecken, die jute Trainingsjacke vonne Altherrenmannschaft drüber und ab nachem Platz.
Wie ich da ankam war dat noch am Plästern wie 'n Doofen. Aber ich war Glück am Haben, dat hat nich lang jehalten, dann hattet jefisselt und wie dat Spiel anfing, hömma, da kam sogar die Sonne raus. Und ker, leck mich am Arm, wat der Lorenz wieder jeknallt hat.

Wir waren 'n bissken wat früh da, hatten aber Glück, der Imbiss und der Bierwagen hatten schon auf. Wir, also meine Frau Uschi und ich dann erstma dat Begrüßungspils geholt und ich sachet dich, et jibt doch nichts Schöneres, als wie mitm Pülleken Bier in der Sonne zu stehen und auf ne schöne Kickerei zu warten.

Aber weil Pillek auf leeren Magen nich so 'ne töfte Idee is, gabet dann noch lecker 'ne Frikadüse im Brötchen auffe Faust und schön dick Senf drüber. Und es ist natürlich dat passiert, wat passieren musste: Erster Biss in die Stulle und der janze Senf über et Hemd.

Und dann kam wieder Uschi ihre Sternstunde: "Ker, wie siehst du denn wieder aus? Nich ma essen kannste! Man, man, man, nich ma nachem Bolzplatz kann ich mit dir jehen, ohne datt du wieder aussiehst wie 'n Flappmann!"

Dat is dann so 'ne Situation, wenne da wat sachst, dann kriegste aber janz schnell den Arsch voll. Aber sie is ja noch nich feddich jewesen. Ne, dann kramt die 'n Taschentuch ausse Handtasche rotzt da einma drauf und dann schön den janzen Schnodder bei mir auffet Oberteil. Wat war dat fies.
Wie se da grade am Verreiben war, kamen die Blagen dann auffen Platz jestürmt.
Und dann jing dat los. Hömma die haben sich da wat zurechtjebolzt, da hasse jemerkt, datt dat E- Jugend war. Ein planloset Hin- und Herjerenne. Nur jut, datt die Ullige im Tor stand. Da konnt se nich viel falsch machen.

Aber getz ma ernsthaft, wat war der Schiri eijentlich für 'n Beschmierten? Hömma, wat der sich für eine Scheiße zusammenjepfiffen hat, unfassbar. Da is der 'n Foul am Pfeifen, wat überhaupt keins war. Da isset mir aber zu bunt jeworden.
Brüll ich so nach dem: "Schiri, du Furzknoten, hasse wat anne Klüsen? Dat war doch kein Foul, du Fatzke! Ich sachet dich, mein Oppa pfeift besser wie du, und der is schon seit 15 Jahren tot! Hömma, meinste nich, Platzwart wäre eher dein Ding?"
Dat Koppnicken vonne anderen Eltern hasse bis auffe andere Seite vom Platz gehört. Wat 'ne Trantüte.

Uschi schon ihre Hände vor et Jesicht am Schlagen, war ihr wohl wat peinlich. Sie war auch die janze Zeit dabei mit: "Mensch Dirk, sei still". Aber dat is hier halt so, Fußball und Emotionen sind hier im Pott halt nich zu trennen.
Jut, wat soll ich sagen, dat Team vonne Kurzen hat janz knapp verloren. Also mit 6 Tore Rückstand, aber die waren am Kämpfen jewesen, dat is ja schon ma wat.

Und dann kam se ausse Kabine und war janz jeknickt, die arme Brummsuse. Sach ich nach ihr so: Sach ma, wat hältste davon, wenn der Oppa 'ne Runde Käseburger ausgibt?".
Ker, wat hat se wieder jestrahlt.  Man merkt, dat Kind kommt aus unsere Familie. Wenne bei uns jemandem sachst, datt et Spachtelmasse, also wat zu mampfen jibt, dann hasse dir auf jeden Fall neue Freunde jemacht.

Wir dann los. Aber ich sachet euch, et is jar nich mehr so einfach 'ne normale Imbissbude zu finden. Dat sind jetz allet so hippe Dinger für so junget Volk.
Aber dat is ja dat Schöne hier, wenne lang jenuch suchst und rum am Kusseln bist, findste schon, watte suchst.
Wir da rein und alle schön wat bestellt. Stellt mein Sohn sich anne Theke und fracht: "Habta auch wat ohne Fleisch?"
Inge schon janz blass innet Jesicht jeworden, frach ich so: "Wat is?"
Sacht der Böllerkopp: "Ja, ich bin jetzt Vegetarier."
Er dann anjefangen mit Massentierhaltung und Umwelt... Ich mein, irjentwo hat er ja Recht. Klar, ich hab halt jerne meine Currywurst, wie ich se kenne, aber wenner meint, kanner dat ja jerne machen. Kam halt nur wat überraschend bei einem, der früher die Beilagen wegjelassen hat und dat Wurstwasser zum Nachspülen wegjeschlürft hat. Und außerdem, er is ja mein Sohn, da bin ich ja janz vorne mit dabeim, wennet umme Unterstützung jeht. Und solang er noch mit mir Bier trinken jeht, is doch allet halb so wild.

So Freunde, ich muss dann ma wieder. War nett wieder mit euch 'n Pläuschken zu halten.
Machtet jot und Glück auf!

Smartphone statt Laptop - Zocken auf dem Smartphone

Andasch | 10.05.18 | / / | Kommentieren
Unsere Smartphones sind krass. Wir können mittlerweile richtig produktiv damit arbeiten oder uns unterhalten lassen. Die Displays lösen in FullHD und manchmal sogar darüber hinaus auf. Es gibt Smartphones mit denen sich auch ordentliche Fotos oder Videos machen lassen. Aber was ist eigentlich, wenn wir die Rechenpower zum Zocken nutzen wollen?

Casual Gamer werden bedient

Smartphones werden schon länger zum Zocken benutzt. Die meisten Spiele richten sich aber an Gelegenheitsspieler. In Arcadeartiger Manier springen wir über U-Bahnen, durch Tempel oder puzzeln uns durch Süßigkeiten. Und ich geb's ja zu: Für zwischendurch ist das ja auch mal ganz nett, aber die große Story, das packende Rollenspiel, das ist auf dem Smartphone zurzeit eher die Ausnahme. Irgendwie scheint das ja auch sinnvoll. Fast jeder besitzt ein Smartphone und die wenigsten wollen komplexe Spiele am Smartphone spielen. Die meisten wollen zwischen U-Bahn 52 und 53 halt nur mal eben ne Runde Doodle-Jump spielen.

Portierungen von alten Klassikern

 Knights of the Old Republic spielt circa 4000 Jahre vor den Filmen
Mittlerweile haben viele Entwickler das Potential hinter Smartphones entdeckt. Ein großer Markt sind Portierungen von alten Klassikern. So gibt es zum Beispiel GTA 3, Vice City und sogar San Andreas als Portierungen für Android.
Auch JRPG-Liebhaber kommen auf ihre Kosten. Verschiedene Final Fantasy Ableger wurden für Android portiert. Unteranderem der Klassiker Final Fantasy 7, dass unter Fans als eines der besten Spiele der Reihe gezählt wird.
Mein absouluter Favorit ist allerdings ist Star Wars: Knights of the Old Republic. Der Klassiker aus dem Jahr 2003 wurde in vollem Umfang auf Android-Smartphones gebracht.

Fast 20 Stunden habe ich schon in das Spiel investiert.
Wir können am Handy also ein komplettes und wirklich gutes Rollenspiel genießen. Die Steuerung ist gerade am Anfang noch ein wenig gewöhnungsbedürftig, aber nach spätestens einer Stunde klappt's dann doch irgendwie. Typisch Bioware können wir unseren Charakter und unsere Gefährten frei gestalten, haben die Möglichkeit uns in vielen Situationen zu entscheiden und damit den Spielverauf zu verändern und grafisch sieht es, gerade für ein Smartphonespiel fantastisch aus. Kostenpunkt zurzeit: Fast 10 Euro im Google Playstore.
Damit fühlt sich das Handy wie ein richtiger Handheld an. Eine Story mit Tiefe, Zwischensequenzen und gute Spielmechaniken. Alles in allem: Einfach ein richtig gutes Spiel.

Für das Smartphone gemachte Spiele

Neben den alten Klassikern gibt's aber auch neue Spiele, die extra für das Smartphone gemacht wurden. Ein großartiges Beispiel ist Superbrothers: Sword and Sworcery. Ein, in charmanter Pixelart gehaltenes, Rollenspiel-Adventure. Als namenlose Heldin erkunden wir die erst harmloswirkenden Wälder irgendwo im Kaukasus. Während des gesamten Spiels kommen immer mehr Mechaniken dazu, die dem Smartphone und seinen Möglichkeiten gerecht werden. Mal muss das Smartphone gewendet werden, mal schnell hin und her gewischt werden und manchmal Dinge angetippt werden. Alles eingebettet in eine gute Geschichte. Für weniger als fünf Euro, macht ihr hier auf jeden Fall nichts falsch. Für einen ausführlichen Test zu Sword and Sworcery, schaut bei CT das radio vorbei. Da habe ich mehrere Beiträge zu dem Spiel produziert. Ihr findet sie hier.




Ein anderes Beispiel ist das kostenlose (!) Spiel zu der Netflixserie Stranger Things. In 16-Bit-Grafik und klar an Spiele der 80-er angelehnt erkunden wir Hawkins. Für ein Gratisspiel bietet es auch ordentlich Content.  Es erinnert an stark an die alten Ableger der Legend of Zelda Reihe und ist ähnlich aufgebaut. Eine komplexe Spielwelt mit vielen Dungeons und Endbossen, die Waffen bzw. in Stranger Things neue Charaktere bringen.

Grafik und Spieldesign erinnern stark an die The Legend of Zelda-Ableger

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Jay Nightwind | 10.05.18 | 8 Kommentare
Das ist für mich.

Ich denke, dass hier wird kaum jemand mitbekommen. Vielleicht wird das auch der Versuch, etwas in der Öffentlichkeit zu verstecken. Für mich ist es immer gut, manche Gedanken und Fragen abgeben zu können. Und manchmal geht das nicht im Angesicht der Menschen. Dann fangen wir an zu beten, Tagebuch zu schreiben, Texte, Romane, Lieder. Ich schreibe dann manchmal in diesen Blog, weil ich weiß, dass es hier kaum einer sieht.

Mir geht es aktuell nicht gut. Ich fühle mich häufig einsam und nicht akzeptiert. Bei dem Versuch zu ergründen woran das liegen könnte, schaue ich natürlich auf mein Umfeld, auf die Menschen und wie ich mich darin bewege. Viele meiner Gedanken kreisen um Theorien und Wissen, welches ich mir in der Erzieherausbildung und durch das Lesen von Büchern angeeignet habe. Dabei weiß ich auch, das die echte Welt da draußen nicht identisch zu dem funktioniert, was in einem Psychologiebuch steht, aber wenn dahinter eine ganze Wissenschaft steht, wird die Wahrheit irgendwo zwischen dem Alltag und der Theorie liegen.

Nach außen sehe ich wie ein sehr aktiver Mensch aus. Immer in Bewegung, immer in Projekten, immer beschäftigt und es sieht so aus, als hätte ich selten Zeit. Dann sitze ich auf meinem Sofa, gare in meinem eigenen Saft, während ich mich von Youtube berieseln lasse. Ein Verhalten, dass ich zu tiefst ablehne, aber oft nicht überspringen kann. Ich lehne es ab, weil ich es bei meinen Eltern über viele Jahre beobachtet habe. Arbeiten, Fernsehen, Fertig. Allerdings kann ich gar nicht sicher sagen, ob ich das Verhalten ablehne, oder inzwischen mein Verhältnis zu meinen Eltern so eine Qualität hat, dass ich mich deshalb innerlich gegen sie sträube. Ich reflektiere überhaupt nicht, ob ihre Berufe ihnen so in die Knochen gegangen sind, dass sie gar nichts anderes mehr machen konnten.

Die Sache ist die: Ich habe inzwischen gelernt, dass es nicht mehr notwendig ist, ein gutes Verhältnis zu haben. Ich habe aufgegeben, dass meine Eltern interessiert, was ich tue, wer ich bin und wofür ich stehe. Ganz ähnlich, wie sie es aufgegeben haben. Ich habe „leider“ eine bessere Schulbildung als meine Eltern erfahren. Eine Möglichkeit, für die ich unendlich dankbar bin. Leider haben meine Eltern beschlossen, dass sie ab da menschlich nicht mehr viel Unterstützung bieten können.

Ich weiß genug darüber wie wir Menschen lernen, dass ich leider sehr viel Zeit hatte, mir Verhalten anzueignen. Durch Imitation und Zuschauen, in Tagen als – ich noch dachte, dass – alles okay war. Übertreiben und Lügen zum Beispiel. Zwei Angewohnheiten, die mich unfassbare Kraft kosten, sie zu bändigen und abzulegen.

Ich weiß inzwischen, dass mich Blut und Gene zu gar nichts verpflichten. Ab einem gewissen Punkt wird Familie zu einer Entscheidung und ich für meinen Teil merke, dass es mir besser geht, wenn ich mich auf gutem Abstand halte. Hier möchte ich sagen, dass meinen Tanten, Onkels, Cousinen und Cousins nichts vorzuwerfen ist. Sie sind, so wie ich es beobachte, fantastische Personen, zu denen ich nie einen Bezug gefunden habe. Auch, weil ich oft das Gefühl hatte, nicht an mir, sondern an meinen Eltern gemessen zu werden.

Ironischerweise habe ich die Erkenntnis, dass ich Familie kritisch sehen darf von einer meiner Tanten, die leider vor einigen Monaten gestorben ist. Ich bereue sehr, dass ich mich nicht mehr um den Kontakt mit ihr bemüht habe. Im Kern aus egoistischen Gründen. Ich hatte bei ihr das Gefühl, erkannt worden zu sein. Ich glaube, ich hätte noch sehr viel von ihr lernen können. Sie hat große Akzeptanz für alle Menschen gehabt, ohne dabei blind alles zu vergeben. Kritisch und herzlich. Ein unfassbares Vorbild.

Bevor der Verdacht aufkommt: Familie ist gut. Wenn sie Dinge tut, die Familie verspricht. Familie basiert auf dem Vertrauen, immer einen sicheren Rückhalt zu haben, immer akzeptiert zu werden, immer geliebt zu werden. Das sind aktive Prozesse. Das sind Handlungen. Familie muss auch Entwicklungsort sein, in der Familie wird sehr viel soziales Verhalten erlernt. Ich gehörte noch zu der Generation, die den Hintern versohlt bekommen hat. Leider spüre ich an manchen Tagen, dass diese Gewalt in mir installiert wurde. „Hat es uns damals geschadet?“, fragen manchmal manche. Ja. Tief in deinem Inneren liegt eine schwer erreichbare Zeitbombe. Familie ist einer der möglichen Orte, so was zu entschärfen.

Anhand von Konstruktionen wie Adoptions- oder Pflege- Familien sehen wir, dass es nicht „gemeinsames Blut“ braucht, um Familie zu sein. Mit dieser Erkenntnis habe ich eine Umkehrung versucht. Wenn Familie der Ort ist, an dem du sicher bist, akzeptiert und geliebt wirst, dann müssen einige meiner Freund*innen Familie sein. Dies hier ist kein Ort sie zu benennen, sie wissen wer sie sind.

Ich habe große Sehnsucht nach diesem Familiengefühl. Auch, weil ich sehe, wie schön es sein kann. In meinem Umfeld gründen sich neue Zweige von Stammbäumen, ich sehe, wie gut das Verhältnis sein kann. Auch bei anderen Menschen in meinem Umfeld und deren Familien sehe ich es. Da ich in den letzten Jahren endlich angefangen habe mich selbst zu akzeptieren - ein Transfer, der lange nicht vorbei ist und auch nicht sein kann – Weiß ich jetzt, dass ich es verdient habe, auch in so einer Struktur zu leben. Ich darf das auch haben. Da war ich vorher nicht von überzeugt.

Ich bin dann neidisch. Die Leben der anderen sehen so harmonisch aus, es sieht aus als wären die meisten recht glücklich und häufig fühle ich mich ausgeschnitten. Meine Selbstwahrnehmung sagt mir, dass das auch an mir liegt. Ich bin kein einfacher und angenehmer Charakter. Aufgrund meiner Eigenschaften und meiner Person, überspringe ich oft Oberflächlichkeiten. Ich spreche direkt tief und was andere zum Beispiel nur in Einzelgesprächen klären würden, tue ich auch in der Gruppe. Ich denke, dass das Transparenz und Vertrauen schafft. In meinem Bild von Familie, in dem was ich Rudel nenne, muss eigentlich keiner Geheimnisse haben und sollte jede*r jede*m vertrauen können. Das ist allerdings utopisch. So werden wir Menschen am Ende nicht erzogen, also bin ich damit oft ein Exot. Ich bekämpfe damit anteilig auch die Tradition des Lügens in meiner Erziehung.

Mit miserablem Erfolg übrigens. In den letzten Jahren gab es in meinem Nah-Umfeld einige Situationen, in denen ich der Wahrheit nicht vollständig verpflichtet war und schlimme Schäden angerichtet habe. Erst bei anderen, dann auch bei mir selbst. Inzwischen bin ich fest überzeugt, dass Handlungen über Worten stehen. Einfach deshalb, weil eine Handlung immer wahr ist. Ob meine Motive dahinter dann aufrichtig waren, ist zwar nicht egal, für mich aber manchmal von geringerem Wert. So sehe ich es auch bei anderen. Das hat auch zur Folge, dass einige Worte und Aussagen für mich nur dann etwas bedeuten, wenn sie auch mit Handlungen belegt werden. Ich glaube in Wirklichkeit ist das gar nicht mal so unüblich.

Ich wünsche mir also Gemeinschaft, habe aber das Gefühl nicht akzeptiert zu werden. Ich habe dadurch auch oft das Gefühl, obwohl ich sogar erklären kann, wie ich mir Kommunikation wünsche und oft sogar auch, was ich gerade brauche / für Bedürfnisse habe, dass diese Wünsche die von mir kommen nicht ernst genommen werden. Ich fühle mich dann „toxisch“ behandelt. Toxisch, weil ich merke, dass es an mir nagt und viele aufgebaute Sicherheiten wieder zersetzt und angreift. Und da haben wir es dann: Niemand von diesen Menschen hat „toxische“ Motive mir gegenüber. Ich glaube ehrlich gesagt, dass das dann nicht mal direkt gegen mich geht. Im Kern denken diese Leute an sich und das ist grundsätzlich erst mal gut. Ich ziehe mich aber trotzdem zurück, denn die Verletzungen die ich durch das toxische Verhalten erfahre sind real. Und auch da gilt: Ich denke, dass habe ich nicht verdient. Das denke ich, solange meine inneren Widerstände halten.

Hier erreichen wir einen Punkt, an dem ich mich aktuell wirklich nicht wohl finde. Ich werde wenig vermisst. Nach dem ich mich zurück gezogen habe, kommen auch nur wenige Menschen nochmal hinterher. Wenige, für mein Verständnis. Gemessen an der Zahl der Menschen, die ich mir mit meiner Art vertraut gemacht habe. Und Menschen, für die ich mich verantwortlich fühle. Ich habe mir „Semper Fidelis“ genau deshalb in meinen rechten Arm stechen lassen. Wen ich mir vertraut gemacht habe, für den werde ich mich für immer verantwortlich fühlen. Dabei habe ich nur übersehen, dass genauso, wie gemeinsames Blut mich zu nichts verpflichtet, meine Tinte niemanden anderen zu irgendwas verpflichtet. Und das fühlt sich natürlich schlecht an, weil es unausgeglichen ist. Wie jede Beziehung zwischen Menschen, die keine Balance findet.

Erschwerend kommt hinzu, dass ich bei einigen „neuen“ Menschen, die einen starken Zug zu mir entwickeln, das Gefühl bekomme, dass ich nur in einer meiner Rollen akzeptiert werde. Wenn ich dann mal in meiner vollen – scheinbar schwer zu ertragenden Fülle – ich selbst bin, gehen diese Leute weg und sind oft sogar auch verletzt. Das reduziert mich dann auf eine Funktion. Eine Beobachtung, die ich an verschiedenen Stellen gemacht habe. Natürlich gibt es Umfelder, in denen es gut ist, nur seine Funktion zu sein, wo es eine gesunde Distanz schafft. Ich möchte aber nicht nur meine Funktion sein, sondern eben auch ein Mensch.

Akzeptanz ist kompliziert. Sie ist ein großes Wort und schwer zu lernen. Wir geben ihr manchmal Deadlines. Wenn wir es bis dahin nicht geschafft haben eine Person oder ein Verhalten zu akzeptieren, drehen wir unsere Strategie um und grenzen es aus. Akzeptanz ist in meinem Verständnis ein enger Nachbar von Liebe. Sie basiert nicht darauf, dass wir sie bekommen, sie ist nicht in Zahlen messbar und sie darf nicht wie ein Besitz funktionieren, also niemandem gehören. Akzeptanz ist für mich, wenn ich mir bei Menschen immer sicher bin, egal ob ich meine beste, meine schlimmste oder eine andere Version bin, dass sie zu mir halten werden. Was keine blinde Loyalität bedeutet, sondern heißt, dass wenn ich kritisiert werde, wenn ich Mist gemacht habe, wenn ich es echt hart versemmelt habe, ich immer noch spüre, dass diese Person nicht weggeht. Dass diese Person mich nicht angreift, sondern Interesse daran hat, dass ich mich entwickle. Dass diese Person nicht eine andere Situation auf meinem Rücken austrägt und versucht sich in mich zu installieren, sondern mich in mir zu entwickeln. Akzeptanz ist also auch gar nicht mal so einfach. So wird es uns heute nicht beigebracht. Wir sollen geizig mit unserem Vertrauen sein, damit es besonders bleibt. Inzwischen ist es besonders, wenn mensch zu gibt, jemanden voll zu akzeptieren und es auch zeigt.

Ich weiß nicht, ob meine Menschen sich von mit akzeptiert fühlen.

In meiner aktuellen Version, die kein gutes Gefühl hat, ängstlich gegenüber Menschen ist und sich selbst nicht mehr so recht traut, möchte ich nicht bleiben. Meine Reflexe sagen mir aktuell, dass ich vor allen weglaufen würde. Kein Typo. Nicht vor allem. Vieles funktioniert ja trotzdem. Meine Arbeit mache ich ordentlich, in meinen Rollen funktioniere ich. Aber ich, ich möchte mich zurück. Wieder diesen Jan, der sich seiner sicher war und offen gegenüber Menschen war. Der Lust auf neue Erlebnisse hatte und sie teilen wollte.

Alles was ich hier schreibe, ist eine Momentaufnahme. Vielleicht geht es mir morgen früh komplett anders. Vielleicht auch nicht. Falls es doch jemand liest, ist die Frage immer wichtig, ob ich das noch so sehe. Falls es doch jemand liest, hoffe ich dich nicht dadurch verletzt zu haben, dass ich es dir nicht so erzählt habe – Wie normale Menschen es vermutlich tun würden. Das hier ist kein Hilferuf, falls es doch jemand liest, bin ich trotzdem dankbar für jeden Impuls.

Das hier ist für mich.

Vlog: Videospiele und 4X

Der Nachtwind | 09.05.18 | / | Kommentieren